Des Teufels eigener Reiter
Des Teufels eigener Reiter
Das blutige Erbe von Arkansas Dave
Der Wilde Westen war kein Ort für Chorknaben, aber selbst unter den härtesten Desperados gab es Gestalten, bei deren Namen ehrbaren Bürgern das Blut in den Adern fror. Einer von ihnen war David Rudabaugh. Die Geschichte verpasste ihm später die Beinamen Arkansas Dave oder Dirty Dave – angeblich wegen seines strengen Körpergeruchs und seines ungepflegten Äußeren, aber das ist wohl Geschmackssache der Historiker. Popkulturellen Ruhm brachte ihm erst Hollywood im Spätwestern Young Guns II. Doch der echte Rudabaugh brauchte keine Kinoleinwand: Er war ein eiskalter Outlaw, der sein Leben lang auf Kriegsfuß mit dem Gesetz stand.
Geboren wurde der Knabe wohl am 14. Juli 1854 als David Radenbach in Fulton City, Illinois. Im Zuge der großen Westexpansion wurde aus dem deutschen Namen ganz pragmatisch Rudabaugh – man schrieb eben, wie man es hörte. Nachdem der Vater im Bürgerkrieg geblieben war, zog die Mutter die Familie über Kansas nach Ohio und wieder zurück nach Kansas. Doch Dave hielt es nicht am heimischen Herd. Mitte der 1870er Jahre tauchte er in Arkansas auf – und fand schnell Gleichgesinnte für das ganz große, schmutzige Geld.
Zusammen mit den berüchtigten Halunken Mysterious Dave Mather und Milton Yarberry zog er eine blutige Spur durchs Land. Postkutschen, Züge, Poststationen – nichts war vor dem Trio sicher. Als bei einem Viehraub ein Rancher im Kugelhagel verletzt wurde, brannte der Boden in Arkansas. Die Bande floh nach Decatur, Texas, und löste sich auf. Dave zog allein weiter, raubte sich durch die Black Hills von South Dakota und tauchte schließlich in El Paso, Texas, auf, um einen Zug zu überfallen. Zeugen beschrieben ihn als die Ruhe selbst: Mit gelassener Stimme befahl er den Passagieren, zurückzutreten, während er den Safe leerte. Die Reisenden selbst rührte er nicht an – ein Räuber mit Prinzipien, zumindest für diesen Tag. Kurz darauf erleichterte er noch eine Postkutsche im staubigen Tombstone, Arizona.
1876 gründete Dave in Texas zusammen mit Dan DeMent und Michael Roarke eine neue Bande: The Trio. Im November des Folgejahres überfielen sie ein Eisenbahnbaucamp – ein fataler Fehler, denn das rief den legendären U.S. Deputy Marshal Wyatt Earp auf den Plan. Earp und seine Männer hefteten sich an ihre Fersen und verfolgten sie bis nach Fort Griffin, Texas.
In Shansseys Saloon, dem berüchtigten Bienenstock, stieß Earp auf keinen Geringeren als Doc Holliday. Eigentlich für seine tiefe Verachtung gegenüber Gesetzeshütern bekannt, zeigte sich Holliday überraschend handzahm und freundlich. Es war der Beginn einer lebenslangen, legendären Freundschaft. Doc steckte Wyatt, dass die Vögel zurück nach Kansas geflogen waren. Ein schnelles Telegramm an Earps Partner Bat Masterson genügte: Dave Rudabaugh und seine Männer saßen in Kinsley, Kansas, in der Falle.
Anfang 1878 wuchs die Bande zur sogenannten R&R-Gang heran. Doch das Glück hatte sie verlassen. Ein Zugüberfall am 27. Januar nahe Kinsley endete im Desaster. Die Outlaws zerstoben in alle Himmelsrichtungen, doch Bat Masterson und sein Deputy J. J. Webb spürten Dave Rudabaugh und Edgar West auf. Dave wollte die Sache mit rauchenden Colts austragen, doch Webb überredete ihn zur friedlichen Übergabe. Hinter Gittern hielt die Ganovenehre nicht lang: Um ihre eigene Haut zu retten, verrieten Rudabaugh und West ihre Kumpanen.
