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Kommissar Rosic – Band 1.06

Rodolphe Bringer
Kommissar Rosic
Band 1
Der Dolch aus Kristall
Kapitel 6: Der Bankier von Viviers

Knapp eine Stunde später kam Rosic, in Begleitung von Lahuche und Frégière, im Auto an dem kleinen Haus des Letztgenannten an.

Dieses kleine Haus, das sich direkt am Rande der Schienen befand, lag genau am Eingang jener Engstelle, die man Passage du Robinet nennt.

Es überblickte den Bahnübergang einer recht viel befahrenen Straße, die von Donzère nach Viviers führt und die Rhône in zehn Metern Entfernung von den Gleisen auf einer mautpflichtigen Hängebrücke überquert.

Doch der Ort ist überaus einsam, und die nächste Behausung ist erst in mehr als einem Kilometer Entfernung zu finden.

Mit einem einzigen Blick hatte Rosic die Örtlichkeiten erfasst; dann ließ er sich an die Stelle führen, an der Frégière – wie eine dicke Amsel, wie er zu sagen pflegte – jenen Privatmann entdeckt hatte, von dem man annahm, er sei aus dem B-14 gesprungen und der Mörder.

Das Weidengebüsch wies, dank seiner geknickten oder zerzausten Zweige, noch deutlich die Spur eines Körpers auf, der schwer hineingefallen sein musste.

»Sehen Sie«, triumphierte Rosic, »genau so hatte ich es mir gedacht! Der Mann wollte einen Kopfsprung in die Rhône machen, deren Wasser seinen Sturz abgefedert hätte! Er hat die Autotür geöffnet, Schwung genommen, aber nicht an diese Baumgruppe gedacht, die ihn auffing. Durch die Wucht des Aufpralls ist er ohnmächtig geworden! Übrigens«, fügte er hinzu, nachdem er das Umfeld der Weiden abgesucht hatte, »gibt es hier nichts weiter zu untersuchen. Gehen wir zu Ihnen nach Hause!«

Auch in dem kleinen Haus bemerkte er nichts Interessantes; der Sessel, in dem der Mann geschlafen hatte, war noch da, ebenso die Decken, die die Frégière ihm gegeben hatte, um ihn vor der Kühle der Nacht zu schützen; aber es gab keinerlei Spur, außer dem recht starken Geruch eines moschusartigen Parfüms, von dem der Sessel und die Decken durchdrungen waren. Rosic brauchte die Frégière gar nicht erst zu fragen, um zu begreifen, dass dieser Geruch der des Mörders sein musste. Aber das war als Spur reichlich dürftig.

»Nun«, sagte Rosic mit lauter Stimme, »jetzt ginge es darum zu wissen, in welche Richtung unser Mann abgehauen ist?«

»Was das angeht«, sagte die Frégière, »ist das ziemlich einfach!«

»Wie das?«

»Nun ja! Als ich heute Morgen Hortense von unserem Abenteuer erzählte …«

»Wer soll das sein, Hortense?«

»Die Rigotte … die Frau des Mautners«

»Ah!«, machte Rosic, sichtlich interessiert, »und weiter, diese Hortense?«

»Sie hat mir Folgendes erzählt: ›Ich kenne deinen Typen. Ja! Es heißt, dass heute Morgen gegen fünf Uhr ein Mann die Brücke überqueren wollte, ohne seinen Groschen zu bezahlen. Da ist Rigot ihm nachgelaufen, aber der Kerl hat die Beine in die Hand genommen, und … nun ja … da Rigot nur im Hemd war … ohne Mütze, wollte er sich wegen eines Groschens keine schwere Erkältung holen und hat ihn laufen lassen. Aber die Rigotte hat ihn genau gesehen. Und er entspricht der Beschreibung des Mannes, den Frégière in den Weiden von Le Robinet aufgespürt hat!«

»Das ist doch schon mal gut«, pflichtete Rosic bei. »Wir wissen also, dass er die Rhône überquert hat. Aber wie lautet die Beschreibung?«

»Nun ja … so ein Mann … in den Dreißigern… glatt rasiert wie ein Pfarrer … weder dick noch dünn … brünett … mit gelben Schuhen und einem grünen Anzug. Nicht wahr, Frégière?«

Frégière nickte zustimmend; im Übrigen war er seit dem Morgen wie völlig erschlagen.

»Gehen wir zum Mautner!«, schloss Rosic.

