Aus dem Reiche der Phantasie – Heft 5 – Die verzauberte Insel – 6. Teil
Robert Kraft
Aus dem Reiche der Phantasie
Heft 5
Die verzauberte Insel
Verlag H. G. Münchmeyer, Dresden, 1901
Kapitel 6
Gefangen
Bisher hatten die drei Knaben nur versucht, die geheimnisvollen Mitarbeiter einmal zu sehen, aber nichts unternommen, um eines von ihnen zu fangen. Schon die Dankbarkeit musste sie davon abhalten, Mittel wie Vogelleim anzuwenden, da sie allein Grund hatten, sie nicht zu erzürnen. Schließlich führten sie jetzt das bequemste Leben und häufig genug hatten die Heinzelmännchen bei den bisherigen Experimenten sogar ganz unnütze Arbeiten verrichten müssen, die allerdings nur harmloser Art gewesen waren und sich stets in gemäßigten Grenzen gehalten hatten.
Dies sollte nun anders werden. Man musste der Sache auf den Grund kommen, selbst auf die Gefahr hin, die Gunst der Heinzelmännchen zu verscherzen. Besonders Oskar drang mit Feuer darauf, nichts unversucht zu lassen, um die unsichtbaren Geschöpfe näher kennenzulernen.
»Das sind wir der Wissenschaft schuldig«, erklärte der Junge mit feierlichem Ernst. »Unsere Bequemlichkeit darf dabei nicht in Betracht kommen. Ja, wir müssen auch bereit sein, unser Leben dafür aufs Spiel zu setzen.«
Was er bei letzterem dachte, wussten die beiden anderen nicht, und er selbst wohl am wenigsten. Denn anzutun vermochten die Heinzelmännchen ihnen wohl nicht viel und vor Schaden, den diese ihnen etwa bei Nacht zufügen konnten, wollten sie sich schon schützen.
Es sollte aber ganz planmäßig vorgegangen werden, um die Fähigkeiten und den Charakter der unsichtbaren Nachbarn kennenzulernen.
Zunächst wurde von ihnen verlangt, ein Dutzend Löcher zu graben, jedes drei Meter im Durchmesser und zehn Meter tief. Die Riesenarbeit wurde in Angriff genommen und schritt jede Nacht rüstig voran, nach menschlichen Begriffen sogar mit zauberhafter Schnelligkeit. Danach sollte ein Tunnel durch einen Felsen gelegt werden und auch hier höhlte sich der Stein jede Nacht tiefer. Nach dem Zweck fragten die Erdgnome ja niemals. Aber mit welchen wunderbaren Werkzeugen bedienten sie sich nur? Man fällte außerdem ein junges Bäumchen, hieb einen alten, mächtigen Baumstamm an und legte die Steinaxt daneben. Am nächsten Tag war der Baum richtig gefällt, aber sicher nicht mit der Steinaxt, denn diese war unbenutzt geblieben und die Schnittstelle sah ganz eigentümlich aus.
»Gerade, als hätten die Biber den Baum mit den Zähnen durchnagt«, erklärte Oskar.
Anschließend formte man aus Ton viele Töpfe, brannte einige und ließ die anderen stehen. Und auch diese kamen, nachdem sie einige Tage verschwunden waren, gebrannt und glasiert wieder zum Vorschein. Also mussten die Heinzelmännchen auch Feuer besitzen. Aber wo nur? Etwa unter der Erde? So konnte man von ihnen fordern, was man wollte, und die unsichtbaren Wesen führten es aus. Doch das Verlangen hatte eine Grenze und es zeigte sich, dass die Heinzelmännchen zwar fleißige und geschickte Arbeiter waren, aber nichts weiter. Denn, obwohl sie Steine durchbohrten, wozu sie stählerne oder wenigstens eiserne Werkzeuge haben mussten, was man deutlich an der Arbeit selbst erkennen konnte, forderte man sie vergeblich durch Zeichensprache auf, solche Werkzeuge zu liefern. Das wollten sie einfach nicht verstehen.
