Der Detektiv – Band 32 – Der sprechende Kopf – Kapitel 3
Walter Kabel
Der Detektiv
Band 32
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Der sprechende Kopf
Kapitel 3
Die Riesenplakate
Die Kammer war völlig dunkel. Als ich hörte, dass der Posten, den Chatarsan vor die Tür gestellt hatte, draußen im Gange sich laut mit einem anderen Manne unterhielt, flüsterte ich Harst zu: »Wozu das alles? Ich begreife Dich nicht!«
»Hast du den Blick und das Lächeln gesehen?«, lautete seine Antwort. »Chatarsan glaubt, einen guten Fang gemacht zu haben. Ich hoffe auf einen noch besseren! Warte nur ab, mein Alter. In dieser Nacht noch sind wir frei. Und dann … dann werden wir unsere Eugenie samt Anhang bald am Wickel haben!«
Schritte näherten sich der Kammer. Die Tür wurde aufgeschlossen. Einer der farbigen Polizeibeamten stand mit zwei Schüsseln gedünstetem Reis und etwas Fleisch im Gange und sagte wortkarg: »Ihr sollt essen!«
Er stellte die Schüsseln auf den Fußboden der Kammer.
»Wir werden abends essen«, erklärte Harst ebenso kurz.
Der Mann verschwand wieder.
»Versuche zu schlafen«, meinte Harald nach einer Weile. »Chatarsan wird uns ja fraglos nochmals vernehmen. Dann werden wir die Sieger sein.«
»Ich habe Hunger«, sagte ich übelgelaunt. »Der Reis duftet ganz appetitlich.«
Zu meinem Erstaunen beugte Harald sich nun ganz dicht zu mir hinüber, sodass er mir das Folgende ins Ohr flüstern konnte: »Der Reis duftet zu appetitlich. Du wirst nicht einen Happen davon genießen.«
Dann nahm er seine alte Stellung wieder ein und wünschte mir laut angenehme Ruhe.
»Gift! Vergiftet!«, flog mir blitzartig der Gedanke zu. Es konnte nur so sein! Wie hätte Harst sonst wohl in so befehlendem, eindringlichem Ton jenen zweiten Satz mir zuflüstern können! Nicht einen Happen genießen! Ja, vergiftet, aber von wem?! Von wem?!
An Schlaf war natürlich nicht mehr zu denken. Ich saß und grübelte. Zu gern hätte ich diesmal aus mir selbst heraus all dies Unerklärliche ergründet, das in Harsts Benehmen gegenüber dem Detektivinspektor aus Rangun gelegen hatte.
So mochte meiner Schätzung nach eine Stunde verstrichen sein, als abermals schwere Schritte draußen erklangen und die Kammertür aufflog. In dem hellen Lichtschein zeichneten sich die Umrisse des kleinen, mageren Chatarsan ab. Ein Polizeibeamter trug ihm einen Klappstuhl nach.
Chatarsan setzte sich dicht an die Tür, schickte den Beamten und den Posten weg und fragte sehr höflich: »Weshalb haben Sie nicht gegessen?« Dabei stieß er mit der Fußspitze gegen die eine volle Schüssel.
»Weshalb schickten Sie uns das Essen?«, entgegnete Harst.
Chatarsan meckerte leise. »Sie sind ein komischer Mensch, Master Bark. Zu welchem Zweck wird einem wohl Reis mit Fleisch vorgesetzt, he?! Übrigens war es mein Freund Limpo Ma, der daran erinnerte, dass Sie beide Hunger haben könnten.«
Der Chinese! Ich horchte auf. Ich erinnerte mich an die merkwürdigen Augen dieses Gelben.
Harst hüllte sich in Schweigen. Chatarsan sah von unseren Gesichtern nur wenig. Der durch die Tür fallende Lichtschein traf uns nur noch sehr schwach.
Chatarsan knetete nervös seine Hände, hüstelte und begann dann wieder: »Master Bark, weshalb wollen Sie leugnen, die Malcapier zu kennen? Ich … hm ja … ich verspreche Ihnen 100 Pfund, wenn Sie … hm ja … mir verraten, wo die Malcapier hier ihr Versteck hat. Es muss auf dieser Insel einen gut verborgenen Ort geben, den schon der Vater der …«
»Hundert Pfund und sofortige Freilassung«, fiel Harst ihm kurz ins Wort.
Chatarsan krümmte sich förmlich vor Verlegenheit. »Freilassung … hm, ja?! Das … das ist sofort nicht möglich. Aber Sie haben mein Wort, dass, wenn Sie in Rangun als Kronzeugen gegen die Malcapier und die übrigen Mitglieder der Geheimgesellschaft auftreten, Ihnen beiden volle Straffreiheit sicher ist!«
»Zweihundert Pfund«, erklärte Harst.