Es war nur der Weg zu überqueren; ein kleines, würfelförmiges gemauertes Häuschen lehnte sich an den ersten, als Portal gestalteten Pfeiler, der die Seile der Hängebrücke trug; Rigot saß vor seiner Tür, rauchte eine kurze Pfeife und schaute Löcher in die Luft.

Doch die Ankunft von Rosic, die Fragen, die er stellte, und diese mürrische Miene, die Polizisten stets aufzusetzen pflegen, jagten Rigot Angst ein. Er fühlte sich im Unrecht und glaubte zunächst, es mit irgendeinem Inspektor seiner Dienstbehörde zu tun zu haben, der gekommen war, um ihm die Nachlässigkeiten in seinem Dienst vorzuwerfen. Als er jedoch in diesem Punkt beruhigt war, erzählte er noch einmal mit einer Fülle von Details, was die Frégière bereits berichtet hatte; er fügte allerdings hinzu: »Der Mann war noch nicht am Ende der Brücke angekommen, da kam Noré mit seiner Kutsche vorbei. Er hat mir seine acht Groschen zugeworfen, wie er es gewöhnlich tut, weil er es immer eilig hat. Aber Noré hat unseren Mann sicherlich gesehen, und er wird Ihnen sagen können, ob er am Ende der Brücke in Richtung Viviers oder in Richtung Saint-Montant abgebogen ist!«

»Wer ist dieser Noré?«

»Wie, Sie kennen Noré nicht? Noré, den Besitzer des Soleil d’Or, dem besten Hotel in Viviers?«

»Auf nach Viviers«, sagte Rosic schlicht und wandte sich dem Chauffeur zu, der am Brückenkopf wartete. »Kommen Sie mit mir, Monsieur Lahuche?«

Lahuche willigte ein, glücklich über dieses Abenteuer, mit dem er so eng verbunden war, und eine Viertelstunde später hielt das Auto vor dem Soleil d’Or.

Rosic war entzückt, glücklich und sicher, dass diese Angelegenheit gelingen würde; der Zufall – diese heimliche Mithilfe von Polizisten – spielte ihm wunderbar in die Karten; er war seinem Mörder auf der Spur, denn für ihn stand die Sache völlig außer Zweifel: Der Mann, den Frégière aufgespürt hatte, war tatsächlich der Mörder aus der B-14.

Noré, eine dicke, blonde und fröhliche Gestalt, war ziemlich erschrocken, als Rosic, nachdem er ihm seine Dienststellung genannt hatte, ihn fragte, ob er am Morgen nicht einem Mann mit gelben Schuhen, grünem Anzug und ohne Hut begegnet sei.

»Nun, in der Tat, ja, ich bin ihm begegnet. Ah! Ganz sicher bin ich ihm begegnet … Er ist sogar hier abgestiegen … und wenn mich je jemand verblüfft hat, dann er!«

»Ist er noch bei Ihnen?«

»Vor einer halben Stunde weg!«

»Wohin?«

»Nach Lyon. Er hatte nämlich keinen roten Heller und …«

»Haben Sie ihm Geld geliehen?«

»Kommt nicht infrage, Lisette«, sagte Honoré, »ich leihe Landstreichern, die ich auf der Straße treffe, kein Geld. Denn ich muss Ihnen erzählen …«

Rosic blickte auf seine Uhr: Es war halb zwölf. Er fragte: »Dieser Mann ist, wie Sie sagen, vor einer halben Stunde aufgebrochen?«

»Ja!«

»Nach Lyon?«

»Ja.«

»Er wird nicht vor Viertel nach zwei dort ankommen«, sagte Rosic laut, aber wie zu sich selbst sprechend. »Das hat sein Gutes. Ein Telegramm und meine Männer werden ihn direkt beim Verlassen des Zuges abfangen! Das ist mal eine gut geführte Angelegenheit! Jetzt habe ich Zeit, Ihnen zuzuhören. Aber fassen Sie sich kurz!«

Noré sah Rosic mit vor Staunen geweiteten Augen an; er verstand überhaupt nichts von dem, was der Polizist gerade gesagt hatte. Er sprach davon, diesen Mann verhaften zu lassen! War er also ein Verbrecher?

»Nun … ich höre Ihnen zu!«, wiederholte Rosic.

