Der Astronaut – Project Hail Mary
Andy Weir
Der Astronaut – Project Hail Mary
Science-Fiction, Roman, Taschenbuch, Heyne Verlag, München, 18. Februar 2026, 560 Seiten, 14,00 EUR, ISBN 9783453324329
Folgende Ausgangslage: Du erwachst aus einem ziemlich langen Winterschlaf. Das der sämtliche heimelige Mittagsschläfchen schlägt, bestätigen die beiden mumifizierten Personen in den Schlafkojen nebenan. Sekunde, mumifiziert? Die Schläuche, die in diversen Körperöffnungen deinerseits stecken, dämpfen das Entsetzen einstweilig. Das Horchen an der Matratze wohl doch weniger aus freien Stücken. Aber für wie lange warst du in der Hibernation? Und wozu? Ist das ein Experiment? Bist du das unfreiwillige Meerschweinchen für diabolisch-selbstüberschätzte Wissenschaftler? Ob der Bordcomputer dir wohl hilft? Was, ein Bordcomputer? Befindest du dich etwa an Bord eines … Raumschiffs?
Nein, in der Haut des sanftmütigen Lehrers und Ich-Erzählers Ryland Grace möchte man bestenfalls bedingt stecken. Lichtjahre entfernt von der Erde und mit einem Gedächtnis, so rammdösig wie der eigene Körper nach Beendigung des wohl induzierten Komas … das deprimiert. Einstweilig. Denn der Nebel im Schädel lichtet sich. Stück um Stück. Grace weiß schließlich, was los ist. Die Erde erfriert. Eine neue Eiszeit steht vor der Tür. Der Auslöser? Winzige Einzeller, die sogenannten Astrophagen, die ihre Energie aus der Kraft der Sonne speisen und somit ebendieser Graces Heimatplaneten entziehen. Mehr noch: Diese netten Besucher besitzen eine Energie, die das interstellare Reisen ermöglicht. Was Ryland am eigenen Leibe erlebt. Wurden er – und die beiden toten Astronauten – auserkoren, das Geheimnis der Astrophagen zu entschlüsseln? Hat man das Trio allen Ernstes zu Weltenrettern auserkoren? Was hat das Schiff dann im Tau Ceti-System zu suchen? Mehr Astrophagen? Ach, und dieses Objekt da – ist das ein Raumschiff? Ein außerirdisches Raumschiff?
Der Astronaut beziehungsweise Project Hail Mary, wie Andy Weirs dritter Roman im Original heißt, ist derzeit durch die durch die Bank weg gerühmte Verfilmung mit Ryan Gosling in aller Munde. Auftrieb für ein Werk, das sonderbarerweise sowohl beim Locus Award und beim Hugo Award – den beiden (ge)wichtigsten Science-Fiction-Preisen – nie über den Status der Nominierung hinausgelangte, wie auch hierzulande beim Pendant, dem Kurt Lasswitz-Preis. Ist das Buch doch überbewertet?
Als Der Astronaut erschien, fühlten sich viele wie Ryland Grace: abgeschnitten, isoliert durch einen Virus, der zwar die Sonne in Ruhe ließ, aber für eine globale Pandemie verantwortlich war. Hoffnung war damals, Anfang 2021, ein rares Gut, indes Hilflosigkeit ob der allgegenwärtigen miserablen Lage in rauen Mengen vorhanden. Schreckte das Leser und Preisjurys vor dem nächsten Schritt ab? Oder war ihnen Weirs Stil zu gefällig, zu flapsig, du Popkulturreferenzen zu profan, die Geschichte schlicht zu menschlich?