»Gut, abgemacht.«
Man merkte, wie erfreut Chatarsan war.
»Wir haben noch zwei Stunden bis zum Dunkelwerden. Ist es Ihnen recht, dass Sie mir dieses Versteck sofort zeigen?«
»Meinetwegen.«
Der kleine Inspektor stand schnell auf.
»Bitte, kommen Sie. Nur zum Schein muss ich Ihnen die Handschellen belassen. Nicht einmal meine Leute dürfen merken, dass Sie zur Vernunft gelangt sind. Sonst könnte dies später in Rangun bekannt werden, und wir haben hinsichtlich der Mitglieder der Geheimgesellschaft das Nachsehen.«
Wir stiegen hinter Chatarsan an Deck. Unter dem Sonnensegel saßen noch Limpo Ma und der Zolldirektor. Der Inspektor rief ihnen zu, dass er uns in den Talkessel schaffen lassen wolle.
»Ich verfolge damit ganz bestimmte Absichten«, fügte er hinzu.
Ich bemerkte, dass über des reichen Chinesen Gesicht ein hohnvolles Grinsen hinlief.
Wir wurden über die Laufplanke an Land geführt. Nur Chatarsan und jener Europäer, den wir schon im Talkessel mit den drei farbigen Polizeibeamten gesehen hatten, begleiteten uns. Dieser Europäer war ein Polizeikommissar aus Rangun namens Worbster, ein noch sehr junger Mensch, der vor seinem Vorgesetzten Chatarsan den größten Respekt hatte.
Der kleine Inspektor ging voraus. Dann folgten Harst, ich und Worbster. Die beiden Polizeileute hatten ihre Dienstpistolen umgeschnallt und fühlten sich offenbar ganz sicher. Man hatte uns die Arme auf den Rücken gelegt und dann die Handschellen mit ihrem Schnappschloss zugedrückt. Wir waren also scheinbar wehrlos – scheinbar!
Plötzlich sagte Harst: »Jetzt möchte ich führen, denn der Anstieg zu der Höhle ist durch bloße Anweisungen nicht zu finden.«
Chatarsan ließ Harst den Vortritt, winkte aber gleichzeitig Worbster zu und nahm seine Pistole aus dem Futteral heraus, entsicherte sie und meinte: »Nicht wahr, Master Bark, Sie werden doch keine Dummheiten machen …«
»Die mache ich nie!«
Harst ging jetzt voran. Er geleitete den kleinen Zug an dieselbe Stelle, an der wir gelagert hatten, bog dann mehr nach dem Canyon zu ab und machte am Rand der Schlucht an einer Stelle Halt, wo die Talwand sich in kleinen, mit Gestrüpp bewachsenen Terrassen abwärts senkte. Die erste Terrasse lag etwa vier Meter unterhalb des Schluchtrandes.
»Dort ist der Eingang«, sagte Harst und machte eine Kopfbewegung.
»Wo?«, rief Chatarsan begierig und trat dicht an den Abhang heran.
»Nun … dort …!«
Und in demselben Moment versetzte Harst Chatarsan auch schon einen leichten Stoß, wandte sich blitzschnell um, bückte sich und rannte Worbster von der Seite an.
Ich hatte geahnt, was kommen würde. Ich stand etwas hinter Worbster. Als Harst diesen mit dem Kopf rammte, warf ich mich mit voller Wucht von der anderen Seite gegen ihn. Worbster flog so gleichfalls über den Schluchtrand hinweg.
»Nun gilt’s!«, rief Harst.
Wir begannen zu laufen. Zum Glück war das Gelände so unübersichtlich, dass wir längst in einer Schlucht verschwunden waren, als die beiden Beamten sich von der Terrasse wieder nach oben gearbeitet hatten.
Es dunkelte bereits. Wir gingen sehr bald in einen mäßigen Trab über. Eine halbe Stunde später waren wir auf der Jacht, wo wir mit unseren Handschellen berechtigtes Aufsehen erregten. Nun – wir wurden die Stahlbänder schnell los. Dann begann der Motor der STANDARD zu rattern. Wir gelangten glücklich in freies Fahrwasser.
»Nach Rangun!«, befahl Harst Kapitän Weber.
