Joe Hill – King Sorrow I
Roman, Hardcover, Heyne Verlag, München, April 2026, 592 Seiten, 24 Euro, ISBN: 9783453275782. Ebenfalls als E-Book (19,99 Euro) sowie als ungekürztes Hörbuch als Download (29,95 Euro) erhältlich. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Stefanie Adam und Kristof Kurz.
Arthur Oakes sitzt in der Klemme: Zwar ist er ein fleißiger Student am renommierten Rackham College im US-Bundesstaat Maine, verfügt über einen illustren Freundeskreis und Zugang zu einer Sammlung alter Texte in der Uni-Bibliothek, zu der nur ganz wenige Personen Zutritt erlangen. Allerdings sitzt seine Mutter, eine Professorin für Ethik, im Gefängnis. Bei einer Protestaktion, an der sie teilnahm, starb ein Wachmann, wofür man sie verantwortlich machte. Im Knast sitzt außerdem die Mutter von Jayne und Tana Nighswander, einem kleinkriminellen Familienclan mit Anhang, der mit Drogen dealt und auch sonst allerlei undurchsichtige Dinge treibt.
Ein okkultes Buch und seine Folgen
Als die Nighswanders herausbekommen, dass Arthurs Mutter zusammen mit ihrer einsitzt, kommen sie auf eine Idee: Er soll möglichst wertvolle Bücher aus der Bibliothek stehlen, die die Drogen-Kids dann gewinnbringend verticken. Dafür geschieht Arthurs Mum im Gefängnis nichts – die Knighswander-Mutter könnte das durchaus organisieren. Also tut Arthur, was die Erpresser verlangen – bis er unter der Last fast zusammenbricht und seine Freunde einweiht. Die versuchen ihm zu helfen – und als sie in einem der wertvollen okkulten Bücher ein Ritual entdecken, mit dem sie einen Drachen von der Größe eines Passagierflugzeugs aus einer anderen Dimension beschwören können, der ihre Feinde töten und sie beschützen kann, rufen sie ihn in einer von Alkohol und Drogen geschwängerten Silvesternacht von 1989 auf 1990 an.
Wer hat es verdient zu sterben?
King Sorrow, wie sich der Drache nennt, beschert allen Freunden verschiedene Versionen seines Erscheinens (übrigens mit einer witzigen Anspielung auf Stephen Kings Schwarz, den ersten Teil seines achtbändigen Zyklus Der Dunkle Turm – Funfact: Stephen King ist Joe Hills Vater). Er verspricht, im Gegenzug für ein oder mehrere Opfer zu Ostern, den Schutz der Gruppenmitglieder. Die Wahl fällt leicht: Jayne Nighswander und ihr Dealer-Lebensgefährte müssen sterben, damit Arthurs Mum im Knast wieder sicher ist. King Sorrow verpasst jedem in der Gruppe ein unsichtbares Drachen-Tattoo. Wenn man es an einer bestimmten Stelle berührt und den Drachen ruft, kommt er und schlägt zu. Doch der Deal erweist sich als trügerisch: Der Drache, der nach Belieben erscheinen oder auch nur Projektionen von sich erschaffen kann, fordert nicht nur einmalig, sondern jährlich ein Opfer zu Ostern. Zudem quält er die Auserwählten durch Ängstigungen vorher fast zu Tode. Arthur und seine Freunde müssen sich reihum entscheiden, wer nun jeweils sterben muss – andernfalls holt der Drache sie selbst.
Zu viel Text in der Übersetzung für nur ein Buch
Joe Hill hat es offenbar mit Feuer und Drachen: Bereits in seinem fast 1000-seitigen Vorgängerroman Fireman ging es um Dragonscale, eine weltweite Seuche, die zu spontaner Selbsteinzündung führt und sich durch Male auf der Haut zeigt. Symbole, die Hill in King Sorrow in einer Abwandlung wieder aufgreift. In Deutschland erscheint sein neuer Roman – anders als in Amerika, wo er als fast 1000-seitiger Band als einzelnes Buch herauskam – geteilt in zwei Hardcover mit jeweils rund 600 Seiten, also insgesamt rund 1200 Seiten. Im April 2026 erschien der erste Teil im Heyne Verlag, Teil II folgte dann kürzlich im Juli 2026. Ermöglicht wird die Teilung auch durch die Struktur des Romans in unterschiedliche Bücher und Zwischenspiele. Teil I enthält die ersten beiden Bücher und Zwischenspiele.