»Na ja! Na ja! Also! Ich kam gerade von Donzère … mit meiner Kutsche … und hinter der Brücke, etwa in der Mitte der Landstraße, die die Weidengebiete überragt, sprach mich da ein Mann an und sagte: ›Verzeihung! Wohin führt diese Straße?‹

›Nach Viviers‹, antwortete ich ihm darauf.

›Ist es noch weit?‹

›Etwa vier Kilometer … ungefähr.‹

Der Mann verzieht das Gesicht; da er nicht allzu schlecht gekleidet war und ich die Hilfsbereitschaft in Person bin, sagte ich zu ihm: »Hier ist noch ein Platz neben mir, wenn Sie Lust haben.«

Ohne ein Wort zu sagen, steigt der Mann ein; ich mustere ihn; er sah ziemlich vornehm aus, war aber nicht sehr gesprächig; er bekam den Mund einfach nicht auf, und auf jede meiner Fragen antwortete er nur mit Ja und Nein; ah, er lief bestimmt nicht Gefahr, sich um Kopf und Kragen zu reden!

Schließlich kommen wir an; ich führe ihn in den Speisesaal und frage ihn, was er möchte.

Er sagt zu mir: ›Im Moment nichts … oder besser gesagt, doch … Gibt es hier einen Bankier?‹

›Ja‹, erwiderte ich darauf, ›Monsieur Coconaz.‹

›Gut, ich werde ihn aufsuchen.‹

›Dafür müssen Sie noch warten, da es noch nicht einmal sechs Uhr ist und Monsieur Coconaz kein Frühaufsteher ist.‹

›Ich bin aber in Eile.‹

Und er gibt mir diese verblüffende Antwort: ›Ich habe keinen roten Heller bei mir und ich will so schnell wie möglich weg, weil ich noch vor heute Abend in Lyon sein möchte.‹

›Kennen Sie Monsieur Coconaz?‹

›Nein‹, entgegnete er darauf.

Ich war darüber so platt, dass ich nicht einmal mehr die Kraft hatte, ihm zu sagen: ›Wenn Sie glauben, dass Monsieur Coconaz, der selbst etwas knauserig ist, dem Erstbesten einfach so Geld leiht!‹

Nun ja! Sie können mir glauben oder nicht. Aber dieser Gast ist tatsächlich zu Monsieur Coconaz gegangen: Er hat ihn gezwungen aufzustehen; und er kam mit einem schönen Tausend-Franc-Schein zurück, für den ich ihm selbst das Geld gewechselt habe. Und obwohl er bei mir nur eine Tasse Tee getrunken hat, hat er mir fünfzig Franc überlassen – so wahr ich Honoré heiße und der Besitzer des Soleil d’Or in Viviers-sur-Rhône bin!«

»Nun, mein Freund, Sie können sich damit rühmen, fünfzig Francs von einem Mörder erhalten zu haben!«, schloss Monsieur Rosic.

»Ein Mörder … dieser Mann?!«

»Ganz genau… ein Mörder, den meine Männer in zwei Stunden am Bahnhof von Perrache festnehmen werden!«

»Ein Mörder … dieser Herr, dem Monsieur Coconaz tausend Franc leiht?!«

»Was das angeht«, sagte Rosic, »werden wir gleich sehen, was dahintersteckt. Und wenn dieser Monsieur Coconaz in dieser Stunde nicht eine drei Zoll lange Messerklinge im Bauch stecken hat … nun ja!«

»Er soll Monsieur Coconaz ermordet haben?!«

Noré war rot wie eine Tomate, was seinem apoplektischen Temperament gar nicht guttat; er riss den Kragen seines Hemdes auf, um nicht zu ersticken, und schrie: »Monsieur Coconaz ermordet … und ich wäre daran schuld … schnell … schnell, sehen wir nach!«

Und er rannte los zum Haus des Bankiers, gefolgt von Rosic und Lahuche – Letzterer zutiefst aufgewühlt von diesem Abenteuer, von dieser unglaublichen Geschichte, in der man von einer Überraschung in die nächste und von einem Nervenkitzel zum nächsten stolperte.

Als Noré jedoch gerade an die Tür von Monsieur Coconaz klopfen wollte, öffnete sich diese prompt, und Monsieur Coconaz höchstpersönlich kam zum Vorschein: klein, rüstig, rundlich, den Spazierstock in der Hand und fest entschlossen, seine kleine morgendliche Runde am Ufer der Rhône zu drehen.