Sechs Tage nach unserer etwas gewaltsamen Verabschiedung von Inspektor Chatarsan lag unsere Jacht in einem sumpfigen Seitenarm des Rangun-Flusses unweit der Stadt gut verborgen vor Anker. Wir waren bei Dunkelheit in diesen Schlupfwinkel eingefahren, den uns der ortskundige Jakob Weber empfohlen hatte. Bei Morgengrauen brachen Harst und ich dann, als Inder verkleidet und wie üblich ausgerüstet, zur Stadt auf. Weber hatte genaue Instruktionen erhalten. Harst hatte ihm erklärt, dass unsere Anwesenheit in Rangun unbedingt geheim bleiben müsse. Immerhin sollte einer der Besatzung sich stets in einem Restaurant unweit des Bahnhofs aufhalten, damit wir bequemer weitere Befehle ausgeben könnten. Unsere Leute waren natürlich Feuer und Flamme für diesen Hilfsdienst und hatten fest versprochen, sich recht schlau und unauffällig zu benehmen.
Der Seitenarm des Rangun war von einem förmlichen Urwald umgeben. Wir hatten Mühe, uns durch diese Wildnis durchzuarbeiten. Wir passierten große Reispflanzungen und einige Eingeborenendörfer. Niemand kümmerte sich um uns. Unsere Masken waren so vorzüglich, dass Jakob Weber beim ersten Anblick dieser beiden Inder gerufen hatte: »Sowas hätte ich nicht für möglich gehalten.«
Während unseres Marsches zur Stadt hatte ich abermals den Versuch gemacht, Harst zunächst zu einer erschöpfenden Erklärung über das Medizinfläschchen zu bewegen. Erst hatte er wieder halb scherzend allerlei Ausflüchte gemacht. Schließlich meinte er dann: »Du bist heute ja zäh wie Leder, mein Alter. Ein Weib könnte nicht neugieriger sein. Nun, du sollst deinen Willen haben. Was gehört zu einem Medizintropffläschchen?«
Ich blieb die Antwort schuldig. »Sehr einfach: das aufgeklebte Schildchen, auf dem der Inhalt verzeichnet ist und das stets ja auch den Namen der Apotheke und den Ortsnamen aufgedruckt trägt. Das Fläschchen stammte dem Schildchen nach aus der Great-Royal-Apotheke in Rangun, Spaiksstraße 16, und hatte Pfefferminztropfen enthalten. Also etwas sehr Harmloses. Als ich den Stöpsel herauszog, roch ich das Pfefferminz auch noch. Das war aber noch nicht alles. Die Hauptsache: Auf das Schildchen war mit Bleistift ein Pfeil gezeichnet, dessen Spitze auf das gedruckte Wort Rangun wies. Ich bin also nicht etwa Freund Chatarsans wegen hierhergekommen. Nein – ich hoffe, unsere Eugenie hier bestimmt zu finden. Denn der Bleistiftpfeil war, wie aus dem noch vorhandenen Glanz des Bleistiftstriches erkennbar, erst vor Kurzem auf das Schildchen gezeichnet worden. Die Vermutung, die Malcapier könnte den Vertrauten nach Rangun bestellt haben, war also von mir, wie du zugeben wirst, gar nicht so weit hergeholt.«
»Allerdings nicht«, musste ich Harald beipflichten.
»Weiter war an dem Fläschchen nichts Bemerkenswertes?«
»Nein – nichts! Da wir nun schon mal am Zuge sind, können wir ja auch gleich den Herrn Limpo Ma erledigen. Du weißt, dass der kleine Inspektor Chatarsan, als wir vier zum Talkessel gingen, sich von mir so auf Umwegen herauslocken ließ, dass der chinesische Handelsherr zu seinem Vergnügen die Fahrt auf dem Zollkutter zur Andrew-Insel mitgemacht hatte. Dieser Idiot von Chatarsan und ebenso auch Zolldirektor Brookfield halten Limpo Ma offenbar für einen Ehrenmann erster Klasse. Ich für meine Person bezweifle dies sehr stark – sehr! Als man uns beide auf das Achterdeck unter das Sonnensegel führte, bemerkte ich, dass Limpo Mas Gesicht erst Staunen und dann leises Erschrecken verriet. Auch aus seinem weiteren Benehmen ging hervor, dass er uns als Harst und Schraut erkannt hatte. Ich wollte mich nun den Beamten zunächst lediglich deshalb nicht als Harald Harst vorstellen, weil ich meine Absicht, später hierher zu kommen, dann vielleicht hätte preisgeben müssen. Nachher, als ich deutlich spürte, er wüsste, wer wir seien, da wollte ich erst recht alles vermeiden, was dieses unser Reiseziel hätte verraten können. Ich ließ mir Chatarsans Behandlung gutgelaunt gefallen. Ich ahnte bereits, dass dieser reiche Chinese ein Wolf im Schafspelz war …«
Hier fügte ich rasch hinzu: »Ah – ein Freund der Malcapier! Und diese Vergnügungsreise unternahm er nur, um zu sehen, was die Beamten auf der Andrew-Insel ausrichteten.« »Ganz recht. Weil ich diesen Verdacht sehr bald geschöpft hatte, warnte ich dich auch vor der Reismahlzeit. Mir kam diese Sorge um unser leibliches Wohlbefinden sofort übertrieben vor. Und doch sagte ich mir, dass Limpo Ma, der uns vielleicht in Singapur gesehen hat, ja keine bessere Gelegenheit hatte, uns aus dem Weg zu räumen, als diese. Er hätte, wenn wir an dem Reis gestorben wären, nie in Verdacht geraten können, Gift in die Speisen getan zu haben. Chatarsan hätte sicher angenommen, wir hätten uns selbst umgebracht. Nachher hörtest du ja auch, dass uns die Mahlzeit auf des Chinesen Veranlassung gereicht worden war.«
»Wenn ich nun ahnungslos gegessen hätte!«, sagte ich so vor mich hin.
