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Anne Boleyn Band 2 – Kapitel 19

Gräfin Luisa Mary von Robiano
Anne Boleyn
Historischer Roman, Constenoble, Jena 1867
Zweiter Band

Liebesleid im Tower. Abschied Annes von ihren Freundinnen

Es war am Vorabend jenes feierlichen Prozesses. Die Königin hatte mit Ergebung die Nachricht hiervon vernommen und sich dazu durch Gebet und Sammlung vorbereitet. Sie saß nun, im Schatten des sinkenden Tages, an dem hohen, aber engen Fenster ihres Gemaches und den Kopf dicht an ihre Schulter gelehnt, die uns bekannte erste Freundin Annes, Mary Wyatt. Der König hatte, wie wir wissen, durch Cranmer sich bewegen lassen, bei dieser eine Ausnahme zu machen und ihr den Eintritt ins Gefängnis zu gestatten.

Anne vernahm mit Freuden, dass Henry Wyatt der Verfolgung und merkwürdigerweise selbst der Verdächtigung entgangen sei, aber ein unaussprechlicher Jammer erfasste ihre Seele, als sie die falsche Aussage Smeatons vernahm.

»Gott verzeihe ihm die schmähliche Lüge«, sagte sie, »oder vielmehr seine strafbare Schwachheit, denn nur die Qualen der Folter haben jene von ihm erpresst!«

»Umso edler strahlt die Standhaftigkeit Rocheforts und Lord Norris’«, sagte Mary. »Sie haben ja erklärt, dass Ihr unschuldig seid wie sie selbst, und wenn sie sterben müssten, würden sie mit ihrem letzten Lebenshauch dies bestätigen.«

»Gott lohne Euch Eure Treue«, sagte Anne. »Meine arme, arme Elisabeth! O, fluche mir nicht, dass ich dir den Geliebten raube.«

Elisabeth kniete neben der Gebieterin nieder. »Ihr seid nicht schuldig an der Bosheit und Tücke der Menschen«, sagte sie sanft. »Man weiß ja, Hoheit, dass Ihr einer Rivalin weichen sollt.«

»Ja, man weiß es«, antwortete Anne traurig. »Ich darf mich nicht beklagen, aber ich hatte einen besseren Lohn für meine Liebe erwartet. Hier, meine teure Mary«, fügte sie hinzu, indem sie einen Brief aus ihrem Gebetbuch nahm, »habe ich dem König selbst geschrieben, ihm meine Unschuld beteuert und ihm versprochen, in eine Scheidung zu willigen, wenn er Rochefort und Norris begnadige und freispreche.1

Ich habe nicht gewagt, ihn jemandem zur Besorgung zu übergeben. Ich wusste ja, meine Feinde würden ihn vernichten. Aber dir will ich ihn anvertrauen. Sorge dafür, dass ihn der König selbst empfängt.«

»Verlasst Euch auf mich, edle Freundin«, antwortete Mary Wyatt und schob den Brief in ihr Mieder. »Habt Ihr keinen Auftrag an Eure Eltern?«

»Nur die Bitte, dass sie mir nicht fluchen, mir, der reuigen, jammernden Sünderin, um den Tod des Sohnes«, lautete die Antwort, »denn wenn für uns der morgige Tag nicht günstig endet, haben wir alle keine Gnade von den Menschen zu erwarten.«

»Sir William hat es übernommen, Eurem edlen Bruder das Schreiben Eurer Eltern zu übergeben«, sagte Mary Wyatt. »Mir selbst hat er die erbetene Zusammenkunft mit ihm verweigern müssen. Und dennoch, dennoch hatte ich ihn noch einmal sehen, nur ein Abschiedswort von ihm vernehmen mögen.«

Sie schwieg und brach in ein krampfhaftes Weinen aus. Anne umschlang sie und küsste die jungfräuliche Stirn.

»Vergib mir, du reiner Engel. Auch Euer schönes Liebesband zerstörte meine Ehrsucht. Zwei edle Herzen hat diese Krone gebrochen! O, wollte Gott, ich hätte Never nie verlassen, und du wärest die geliebte Frau meines Bruders geworden!«

»Es war natürlich«, stammelte Mary unter Schluchzen. »Ich bin nur ein armes Landfräulein, keine Partie für den Bruder einer Königin.«

»Aber du hättest ihn beglückt und ihn nicht mit Schande bedeckt, wie sein teuflisches Weib«, sagte Anne.