»Gott sei Lob und Dank!«, rief Noré. »Er hat Sie nicht ermordet!«

»Was erzählst du denn da für einen Unsinn!«, entgegnete Monsieur Coconaz, der annahm, dass Noré verrückt geworden war.

Doch Rosic trat näher, grüßte und sagte: »Monsieur, ich bin Rosic, Leiter der Brigade Mobile von Lyon, und ich hätte gern von Ihnen einige Aufklärungen!«

»Ganz zu Ihrer Verfügung!«, sagte Coconaz. »Bemühen Sie sich doch herein!«

»Monsieur«, begann Rosic, nachdem er sich im Büro des Bankiers gesetzt hatte, »Sie haben heute Morgen Besuch von einem Mann erhalten, dem Sie, wie es scheint, tausend Franc geliehen haben!«

»In der Tat!«

»Könnten Sie mir sagen, ob Sie diesen Mann kennen?«

»Keineswegs! Ich hatte ihn in meinem ganzen Leben noch nie gesehen!«

»Aber dann …«

Monsieur Coconaz lächelte.

»Ja, das erscheint unglaubwürdig. Dabei ist es die einfachste Sache der Welt. Sie werden sehen: Dieser Mann kam herein und sagte zu mir: ›Mein Herr, kennen Sie Monsieur Cazeneuve, Bankier in der Rue Saint-Marc?‹

›Das ist mein Pariser Korrespondent!‹, habe ich geantwortet.

›Sehr gut‹, meinte der Mann, der Engländer ist. ›Würden Sie mir in diesem Fall erlauben, ihn anzurufen?‹

›Gern.‹«

»Ich habe die Verbindung selbst angefordert; beachten Sie dieses Detail: Da zu dieser Uhrzeit die Leitungen noch nicht überlastet sind, habe ich sie sofort bekommen. Monsieur Cazeneuve, dessen Stimme ich kenne, hat mir geantwortet. Da bin ich mir sicher, denn wir haben kurz über eine kleine laufende Angelegenheit gesprochen. Daraufhin habe ich das Gespräch an meinen Unbekannten übergeben. Ich könnte Ihnen nicht wiederholen, was gesagt wurde, da das Gespräch auf Englisch stattfand und ich diese Sprache nicht verstehe. Nach zwei Minuten reichte mir der Mann wiederum den Hörer, und Cazeneuve sagte wortwörtlich zu mir: ›Bitte händigen Sie dem Gentleman, der sich gerade bei Ihnen befindet, fünfzig Louis aus. Sie setzen das auf meine Rechnung, und damit ich mich daran erinnere, schreiben Sie als Vermerk daneben: Angelegenheit des Kristalldolches‹«

Bei diesen Worten sprang Rosic auf.

»Sind Sie sich bei diesen drei Worten sicher: Kristalldolch?«

»Es hat mich ein wenig gewundert, und ich bin mir umso sicherer, als ich es Monsieur Cazeneuve noch einmal habe wiederholen lassen.«

»Dieser Cazeneuve wäre also ein Komplize?«

»Wobei?«

»Nun, an einem Verbrechen, das im Abteil B-14 begangen wurde und dessen Mörder kein anderer ist als der Mann, den Sie heute Morgen empfangen haben.«

Bei dieser Erklärung brach Monsieur Coconaz in Lachen aus.

»Die Cazeneuves«, sagte er, »sind in Paris ebenso bekannt wie ich es in Viviers bin; sie sind seit über hundert Jahren vom Vater auf den Sohn Bankiers und besitzen ein Vermögen von etwa vier- oder fünfhundert Millionen. Sie werden wohl kaum jemanden glauben machen können, dass sie einen Mann in einem Zug ermordet haben!«

Rosic biss sich auf die Lippen.

»Dann bedeutet das, dass Ihr Besucher Monsieur Cazeneuve hintergangen hat.«

»Das glaube ich nicht.«

»Und doch, da dieser Mann gemordet hat.«

»Sind Sie sich da sicher?«

»Urteilen Sie selbst.«

Und er setzte Monsieur Coconaz über die Angelegenheit bis ins kleinste Detail in Kenntnis.

»Ja«, sagte Monsieur Coconaz, »ja … aber …«

Und in diesem Aber lag eine solche Ironie, ein solcher Zweifel am Gespür der Polizisten, dass Rosic sich verabschiedete und den Bankier kaum eines Grußes würdigte.

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