Bräute für das Biest – Kapitel 6
Wayne Rogers
Bräute für das Biest
Ein Mystery-Thriller voll herzzerreißendem Grauen
Ein wahnsinniges Wesen durchstreift die Bergwildnis und versetzt die Bergbewohner in Angst und Schrecken. Gleichzeitig erfüllte es das Herz von Minna Talbot mit quälenden Zweifeln. Ein wahnsinniger Wissenschaftler flüsterte ihr Geheimnisse über die Geburt ihres Geliebten zu – Geheimnisse über ein grausames Experiment mit einem Menschenaffen.
Kapitel 6
Die Nahrung des Hasses
Das grelle Licht brannte noch immer über ihr, als ihr Verstand langsam wieder aus der Umnachtung erwachte. Es schmerzte in den Augen und zwang sie zum Blinzeln. Über ihr hing eine Lampe am Dach einer Höhle. Minna lag auf einem harten Steinboden; ihre schmerzenden Hand- und Fußgelenke waren so fest verschnürt, dass sie sich nicht rühren konnte.
In dem Raum stand grobes, selbstgezimmertes Mobiliar – Bänke und ein Tisch. Dann bemerkte sie, dass sie nicht allein war. Auf der anderen Seite der Höhle saß Professor Kincaid an eine Bank gefesselt. Er war geisterhaft bleich, sein Gesicht gezeichnet von seelischer Qual. Neben ihm stand der blutbesudelte Affe.
Minna stöhnte auf, gepeinigt von ihrem pochenden Schädel und den brennenden Fesseln. Die mörderische Kreatur vernahm das Geräusch und wirbelte zu ihr herum. Minnas Augen starrten ungläubig an ihm vorbei. Dann machte ihr Herz einen Sprung vor wilder Erleichterung und triumphierender Ekstase.
Das Scheusal unter dem Gorillafell war nicht Hartley – denn Hartley saß dort drüben auf der Bank neben seinem Vater, gefesselt und hilflos! Ein Blutfleck klebte auf seiner Stirn, und seine Augen wirkten abgezehrt, als sie ihren Blick trafen, doch das spielte keine Rolle. Er war nicht der grausame Mörder! Er war keine blutdürstige Bestie, kein Halbaffe in Menschengestalt!
Doch es gab einen echten Affen in der Höhle. Nicht das verkleidete Ungeheuer, sondern einen wahrhaftigen Primaten. Sie hörte ihn wütend knurren und unruhig auf und ab laufen. Als sich ihre Augen an das Halbdunkel gewöhnt hatten, sah sie, dass ein Ende der Höhle mit Gittern zu einem Käfig abgetrennt war. Hinter diesen Stäben wiegte sich ein echter Gorilla hin und her – ein Monster, noch größer als die Affen des Professors. Seine roten Augen glühten förmlich vor Zorn.
»Ganz ruhig, Schätzchen«, gurrte Mandy Goss’ raue, brüchige Stimme dem Tier zu. »Deine Zeit kommt schon bald.«
Mit einem kehligen Lachen wandte sie sich vom Käfig ab und trat grinsend ins Licht. Ihr zänkisches Gesicht wirkte diabolisch in seinem hasserfüllten Triumph, während sie von einem Gefangenen zum anderen schritt und auf sie hinabstarrte. Vor dem Professor blieb sie stehen und spuckte ihm mitten ins Gesicht.
»Was … was hat das zu bedeuten, Mandy?«, keuchte Kincaid.
»Ach, du erkennst mich wohl nicht, was?«, grinste die Alte bösartig. »Nach all den Jahren bin ich für dich immer noch bloß die Mandy Goss. Wenn es um Affenvieh geht, bist du ja ganz schlau, Professor, aber von Menschen verstehst du nichts. Du warst so beschäftigt mit deinen Bestien, dass du keine Zeit hattest, die Mutter von Nonnie Blake zu erkennen. Ja, Nonnie Blake! Das Mädchen, das du eingestellt hast, um auf deinen Balg aufzupassen! Das Mädchen, das du mit deinen dreckigen Experimenten umgebracht hast!« Ihr Zorn steigerte sich zum Gebrüll. »Das Mädchen, das du mit einem Affen gepaart und dann aus dem Haus geworfen hast, als sie ein Kind erwartete!«
Eine schwere, unheilvolle Stille legte sich über die Höhle. Minna starrte den Professor an, während ihr kalte Schauer über den Rücken liefen. War es möglich, dass er so etwas Abscheuliches getan hatte? War dies das schuldige Wissen, das sie in seinen Augen zu erkennen geglaubt hatte?
