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Frank Reade Library – Nummer 1 – Kapitel 13

Frank Reade jr. und sein neuer Dampfmann
Oder: Die Reise des jungen Erfinders in den Wilden Westen
Kapitel 13
Die Entführung

Chief Harmon, der Anführer der Vigilanten, wollte die Fährte der Cowboys an dieser Stelle noch nicht aufgeben. Er ließ sich auf eine Diskussion mit Frank Reade jr. ein, wobei seine Argumente durchaus logisch waren.

»Denk doch nur mal scharf nach«, erklärte er. »Die Soldaten werden es keineswegs leicht mit Cliff und seinen Leuten haben. womöglich wenden die Cowboys das Blatt noch. Ich sage dir, es war vorschnell von dem Oberst, uns so rasch sich selbst zu überlassen.«

»Dennoch sollte er seine eigenen Kräfte am besten einschätzen können«, erwiderte Frank.

»Ich glaube nicht, dass er das kann.«

»Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er das Richtige tut.«

»Ich sehe das anders.«

»Nun, im Falle einer Niederlage trifft dich zumindest keine Schuld.«

»Darum geht es doch gar nicht! Wir dürfen nicht zulassen, dass Cliff sie besiegt. Wenn er sie schlägt, schlägt er auch uns.«

»Was schlägst du also vor?«

»Ich kehre noch nicht nach Hause zurück. Wir schlagen weiter unten am Willow Creek ein Lager auf. Erst wenn wir Gewissheit haben, dass Cliff erledigt ist, reiten wir heim. Bis dahin sind wir im Dienst.«

Frank erkannte, dass Harmon recht hatte. Er reichte ihm die Hand und sagte: »Ich bin ganz deiner Meinung.«

»Ich wusste, dass du es einsehen würdest«, antwortete der Anführer der Vigilanten. »Wir tun das auf eigene Verantwortung. Du wartest weiter unten auf Clark, nicht wahr?«

»Richtig.«

»Sehr gut. Dieser Treffpunkt liegt am Willow Creek. Wir begleiten dich dorthin.«

Es war bereits Einbruch der Nacht, als sie den Willow Creek erreichten. An einer geeigneten Stelle schlugen sie das Lager auf, während dichte Dunkelheit die Umgebung einhüllte. Sie entfachten Lagerfeuer und stellten Wachen auf. Die Feuer im Kessel des Dampfmanns wurden gedrosselt, und die Insassen stiegen aus, um sich unter die Vigilanten zu mischen. Die Männer saßen um die Feuer herum, erzählten Geschichten und rissen Witze.

Walter Barrows, der junge Vigilant, der über beide Ohren in Bessie Rodman verliebt war, holte sie an der Wagentreppe ab. Gemeinsam unternahmen sie einen romantischen Spaziergang am Ufer des Baches. Niemand bemerkte ihr Weggehen, und vermutlich hätte sie auch niemand daran gehindert. Unwissentlich begingen sie jedoch einen großen Leichtsinn: Ohne dass jemand im Lager es ahnte, lauerte eine Gruppe indigener Krieger im hohen Präriegras.

Barney und Pomp unterhielten die Mannschaft derweil mit ihren Münchhausen-Geschichten. Die Präriemänner brüllten vor Lachen, bis ihnen die Seiten schmerzten. Die beiden waren echte Spaßvögel, die sich ständig gegenseitig Streiche spielten. Barney hatte Pomp gerade wieder einmal reingelegt, als plötzlich aus der Ferne ein Pistolenschuss erklang.

Sofort sprang jeder Mann im Lager auf. Höchste Aufregung breitete sich aus und Chaos brach aus. Dann kam eine der Wachen herbeigerannt.

»Da drüben ist ein ganzer Haufen Apachen!«, rief er. »Das Gras ist voll von ihnen, und ich glaube, sie haben das Lager umstellt!«

»Ruhig bleiben, Männer!«, donnerte Harmon. »Wer hat den Pistolenschuss abgefeuert?«

»Ich weiß es nicht«, antwortete die Wache.

»Ist irgendjemand außerhalb der Postenkette?«

»Ja.«

»Wer?«

»Walter Barrows und die junge Dame sind vor knapp einer Stunde an mir vorbeigegangen. Sie sind bachabwärts gegangen.«

»Du meine Güte!«, keuchte Harmon mit bleichem Gesicht. »Das war ohne Zweifel Barrows’ Pistole. Er und das Mädchen sind den Indianern in die Hände gefallen. Wir müssen schnell handeln, um sie zu retten!«

Frank Reade jr. hatte diesen Bericht mit Entsetzen verfolgt. Barney und Pomp stellten ihre Blödeleien sofort ein, und Barney machte sich sogleich daran, den Kessel des Dampfmanns wieder anzufeuern.

