Archiv

August Lewald

Mörder und Gespenster – Band 1 – 22. Teil

August Lewald
Mörder und Gespenster
Band 1
Der Muttermörder

Kapitel 3

Am Abend desselben Tages blicken wir in das elende Kämmerchen, in dem die alte Frau Walter wohnt. In ihrem eigenen Bett, das die Grausamkeit des Sohnes ihr nicht hatte vorenthalten können und das noch von besseren Tagen zeugt, liegt die alte Frau. Sie atmet schwer und scheint bereit, jeden Augenblick vor ihren höheren Richter zu treten. Neben ihr auf einem Schemel sitzt das junge Mädchen, das sich ungefragt ihrer Pflege angenommen hat. Als elternlose Waise hatte sie schon seit einigen Jahren im Ort gedient. Da sie gerade ohne Stelle war, weihte sich das gute Geschöpf dieser freiwilligen Aufgabe. Sie verwandte ihr weniges Erspartes gern dazu, das Leid der Greisin zu lindern, der sie wie ein hilfreicher Engel erschienen war. Von ihrer eigenen Herkunft wusste sie nichts; sie war ein ausgesetztes Kind, das eine Bäuerin gefunden und dem Waisenhaus übergeben hatte.

Weiterlesen

Mörder und Gespenster – Band 1 – 21. Teil

August Lewald
Mörder und Gespenster
Band 1
Der Muttermörder

Kapitel 2

Der Tag des Gerichts war angebrochen. Heinrich Walter, die Magd und einige Zeugen waren anwesend. Alle waren gespannt auf die Verhandlungen. Selbst die Richter waren es mehr als gewöhnlich. Als sich nun die Tür öffnete und eine alte, von den Jahren gebeugte Frau hereinschwankte, die sich auf den Arm eines ihr fremden jungen Mädchens stützte, das mitleidsvoll hinzugeeilt war, um diesem verlöschenden Leben den Abschied aus der Welt zu erleichtern,

Beim Anblick seiner Mutter zeigte Heinrich eine empörende Gleichgültigkeit. Als er aber das Kind sah, das ihn führte, zuckte er wild zusammen und konnte seiner inneren Bewegung kaum Meister werden. Die Richter bemerkten dies sogleich, schoben den Weiterlesen

Mörder und Gespenster – Band 1 – 20. Teil

August Lewald
Mörder und Gespenster
Band 1
Der Muttermörder

Kapitel 1

In jenem alten Haus, das mit einer Seite dem Marktplatz des Städtchens und mit der anderen einem engen Gässchen zugewendet ist, will seit fünfzig Jahren niemand einziehen. Das Haus zeigt von außen ein wohlhabendes, wohnliches Aussehen und wahrlich, seine ehemaligen Bewohner gehörten zu den reichsten und angesehensten Bürgern der Stadt. Die Fenster sind blank und ganz, die Dachsteine wohlgefügt, der äußere Anstrich sauber und neu. Es fehlt nichts, was Käufer oder Mieter anlocken könnte, doch niemand kommt, der Lust dazu hätte.

»In dem Haus geht es um«, ist die allgemeine Sage. Zwar kein böser Geist, wird dann hinzugefügt, aber man erschrickt doch Weiterlesen

Mörder und Gespenster – Band 1 – 19. Teil

August Lewald
Mörder und Gespenster
Band 1
Der Erbe des Teufels

Kapitel 9

Franz erwachte gewöhnlich sehr früh, ganz wie es die Schäfer tun, die mit der Sonne aufzustehen oder ihr gar zuvorzukommen pflegen. Die schauerlichen Begebenheiten der vergangenen Nacht lagen wie ein Traum hinter ihm und sein Herz fühlte sich wunderbar erleichtert. Welche Macht diese Ruhe über ihn gebracht hatte, kümmerte ihn nicht sehr.

Er sprang auf und sah nach dem Alten, der mit klaren Augen dalag, ohne ihn zu fragen, wo er die Nacht verbracht hatte. Auch dies fiel Franz nicht auf, da er wusste, dass der Alte manchmal Gedächtnislücken hatte und oft nicht imstande war, einen Gedanken festzuhalten.

Weiterlesen

Mörder und Gespenster – Band 1 – 18. Teil

August Lewald
Mörder und Gespenster
Band 1
Der Erbe des Teufels

Kapitel 8

In der Zwischenzeit hatte der alte Jüdel große Mühe, seine Leute auf die Beine zu bringen. Zuerst weckte er seine Familie auf: Männer, Frauen und Kinder. Sein Sohn war groß und kräftig gewachsen, hatte einen schwarzen, gekräuselten Bart und ein blasses Gesicht. Er war keiner von denen, die einer Waffentat aus dem Weg gehen oder vor einer Gefahr zurückschrecken. Auf seinen Reisen nach Wilna, Grodno, Warschau oder noch weiter nach Lemberg oder Krakau galt es, viele meilenlange Wälder zu durchziehen, in denen Gefahren aller Art lauerten. Mit diesem nicht geringen Grad eines rühmlichen Mutes verband er die nötige Gegenwart des Geistes, ohne die jener zu nichts nützt. Der scharfe Überblick, die Fertigkeit im Kombinieren, die gewöhnlich den Begabteren seines Volkes innewohnt, hatten bei ihm, dem im Handel und Wandel Geübten, eine bedeutende Ausbildung erfahren.

Weiterlesen