Doch im Colorado-Territorium des späten 19. Jahrhunderts herrschten eigene Gesetze. Im sogenannten Royal-Gorge-Krieg bekriegten sich zwei mächtige Eisenbahngesellschaften bis aufs Messer um ein strategisch wichtiges Stück Land. Um den Sieg zu erzwingen, heuerte die Atchison, Topeka and Santa Fe Railway die besten Revolverhelden des Westens an. Neben Bat Masterson und J. J. Webb war auch der skrupellose Dave Rudabaugh dabei. Er war der perfekte Mann fürs Grobe: gerissen, furchtlos und mit dem Ruf behaftet, über Leichen zu gehen. Ein Mann, der nichts mehr zu verlieren hatte. Und tatsächlich: Die Söldner erledigten ihren Job mit eiskalter Präzision, schützten die Gleise und hielten sich erstaunlich diszipliniert zurück.
Nach dem Eisenbahn-Job wechselte die Seiten – zumindest scheinbar. Rudabaugh schloss sich der Dodge City Peace Commission in Las Vegas, New Mexico, an. Diese Truppe bestand aus den härtesten Hunden der Grenze, darunter Billy Wilson, Tom Pickett und J. J. Webb. Ihr Boss war Hymann G. Neill, besser bekannt als Hoodoo Brown. Als Hoodoo zum Friedensrichter von Las Vegas ernannt wurde, machte er den Bock zum Gärtner: Seine kriminellen Kumpane bekamen die Marken. Dave Rudabaugh wurde zum Polizeichef ernannt, J. J. Webb zum Officer. Ein perfektes Kartell unter dem Deckmantel des Gesetzes.
Doch das Kartenhaus stürzte ein, als J. J. Webb am 2. März 1879 einen Mann namens Michael Kelliher erschoss und im örtlichen Gefängnis landete. Bei einem Besuch Webbs eskalierte die Situation: Rudabaugh brachte einen hitzköpfigen Ganoven namens Jack Allen mit. Allen verlor die Nerven, bedrohte den Wärter Antonio Valdez und streckte ihn kurzerhand nieder. Rudabaugh schrie noch fassungslos: »Warum zur Hölle hast du das getan?!«, bevor er das Weite suchte. Die beiden flohen in einer gekaperten Kutsche, während der Fahrer mit dem Tod bedroht wurde. Für Dave gab es kein Zurück mehr – er war wieder ein Gejagter.
Auf der Flucht trafen Rudabaugh und Tom Pickett auf der Yerby-Ranch ein. Jack Allen war ebenfalls dabei, doch Dave traute dem unberechenbaren Cop-Killer nicht über den Weg. Kurz darauf war Allen spurlos verschwunden – man munkelt, Dave habe ihn im Wüstensand verscharrt, um eine lose Endverbindung zu kappen. Im Mai 1880 stellte der Cowboy Charlie Bowdre den beiden Männern einen jungen, aufstrebenden Outlaw vor: William Bonney, besser bekannt als Billy the Kid.
Die neugeformte Bande stahl Vieh in ganz New Mexico und dem Texas Panhandle. Im November 1880 trieben sie es in White Oaks zu bunt: Nach einem unbezahlten Beutezug in einem Laden heftete sich ein Aufgebot unter Sheriff Will Hudgens an ihre Fersen. Sie umzingelten die Gang auf der Greathouse-Ranch. Als der Abgesandte des Sheriffs, James Carlyle, das Haus für Verhandlungen betrat, zwang Billy the Kid ihn, sich besinnungslos zu trinken. Stunden später peitschte ein versehentlicher Schuss durch die Kälte draußen. Carlyle geriet in Panik, glaubte, seine Männer draußen würden exekutiert, und sprang durch das geschlossene Fenster. Er landete im Schnee – durchlöchert von Dutzenden Kugeln. Ob die Posse oder die Outlaws geschossen hatten, blieb ein Geheimnis des Westens. In dieser Nacht entkam die Gang ungeschoren. Für Dave stand fest: Er war ein Gesetzloser bis zum bitteren Ende.
Das Ende der Freiheit kam im Dezember 1880. Sheriff Pat Garrett und sein Aufgebot lauerten der Gang in Fort Sumner auf. Ein Hagel aus heißem Blei tötete Tom Folliard und Daves Pferd. Rudabaugh schwang sich hinter einen seiner Kumpane auf den Sattel und sie entkamen im Galopp. Doch nur Tage später, am 23. Dezember, wurden sie in einer alten Steinhütte namens Stinking Springs umstellt. Charlie Bowdre wurde beim Füttern der Pferde niedergeschossen. Nach einer eisigen Belagerung trieb der Hunger die Männer heraus – Dave Rudabaugh war der Erste, der mit erhobenen Händen in den Schnee trat.