Harald lachte. »Vielleicht war der Reis auch gar nicht vergiftet. Aber Vorsicht schadet nie.«
»Es wird fraglos Gift darin gewesen sein«, erklärte ich voller Überzeugung.
»Das ist jetzt ja auch schließlich gleichgültig. Wichtig ist, dass Limpo Ma nunmehr denkt, wir werden uns hüten, uns hier in Rangun jemals sehen zu lassen, wo doch Chatarsan und dieser Jüngling Worbster sofort racheschnaubend über uns herfallen würden. Wir können also jetzt hier in aller Ruhe uns nach unserer Eugenie umtun und werden diese Jagd damit beginnen, dass wir Limpo Mas Haus dauernd beobachten. Ich gehe jede Wette ein: Der lange Spitzbube, der das Fläschchen sich holte, steht mit dem gelben Handelsherrn in Verbindung. Dieser aber ist bereits wieder in Rangun eingetroffen. Gestern Nacht bemerkten wir ja den Zollkutter, der stromaufwärts fuhr.«
Wir fragten uns sehr leicht bis zu dem dreistöckigen, neuen Gebäude durch, das unten die Büroräume der Firma Limpo Ma, Barstenham & Co.« und oben Privatwohnungen enthielt. Es lag unweit des Zollamts dicht am Fluss. Die Hafeneisenbahn führte hier vorüber, und ein leerer, offener Waggon, der vor dem Haus auf einem Nebengleis stand, bot uns einen schattigen Sitzplatz.
Limpo Ma sollte die erste Etage, seine beiden Kompagnons, zwei Engländer, die oberste bewohnen. Den Millionenreichtum der Firma sah man schon dem Prunkbau an. Linker Hand zog sich durch das Haus eine breite Einfahrt mit mächtigen Flügeltüren. Der Eingang zu den Büros war rechter Hand. Wir hatten uns die Arbeit geteilt: Ich beobachtete die Kontortür, Harst die Einfahrt. Und diese Arbeit war nicht leicht. Jetzt vormittags gab es hier ein ewiges Gehen und Kommen.
Die Stunden gingen hin. Es wurde drückend heiß. Von einem Straßenhändler kauften wir Brot und Früchte. Es gehörte Harsts Geduld dazu, hier auf eine einzelne Person zu lauern. Ich musste dabei mithalten, ob ich wollte oder nicht.
Plötzlich – es war gegen 1 Uhr mittags – sprang Harst aus dem Waggon heraus. »Komm, wir haben ihn!«, sagte er nur.
Meine Müdigkeit war wie weggezaubert.
»Dort rechts geht er – der lange Kerl mit dem gelben Europäer-Leinenanzug«, flüsterte Harst weiter.
Wir blieben etwa 20 Meter hinter dem Chinesen, der hier einen hellgrauen Zylinder trug und damit einiges Aufsehen erregte. Einmal blieb er vor einem Schaufenster stehen. Der Kerl hatte wahrhaftig einen hellblauen Stehkragen und eine hellblaue Schleife von riesigen Abmessungen um! Kein Wunder, dass alles hinter ihm her lachte. So kamen wir schließlich auf den Sule-Platz, wo die gleichnamige Pagode steht.
Der Chinese überschritt den Platz und steuerte auf ein Haus zu, das über und über mit Riesenplakaten beklebt war. In der Höhe des ersten Stockes lief unter den Fenstern ein mächtiges Schild hin, auf dem links und rechts ein auf einer Schüssel ruhender Frauenkopf aufgemalt war. Die Inschrift des Schildes und der Plakate aber lautete in vier Sprachen:
Der sprechende Kopf. Das größte Weltwunder! Ein Kopf, der Fragen beantwortet! Nur noch wenige Tage zu sehen!
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