»Nein, ich habe ihn geliebt, geliebt wie mein Leben, Anne«, entgegnete das Mädchen, »nie hätte ich einem anderen Mann angehören können. Ich liebe ihn noch – noch! O mein Gott, vergib mir, wenn ich eine Sünde begehe, aber mein Leben ließe ich noch heute für ihn!«

»Und er ist deinem Bild, einem Andenken auch in den ihm aufgedrungenen Banden treu geblieben«, sagte Anne wehmütig. »Ich darf es behaupten, denn ich war die Vertraute seines Herzens, seiner Sehnsucht. Nicht mir galten die schönen Lieder, die er schrieb, sondern seiner Mary.«

»Wird er wieder frei«, warf Elisabeth Guilford tröstend ein, »wer weiß, was du noch zu hoffen hast, Liebe. Es würde ihm nicht schwerfallen, eine unglückliche Ehe, welche nur dem Namen nach bestanden hat, aufzulösen. Auf dem Kontinent könntet Ihr Euch vereinen.«

Aber Mary schüttelte das Lockenhaupt. »Er wird nie wieder frei«, sagte sie hoffnungslos und mit dumpfer Stimme. »Es waltet ein böser Stern, ein finsterer Geist über dem Haus der Boleyn, der letzte Erbe wird früh von der Erde verschwinden! Nur die Hoffnung auf den Himmel bleibt uns«, fügte sie mit begeistertem Blick hinzu und nach dem Fenster deutend, wo ein glänzender Stern am Abendfirmament sichtbar wurde. »Es gibt ein Land ohne Schmerz und Kummer, hoch über diese Welt erhaben, wo die Schranken zwischen den getrennten Seelen fallen und der Segen des allliebenden Gottes sie auf ewig vereint.«

»Mary!«, rief Anne, hingerissen von der Feierlichkeit der jungfräulichen Erscheinung. »Was wird mein Schicksal sein? Darf ich hoffen, Euch droben beigesellt zu werden?«

»Der Herr sprach zu dem Schacher am Kreuz«, erwiderte Mary Wyatt. »Heute sollst du mit mir im Paradies sein. Auch dir, Geliebte, gilt diese Verheißung. Deine Reue tilgt deine Schuld und deine Seele wird im Blut des Lammes reingewaschen, wie der frisch gefallene Schnee droben strahlen. Lege willig die irdische Krone ab und blicke nach der ewigen, die dich erwartet. Du stirbst als Märtyrin für Christi Sache und für sein Wort.«

»Ach, wenn ich hoffen dürfte, dass das kleine Saatkorn der ausgestreuten Wahrheit Früchte tragen werde!«, sagte Anne. »Gott ist mein Zeuge, nicht aus blindem Hass und Eifer gegen meine Feinde, allein aus reiner Liebe für das hehre Wort des Evangeliums versuchte ich das Papsttum zu bekämpfen. Wäre ich in Deutschland geblieben oder nur in Frankreich, ohne Scheu und Menschenfurcht hätte ich mich unter die Fahne der mutigen Reformatoren gereiht.«

»Sei unbesorgt«, sagte Mary, »wenn auch heute noch die Macht der Finsternis scheinbar siegt und über deinem Grab jubelt. Aus deiner Asche wird ein Zweiglein sprießen, das zum tüchtigen Baum erwachsen, und diese schöne Insel beschatten wird. So weit die reine Lehre des Protestantismus gepredigt wird, wird auch dein Name teilnahmsvoll und segnend genannt werden.«

Die Rednerin wurde hier durch den Eintritt Kingstons unterbrochen. Er näherte sich Mary Wyatt. Nachdem er sich überzeugt hatte, dass kein Horcher ihn belauschen konnte, schob er ihr hastig ein kleines Stückchen zerknitterten Papieres in die Hand.

»Nehmt, aber um Gottes willen verbergt es«, flüsterte er ängstlich. »Meine letzten Tage verlebte ich selbst im Kerker, erführen es Eure Gegner. Es ist die Antwort auf Euer Schreiben an Lord Rochefort.«

»Was enthält es?«, fragte, Anne hastig.

»Einige Zeilen des Segens, des Abschiedes an seine Eltern«, sagte Sir William, »und einen Ring für Euch, Mary, seine erste und letzte Liebe auf Erden.«

»Ihr wisst, Sir«, stammelte Mary rosig glühend.

»Wir Gefängniswärter sind oft die Beichtvater unserer Pfleglinge«, erwiderte Sir William traurig lächelnd.

»Ja, wo man so christlich seine Pflicht erfüllt, wir Ihr!«, sagte Anne, ergriff seine Hand und küsste sie mit Inbrunst.

»Hoheit«, sagte der Ritter verlegen, »Ihr seid zu gütig. Ich kann leider wenig tun, ich muss auf meinen Eid hin die mir gegebenen Befehle erfüllen, aber mein schönster Lohn ist das Vertrauen und der Dank der Unglücklichen.«

»Und ein Pass für Euch ins Paradies«, sagte Mary Gaynsford.

»Gott gebe es«, sagte Kingston. »Nun aber müsst Ihr Euch von der Königin trennen«, fügte er gegen Mary Wyatt gewendet hinzu, »Eure Zeit ist abgelaufen und die Königin bedarf der Ruhe für morgen. Es wird ein schwerer Tag sein.«

»Leb wohl denn, meine geliebte Anne«, sagte das Mädchen, zärtlich diese umarmend, »auf ein baldiges Wiedersehen!«

»Wenn nicht mehr hienieden, doch droben«, lautete die feierliche Antwort, worauf sie schieden.