Seine Lippen bebten, doch es dauerte lange, bis er sprechen konnte. »Mandy«, sagte er schließlich mit leiser Stimme, »wenn ich gewusst hätte, dass du das glaubst … Das ist absurd. »Kein Tier war jemals in Nonnies Nähe. Ich habe ihr nie erlaubt, das Labor zu betreten. Aber ich ertappte sie bei einer Affäre mit einem umherziehenden Zigeuner. Als ich merkte, dass sie schwanger war, musste sie gehen. Wenn sie dir etwas anderes erzählt hat, dann war es eine Lüge, um sich selbst zu schützen.«
»Es ist leicht, eine Tote eine Lügnerin zu nennen!«, tat Mandy seine Erklärung verächtlich ab. »Sie kann nicht mehr antworten. Aber ich kann es – und ihr Sohn kann es! Jahrelang habe ich für dich geschuftet und den Boden verflucht, auf dem du gehst. Ich habe gehofft, dass jeder Bissen, den ich für dich koche, dich ersticken lässt. Aber ich habe gewartet und geplant. Und jetzt, mein lieber Professor, ist meine Zeit gekommen – meine und Nonnies Zeit!«
Die Stimme der rasenden Frau war zu einem gellenden Schrei angeschwollen. Ihr Verstand war durch den langjährigen Hass zerrüttet. »Jetzt wirst du bezahlen!«, heulte sie vor Vergnügen. »So wie ich bezahlt habe! Mein einziges Bedauern ist, dass du keine eigene Tochter hast. Aber dieses Mädchen hier, die deine Schwiegertochter werden wollte, wird es auch tun. Und wenn Tana mit ihr fertig ist, wird er sich um dich und deinen Sohn kümmern.«
»Tana?!« Der Professor blinzelte mit seinen schwachen Augen zum Käfig. »Das ist also aus Tana geworden. Ich habe mir Sorgen gemacht, seit er vor Jahren aus dem Labor entkommen ist.«
»Seit ich ihn freigelassen und hierher geführt habe, meinst du wohl«, triumphierte Mandy. »Tana zu holen, war nur der erste Schritt. Tanas Gefährtin auszugraben, nachdem sie dir verreckt ist, und sie zu häuten, war der zweite.«
»Jedes Mal, wenn ich von diesen schrecklichen Morden hörte, war ich sicher, dass es Tana war«, fuhr der Professor fort, als hätte er sie nicht gehört. »Aber ich wagte nicht, meinen Verdacht zu äußern, aus Angst, die Einheimischen würden meine anderen Tiere töten und mich vertreiben.«
»Du wirst früh genug sehen, was er tut«, gluckste Mandy und wandte sich wieder dem Käfig zu. »Corby, mach das Mädchen bereit für Tana.«
Der Teufel in der blutigen Gorillamaskerade war also Corby, der einfältige Enkel der alten Frau! Das war es, was die arme Bess Robely in ihrem Delirium gemeint hatte: Der Vater ihres Kindes trug das Fell eines Affen, war aber ein Mensch. Und der Säugling war kein Affe gewesen, sondern ein grausamer Fehler der Natur.
Minna versuchte verzweifelt, vor dem abstoßenden Wesen zurückzuweichen, doch Corby hob sie hoch, als wäre sie eine Puppe. Er schleifte sie in die Mitte der Höhle und durchschnitt die Seile an ihren Gliedmaßen mit einem blutbefleckten Messer. Bevor sie ihre tauben Hände bewegen konnte, schnappte eine Handschelle um ihr rechtes Handgelenk, die an einem Eisenring im Boden verankert war.
Mit einem Schlag seiner Faust schlug er sie zu Boden und riss ihr die Kleider vom Leib, während seine lüsternen Augen ihre Nacktheit weideten, bis Mandy ihn aus dem Weg befahl.
