Archiv

Das Geisterreich – Erscheinungen guter Geister – Teil 2

Das Geisterreich
im Zusammenhang mit dem diesseitigen Erdenleben
Enthält eine Sammlung der interessantesten Geistererscheinungen, Ahnungen und Mahnungen von Sterbenden und Verstorbenen und dergleichen
Nach wahren Begebenheiten
Verlag J. Lutzenberger, Burghausen
Erster Teil
Erscheinungen guter Geister

Leichenfrevel

In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts studierten einige junge Leute in Wien, die es sich zum Vorsatz gemacht hatten, die sogenannten Vorurteile der Väter – den Glauben an das Überirdische – abzustreiten. Einer von ihnen namens Bernhardi rühmte sich, darin am weitesten gekommen zu sein, und kündigte an, in stiller Mitternacht in das Beinhaus zu gehen und einer vor wenigen Tagen dort beigesetzten Leiche einen Backenstreich zu geben. Seine Freunde nahmen ihn beim Wort, erließen ihm und der unschuldigen Leiche zwar den Backenstreich, machten ihm aber zur Bedingung, dass er eine Gabel in den Sarg stecken solle, um zu beweisen, dass er wirklich dort gewesen sei. Bernhardi willigte ein und erhielt am anderen Tag in der Mitternachtsstunde den Schlüssel zum Begräbnisgewölbe. Mit der Gabel in der Hand trat er im Schlafrock den Weg dorthin an, angeblich ganz ohne Furcht. Seine Freunde aber wollten bemerken, dass sich die Farbe seines Gesichts doch ein wenig verändert habe.

Schon nach einer Viertelstunde hätte der starke Geist zurück sein können, doch es schlug eine Uhr und er war noch nicht da. Die Freunde befürchteten, dass ihm ein Unglück begegnet sein könne, und beschlossen einmütig, ihn aufzusuchen. Mit Laternen versehen, verfolgten sie den Weg zum Begräbnisgewölbe. Sie fanden die Tür offen und Bernhardi wie tot hingestreckt innerhalb derselben. Sein Gesicht war entstellt, der Mund stand offen, als wollte er um Hilfe rufen, und die Augen schienen gebrochen. Kaum war das erste Entsetzen der Freunde vorüber, trafen sie Vorkehrungen zu seiner Wiederbelebung. Sie lösten ihm die eng anliegenden Kleidungsstücke, trugen ihn in seine Wohnung und holten einen Arzt herbei. Allmählich gelang es ihnen, einige Lebenszeichen zu erwecken. Sie setzten ihre Bemühungen fort und Bernhardi begann, sich zu erholen. Nur die Sprache erhielt er erst spät und mühsam wieder, sodass er die stürmischen Fragen seiner Freunde nur schriftlich zu beantworten vermochte.

»Empfindlich«, so schrieb er, »bin ich für meinen Vorwitz und meine Prahlerei bestraft. Obwohl ich glaubte, die Eindrücke aus den Jahren meiner Kindheit gänzlich verwischt zu haben, ergriff mich doch Entsetzen, als ich dem Sarg näherkam. Glücklicherweise gelangte ich ohne etwas Gespenstisches zu erblicken bis dorthin. Nicht ohne Schaudern stieß ich die Gabel in den Sarg und wollte eben eilig wieder aus der Gruft entfliehen, als mich etwas beim Schlafrock festhielt. Ich riss mich los, stürzte aber besinnungslos zu Boden und weiß nicht, was darauf weiter aus mir geworden ist.«

Die Sache ging, wie man so sagt, natürlich zu Ende; Bernhardi hatte in seiner Angst ein Ende seines eigenen Schlafrocks mit der Gabel an den Sarg genagelt. Er wurde durch seine eigene Tat gestraft. Wer aber die Hand zu seinem Verderben lenkte, das wollen wir nicht entscheiden. Sei es der Schutzgeist des Heiligtums der Toten, das wir nicht ungestraft verhöhnen dürfen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert