Der Detektiv – Band 32 – Der sprechende Kopf – Kapitel 2
Walter Kabel
Der Detektiv
Band 32
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Der sprechende Kopf
Kapitel 2
Der Zollkutter
Es war drei Uhr nachmittags, als wir beide – jeder mit einem Rucksack auf dem Rücken, über den noch zwei Schlafdecken geschnallt waren – zu dieser Expedition aufbrachen, deren Zweck und Ziel mir genauso unbekannt war wie dem Kapitän.
Harst machte den Führer. Die kleine Insel war außerordentlich hügelig, stellenweise von tiefen Schluchten durchzogen und wies zumeist nur niedrigen Baumwuchs auf. Nach einer Stunde Marsch winkte mir Harst zu, stehen zu bleiben. Er verschwand, kehrte bald zurück und bog nach Süden ab. Hier schlugen wir hinter einem Felsen, der halbkreisförmig von Dornen umwuchert war, unser Lager auf.
Harst sprach nur mit ganz gedämpfter Stimme. Nachdem wir unsere Rucksäcke abgelegt und den Proviant in einer Spalte des Gesteins verwahrt hatten, führte er mich um das große Dornendickicht herum. Dann musste ich auf allen vieren hinter ihm her kriechen. Und nun – nun befand ich mich neben ihm am Rande eines steilen Abhangs; nun erblickte ich halbrechts unter mir die beiden Blockhütten des Talkessels, weiter die verkümmerten Kokospalmen und auch die beiden toten Tau-Taus mit ihren dick geschwollenen, von Verwesungsgasen gefüllten Leibern.
Wir lagen hinter einem Vorhang aus hohen Gräsern.
Harst flüsterte: »Mach es dir nur bequem, mein Alter. Wir bleiben vorläufig hier. Sobald es dunkel wird, beziehe ich jedoch einen Beobachtungsstand unten im Tale. Ich muss wissen, für wen die beiden Eidechsen bestimmt sind.«
Nun begann es bei mir zu dämmern.
»Sie sind ein Zeichen für irgendjemanden, das die Malcapier zurückgelassen hat«, meinte ich.
»Ganz recht. Ein Zeichen. Sogar noch mehr: ein Wegweiser, ein geheimer Wink, wo etwas Bestimmtes zu suchen ist. Die Lage der beiden Tiere fiel mir sofort auf. Weshalb hatte man sie durch Aststücke gerade in dieser Richtung zueinander aufgebaut? Ich überlegte mir: Wenn man die Schwänze der Tiere durch gerade Linien verlängert, so treffen sich diese Linien genau vor der Türschwelle. Vielleicht ist an diesem Ort irgendetwas versteckt worden, das ein guter Bekannter der Malcapier in Empfang nehmen soll. Nun – ich habe, als Weber und du nach der Jacht gingt, dort vorsichtig nachgegraben. Und ich fand auch etwas. Rate mal, was?«
»Schwer zu erraten. Ein Schreiben?«
»Keine Spur! Du kannst es auch nicht erraten. Ich war selbst überrascht, als ich ein nur ganz leicht mit Erde bedecktes und in ein Blatt eingewickeltes, leeres Tropffläschchen fand.«
»Wie – nichts als ein Tropffläschchen?!«
»Nichts weiter. Ich habe das Fläschchen wieder verscharrt und will nun versuchen, den Menschen abzufassen, für den es bestimmt ist. Ich stelle mir da folgenden Zusammenhang vor: Die Malcapier hatte in Singapur, wie uns bekannt ist, sehr viele Verbündete. Einer von diesen steht ihr besonders nahe. Sie rechnet daher damit, dass dieser Mann, der ja aus den Zeitungsberichten ersehen hat, dass die Malcapier zuletzt hier weilte, sich hier einfinden und ihrem Schicksal nachforschen wird. Für ihn baute sie die Tau-Taus auf, nachdem sie die zwölf Piraten durch irgendeine Heimtücke beseitigt hatte. Wir wissen, dass die Piratenbande fünfzehn oder sechzehn Mann stark war. Mithin wird die Malcapier drei oder vier Leute geschont und auf dem Motorkutter mit sich genommen haben.«
»Sehr gut!«, meinte ich eifrig. »Du willst diesen Menschen also festnehmen und …«
»Denk gar nicht daran! Festnehmen?! Was hätte ich davon? Nein, ich will mir den Kerl nur ansehen, damit ich ihn später wiedererkenne.«
Dies verstand ich nicht.
