Aus dem Reiche der Phantasie – Heft 5 – Die verzauberte Insel – 3. Teil
Robert Kraft
Aus dem Reiche der Phantasie
Heft 5
Die verzauberte Insel
Verlag H. G. Münchmeyer, Dresden, 1901
Kapitel 3
Unheimliche Nachbarschaft
Sofort siedelten die Robinsons mit ihrem ganzen Hausrat in die neue Wohnung über und richteten sich in der Höhle häuslich ein. Am Abend streckten sie sich mit dem Bewusstsein, nun ein sicheres Dach über dem Kopf zu haben und dass bald auch eine Tür am Eingang nicht fehlen sollte, auf das weiche Heulager nieder.
Der grauende Morgen weckte sie.
»Habt ihr in der Nacht nichts gemerkt?«, waren Pauls erste Worte.
Die beiden anderen verneinten.
»Wir haben Mäuse oder Ratten in der Höhle«, fuhr Paul fort. »Mir lief ein paar Mal etwas über den Leib, ich hörte auch ein Pfeifen, wie es Ratten tun. Aber ich fürchte mich nicht vor Ratten und hielt es deshalb nicht für nötig, euch zu wecken.«
Richard und Oskar wollten nicht recht daran glauben. Wenn die niedrige Spalte im Hintergrund der Höhle für Mäuse und Ratten auch ein gutes Versteck abgab, wussten sie doch nicht, warum sich diese Nagetiere gerade hier oben auf der steinigen Terrasse aufhielten, wo es nichts zu holen gab. Unten wäre für sie doch ein besseres Gebiet gewesen.
»Und ich habe doch recht«, sagte Paul, als er die Frühstückskammer untersuchte. »Gestern Abend habe ich hier auf den Stein drei gebackene Brotscheiben gelegt. Seht her, jetzt liegen nur noch zwei da. Die eine haben die Ratten geholt.«
»Die Ratte war ich«, erklärte Richard lachend, »ich habe sie mir noch gestern Abend, als ihr schon im Bett lagt, geholt und gegessen.«
Ein Ruf Oskars, der schon hinausgegangen war, rief die beiden Freunde zu sich. Er deutete mit sichtlicher Bestürzung auf das kleine Bäumchen.
»Dieses Bäumchen ist in der Nacht noch einmal gepflanzt worden«, sagte er mit Bestimmtheit. »Ich habe es gestern Nachmittag, als Paul es herausgerissen hatte, wieder in die Erde eingesetzt und Wasser darauf gegossen. Dadurch entstand rund um den Stamm eine kleine Vertiefung. So habe ich es gelassen. So war es auch noch gestern Abend, ich weiß es genau. Jetzt dagegen ist der Boden ringsherum aufgelockert und an dem Stämmchen aufgehäuft worden, genauso, wie wir das Bäumchen zuerst gefunden haben. Wer hat das gemacht?«
»Ich nicht – ich nicht«, sagten Paul und Richard.
»Ich auch nicht. Wer hat es sonst getan? Seht nur, wie fein die Erde zerkleinert worden ist! Das kleinste Steinchen wurde sogar entfernt, und überhaupt, es sieht alles so zierlich aus!«
»Das haben die Ratten getan«, meinte Paul nachdenklich.
Er wurde ausgelacht. Dieses Lachen gab allerdings noch keine Erklärung. Schließlich fand Oskar selbst eine Lösung. Er erinnerte seine Freunde an jene Pflanzen, die sich den Boden, in dem sie wurzeln, selbst bereiten und ihn sich gewissermaßen zuträglicher machen. Eigentlich tut dies jede Pflanze, wenn sie nicht in dem Boden steht, der ihren Bedürfnissen genau zusagt. Nur die geringe Tätigkeit ihrer Wurzeln ist nicht zu merken. In Südamerika wächst beispielsweise ein Kaktus, der einen trockenen, zerrissenen Boden benötigt. Pflanzt man ihn in einen festgedrückten Boden, bohren seine Wurzeln schnell überall nach oben Luftlöcher, bis der Standort ganz so zerklüftet ist, wie er ihn braucht. Dies konnte auch bei dem Pflänzchen der Fall sein. Es brauchte einen lockeren, aufgehäuften Boden und eine Nacht hatte genügt, damit die Wurzeln dies zustande brachten.
Mit dieser Erklärung mussten sie sich zufriedengeben, und die Robinsons arbeiteten rüstig weiter. Im Laufe der nächsten Tage entstanden gebrannte und glasierte Tontöpfe, drei Paar Lederschuhe wurden fertiggestellt und schließlich begann man mit der Anfertigung eines ganzen Anzugs aus gegerbtem Antilopenfell.
Unterdessen behauptete Paul unentwegt, dass er jede Nacht von Ratten belästigt würde, die aus der Spalte kämen.
»Dann fange doch einmal eine«, meinte Oskar.
»Ich habe danach gegriffen, aber ich kann keine fangen. Ich fühle nur immer, wie sie mir über den Körper laufen, und höre sie zischen und rascheln.«
Aber es wurde keine Spur von Tieren gefunden, auch auf dem weißen Sand drückte sich keine Spur von ihnen ab. Ebenso blieben die Lockspeisen unberührt, als man aus Steinen Fallen mit gebratenem Fleisch aufgestellt hatte. Nichts wurde von den Vorräten genascht.
