Der Wolfdämon – Prolog
Albert W. Aiken
Der Wolfdämon
Oder: Die Königin von Kanawha
Prolog
Im Mondlicht auf der Waldlichtung
Hoch am Himmel thronte der große, runde Mond und ergoss eine Flut aus silbernem Licht über den Urwald am Ufer des Scioto River. Dieser wunderschöne Fluss wand sich wie ein glänzendes Band durch das fruchtbarste Tal des Westens – das große Mais-Tal der Shawnee. Es war das Land jener roten Krieger, die bei ihren Streifzügen jenseits des Ohio den Ebenen von Kentucky den unheilvollen Namen gegeben hatten: Das dunkle und blutige Land.
Während die Baumwipfel in ein silbrig-grünes Licht getaucht waren, herrschte unter dem dichten Blätterdach eine pechschwarze Finsternis. Die Stille der Nacht wurde nur von den seltsamen, wilden Lauten des Waldes durchbrochen – jenen ungezügelten Schreien der Natur, die in ihrer rohen Freiheit weit wunderbarer klingen als jeder Lärm der Zivilisation. Klagend wogten die Winde durch die Zweige, während ein blasser Ring um den Mond bereits das Heraufziehen eines Sturmes ankündigte. Immer wieder hetzten dunkle Wolken über das Firmament und verhüllten die Herrin der Nacht, als würde ein unruhiger Geist neidisch auf ihr Licht blicken und versuchen, die Erde in seinen Mantel zu hüllen, um eine böse Tat zu verbergen.
Ein prächtiger Bock, gezeichnet von den vielen Jahren, die er unter dem grünen Blätterdach verbracht hatte, preschte erschreckt durch das Unterholz. Für einen kurzen Moment trat er auf eine offene Lichtung, wo die Mondstrahlen den Boden küssten, als wollten sie ihn liebkosen. Doch kaum hatte der stolze Waldfürst die Helligkeit verlassen, verschmolz sein braunes Fell wieder mit der tintenschwarzen Dunkelheit.
Dicht auf seinen Fersen folgte eine andere Gestalt. Lautlos schritt ein indianischer Krieger über den von Mondlicht durchfluteten Boden. Sein Körper, ein Meisterwerk der Natur, war in ein Gewand aus Hirschleder gehüllt, das mit Erdfarben bemalt und kunstvoll gefranst war. Als stolzer Sohn der Wildnis, unbelastet vom Makel der Zivilisation, repräsentierte dieser Shawnee die Macht seines Stammes, die sich von den Alleghany-Bergen bis hin zu den schlammigen Ufern des Ohio erstreckte.
Doch der Jäger war nicht allein. Hinter ihm, abgeschirmt vom dichten Dickicht, schlich eine weitere Gestalt. Sie bewegte sich vollkommen geräuschlos und warf einen Schatten von gigantischem Ausmaß voraus. Während der Krieger die Lichtung überquerte, umging sie das offene Gelände, als scheute sie das Licht des Mondes.
Nach etwa hundert Yards blieb der Shawnee stehen. Er ahnte, dass das Reh längst entkommen war, und begann, seine Schritte zurückzuverfolgen. Er ahnte nicht, dass er in diesem Augenblick selbst zum Gejagten wurde. Der rote Häuptling wusste nichts von dem schrecklichen Dämon seines Volkes – jenem grausamen Feind, der schon vielen seiner Brüder den Tod gebracht hatte und nun durstig nach dem Blut lechzte, das seine Existenz nährte.
Der Krieger ging sorglos den Pfad zurück. Plötzlich löste sich die dunkle Gestalt aus der Deckung eines Baumstammes. Ein einziger, wuchtiger Schlag, und das Tomahawk krachte in den Schädel des Mannes. Mit einem leisen Stöhnen sank der Shawnee leblos zu Boden. Die Gestalt beugte sich über ihn; drei schnelle Messerschnitte ritzten das Zeichen des Zerstörers in die Brust des Opfers, die sich sofort tiefrot färbte.
Dann stahl sich das Wesen davon. Überall wichen die Kreaturen der Nacht zurück, als die Gestalt wieder die Lichtung überquerte. In das fahle Licht trat nun ein riesiger, grauer Wolf, der aufrecht wie ein Mensch ging. Sein Gesicht trug die Züge eines Menschen, und in seiner klaue hielt er das Tomahawk, dessen Schneide vom Blut des Shawnee-Häuptlings triefte.
Für einen Moment starrte der Mond auf die monströse Erscheinung hinab, bevor er sich voll Entsetzen hinter einer dunklen Wolke verbarg. Als er schließlich wieder zum Vorschein kam, war das schreckliche Wesen verschwunden, verschlungen von den Schatten des Waldes. Wieder einmal kehrte das Leben in die Nacht zurück, und die schrillen Schreie der wilden Geschöpfe zerrissen erneut die Stille.
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