»Wiedererkennen? Wo denn? In Singapur?«
»Nein – anderswo! Doch davon später.«
»Diese stets wiederkehrende Geheimniskrämerei ist unerträglich, lieber Harald«, sagte ich gekränkt. »Anderswo? Dann muss außer dem Tropffläschchen noch etwas in der Erde vergraben gewesen sein. Oder aber das Baumblatt, worin das Fläschchen eingewickelt war, trug eingeritzte Zeichen oder Wörter.«
Harst schüttelte den Kopf. »Du irrst. Das Blatt besagte nichts. Das Fläschchen besagte alles.«
»Ein leeres Fläschchen! War denn auf das Glas vielleicht etwas geschrieben oder …«
»Auch das nicht. Dieses Medizinfläschchen unterschied sich in nichts von Millionen anderer. Und doch …«
Er schwieg plötzlich.
»Da – ein Chinese!«, flüsterte er dann.
Aus der Richtung des Canyons kam unten im Talkessel ein langer, dünner Chinese in schmutzigem Leinenkittel und Bastschuhen dahergeschlichen.
»Haben wir ein Glück gehabt!«, frohlockte Harst leise. »Schau dir den Kerl genau an. Das verkniffene Spitzbubengesicht mit dem dünnen Schnurrbart vergisst man nicht so leicht! Wie vorsichtig der Kerl ist! Ah – nun schießt er auf die Tau-Taus zu! Siehst du – er ist genauso schlau wie ich. Er visiert über die Leiber der Eidechsen hinweg. Nun hat er die Stelle gefunden, wo die über die Schwanzspitzen verlängerten Linien sich schneiden. Da – er gräbt – er hat das Fläschchen in der Hand! Wie der Kerl zufrieden grinst! Warte, Freundchen, wir sehen uns wieder! Er verschwindet. Die toten Eidechsen hat er mit dem Fuß ins Gebüsch geschleudert. Bleibe hier. Ich muss feststellen, ob der lange Spitzbube …«
Harst war schon in den Gräsern untergetaucht.
Eine halbe Stunde verstrich. Dann kam er aufrecht und leise vor sich hin pfeifend zurück.
»Der Kerl war in einem einfachen Fischerboot mit Mattensegeln in der Bucht bei der Anlegebrücke gelandet«, teilte er mir gut gelaunt mit. »Der Halunke kannte also die Bucht, die ja so schwer anzusteuern ist. Zwei andere Gelbgesichter saßen noch in dem Kahn. Sie waren also zu dritt hier. Die Malcapier ist wahrhaftig die reine Königin des ganzen chinesischen Verbrechergesindels an diesen Küsten.«
Er hatte sich auf einen Stein gesetzt. Sein Gesicht war ganz plötzlich wieder ernst und nachdenklich geworden.
»Mir ist da soeben etwas eingefallen, mein Alter«, sagte er langsam und schaute über die zackigen Hügelkämme hinweg starr in den blauen Himmel. »Du weißt wohl, dass kein Volk der Erde so sehr zur Bildung von Geheimgesellschaften neigt wie gerade das chinesische. Besinne dich auf eines unserer ersten gemeinsamen Abenteuer. Es liegt Jahre zurück. Du hast es unter dem Titel Liu Sings Geheimnis geschildert. Da spielte auch so eine chinesische Geheimgesellschaft eine Rolle.«
Ich nickte eifrig. Und ob ich mich darauf besann!
»Ja – und jetzt dachte ich soeben an einen Artikel im BANGKOK RECORDER, den ich vor Kurzem las, ohne ihm Beachtung zu schenken«, fuhr Harst fort. »Da war gesagt, dass die Polizei einer Geheimorganisation von Verbrechern auf der Spur sei, die von Kalkutta bis Hongkong Filialen in allen Hafenplätzen habe und deren Leiterin eine ältere Frau sein sollte. Mir schoss schon damals durch den Kopf, ob nicht unsere Eugenie vielleicht diese ältere Frau wäre. Der Artikel kam mir aber wieder ins Gedächtnis. Wir hatten übergenug anderes vor. Jetzt nun möchte ich mit ziemlicher Bestimmtheit behaupten, dass Eugenie Malcapier diese Frau ist. Das höhere Alter lässt sich vortäuschen!«
»Dann musst du nun aber doch irgendeinen Anhaltspunkt dafür haben – und zwar jetzt hier erhalten haben!«, meinte ich gespannt. »Wie hättest du sonst gerade jetzt auf diese Geheimgesellschaft und diese Frau kommen können?«
»Das trifft schon zu, mein Alter«, konstatierte er und blickte mich an. »Es hängt dies auch mit dem Medizinfläschchen zusammen.«
Ich lachte ärgerlich auf. »Und da willst du noch immer behaupten, dass das Fläschchen sich in nichts von anderen unterschied?«
Er antwortete nicht, stand auf und schien zu lauschen. Mir war es jetzt ebenfalls so, als ob ich Stimmen hörte. Dann tauchten unten im Talkessel vier Männer auf. Sie trugen Leinenuniformen und waren bewaffnet. Drei waren hochgewachsene Inder, einer ein Weißer.