Dieses Rattenfühlen musste bei Paul krankhaft sein, obwohl er doch sonst ganz gesund war.
Da geschah etwas, das auch die beiden anderen wieder sehr nachdenklich machte.
Das Bäumchen hatte nämlich ein Dutzend Früchte getragen. Nachdem man die reifen Früchte gegessen und Oskar die Kerne gesammelt und wieder eingesteckt hatte, waren noch fünf Früchte daran gewesen. Eines Morgens aber waren diese alle vom Baum verschwunden. Es sah nicht so aus, als hätte ein Tier die Früchte abgerissen, sondern als hätte eine menschliche Hand sie mit Vorsicht abgepflückt.
Keiner der drei wollte es getan haben.
Eines Abends saßen sie in der Höhle und arbeiteten im Schein der Lampe an ihren zukünftigen Lederkleidern. Die Lampe bestand aus einem irdenen Gefäß, als Brennmaterial diente ausgelassenes Fett und sie hatten sich einen Docht aus feinen Pflanzenfasern gemacht. Das Leder war bereits zugeschnitten. Richard bohrte in regelmäßigen Abständen Löcher hinein. Oskar drehte aus feinen Pflanzenfasern eine Art Bindfaden. Paul schließlich nähte mit einer langen Fischgräte als Nadel, die am starken Ende durchbohrt war.
Es war ein unendlich mühseliges Geschäft, besonders, da die Nadel fortwährend abbrach und stets durch eine neu gefertigte ersetzt werden musste. Vermutlich konnten sie noch eine ganze Woche in den Lumpen herumlaufen, die ihnen bereits vom Körper zu fallen drohten.
Als es Zeit zum Schlafen war, packten sie ihr Nähzeug zusammen, legten es auf die zusammengerollten Lederstücke und suchten ihre Lagerstätten auf.
»Heute Nacht habe ich die Tiere auch bemerkt«, sagte Richard am nächsten Morgen als Erstes. »Es huschte mir etwas über den Körper, dann war es, als ob etwas Schweres durch die Höhle gezogen würde.«
Und heute bestätigte auch Oskar diese Aussage. Schnell, ehe sie den Boden zertraten, besichtigten sie ihn. Aber im weißen Sand war kein Abdruck irgendeines Tierfußes zu bemerken. Merkwürdig war nur, dass der Sand so glatt und von kleinen Rillen durchfurcht war. Es sah fast so aus, als würde der Boden der Höhle jede Nacht geharkt, allerdings mit einer sehr kleinen Harke, deren Zinken dicht beieinanderstanden.
»Wo sind denn die Lederstücke hin?«, rief Richard plötzlich.
Die angefangenen Kleider, die gedrehten Bindfäden, die Fischgräten – überhaupt alles, was zur Näherei gehörte – waren weg.
Bestürzt sahen sich die Freunde an und untersuchten noch einmal die Höhle, doch es fehlte nur das, was zu den Anzügen und zu deren Herstellung gehörte.
War einer von ihnen mondsüchtig? Tat er etwas im Schlaf, wovon er später nichts mehr wusste?
Aber dann dachten sie wieder an das Rascheln der Ratten oder anderer Tiere. Diese hatten das Leder wahrscheinlich fortgeholt. Seltsam nur, dass sie auch gleich das Nähzeug weggeschleppt hatten und sonst nichts weiter!
Richard legte sich nun auf den Bauch und tastete mit der Hand, so weit sein Arm reichte, in die Spalte. Auch mit einer langen Stange stießen sie darin herum, die allerdings das Ende der Spalte noch nicht einmal erreichte. Sie konnten nichts zutage fördern.
Das war ein betrübender Verlust. Wenn sie von da an rechneten, als sie mit dem Gerben der Felle begonnen hatten, so hatten sie zwei Wochen lang umsonst gearbeitet. Das Einreiben der Felle mit Fett, bis sie einigermaßen geschmeidig wurden, war eine mühselige und nun vergebliche Beschäftigung gewesen!
Nun war aber auch kein Zweifel mehr, dass die Höhle Tiere irgendwelcher Art beherbergte, die ihr nächtliches Wesen trieben. Offenbar hatten es diese nicht auf die Nahrungsmittel und noch weniger auf die menschlichen Mitbewohner selbst abgesehen, sondern die gegerbten Felle schienen ihnen allein eine Leckerei zu sein. Merkwürdig war immerhin, dass sie bisher die schon fertigen Schuhe verschont hatten.
Kurzum, wenn die Freunde ähnliche Verluste vermeiden wollten, musste zwischen ihnen und der Spalte eine Scheidewand errichtet werden. Frisch machten sich die drei Knaben ans Werk, die Spalte zuzumauern. Zu diesem Zweck formten sie Steine aus ihrer Lehmgrube, brannten diese, bereiteten eine Art Mörtel zu und als der Abend hereinbrach, war die Spalte mit Steinen verschlossen und auch die kleinste Fuge mit Mörtel verschmiert.
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