Der Transport nach Santa Fe wurde zum Spießrutenlauf. In Las Vegas formierte sich ein wütender Lynchmob, der Rudabaugh für den ermordeten Gefängniswärter am nächsten Baum aufknüpfen wollte. Pat Garrett bewies Nerven aus Stahl: Er verrammelte die Fenster des Zugwaggons und drohte, die Gefangenen freizulassen und zu bewaffnen, sollte der Mob den Zug stürmen. Ein Postdetektiv sprang mit zwei rauchenden Colts in den Führerstand der Lok und zwang den Lokführer zur Abfahrt. In Santa Fe angekommen, erwarteten die Männer Hunger und harte Kerkerzellen.
Im Februar 1881 wurde Rudabaugh wegen Postraubs zu zweimal 22 Jahren Haft verurteilt. Beim Verlassen des Gerichts bewies er ein letztes Mal seine Brutalität: Trotz schwerer Ketten schlug er den Wärter George Parker, der im Verdacht stand, den Häftlingen das Essen wegzustehlen, krankenhausreif. Nach einem gescheiterten Tunnelbauversuch wurde Dave zurück nach Las Vegas verlegt, um wegen des Wärtermordes den Strang zu erwarten. Das Todesurteil stand fest: der 20. Mai 1882.
Doch Dave hatte nicht vor, am Galgen zu sterben. In der Nacht des 3. Dezember 1881 schabten sich Rudabaugh, J.J. Webb und fünf weitere Häftlinge mit einer alten Spitzhacke, einem Schüreisen und einem Taschenmesser durch die Gefängnismauer. Sie zwängten sich durch ein winziges Loch in die Freiheit. Vier korpulente Mithäftlinge blieben stecken und mussten zurückgelassen werden. Während J.J. Webb im Nirgendwo verschwand, floh Dave Rudabaugh über die Grenze nach Mexiko.
Nach einem kurzen, spekulativen Zwischenstopp in Tombstone, wo er angeblich an der Seite der Clantons gegen die Earp-Brüder kämpfte und sogar am Attentat auf Morgan Earp beteiligt gewesen sein soll, wurde der Boden in den USA zu heiß. Dave setzte sich endgültig nach Mexiko ab.
Dort, in Parral (Chihuahua), verdingte er sich auf Ranches, stahl seinen Bossen das Vieh und machte sich bei den Einheimischen durch seine arrogante und gewalttätige Art zutiefst unbeliebt. Am 18. Februar 1886 fand das Spiel sein blutiges Ende. In einer staubigen Cantina eskalierte ein Kartenspiel. Dave zog blank: Ein Kopfschuss, ein Brustschuss, ein Verletzter. Drei Männer lagen im Blut, Dave ging ungeachtet hinaus. Als er sein Pferd nicht finden konnte, machte er den fatalen Fehler, in die dunkle Spelunke zurückzukehren. Die mexikanischen Bürger erwarteten ihn bereits. Ein Dutzend Kugeln riss den Desperado von den Beinen. Er torkelte auf die Straße und starb im Dreck.
Die Rache der Einwohner von Parral war fürchterlich: Sie schnitten Rudabaugh den Kopf ab, spießten ihn auf eine Stange und paradierten im Triumphzug durch die Stadt. Drei Wochen lang verrottete das Haupt des stolzen Revolverhelden in der mexikanischen Sonne, als Warnung für alle Gringos, bevor man es im Staub schändete.
Dave Rudabaugh wurde nur 31 Jahre alt. Bis heute ranken sich Mythen um das berühmte Foto seines abgetrennten Kopfes – manche sagen, das Gesicht wirke viel zu alt für einen Dreißigjährigen. Und wie es sich für eine echte Western-Legende gehört, flüstert man sich in den Saloons bis heute das Gerücht zu, Dirty Dave habe seinen eigenen Tod inszeniert und sei erst 1828 als alter Mann in Oregon friedlich entschlafen. Doch wer die Colts im Blut badet, findet selten ein sanftes Kissen.
Quellen:
• David G. Thomas: Dirty Dave Rudabaugh, Billy the Kid’s Most Feared Companion
(wb)
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