Im Hinausgehen streifte der Gouverneur hart an Lady Guilford, welche abseitsgestanden hatte und mit gespannten, flehenden Blicken ihn beobachtete.

»Morgen, Punkt elf Uhr«, sagte er leise. Dann schritt er an ihr vorbei, ohne die rührende Bewegung zu beachten, welche diese Worte in dem Antlitz des jungen Mädchens hervorbrachten.

»Ich werde ihn sehen, noch einmal sehen!«, jauchzte es laut in ihrer Seele. »Norris, mein Geliebter, du wirst nicht von mir ohne einen letzten Kuss scheiden. Dann leb wohl, falsche, kalte Welt, hinfort gehört mein Leben, meine Seele nur dem Himmel an!«

Der Spion Band 1 – Die Schlacht bei Jena – 2. Kapitel

Franz Theodor Wangenheim
Der Spion
Band 1 – Die Schlacht bei Jena
Historischer Roman
Verlag von C. P. Melzer, Leipzig 1840

2. Kapitel

Es ist ein ebenso schwieriges wie undankbares Unternehmen, die Tatsachen, welche Preußen im Jahre 1806 zum Krieg gegen die Franzosen bestimmten, aufzuzählen; aber sie sprechen samt und sonders für deutsche Ehre, für die Freiheit der Deutschen. Der Kaiser der Franzosen hatte mittelst einer Politik, deren sich kein Biedermann Weiterlesen

Rübezahl, der Herr des Gebirges – Folge 55

Rübezahl, der Herr des Gebirges
Volkssagen aus dem Riesengebirge
Für Jung und Alt erzählt vom Kräuterklauber
Verlag Carl Gustav Naumann, Leipzig, 1845

55. Wie Rübezahl an einem Bauern das Fluchen bestraft.

Das Fluchen konnte Rübezahl in seinem Gebiet gar nicht leiden. Wenn er daher jemanden neckte, und der ließ sich zum Fluchen verleiten, so ging es ihm gewöhnlich schlecht. Einmal kam in Seydorf ein Fuhrmann zu einem Wagner und wollte da ein Rad abholen, das er bestellt hatte. Der Wagner fragt, wo er sein Fuhrwerk habe, er wolle ihm das Rad auf den Wagen heben. Der Fuhrmann aber sagt, das sei nicht nötig, denn er wolle es selbst nach Hause Weiterlesen

Elbsagen 44

Elbsagen
Die schönsten Sagen von der Elbe und den anliegenden Landschaften und Städten
Für die Jugend ausgewählt von Prof. Dr. Oskar Ebermann
Verlag Hegel & Schade, Leipzig

44. Der letzte Bischof von Meißen

Am 26. Mai 1595 ist zu Mügeln auf Schloss Rügethal Johann IX., der 46. und letzte Bischof zu Meißen, aus dem Geschlecht derer zu Haugwitz im Alter von 71 Jahren verstorben. Weil dieser Bischof nach dem Passauer Vertrag zum lutherischen Glauben übergetreten war, als ein Geistlicher sich in den Stand der Ehe begeben und noch dazu seine Pate, die er aus der Taufe gehoben, geehelicht hatte, hatte man gesagt, er habe drei Sünden getan, die ihm Weiterlesen

Dreizehn Jahre im Wilden Westen – Kapitel VI

Dreizehn Jahre im Wilden Westen
Oder: Abenteuer des Häuptlings Sombrero
Nürnberg, 1877

VI. Eintritt bei der regulären Kavallerie. Nach Texas.

Als ich kräftig genug dazu war, ging ich im Monat Juni nach New York, hielt mich da einige Zeit auf und ließ mich nachher zur regulären Kavallerie anwerben. Ich kam zu dem Rekruten-Depot in Carlisle, Pennsylvania, wo ich einige Bekannte traf und wir recht gute Zeiten hatten. Wir waren täglich auf der Reitschule und mussten oft eine Stunde lang ohne Sattel herumtraben. Doch wurden wir mit der Zeit alle gute Reiter.

Nach Verlauf eines Monats gingen zweihundert Mann via New York nach Betlows Island, einer kleinen Insel im Hafen Weiterlesen

Deutsche Märchen und Sagen 56

Johannes Wilhelm Wolf
Deutsche Märchen und Sagen
Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845

57. Geist erlöst

Im Jahre 1459 auf Allerseelentag wurde zu Ypern ein wiederkehrender Geist erlöst. Es hatte nämlich ein gewisser Gerhard Middendorf, ein Bäckermeister, ein Haus gemietet, welches seit Langem gänzlich verlassen gewesen war, weil es darin spukte. Nun war seiner Frau erste Arbeit, das Haus vom Söller bis zum Keller zu putzen und zu fegen. Da kam sie denn auch unter anderem an einen alten Schrank. Währenddessen sie den reinigte, fand sie ein heimliches Kästchen, das brach sie auf und sah, dass ein Säckchen voll Geld darin lag. Erfreut rief sie ihren Mann Weiterlesen