Nun knallten rings um das Lager Gewehrschüsse. Die Angreifer zogen ihren Ring enger und beabsichtigten, die kleine Schar der Vigilanten zu vernichten. Doch die Männer bildeten rasch eine Verteidigungslinie und hielten die schleichenden Krieger auf Abstand.

In der Dunkelheit entspann sich ein ungeordneter und zermürbender Kampf. Es war unmöglich zu erkennen, wie oder wohin man sich bewegen sollte, da der Feind aus allen Richtungen weitgehend blind feuerte. Etliche der Vigilanten wurden verwundet, was Captain Harmon wütend machte.

»Verfluchte Bande!«, murrte er angewidert. »Sie haben eine so hinterhältige Art zu kämpfen. Immer greifen sie nach Einbruch der Dunkelheit an und haben nicht den Schneid, offen zu kämpfen.«

Dem konnte sich kaum jemand entziehen. Die Angreifer setzten ihre Taktik fort, bis Frank Reade jr. für Ablenkung sorgte. Barney hatte es geschafft, wieder ausreichend Dampf im Dampfmann aufzubauen. Frank trat an Harmon heran.

»Gib mir fünf Mann«, erklärte er, »und ich schlage den Feind für dich in die Flucht.«

»Fünf Mann?!«, staunte Harmon. »Die sind da draußen zehn zu eins in der Überzahl!«

»Das ist mir egal.«

»Aber…«

»Keine Fragen jetzt, Captain Harmon. Überlass das mir.«

»In Ordnung, Mr. Reade.«

Auf Harmons Befehl hin schlossen sich fünf Vigilanten Frank Reade an. Er führte sie an Bord des Dampfwagens, schloss die Tür und griff nach den Steuerleinen des Reglers. Der Dampfmann stieß einen Schrei aus, der jedem in der Nähe das Trommelfell hätte durchbohren können, und raste auf die Prärie hinaus.

Die Wirkung war überwältigend. Das Ungetüm mit den feurigen Augen, umgeben von Flammen und Rauch, das mit stampfendem, donnerndem Schritt mitten unter die Feinde fuhr, war eine furchterregende Erscheinung. Der Dampfmann steuerte direkt in die Reihen der Angreifer, während die bewaffneten Männer aus dem geschützten Wagen verheerende Salven abfeuerten.

Man kann die Situation kaum in Worte fassen. Einen Moment lang hielten die Apachen noch stand, doch dann flohen sie mit wilden, wütenden Schreien vor dem Sieger. In weniger als zwanzig Minuten war die nähere Umgebung gesäubert. Die Krieger zogen sich zu einem Punkt weiter unten zurück, wo ihre Ponys angelockt standen, saßen auf und preschten nach Westen davon. Der Dampfmann verfolgte sie, bis sie über einen Bach endgültig entkamen. Danach kehrte das Gefährt ins Lager zurück.

Obwohl der Feind zurückgeschlagen worden war, blieb die Lage ernst. Walter Barrows und Bessie Rodman waren spurlos verschwunden. Dass sie sich in Gefangenschaft befanden, war die einzige verbliebene Hoffnung; dass sie ermordet worden waren, eine schreckliche Befürchtung.

Jede Verzögerung konnte verhängnisvoll sein. Ohne Zeit zu verlieren, wurde ein erfahrener Spurenleser auf die Fährte des Liebespaares angesetzt. Im Osten brach bereits der Tag an, was das Spurenlesen erheblich erleichterte. Die Fährte verlief knapp dreihundert Meter am Ufer des Baches entlang, bevor der Spurenleser hielt.

Hier war zweifellos der Ort, an dem Barrows angegriffen worden war. Es gab Fußspuren und Anzeichen eines Kampfes. Ein Gewehr mit gebrochenem Schaft wurde aufgetaucht.

»Das ist Barrows’ Waffe«, sagte einer der Vigilanten.

Auf dem Boden fand sich Blut, aber keine Spur von den Körpern.

»Sie wurden als Gefangene verschleppt«, erklärte Harmon bestimmt. »Daran gibt es keinen Zweifel.«

»Oder in den Bach geworfen«, mutmaßte ein anderer.