Episode für Episode durch die frühen 1990er
Interessant ist die Struktur insofern, dass sie Zeitsprünge ermöglicht: Wir erleben die Zeit zwischen 1989 bis 1997 mit, erfahren, was aus Arthur und seinen Freunden, ihren Beziehungen zu- und untereinander geschieht – wobei der Drache durchaus seine Krallen im Spiel hat und sich auch an dem dadurch entstehenden Leid labt. Besonders interessant wird es natürlich jeweils um die Osterzeit: Wer ist diesmal dran mit dem Aussuchen des Opfers? Wer hat es verdient, dass der Drache ihn holt? Und welche Tricks hat sich King Sorrow dieses Mal wieder ausgedacht, um noch mehr Menschen unbeabsichtigt leiden zu lassen und in den Tod zu reißen?
Trägt die Idee für 1200 Seiten?
Die Struktur ist gleichzeitig aber auch die größte Schwäche dieser ersten Romanhälfte – und, wer kann das jetzt schon sagen, ohne die Kenntnis von Teil II? – vielleicht auch des gesamten Romans. Wie schon bei Fireman gelingt es Hill so nur bedingt, Spannung aufzubauen. In den ersten Oster-Runden sind die Opfer schnell klar oder voraussehbar. Die Figuren entwickeln sich nur mäßig, bekommen erst ganz allmählich Züge, die weiter herausgearbeitet werden. Und so dauert es verdammt lang, bis King Sorrow erst einmal überhaupt so etwas wie eine Sogwirkung entwickelt. Erst nach rund 350 Seiten und damit mehr als der Hälfte des ersten Teils kommt mit dem „Zweiten Buch“ unter dem Titel „Flug und Angst“ für rund 200 Seiten so richtig Schwung in die Sache, als das ausgesuchte Opfer zum Zeitpunkt der Tötung durch den Drachen an Bord einer vollbesetzten Passiermaschine geht. 400 Menschenleben stehen auf dem Spiel – und King Sorrow lässt nur ein ganz bestimmtes Schlupfloch offen, um sie retten zu können.
Fazit:
Unter Vorbehalt und mit Blick auf die Frage, ob man einen halben Roman überhaupt bewerten sollte, folgendes Zwischenfazit: Der erste Teil von King Sorrow lässt sich – auch mit Aussicht auf eine Gesamtromanlänge von rund 1200 Seiten – sehr viel Zeit, in Schwung zu kommen und Hill gelingt es nicht mit Leichtigkeit, sondern nur mit harter Zeilenarbeit, seinem Figurenensemble Konturen zu verleihen. Spannung kommt dabei wegen des Episoden-Charakters nur bedingt auf, auch wenn sich das alles gefällig und mühelos lesen lässt. Die Grundprämisse des Drachens als schreckliche und unberechenbare Massenvernichtungswaffe in den Händen weniger Verantwortlicher macht Spaß – das hat schon bei A Game of Thrones immer gut funktioniert.
Dennoch bleibt fraglich, ob die zugrundeliegende Idee für King Sorrow für so viele Seiten trägt. Mit Blick darauf, dass das für Joe Hill schon bei Fireman nur bedingt geklappt hat, habe ich da für Teil II und eine abschließende Gesamtbetrachtung noch so meine Zweifel. Als harmloser Schmöker mit leichten Cosmic-Horror-Vibes mag das genügen, für einen großen Wurf – immer zu betonen: bis hierhin – allerdings kaum.
(sv)

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