Mörder und Gespenster – Band 1 – 23. Teil
August Lewald
Mörder und Gespenster
Band 1
Der Muttermörder
Kapitel 4
Friederike war dem Anschein nach wieder genesen, aber tief im Inneren nagte der Wurm des Grames an ihrem Herzen, und sie siechte und welkte dahin. Der grauenvolle Ausruf, mit welchem der Mörder der alten Frau Walter entflohen war, tönte ihr noch immer schrecklich in den Ohren: »So töte nun auch deinen Vater, wie du schon deine Mutter getötet hast!«
Welch ein grässlicher Orakelspruch für ein armes Kind, das seine Eltern nie kannte und das von frühester Jugend an nur von der Mildtätigkeit fremder Menschen erhalten worden war. Sie durchflog ihren ganzen bisherigen Lebenslauf; doch keine Spur, die sich auf jene unselige Tat, deren der fürchterliche Mensch sie beschuldigte, hätte beziehen können, wurde ihr gegenwärtig. War es vielleicht nur eine Ähnlichkeit, die ihn irregeleitet hatte? Diese Zweifel folterten sie stündlich; die Qual in ihrer Brust schwoll zur Riesengröße an und das Leben wurde ihr zur Last. Sie wünschte sehnlich, eine Welt zu verlassen, die für sie stets freudlos gewesen war und ihr nun nur noch eine trübere Aussicht zeigte. Mit dieser ungelösten Rätselfrage aber das Leben zu verlassen, schien ihr unmöglich. Die Törin! Sie bedachte nicht, dass sich im Jenseits alle Rätsel lösen und jede Zweifelsfrage hienieden dort ihre vollkommene Antwort findet!
Ihr einziger Wunsch ging nun dahin, den gefangenen Heinrich Walter zu sprechen. Er sollte sie genau betrachten; sie wollte ihm alle Umstände ihres früheren Lebens offenbaren, und dann sollte er ihr sagen, ob er sich nicht getäuscht habe – ob er der Vater einer Tochter sei, die ihre Mutter ermordet hat, ob er ihr Vater sei.
Der Kriminalrichter, den die Hoffnung stachelte, durch eine solche Zusammenkunft neue Aufschlüsse zu erhalten, bewilligte das Gesuch. Während Friederike zu dem Gefangenen gelassen wurde, trat der Richter in einen angrenzenden Kerker, um an einer Tür zu lauschen und zu horchen.
Man hatte Heinrich Walter nicht vorbereitet. Er erschrak heftig, als habe er eine übernatürliche Erscheinung vor sich, als er das schöne Mädchen eintreten sah und sie im Glanz der mitgebrachten Kerzen, die eine ungewöhnliche Helle im Kerker verbreiteten, betrachtete. Wie damals, als er sie das erste Mal gesehen hatte, schrak er zurück, bedeckte die Augen mit der Hand und rief schmerzvoll: »Friederike!«
Sie stand ihm lange gegenüber, nachdem der Gefangenwärter sie verlassen hatte, ohne ein Wort zu sprechen. Wie sie so ihren Blick auf dem schönen Mann ruhen ließ, der in so tiefem Elend, des entsetzlichsten Verbrechens angeklagt, vor ihr dasaß, da vergaß sie ihres eigenen Elends und ihrer eigenen rührenden Gestalt, die ja eines ebenso entsetzlichen Verbrechens beschuldigt wurde.
Die Gefangene brach zuerst das Schweigen. Der Ton dieser Stimme erinnerte sie an jene Nacht, wo sie diese zum ersten Mal gehört hatte, und diese Erinnerung verscheuchte den Frieden, der über ihre Seele gekommen war.
»Unglückliche, was willst du hier an diesem Ort, wohin deine Sucht nach Rache mich gebracht hat? Denn nur dir – nur dir verdanke ich es, dass ich hier bin. Niemand war Zeuge als du, und du hast mich den Gerichten verraten!«
Sie versuchte zu sprechen, aber ihre Zunge war wie gelähmt, und sie rang vergebens nach Worten.
