Lord Lister, genannt Raffles, der Meisterdieb – Band 5
Kurt Matull & Theo von Blankensee
Lord Lister, genannt Raffles, der Meisterdieb
Band 5
Der schwarze Mann im Schlafzimmer
Überarbeitete Fassung
1. Kapitel
Die verschwundenen Juwelen
In der stillen, dunklen Tiergartenstraße warf das Licht, das aus der Villa des Bankiers Von Hartstein strahlte, seinen hellen Schein. Eine Kutsche nach der anderen fuhr vor, Diener in Livree eilten herbei, öffneten die Tür und geleiteten die in leichte Abendmäntel gehüllten Damen sowie die Herren in Frack oder Uniform hinein. Alles, was sich in der Haupt- und Residenzstadt schön und elegant nennen durfte, sowie jeder, der berühmt und bekannt war, versammelte sich im Haus dieses Mannes, des überaus reichen Direktors und Eigentümers der vornehmsten Effektenbank.
In dem überreich mit Blumen und Palmen geschmückten Saal rauschte die verführerische Tanzmusik. Verborgen hinter den prächtigsten tropischen Pflanzen spielte eine berühmte Zigeunerkapelle, die man unter großen Kosten aus Wien hatte kommen lassen. Die süßen Melodien erklangen auch in den angrenzenden Räumen, die die herrlichsten Plätze boten, um gemütlich zu flüstern oder nach den Anstrengungen des Tanzes zu flirten.
Der Ballettmeister, der im großen Saal unter dem riesigen, mit Rosen-Girlanden geschmückten Kristall-Gasleuchter stand, hatte gerade das Zeichen zum Beginn einer Quadrille gegeben, und man sah die schlanken, eleganten Frauen und Mädchen sich zwischen den schwarzen Fräcken und glänzenden Uniformen der Herren bewegen. Man hörte das fröhliche Lachen und die Scherzworte ab und zu über den Tönen der Musik, als plötzlich, ungefähr in der Mitte des Saales, auf auffällige Weise Verwirrung unter den Tänzern entstand.
Der Herr, der sich bei diesen vier Paaren durch seine besonders schöne, männliche Gestalt auszeichnete, gab dem Ballettmeister ein Zeichen, worauf dieser durch eine Bewegung seiner Hand das Orchester zum Schweigen brachte. Allgemeine Neugier entstand, um die Ursache dieser Störung zu ergründen, aber schon nach wenigen Sekunden spielte die Musik wieder, der Tanz wurde fortgesetzt, und nur wenige Personen erfuhren, dass die junge und bezaubernde Gastgeberin, Adelheid von Hartstein, ihr Collier verloren hatte, das aus den kostbarsten Diamanten und Rubinen zusammengesetzt war und einen fabelhaften Wert darstellte.
Sobald die Quadrille beendet war, erschien eine große Anzahl Diener in ihrer grauen, mit Silber besetzten Livree. Mit scharfen Blicken durchsuchten sie einige Male den gesamten Saal, ohne jedoch auf dem glatten Parkettboden eine Spur des verlorenen Colliers zu finden.
Adelheid von Hartstein war, mit ihrer schlanken und doch wohlgeformten Gestalt, ihren tiefblauen Kinderaugen und dem weichen, von lockigem blondem Haar umrahmten Gesichtchen, eine prächtige Frau, und es musste jedem auffallen, wie gut, gerade durch den großen Gegensatz, der Herr zu ihr passte, an dessen Arm sie sich in diesem Augenblick vorwärts bewegte, um in eines der Seitenzimmer zu gelangen, wo ihr Mann, der Bankier, sich beim Spiel vergnügte.
Lord Brigham hatte nicht das gewöhnliche Aussehen eines Engländers. Sein welliges Haar war pechschwarz und über der typischen Nase funkelten ein paar schwarze Augen. Die fein geschnittenen Lippen waren unter dem kleinen, kurz geschnittenen Schnurrbart sichtbar. Aber das Kinn zeichnete Willenskraft, und der sehnige, muskulöse Körper deutete auf außergewöhnliche Kraft und Gewandtheit hin. Lord Brigham stammte aus einer der ältesten Adelsfamilien Englands und hatte daher Beziehungen in den besten Kreisen. Heute war er jedoch zum ersten Mal Gast des Bankiers Von Hartstein.
»Ich hoffe, dass dieser Vorfall Sie nicht verstimmt hat, gnädige Frau«, sprach er mit seiner wohlklingenden Stimme, »es ist sicher anzunehmen, dass das Collier wiedergefunden wird.«
Die junge Frau schien dieser Meinung nicht vollkommen zu teilen. Während sie ihren Kavalier, der einen Kopf größer war als sie selbst, mit ihren wundervollen blauen Augen ansah, antwortete sie: »Ich weiß nicht, Mylord, ich habe ein unbestimmtes Gefühl, als ob etwas … ja, ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll …«
»Sie glauben doch nicht, gnädige Frau Baronin, dass … nun ja, dass das Collier in weniger wünschenswerte Hände geraten ist?!«
Sie zuckte mit den Schultern, ohne ihren Kavalier anzusehen, und während ihre Stimme schüchtern, fast kindlich befangen klang, sprach sie in leisem Ton: »Wir sind hier schließlich inmitten von Freunden … Ich meine, unter unseren Gästen. Es wäre also schlecht von mir, wenn ich auch nur im Entferntesten jemanden zu verdächtigen wagte.«
Sie zögerte einen Augenblick und fuhr dann fort: »Es ist so merkwürdig! Ich hatte noch im selben Augenblick das Gefühl, das Collier um meinen Hals zu spüren. Man gewöhnt sich so daran, und wenn man diese Kostbarkeiten den ganzen Abend trägt, dann vermisst man etwas, wenn sie plötzlich verschwunden sind. Und so bemerkte ich, dass es plötzlich so leicht um meinen Hals wurde …«
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