Die Odyssee – eine Heldenreise in 70 mm
Homers Die Odyssee ist eines der ältesten und einflussreichsten Epen der abendländischen Literatur. Es erzählt die zehnjährige Irrfahrt des Königs Odysseus von Ithaka nach dem Trojanischen Krieg sowie die dramatischen Ereignisse bei seiner Rückkehr in die Heimat.
In Christopher Nolans bildgewaltigem Historienspektakel Die Odyssee wird Homers antikes Epos nicht als reine Heldenerzählung inszeniert, sondern als vielschichtiges, non-lineares Drama über Kriegstraumata, Schuld und die Entfremdung von der Heimat.
Zehn Jahre nach dem Fall Trojas gilt Odysseus, der König von Ithaka, als verschollen. Während seine Frau Penelope und sein Sohn Telemachos verzweifelt hoffen, dass er noch lebt, wird der königliche Palast von skrupellosen Freiern unter der Führung von Antinoos besetzt. Sie plündern die Vorräte des Reiches und drängen Penelope zur Wiederverheiratung, um die Macht an sich zu reißen. Der junge Telemachos bricht schließlich auf, um Gewissheit über das Schicksal seines Vaters zu erlangen.
Gleichzeitig befindet sich Odysseus gefangen auf der Insel der Nymphe Kalypso. Von den Schrecken des Trojanischen Krieges gezeichnet und seiner eigenen Erinnerungen durch Lotosblüten beraubt, sucht er nach seinem inneren Kompass. Erst als die Schleier der Verdrängung weichen, schildert er in Rückblenden die fatalen Etappen seiner zehnjährigen Irrfahrt: Die Grausamkeit im Krieg von Troja (u. a. das Trojanische Pferd), die Begegnung mit furchterregenden Wesen wie dem Zyklopen Polyphem, die Gefahren der Sirenen und den schmerzhaften Verlust all seiner Weggefährten.
Nach seiner Befreiung kehrt Odysseus als einzig Überlebender verkleidet als Bettler nach Ithaka zurück. Er trifft auf Telemachos und inszeniert gemeinsam mit ihm das Finale bei Penelopes Bogenprüfung. Als einziger, der den schweren Bogen spannen kann, gibt er sich zu erkennen und rechnet in einem blutigen, kompromisslosen Rachefeldzug mit den Freiern ab.
Eine Heldenreise in 70 mm
I. Homer im Bildersturm
Die Odyssee rockt weltweit die Lichtspielhäuser. Nach fast drei durchschlagenden Wochen und einem grandiosen Einspielergebnis von 911 Millionen Dollar schickt sich das Blockbuster-Werk an, den erfolgreichsten Nolan-Start aller Zeiten hinzulegen.
Also erst einmal Homers literarische Vorlage gelesen, dann ab ins Kino! Das brachiale Spektakel hat mir durchaus gefallen – alldieweil ich ein Fan effektreich aufwendiger Mythologie-Epen bin. Allen, die den Film noch nicht gesehen haben, sei jedoch gesagt: Man sollte keine klassische Fantasy-Mär erwarten. Stattdessen bietet Nolan ein zuweilen schonungslos düsteres Survival-Drama. Das mag nicht jedermanns Sache sein, doch genau für ein derart wuchtiges Erlebnis ist das neuzeitliche Kino gemacht.
Dabei gehört man als cinephiler Best Ager mit 67 Jahren wohl ohnehin zu einer aussterbenden Art: Perfekt glattgebügeltes Digital-Brimborium lässt mich bis heute kalt. Vielen Babyboomern fehlt schlicht das Zelluloid und das leise Laufgeräusch der Projektoren, wenn der Filmstreifen durchlief. Dieses vertraute Rattern war die Seele des guten alten Kintopps.
Aus diesem Grund ist Nolans Inszenierung ein echtes Faszinosum: Der Regisseur hat seinen imposanten 170-Minuten-Kracher konsequent im altgedienten 65-mm-Format abgekurbelt und lässt ihn für ausgewählte Filmtheater auf analogem 70-mm-IMAX-Material projizieren. Das weckt wieder einmal Erinnerungen an die nostalgischen Seventies.
II. Spectaculum aus der Cinecittà …
oder kindliche Erwartungen
Homers literarisches Versewerk erfuhr in den letzten Jahrzehnten bereits einige Adaptionen für Leinwand und Mattscheibe. Ich persönlich erinnere mich sehr gerne an den italienischen Monumentalschinken Die Fahrten des Odysseus (Ulisse, 1954), der den längst dahingegangenen Hollywood-Haudegen Kirk Douglas (1916–2020) als listenreichen Antik-Helden präsentierte. Die eher geradlinig-naive Abenteuergeschichte aus den legendären römischen Cinecittà-Studios lief um 1972 sonntags, 14 Uhr bei uns in den Auricher Lichtspielen.
Heute dürfte für versierte Film-Geeks leicht ersichtlich sein, dass Douglas in dem charmant gealterten Klassiker von Mario Camerini (1895–1985) eigentlich wie ein typischer US-Hero jener 50er-Kinoära rüberkommt – ganz anders als der vom Schicksal arg gebeutelte Matt Damon in Christopher Nolans neuzeitlicher Interpretation. Doch damals hatten wir filmverrückten Youngster keinen blassen Schimmer von Homer oder der griechischen Mythologie; wir dachten stattdessen an ein weiteres Monster-Movie à la Godzilla & Co.
Eigentlich war nur der Zyklop wichtig – jener einäugige Riese, der im Trailer des Gloria Filmverleihs (1973 geschlossen) viel zu kurz kam. Wer konnte damals auch ahnen, dass da gerade ein Stück gehobene Weltliteratur über die Leinwand zog? Wenn der Film heute gelegentlich im Pantoffelkino läuft, sehe ich uns nach nunmehr über 50 Jahren immer noch auf den unbequemen Holzstühlen sitzen und auf einen trashigen Monsterfilm warten.
Gerade, während dieser Beitrag entsteht, muss ich laut auflachen …
(fh)
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