Ja, es menschelt in Der Astronaut. Sogar gewaltig. Was de facto eigentlich ein Widerspruch ist. Doch sobald Ryland Grace als erster Mensch den Kontakt mit einem waschechten Alien gelingt – einem spinnenartigen Geschöpf aus Stein, dem Grace passenderweise den Namen Rocky gibt – entwickelt sich eine der schönsten, amüsantesten, berührendsten und auch dramatischsten Freundschaften, seit Robert Neville in Richard Mathesons Ich bin Legende (1954) einem verletzten Hund begegnete; übrigens nicht die einzige Parallele. Entgegen der mehr als konträren Bräuchen und Sitten (wie dieser Rocky isst, Pfui Deibel!), schaffen es zwei bemerkenswerte Geschöpfe, sämtliche Barrieren – verbal und kulturell – zu überwinden, um gemeinsam gegen das schier Unbesiegbare anzutreten, da Rockys Welt ebenfalls vor der durch Astrophagen ausgelösten Zerstörung steht. In den Bereich einer intergalaktischen Schmonzette mit Druck auf die Tränendrüsen driftet das Buch aber nicht ab; keine Sorge. Im Grunde befolgt Weir einen, wenn nicht sogar den Grundsatz der Science-Fiction, indem der Mensch, besser ein Mensch im Zentrum steht. Eine Maxime, die manche Kollegin und mancher Kollege leider teils stiefmütterlich behandeln. Weirs Werk beschränkt sich aber nicht alleinig auf diesen Aspekt. In frappierend düster geschilderten Passagen beugt er sich vordergründig vor den Schwätzern, Schwurblern und Aluhutträgern, deren Vermehrung in den letzten Jahren so rasant vonstattenging wie jene der Astrophagen; erfüllt diesen ewig gestrigen Fachidioten deren feuchteste Träume, indem er die Atmosphäre mit Stickstoff und Abgasen lädt, um die Eiszeit zumindest ein bisschen zu bremsen. Dem weniger konfusen Leser weitet er die Augen; zeigt auf, wie porös und hochempfindlich und wunderschön diese Welt ist, auf der wir wandeln. Ausgerechnet Al Capone wusste bereits seinerzeit, dass man mit Nettigkeiten und einer entsicherten Waffe mehr erreicht. In diesem Falle hört die Waffe auf den Namen Eva Stratt, ist gebürtige Holländerin und von einer einzigen Motivation angetrieben: den Marsch der Astrophagen zu stoppen; koste es, was es wolle. Ein weiterer bemerkenswerter Charakter. Die Verantwortliche des Projekts Hail Mary bekam von den Vereinten Nationen einen Freibrief für alles, wirklich alles, um der Menschheit den Fortbestand zu ermöglichen und nicht den Astrophagen. Weir erschuf einen faszinierenden, innerlich zerrütteten Charakter, den man ziemlich leicht hassen lernt, so wie sich Stratt mitunter selbst verachtet für die Dinge, die getan werden müssen; vereinzelt unterbrochen, durch kurze Anflüge, in denen der Panzer der Frau Risse offenbart und das Dilemma durchschimmert. Ihre Kaltschnäuzigkeit gegenüber der Umwelt, den Kritikern und der eigenen Person ist auf eine eigentümliche Weise bewundernswert, wie auch ihre Gewissheit, dass man ihr über kurz oder lang und auch bei einem erfolgreichen Abschluss einen Strick für ihr Handeln drehen wird. Stratt ist die unausgesprochene Frage, direkt an den Leser gerichtet: Was würdest du tun?
Der Astronaut ist in vielen Belangen beeindruckend. Ein Appell zu mehr Mit- statt Gegeneinander. Ein Aufruf zum Vertrauen in die Wissenschaft. Eine Allegorie auf den Klimawandel. Ein fesselndes Science-Fiction-Abenteuer, das gewiss auch Nicht-SF-Leser in den Bann zieht. Da verzeiht man gerne das bisweilen auftretende sandige Technobabble. Hauptsächlich ist es aber eine die Freundschaft und Hoffnung huldigende Geschichte; Werte, die wir mitunter gerne übersehen. Oder anders formuliert: ein Wunder zwischen zwei Buchdeckeln.
(tsch)
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