Die Gespenster – Vierter Teil – 37. Erzählung
Die Gespenster
Kurze Erzählungen aus dem Reich der Wahrheit von Samuel Christoph Wagener
Allen guten Schwärmern, welchen es mit dem Bekämpfen und Ablegen beunruhigender Vorurteile in Absicht des Geisterwesens ernst ist, liebevoll gewidmet von dem Erzähler Friedrich Maurer aus dem Jahr 1798
Vierter Teil
Siebenunddreißigste Erzählung
Der Schlossküster Wuth zu Hannover
»Als ich neun Jahre alt war, erzählte uns der vermutlich noch lebende Schlossküster Georg Adam Wuth zu Hannover, lag ich bei meinen Eltern an einer schweren Krankheit danieder. Die verabreichte Medizin zeigte keine Wirkung. Ich schien dem unvermeidlichen Tod sichtbar entgegen zu reisen und starb, zumindest nach der festen Überzeugung meiner Eltern. Indessen war ich nur scheinbar und keineswegs wirklich tot. Zwar konnte ich mit offenen, halb gebrochenen Augen und gesunden Hörwerkzeugen alles, was um mich herum vorging, deutlich beobachten und war mir dessen auch bewusst, doch vermochte ich nicht, dies mit einer Silbe oder durch die geringste Bewegung eines Gliedes meines starrsüchtigen Körpers zu äußern. Ich hörte das laute Weinen und Klagen meiner Mutter und Geschwister. Ich hörte, wie einer meiner Schwestern aufgetragen wurde, die Totenfrau zu rufen. Ich hörte auch, wie die Älteste dagegen einwandte, dass die alte Frau wohl eine Hexe sei. Letztlich entschied man sich doch, sie kommen zu lassen. Noch während ich dies schreibe, sehe ich die große, breitschultrige Katharina zu mir kommen und in das bei ihrer Ankunft erneut laut werdende Weinen und Schluchzen einstimmen.
Ich sah auch, wie mein Vater das Stroh für mein Totenlager an meinem Bett vorbei in die Kammer trug. Ich sah, wie die alte Katharina auf mich zukam, mir die Augen zudrückte, mich wusch und in die Kammer trug.
Während all dieser Vorgänge war ich bei vollem Bewusstsein. Aber nur bis zu dem Augenblick, in dem mir die Totenfrau die Augen zudrückte, konnte ich sehen, denn ich war nicht imstande, die Augenlider wieder zu öffnen. Körperliche Schmerzen litt ich nicht und da ich als Kind das unbeschreibliche Leiden, lebendig begraben zu werden, noch nicht kannte, wurde ich auch von keiner Besorgnis beunruhigt.«
Wie lange Herr Wuth in der Kammer gelegen hatte, auf welche Art er wieder die Kontrolle über seine Glieder erlangt hatte und wie man sein Wiederaufleben zuerst bemerkt hatte, erinnerte er sich aus seiner Kindheit nicht mehr genau. Auch schien man im väterlichen Haus, das er ohnehin bald nach diesem Vorfall verließ, geflissentlich darüber geschwiegen zu haben.
Schreibe einen Kommentar