Mörder und Gespenster – Band 1 – 28. Teil
August Lewald
Mörder und Gespenster
Band 1
Das geschossene Täubchen
Kapitel 4
Sechs Wochen später las Frau von S., die sich gerade erst wieder zu erholen begann, in der Zeitung. Plötzlich verzogen sich ihre Gesichtszüge auf seltsame Weise. Sie neigte sich zu ihrem Mann und deutete, ohne ein Wort zu sprechen, auf die Stelle, die sie soeben gelesen hatte.
Herr von S. las folgende Worte:
Heinrich von C. ist seit sechs Wochen spurlos verschwunden. Man vermutet einen Selbstmord.
Der durch die schwere Krankheit abgemagerte Finger der Frau von S. verweilte lange auf der letzten Zeile dieser Meldung. Ihr Weiterlesen
Mörder und Gespenster – Band 1 – 27. Teil
August Lewald
Mörder und Gespenster
Band 1
Das geschossene Täubchen
Kapitel 3
Am folgenden Morgen frühstückte Frau von S. allein. Traurigkeit und Unruhe waren in ihren Gesichtszügen zu lesen, und ihr Blick verlor sich starr in die Ferne, als hafte er auf einem Gegenstand, den niemand außer ihr erblicken konnte und der sie von ihrer unmittelbaren Umgebung ablenkte. Eine leichte braune Schattierung, die sich halbkreisförmig um ihre schönen Augen zog, deutete auf langes Wachhalten in der Nacht hin. In lebhafter Unruhe trat sie wiederholt ans Fenster, als erwarte sie von dort die sehnsüchtig gewünschte Lösung eines Geheimnisses; dann sank sie wieder in ihren Lehnstuhl zurück und drückte die Hand aufs Herz, als wollte sie dessen ungestümem Schlagen Einhalt gebieten.
Nachdem dies schon lange so gegangen war, nahm sich das Kammermädchen schließlich die Freiheit, anzumerken, dass das Weiterlesen
Mörder und Gespenster – Band 1 – 26. Teil
August Lewald
Mörder und Gespenster
Band 1
Das geschossene Täubchen
Kapitel 2
Es hatte gerade elf Uhr geschlagen – elf Uhr desselben Abends, an dem sich die einfache Begebenheit zugetragen hatte, von der wir soeben erzählten. Der Wind pfiff durch die Zweige, deren Blätter schon halb abgestreift waren. Herr von S. stand starr und unbeweglich in einer künstlichen Grotte, die von einer Akaziengruppe verdeckt war, in jeder Hand eine Pistole. Ein unumstößlicher Entschluss herrschte in seinem Inneren. Auf seiner Stirn lag schmerzlicher Gram, doch sein Haupt war nicht gebeugt. Nachdem er eine Stunde gewartet hatte, waren Schritte vom Feld her zu vernehmen, und die Gartentür wurde mit Vorsicht geöffnet. Ein Mann in einem Mantel erschien, der mit berechnender Sorgfalt die am Boden liegenden trockenen Blätter mied, um nicht gehört zu werden. Als er an der Grotte vorbeiging, die Herrn von S. verbarg, fühlte dieser seine Brust wie von einer eisernen Kette zusammengeschnürt.
Mörder und Gespenster – Band 1 – 25. Teil
August Lewald
Mörder und Gespenster
Band 1
Das geschossene Täubchen
Kapitel 1
Das Speisezimmer war angenehm durchwärmt und von appetitlichen Düften erfüllt. Die Mahlzeit, die nach Art der vornehmeren Gesellschaft auf die Abendstunden verlegt worden war, war soeben beendet. Herr von S. saß seiner jungen Gattin in trauter Zweisamkeit gegenüber.
An seinem Rock prangte ein kleines, leuchtend farbiges Band. Seine hohe Stirn wurde von feinem Haar umrahmt, das bereits zu ergrauen begann. Diese Merkmale sowie seine edlen, ausdrucksvollen Züge verliehen ihm die Ausstrahlung eines Mannes im mittleren Alter. Er besaß zwar nicht mehr die Gewohnheiten und Ansprüche der Jugend, verstand es aber dennoch zu gefallen und bewegte sich mit außerordentlichem Taktgefühl in der Gesellschaft.
Mörder und Gespenster – Band 1 – 24. Teil
August Lewald
Mörder und Gespenster
Band 1
Der Muttermörder
Kapitel 5
Seitdem sich diese Ereignisse zugetragen hatten, war das Haus, das Heinrich Walter von seinen Eltern geerbt hatte und das nach seinem gewaltsamen Tod an entfernte Erben gekommen war, zum Sitz unheimlichen Spuks geworden. Noch kurze Zeit wurde es bewohnt, dann aber scheute sich ein jeder, hineinzuziehen, und es stand leer, obgleich die Eigentümer es in einem freundlichen Zustand erhielten, um Bewohner anzulocken.
Die Hauptursache dieses Rufes lag in der Erscheinung eines alten Mütterchens, das, wie die Sage ging, niemandem etwas zuleide tat, aber doch die Leute auf seltsame Weise erschreckte. Mussten die Mägde zur frühen Arbeit aufstehen, gab es eine Wäsche Weiterlesen

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