Minna kauerte auf dem Boden und starrte wie gebannt auf den Käfig. Der Gorilla versetzte sich in rasende Wut und riss an den Gittern, ohne den Blick von ihr abzuwenden. Ein tierisches Wimmern drang aus seiner Kehle, seine roten Augen brannten vor Begierde. Wenn er erst einmal aus diesem Käfig herauskam …
Grauen hatte ihr Gehirn betäubt und ihren Körper gefrieren lassen. Hartley und der Professor stießen Drohungen und Hilferufe aus, doch Mandy verspottete sie nur. »Schreit nur. Niemand wird euch helfen. Ich habe den Hass der Leute auf euch geschürt.«
Mandy schloss die Käfigtür auf. Die Kreatur stürmte heraus. Minna wollte die Augen schließen, aber sie konnte nicht. Sie musste zusehen, wie das Monster auf sie zusprang.
»Da ist sie, Tana!«, lachte Mandy Goss. »Hol dir deine Braut – genau wie du Nonnie hattest!«
Der Gorilla trottete auf allen vieren vorwärts. Dann hockte er direkt über ihr. Eine schwarze Pranke tastete zaghaft nach ihrer Seite. Minna wollte schreien, doch ihre Kehle war wie zugeschnürt. Sie lag da wie eine Statue aus Elfenbein, während die schwarzen Finger über ihren zuckenden Körper wanderten.
War sie wahnsinnig geworden? Erzeugte ihr fieberndes Gehirn Phantome? Dort am Eingang tauchte noch ein Affe auf – und dahinter noch einer!
Aber es waren keine Einbildungen. Hartley sah sie auch. »Dora! Obo!«, rief er ihnen zu. »Hierher!« Er begann, in einer seltsamen Mischung aus Lauten – Klicken, Winseln und Schnauben – zu ihnen zu sprechen. Und die Affen verstanden ihn.
Mit wütendem Gebrüll stürzten sie in die Höhle. Tana spürte die Herausforderung sofort. Er ließ von Minnas Körper ab und sprang seinen Artgenossen entgegen. Im nächsten Moment waren die drei behaarten Leiber in einem Knäuel aus wilder Wut verkeilt.
Doch Mandy Goss, die ihre Rache entschwinden sah, wurde zur Furie. Mit krallenartigen Fingern stürzte sie sich auf den Professor. In diesem Moment riss sich Hartley los, versetzte der Alten einen Schlag und ging auf Corby, den falschen Gorilla, los. Ein brutaler Kampf entbrannte. Corby besaß ungeheure Kräfte; er hob Hartley hoch und drückte ihm die Luft aus den Lungen.
Aus dem Augenwinkel sah Minna, wie Mandy zu dem Messer kroch, das auf dem Boden lag. Wenn sie es erreichte, würde sie es Hartley in die Brust stoßen. Doch sie musste an Minna vorbei.
Minna wartete den Bruchteil einer Sekunde ab. Dann warf sie sich mit ihrem gesamten Gewicht in die Kette und umschlang Mandys Beine. Mit der Kraft der Verzweiflung hielt sie die tobende Alte fest.
»Dora!«, keuchte Hartley mit blutigen Lippen. »Hilf mir!«
Die fast menschliche Gorilladame hörte seinen Schrei. Sie überließ es ihrem Gefährten Obo, den halbtoten Tana zu erledigen, und glitt lautlos herüber. Eine schwarze Pranke packte Corby an der Schulter, die andere schloss sich um seine Kehle. Corby starb genauso, wie er seine Opfer getötet hatte – ein Schrei des Terrors erstickte in seiner Kehle.
Sobald Hartley frei war, nahm er Mandy Goss in den Griff. Er war gerade dabei, sie zu fesseln, als Don Porter in den Höhleneingang kroch.
»Gute Arbeit«, gratulierte er mit einem schmerzverzerrten Grinsen. »Gerade noch rechtzeitig. Das Aufgebot ist wieder unten am Haus und sie kommen hierher.«
»Don!«, rief Minna. »Ich dachte, Corby hätte dich getötet!«
»Das dachte er auch«, stimmte Don zu. »Aber ich bin zäh. Ich konnte nicht schnell laufen, aber ich schaffte es zum Labor und ließ die Affen frei. Sie folgten Hartleys Stimme.«
»Guter Mann«, sagte Hartley knapp. Dann wandte er sich zu Minna, die noch immer angekettet am Boden kauerte. »Und jetzt, Liebling, müssen wir dir etwas zum Anziehen besorgen, bevor die Leute hier eintreffen.«
Doch bevor er sich darum kümmerte, schloss er sie in seine Arme und bedeckte ihre bebenden Lippen mit einem leidenschaftlichen Kuss – einem Kuss, den sie voller Dankbarkeit und ohne jede Spur von Angst erwiderte.
Ende
Schreibe einen Kommentar