Eine kurze Untersuchung versetzte den Verfolgern einen Schreck: Fußspuren führten bis zum Wasseransatz, und der Boden zeigte Schleifspuren eines schweren Körpers. Im seichten Wasser, von Schilf verdeckt, lag tatsächlich ein Leichnam. Für einen Moment befürchteten alle, Barrows zu erkennen, doch dann atmeten sie erleichtert auf. Er war es nicht. Es handelte sich um einen der Apachen – zweifellos von Barrows erschossen und hier abgelegt, um den Blicken der Verfolger zu entgehen.

»Das ist ein typischer Indianertrick«, meinte Harmon zuversichtlich. »Ich bin mir nun ziemlich sicher, dass die Gefangenen noch leben.«

»Ich hoffe, du hast recht«, sagte einer der Männer.

»Ich auch!«, stimmte ein anderer zu.

»Dann lasst uns der Fährte folgen!«, rief Frank Reade jr. »Wir müssen sie retten!«

Die Entscheidung fiel sofort. Alle schwangen sich in die Sättel und folgten der deutlichen Spur. Der Dampfmann walzte über die Prärie, gefolgt von den Vigilanten. Auf ebener Strecke konnten die Pferde zwar nicht mit dem Dampfmann mithalten, aber Frank dachte gar nicht daran, ihnen davonzufahren.

Die Spur schlug einen südwestlichen Kurs ein, und bald zeichnete sich am Horizont eine Hügelkette ab, die Harmon als die Black-Bear-Berge identifizierte.

»Wenn sie die Gefangenen erst einmal in diese Hügel bringen«, erklärte er, »wird es verdammt schwer, sie dort herauszuholen.«

»Warum?«, fragte einer seiner Männer.

»Weil es dort mehr Verstecke und entlegene Höhlen gibt, als man zählen kann.«

Barney und Pomp kauerten im Wagen und hielten ihre Gewehre schussbereit. Frank Reade jr. beobachtete das Land vor ihnen mit wachsamen Augen, doch obwohl die Fährte klar war, gab es noch kein Zeichen dafür, dass sie aufschlossen. Als sie den Hügeln näher kamen, schien es fast sicher, dass die Aufständischen dort Zuflucht gesucht hatten.

Eine weite Ebene erstreckte sich noch bis zu den Anhöhen. Frank musterte das Gelände aufmerksam mit dem Fernrohr, doch von den Gesuchten war nichts zu sehen. Die Hoffnung, sie noch vor den Hügeln einzuholen, schwand dahin. Es schien gewiss, dass sie ihre Verstecke erreicht hatten und nun eine mühsame Suche bevorstand.

Doch kurz vor einem Pass zwischen den hohen Erhebungen überquerten die Verfolger eine Anhöhe und wurden mit einem überraschenden Anblick belohnt: Direkt unter ihnen, in einer Senke, lag die Gruppe und schien gerade ihr Lager aufzuschlagen. Ein kleiner Bach floss durch die Senke – und bekanntermaßen lagern Stämme stets an Wasserläufen. Dennoch überraschte es die Verfolger, dass sie es wagten, an diesem offenen Ort zu rasten.

Beim Anblick ihrer Verfolger gerieten die überraschten Krieger in helle Aufregung. Augenblicklich setzten sie zur überstürzten Flucht in die Berge an.

Ein wildes Anfeuern erklang aus den Kehlen der Vigilanten. Harmon saß fest im Sattel und schrie: »Vorwärts, Männer! Angriff!«

Mit einem lautstarken Rufen gaben die Vigilanten ihren Pferden die Sporen und preschten auf das Lager zu. Frank Reade jr. lenkte den Dampfmann in einem Bogen, um den Fliehenden den Weg abzuschneiden. Doch als er ansetzte, packte Pomp ihn am Ärmel.

»Master Frank!«, rief der Gehilfe. »Siehst du die kleine Gruppe da drüben, die auf die Hügel zusteuert?«

Frank blickte hin. »Ja!«, antwortete er.

»Das sind Miss Bessie und ihr Liebster, so wahr ich hier stehe! Und ein halbes Dutzend von ihnen hält die Zügel ihrer Pferde. Ich wette, die glauben, sie schaffen es vor dem Dampfmann in die Berge!«

»Bei Jupiter, du hast recht, Pomp!«, rief Frank entschlossen. »Aber den Gefallen werden wir ihnen nicht tun!«

»Richtig so, Master Frank! Ich bin sicher, der Dampfmann holt diese Gaul ein!«

Frank packte die Steuerleinen und öffnete den Regler weit. Während der Dampfmann mit gewaltigen Schritten davonzog, betätigte Frank das Ventil der Dampfpfeife und stieß einen so gellenden Schrei aus, dass das Echo hundertfach in den Schluchten der Hügel widerhallte.

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