Nachdem die an sich nutzlosen großen Erdlöcher gegraben und auf Verlangen auch ausgemauert worden waren, ließ man ein zweites Erdloch mit engerem Durchmesser herstellen. Als die Heinzelmännchen hörten, dass darin gemauert wurde und sogar das Geräusch des Steinklopfens vernahmen, sprangen sie hinzu, zündeten schnell ein Feuer an und leuchteten hinein. Anders wäre es nämlich gar nicht möglich gewesen, den Unsichtbaren beizukommen. Denn, sobald die Freunde auch nur einen glimmenden Funken in der Höhle hatten, verließen die geheimnisvollen Wesen ihr Versteck nicht, und ebenso wenig hätten sie in der Grube gearbeitet, wenn der Mond hineingeschienen hätte.
Aber sie blieben auch jetzt unsichtbar. Herauskommen konnten sie aus der zwei Meter tiefen Grube nicht, denn es war nirgends ein Loch zu sehen, durch welches sie sich seitwärts einen Weg in die Erde hätten bahnen können.
Die Sache wurde immer rätselhafter. Man griff zu anderen Listen, baute Fallen und beschmierte den Boden, an dem die Heinzelmännchen arbeiteten, mit einem Leim aus dem Hauptkern der Brotfrucht, einer ungemein klebrigen Flüssigkeit. Man hielt auch Feuer verborgen, um die Wesen mit Fackeln zu überraschen. – Aber alles war vergeblich. Die Fallen blieben unversehrt, der Vogelleim wurde mit Erde beworfen und das Licht witterten sie. Auch alles andere misslang.
So blieb nur noch eine einzige Falle übrig, die zugleich die plumpeste und raffinierteste war, da man bei dieser lediglich auf die Vertrauensseligkeit der Heinzelmännchen spekulierte.
Man verlangte, dass neben der Höhle ein Loch senkrecht in den massiven Stein gebohrt würde. In der ersten Nacht wurde ein Viertel Meter herausgearbeitet, in der zweiten wollte man die nächtlichen Gesellen überraschen.
Schlaflos, aber dennoch schlafend stellend, verbrachten die drei Freunde die Nacht. Ihnen lag ein großer Stein zur Hand, der, wie sie am Tag schon probiert hatten, den Rand des Lochs dicht abschloss. Solche Untersuchungen konnten sie ja vorher stets anstellen, ohne die Heinzelmännchen scheu zu machen.
So hörten sie auch jetzt das Arbeiten im Loch, dicht neben dem Eingang der Höhle, und es klang ganz genau so, als wenn Stahl auf Stein schlüge.
Mitternacht war schon vergangen, als die still daliegenden Freunde plötzlich auf ein verabredetes Zeichen aufsprangen, die Steinplatte ergriffen und hinauseilten. Da ertönte ein quiekenartiges Pfeifen, wie sie es schon mehrmals gehört hatten. Es war sicherlich das Warnsignal für die Arbeitenden. Aber obwohl der Stein schon über dem Loch lag, hüpfte, sprang und klapperte es drinnen noch immer.
Eines war wenigstens gefangen! Was war es für ein Wesen? Die Freunde wagten nicht, den Stein aufzuheben, denn im Dunkeln hätte der Gefangene leicht wieder entwischen können.
So hielten sie, auf dem Stein sitzend und mit fieberhafter Ungeduld den Anbruch des Tages erwartend, die letzten Stunden der Nacht Wache. Und drinnen wurde es nicht ruhig. Unaufhörlich wurde gepocht und gemeißelt. Wenn sie das Ohr auf den Stein legten, hörten sie manchmal auch ein leises, quiekendes Pfeifen. Jetzt versuchte der Gefangene, sich seitwärts einen Weg zu bohren, als hätte man einen Maulwurf in eine Erdgrube gesetzt.