»Ah – englische Polizei!«, flüsterte Harst. »Die Leute sind fraglos auf Ersuchen des Gouverneurs von Singapur herbeordert worden und wollen nach dem Verbleib der Malcapier und der Piraten forschen. Es war damit zu rechnen, dass dieser Schlupfwinkel von Beamten durchstöbert werden würde. Drücken wir uns heimlich davon. Unser Geschäft hier ist ja erledigt.«
Wir holten unsere Rucksäcke und Decken und traten den Rückweg zur Jacht an. Als wir eine der zahlreichen Schluchten passierten, wurden wir plötzlich angerufen. Hinter einem Gebüsch traten drei farbige Polizeibeamte hervor. Die Leute hatten Karabiner bei sich. Ihr ganzes Benehmen bewies, dass sie uns misstrauten.
Harst erklärte, wir seien Touristen und unser Boot läge drüben in einer Bucht. Ich merkte, dass er verschweigen wollte, wer er war und was uns hergeführt hatte.
Der eine Beamte befahl uns in ziemlich barschem Ton, ihnen zu folgen. Wir wurden in die Mitte genommen und zum Nordwestufer der Insel gebracht, wo ein großer Zollkutter in einer Bucht ankerte. Auf dem Achterdeck saßen unter einem Sonnensegel drei Männer in Korbstühlen. Einer davon war ein europäisch gekleideter Chinese. Die beiden Weißen – den Zolldirektor von Rangun, Mr. Brookfield, und den dortigen Detektivinspektor, Mr. Chatarsan – lernten wir gleichfalls von einer recht unangenehmen Seite kennen.
Man führte uns wie Verbrecher vor den Tisch, an dem die drei Herren Platz genommen hatten.
Chatarsan begann sofort ein scharfes Verhör. Er schlug von vornherein einen Ton an, der Harst dazu veranlasste, diesen unhöflichen Menschen ein wenig aufzuziehen.
Chatarsans Frage nach unseren Namen und unserer Nationalität beantwortete Harst mit der Gegenfrage, wen er denn hier vor sich habe.
Der kleine, gallige Inspektor mit dem echt englischen, vorspringenden Gebiss brüllte hochrot seinen Namen und seine Amtsbezeichnung heraus. Nun wussten wir, mit wem wir es zu tun hatten.
Harst nannte unsere Namen daraufhin absichtlich so undeutlich, dass Chatarsan Bark und Schrott verstand.
Dann ging das Verhör weiter.
»Also Rentner sind Sie, und der andere Schauspieler«, meinte der Inspektor nun. »Und als Touristen treiben Sie sich hier herum?! He, he – wer das glaubt! Kennen Sie vielleicht zufällig – ganz zufällig! – eine gewisse Eugenie Malcapier?«
Das war beißende Ironie! Man hielt uns fraglos für Verbündete der mittlerweile berüchtigten Verbrecherin.
»Malcapier?«, meinte Harst. »Hm – den Namen habe ich letztens irgendwo gelesen …«
»So, so!«, grinste Chatarsan. »Gelesen! Touristen, die ausgerechnet dieses Inselchen besuchen, das so weit ab von jedem größeren Hafen liegt, sind uns noch nie begegnet. Haben Sie Ausweispapiere bei sich?«
»Bedauere. Die befinden sich auf unserem Boot.«
»Und wo liegt dieses?«
»Auf der anderen Seite der Insel.«
Der Inspektor brach in ein schallendes Gelächter aus.
»Master Bark, vielleicht lag es mal dort! Jetzt ist es aber mit Ihren drei chinesischen Freunden längst unterwegs.«
»Also sind sie Ihnen entwischt?«, fragte Harst schnell.