Der Gefangene fuhr fort: »So freue ich mich denn nun, dass du hier bist und dass du mir entgegengekommen bist; vielleicht hätten sie mir meine Bitte, dich noch vor dem Tode zu sprechen, abgeschlagen. So wisse denn: Ich kann dich ebenso unglücklich machen, wie du mich gemacht hast. Habe ich die alte Frau getötet, die mich in die Welt gesetzt, die mir eine schlechte Erziehung gegeben und mich durch ihren Eigensinn, den sie Liebe nannte, gequält hat – den ich viele lange Jahre hindurch ertragen habe; habe ich sie getötet, als das Uhrwerk fast abgelaufen war und sie nur noch wenige Stunden zu leben hatte, so erscheine ich wie ein belachenswerter, ungeduldiger Tor, als nichts weiter. Hätte ich meine Tat nur noch für kurze Zeit aufgeschoben, vielleicht nur für wenige Minuten, so hätte mich der natürliche Tod der alten Frau von ihrem peinigenden Dasein befreit. Ich wäre schwarz gekleidet hinter ihrem Sarg hergegangen und hätte der ganzen Welt als ein guter Sohn gegolten. Ich war ein dummer, übereilter Bursche, nichts weiter, der seinen Kopf einsetzte – einen jungen, dreißigjährigen Kopf –, um damit die ungewisse Ruhe weniger Stunden zu erkaufen. Du aber hast Schrecklicheres getan: Du tötetest schon als Kind deine Mutter und bringst dann deinen Vater aufs Schafott!«
Hier schwieg der Schreckliche. Das Mädchen atmete hörbar und erwachte aus einer Erstarrung, die sie bis dahin gefesselt hatte. Sie näherte sich schwankend dem Gefangenen, als wollte sie seine Hand ergreifen – jene Hand, womit er der alten, hilflosen Mutter die Kehle zugedrückt hatte. Doch diese Besinnung kam ihr zur rechten Zeit, und sie ergriff die Hand nicht.
»Um Gottes willen! Diese Worte hörte ich schon einmal, und ich höre sie seitdem fortwährend in mir widerhallen! Barmherzigkeit! Was soll das bedeuten? Wer bin ich denn? Wer waren – wer sind meine Eltern?«
»Ein armes Mädchen, das im Haus meiner Eltern diente«, sprach der Gefangene fast tonlos, »war deine Mutter; ich bin dein Vater. Ich liebte dieses Mädchen; sie zähmte meinen wilden Sinn. Ich würde die entgegenstehenden Verhältnisse gewiss bewältigt haben – sie wäre meine Gattin geworden, gäbe es nicht deinen Mord.«
Krampfhaft zitternd stürzte Friederike nun auf den feuchten Boden des Kerkers nieder; sie wand sich in größter Herzensangst mit gefalteten Händen vor Heinrich.
»Den Gnadenstoß mir – ich flehe dich an! Wie? Wie? Wodurch?«, so schrie sie, von Schluchzen unterbrochen.
»Deine Mutter, die wie du Friederike hieß, hatte ihr Wochenbett fern von hier in einem kleinen Dorf an der Grenze gehalten. Niemand kannte sie dort; ich hatte sie bei einer armen, aber ehrlichen und verschwiegenen Familie untergebracht. Schon bei der Geburt zeigtest du eine auffallende Ähnlichkeit mit deiner Mutter, und diese ist noch jetzt so stark, dass ich dich hieran und an deinem Namen sogleich erkannte. Diese Zeichen trügen nicht. Wenn ich in das Dorf kam, so freute ich mich über Mutter und Kind, dass beide so gesund waren und mir Ungestüm bald eine anmutige Fessel versprachen, die mich mit der bürgerlichen Welt versöhnen sollte – jener Welt, die mich grausam um einiger eher leichtfertiger als böser Streiche willen verfolgt und ausgestoßen hat. Das Einzige, was meinen Wünschen entgegenstrebte, war die Gesinnung meiner Mutter. Sie entspross einem jener Häuser, die auf ihre rein bürgerliche Herkunft stolzer sind, als es die ältesten Geschlechter des Adels wohl sein können, und sie hätte sich daher meiner Verbindung mit ihrem ehemaligen Stubenmädchen stets widersetzt. Damals lebte mein Vater noch, und ich, fast noch ein halbes Kind von unentwickelten Begriffen, wagte es nicht, mich der elterlichen Gewalt zu entziehen. Hätte ich es damals über mich vermocht; hätte ich doch damals das alte Haus verlassen können, an dem meine Mutter als dem Sitz ihrer Vorfahren mit solchem Eigensinn hing! Wäre ich mit meiner Friederike und meinem Kind in die weite Welt gezogen, ich wäre allem Unglück, aller Schmach entgangen!«
Der Gefangene hielt hier inne; eine fürchterliche Pause der Erwartung folterte aufs Neue das arme Mädchen, das flehend ihren Tränenblick zum Vater erhob.