Endlich rötete sich der östliche Horizont und mit der Schnelligkeit dieser Gegend, in der es keine Dämmerung gibt, wich die Nacht mit einem Mal dem hellen Tag. Das Arbeiten und Quieken war verstummt und wie sonst lag um den Lochrand die herausgeholte Steinmasse als feines Pulver aufgeschichtet und auf diesem Damm die Steinplatte. Nun galt es, letztere zu lüften. Die Knaben befanden sich in der gleichen Lage, als hätten sie einen Schmetterling unter dem Hut, der bei Anheben des Hutes davonflattern könnte.
Sie legten sich auf den Boden und hielten die Hände zum Zugreifen bereit. Fliegen konnte das Geschöpf ja nicht.
Oskar hob schließlich die Platte auf seiner Seite ein wenig an und blinzelte hinein.
»Ich sehe etwas. Einer ist darin«, sagte er mit vor Aufregung zitternder Stimme.
»Wirf die Platte zurück, er kann uns nicht entkommen«, entgegnete Richard. »Und ich denke, das ungewohnte Tageslicht wird ihn so sehr blenden, dass er gar keinen Fluchtversuch macht.«
Die Platte wurde zurückgeschoben und drei Augenpaare spähten in das Steinloch. Die Knaben hatten es erwartet und waren dennoch außer sich vor Staunen.
Sie sahen zwei menschenähnliche Geschöpfe, die nicht höher als ein großer Finger waren und mit einem schwarzen, glänzenden Fell bedeckt waren. Eng zusammengedrängt lagen sie unten in der Ecke. Ob die Felle aber ein Anzug oder ein natürlicher Pelz waren und ob sie wirklich ganz Menschen glichen, das konnte man jetzt nicht sagen. Man sah nur die schwarzen, glänzenden Leiber. Hier ragte ein Beinchen hervor, dort ein Arm. Die Händchen waren so zierlich wie die Füßchen und hatten sogar Nägel. Ja, es waren winzige Menschen, die sogar Werkzeuge besaßen! In der Grube lagen, kleiner als die kleinsten Kinderspielzeuge, zwei Äxte, Meißel und andere Instrumente, deren schneidende Teile wie Gold funkelten.
Der vorsichtige Oskar kitzelte die beiden regungslos daliegenden Gestalten mit einem Stock, um sie zum Laufen zu bringen.
Jetzt richtete sich eine der Gestalten auf. Wahrhaftig, es war ein normal gebauter Mensch, aber mit einem alten, faltigen Gesicht und ohne Augen. Diese wurden nur durch Schlitze angedeutet oder waren fest zugekniffen. Es hob die Ärmchen flehend empor und man hörte wiederum ein Quieken aus dem zahnlosen Mündchen.
Richard konnte sich nicht zurückhalten. Er musste dieses Geschöpf näher betrachten. Da von hier oben aus in der etwas dunklen Grube nichts deutlich zu erkennen war, streckte er die Hand aus, um das scheinbar blinde Männlein zu ergreifen. Er ergriff es auch, doch plötzlich durchfuhr einen fürchterlichen brennenden Schmerz seine Hand, als hätte er glühendes Eisen berührt. Mit einem gellenden Schmerzensschrei sprang er auf.
*
Richard hörte noch den Schrei, den er wirklich ausgestoßen haben musste, als er erwachte, und er glaubte, den Schmerz in der verbrannten Hand noch zu fühlen; vielleicht hatte er auf ihr gelegen.
»Diese Robinsonade hat einen ganz anderen Verlauf genommen, als ich beabsichtigte«, sagte er zu sich selbst. »Der Fantasie kann man eben keine Grenzen setzen. Übrigens bin ich nun genauso klug wie zuvor, was es mit diesen Wichtelmännchen, die auf der Insel hausten, für eine Bewandtnis hat. Dieser Traum ist jedenfalls noch nicht zu Ende. Nun, es steht ja in meiner Macht, ihn später einmal fortzusetzen.«
In Heft 6 findet sich die Erzählung »Der König der Zauberer«.
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