Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs – Band 10 – 9. Kapitel
Aus den Geheimakten des Weltdetektivs
Band 10
Der Mann mit den sieben Frauen
9. Kapitel
Um Leben oder Tod
Es war eine hochgewachsene, schöne, bleiche Frau mit langem, flatterndem, schwarzem Haar. Sie zitterte vor Todesangst und flüchtete, denn hinter ihr folgte der Lord auf dem Fuße.
»Zu mir – zu mir«, heulte das Scheusal von Dunsinam, »haha – hoffe nicht, mir zu entkommen. Hier bist du von aller Welt verlassen und mir verfallen. Aus diesem Turmgemach dringt dein Hilfeschrei nicht heraus. Hier gibt es keinen Retter für dich …«
»Du irrst, Lord Dungrave«, donnerte plötzlich eine Stimme, und eine schwarze Gestalt richtete sich vor dem Schlossherrn auf.
»Der Retter ist da, und mit ihm zugleich der Rächer!«
Nur den Bruchteil einer Sekunde lang starrte der Lord mit wild verzerrten Zügen und grollenden Augen Sherlock Holmes an.
Dann stieß er einen unartikulierten Schrei aus und warf die blonde Frau im nächsten Moment zurück. Sie flog bis hinüber zu einem gläsernen Sarg und dann …
Mit katzenartiger Gewandtheit schwang sich der Lord, der den Weg wohl kannte, durch das Fenster auf die Kuppel des Turmes hinauf.
Doch hinter ihm – nicht minder schnell als er und fest entschlossen, das Drama von Dunsinam zu Ende zu bringen – war Sherlock Holmes!
Der Lord bediente sich nicht mehr der eisernen Klammern. Er ließ sich förmlich über die Kuppel des Turms hinabrollen.
Hinter ihm her schob Sherlock Holmes seinen schlanken, hageren Körper – ungefähr wie eine Schlange dem Tiger folgt.
Der Lord hatte nun die eiserne Treppe erreicht.
Er wollte sie hinuntergleiten, da warf sich Sherlock Holmes mit wilden Sprüngen vorwärts, packte den Lord mit beiden Händen an den Schultern und hielt ihn fest.
»Deine Stunde ist gekommen, Lord Dungrave«, rief der Detektiv, sodass es schaurig durch die Mondnacht erklang.
»Sieben Frauen hast du besessen, sechs von ihnen hast du gemordet. Dein letztes Opfer war Mary Halton, doch die hat dich verraten. Jetzt bist du mein!«
Während es dem Detektiv gelang, mit den Füßen auf die Leiter zu kommen, heulte der Lord: »Ich weiß, du bist Sherlock Holmes und kein anderer. Doch bevor ich dir verfallen bin, wirst du mit mir ringen, auf Leben und Tod!«
Die beiden Männer packten sich auf der schmalen Leiter gegenseitig — jeder von ihnen hielt sich mit einer Hand an den Sprossen fest, während sie bestrebt waren, den freien Arm umeinander zu schlingen.
Sie pressten Stirn an Stirn, Schaum stand vor den Lippen des Lords, während Sherlock Holmes mit beinerner Ruhe arbeitete.
Nun gelang es dem Detektiv, den Hals des Gegners mit der Hand zu umklammern, weit beugte er den Kopf des Lords herab, dann ein Stoß …
Mit einem gellenden Schrei sauste Lord Dungrave kopfüber von der Leiter herab.
Sherlock Holmes hatte gehofft, dass er den wahnsinnigen Verbrecher in den Hof geschleudert haben würde.
Er hatte gehofft, Lord Dungrave ein für alle Mal unschädlich gemacht zu haben, doch der Körper des Lords war nur auf die Galerie gefallen.
Sogleich glitt Sherlock Holmes über die Leiter hinab.
Er wollte sich des Lords bemächtigen und ihn fesseln, bevor dieser wieder auf die Beine kommen konnte.
Doch der Detektiv kam zu spät.
Blitzschnell hatte sich der Lord erhoben. Im nächsten Moment öffnete sich eine Seitentür auf der Galerie, die Sherlock Holmes vorher nicht bemerkt hatte, und Lord Dungrave war verschwunden.
Zwar gelang es Sherlock Holmes wenige Minuten später, die kleine, fast unsichtbare Tür mithilfe seines Brecheisens zu öffnen, und er fand auch den Weg, den der Verbrecher vor ihm geflohen war, doch es war bereits zu spät. Zu seiner größten Überraschung gelangte er dabei über eine kleine Wendeltreppe hinab in den sogenannten Rittersaal des Schlosses. Es war ein großer Raum, dessen Wände mit altertümlichen Möbeln und allerlei Erinnerungen an die Ritterzeit geschmückt waren: Schilder, Schwerter, Panzerungen und ganze Rüstungen.
Der Mond sandte durch die hohen Bogenfenster sein Licht in den weiten Raum und Sherlock Holmes machte sich sogleich daran, den ganzen Saal zu durchsuchen.
Vor allem stellte er fest, dass die große Tür, die von außen in den Rittersaal führte, fest verschlossen war und in den letzten Tagen sicher nicht geöffnet worden war.
Das Schloss dieser Tür war hoch mit Staub bedeckt und es war kein Fingerabdruck in diesem Staub zu sehen.
Und doch konnte Sherlock Holmes Lord Dungrave nicht finden.
Der Schurke von Dunsinam war entflohen – auf eine wahrhaft rätselhafte Weise hatte er sich auch diesmal dem Rächer entzogen.
Schreibe einen Kommentar