»Und ich … und ich … wie bin ich zur Mörderin geworden?«, dies brachte sie fast unverständlich hervor.
»Es waren bereits mehrere Monate verstrichen, als du in einer Nacht heftig schreiend erwachtest. Deine Mutter nimmt dich besorgt auf den Arm und legt dich an die Brust. Bald beruhigst du dich und saugst mit vollen Zügen. Deine Mutter schläft ein – hörst du? Deine Mutter schläft ein, um nie wieder zu erwachen. Du warst während des Schlafes deiner Mutter auf unerklärliche Weise in die Höhe gerutscht; am Morgen fanden dich die Leute auf ihrem Mund liegen. Die schwache Wucht deines kleinen Körpers hatte sie erstickt.«
Friederike weinte nun nicht mehr; ihre roten, brennenden Augen hafteten auf dem Vater. Sie stammelte: »Weiter, weiter!«
»Der Tod deiner Mutter hatte mich zerschmettert«, fuhr Heinrich Walter fort. »Mein aufbrausender Geist, der in dir, der Unschuldigen, dennoch nur die Zerstörerin seines Glückes sah, wollte dich nicht wiedersehen. Ich gab von dem wenigen, das mir damals die Sparsamkeit meines Vaters zur Verfügung ließ, etwas zu deiner Verpflegung her. Doch die Leute, bei denen du warst, mussten dich bald dem Waisenhaus überlassen, da ihnen die Mittel fehlten, dich weiter zu beherbergen. Mir warst du ganz entschwunden; ich wusste nicht einmal, ob du noch am Leben seist. Da sah ich dich in jener Nacht wieder. Dein Hilferuf und mein eigener Trieb der Selbsterhaltung entrangen mir den Ausruf, der dich jetzt in meine Nähe bringt. Auch du bist nun elend. Die Enthüllung dieses Geheimnisses wird dich keine Ruhe mehr im Leben finden lassen. Du hast mir das Liebste auf Erden geraubt, mir den Weg zum Glück versperrt und lieferst mich nun dem schmachvollsten Tod aus. Geh hin! Ich kann dich nicht lieben! Du bist die Natter, die ihrer Mutter im Augenblick des Gebärens den Tod gab; ich will das grimme Raubtier sein, das seine eigene Brut zerfleischt. Geh hin! Verlass mich! Du sollst mich nie wieder sehen – es sei denn als Toten!«
Friederike lag noch immer vor ihm, harrend und hoffend, dass sich noch eine Milderung des schrecklichen, ehernen Schicksalsspruchs zeigen würde. Vergebens! Wie ein Steinbild, starr und stumm, saß Heinrich Walter da. Da erhob sie sich endlich; sie weinte noch immer nicht, und mit gesenktem Haupt schritt sie langsam der Kerkertür zu, die ihr auf ein leises Klopfen sogleich geöffnet wurde.
Der Kriminalrichter wusste nun, was er wissen wollte. Der Prozess nahm eine andere Wendung; seine Beendigung rückte schneller heran. Den Anschuldigungen, die nun zuversichtlicher und unmittelbarer erfolgten, setzte Heinrich Walter keinen Widerspruch mehr entgegen; nach jener Beichte vor seiner Tochter schien er sich den Tod nur noch zu wünschen. Aber noch ehe er das Schafott bestieg, zog man die Leiche seiner unglückseligen Tochter aus dem Fluss; sie sah ihres Vaters schreckliches Ende nicht mehr.
Schreibe einen Kommentar