Der kleine Detektivinspektor biss sich erst ärgerlich auf die Lippen, meckerte dann wieder und meinte: »He, he – wollen Sie mich verhören?!«
Es war jetzt klar: Dieser Chatarsan glaubte tatsächlich, dass wir zur Malcapier in näheren Beziehungen standen und dass das Fischerboot mit den drei Chinesen uns hierher gebracht hätte. Ich war außerordentlich gespannt darauf, wie dieses Abenteuer sich weiterentwickeln würde. Ich spielte dabei ja lediglich die Rolle des Zuschauers. Ich hatte daher auch Zeit und Gelegenheit, die beiden anderen Männer am Tisch – den Zolldirektor und den vornehmen Chinesen – zu beobachten. Und ich bemerkte auch so einiges, was mir besonders an Letzterem auffiel. Dieser Chinese hatte ein sehr intelligentes Gesicht, trug einen bereits leicht ergrauten Vollbart, nach chinesischer Sitte ganz schmal geschnitten, und eine goldene Brille, hinter der ein Paar farblose Augen stets bis auf schmale Schlitze zugekniffen wurden. Nur selten öffneten sich die Lider etwas. Die Blicke, mit denen dieser ehrwürdige Großkaufmann aus Rangun namens Limpo Ma (den Namen erfuhren wir ebenfalls später) Harst dauernd musterte, verrieten ganz fraglos ein außergewöhnliches Interesse. Der Zolldirektor Brookfield wiederum war ein endlos langer Herr mit einem undurchdringlichen, hochmütigen Gesicht. Ich kann diese Einzelheiten hier nicht übergehen. Die drei Männer hatten mit uns ja sehr bald wieder zu tun. Da allerdings war die Situation für uns eine etwas andere.
Auf die höhnische Frage des Detektivinspektors, ob er ihn verhören wolle, hatte Harst erwidert: »Das ist nicht mehr nötig. Ich weiß jetzt Bescheid.«
Chatarsan war einen Moment starr vor Staunen, dann rief er dem Zolldirektor zu: »Was sagen Sie zu dieser Frechheit, Brookfield?! Ich werde die Kerle in Eisen legen lassen. Die Geschichte ist doch sonnenklar: Wir haben hier einen guten Fang gemacht.«
Chatarsan befahl uns nun, die Rucksäcke abzulegen und den Inhalt unserer Taschen auf dem Tisch auszubreiten.
Als in den Rucksäcken nun die Konserven und all das andere zum Vorschein kamen, meckerte Chatarsan abermals:
»Touristen – Touristen! Es gibt ja auch auf dieser Insel so viel zu sehen, dass man sich für einen tagelangen Aufenthalt einrichten muss!«
Harst schwieg. Nun legten wir unsere Klement-Repetierpistolen und unsere Taschenlampen nebst je drei Ersatzbatterien auf den Tisch. Das gab Chatarsan zu einer ähnlichen Bemerkung Veranlassung.
Dann holte Harst sein Taschenbuch hervor. Aber plötzlich riss er blitzschnell eine Seite heraus, ballte sie zusammen und schob sie in den Mund.
Der kleine Inspektor sprang zu, kam aber zu spät. Harst hatte das Blatt schon verschluckt.
Ich wusste, weshalb er es tat: weil die Zeichnung darauf stand, die er von der Lage der beiden Tau-Taus angefertigt hatte. Doch aus welchem Grund wohl wollte er diese Zeichnung den Inspektor nicht sehen lassen?! Chatarsan wäre daraus doch nie klug geworden.
Der kleine Inspektor tobte und schimpfte nun wie ein Verrückter, dann rief er zwei Beamte herbei, die uns festhalten mussten.
Er durchsuchte nun selbst unsere Taschen. Als er Harsts Taschenmesser fand, das alle möglichen Instrumente bis hin zur feinen Stahlsäge enthielt, jubelte er auf: »Da haben wir’s! So ein Universalinstrument trägt nur ein Gauner mit sich herum!«
Chatarsan war so fest überzeugt, wir seien Verbündete der berüchtigten Malcapier, dass er uns nun Handschellen anlegen ließ. Wir wurden im Vorschiff des Kutters in eine Kammer eingeschlossen, wo wir als Sitzgelegenheit einen Haufen alter Segel benutzen konnten.
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