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Deutsche Märchen und Sagen 200

Johannes Wilhelm Wolf
Deutsche Märchen und Sagen
Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845

278. Gottliebe

Im Jahre unseres Herrn 1074 wohnte in der Grafschaft Boulogne zu Longfort ein braver Ritter namens Hemfried mit seiner Frau Ogine. In ihrer Ehe hatten die beiden drei Töchter: Ogine, Adele und Godelieve (Gottliebe), die ihren Eltern an Tugend und Gottesfurcht in nichts nachstanden. Vor allen zeichnete sich jedoch die Jüngste, Gottliebe, als ein Vorbild an Heiligkeit aus. Sie liebte die Armen so sehr, dass sie ihnen alle Speisen und Getränke gab, deren sie habhaft werden konnte; nicht selten sparte sie sich selbst das Essen am Munde ab, um es den Bedürftigen zu bringen.

Der Hofmeister ihres Vaters war damit jedoch gar nicht zufrieden, da es häufig an Speisen fehlte, wenn Herr Hemfried sich zu Tisch setzen wollte. Er forschte nach, wo das Essen blieb, und als er erfuhr, dass Gottliebe es stets den Armen gab, passte er scharf auf, um sie auf frischer Tat zu ertappen.

Eines Tages sah er sie mit einer voll beladenen Schürze die Burg verlassen. Er trat ihr in den Weg und sagte unwillig: »Jungfrau, Ihr beschämt mich und bringt mich in Verruf, indem Ihr das Essen verschenkt!« Gottliebe ermahnte ihn jedoch mit so treffenden Worten, dass er beschämt davonging und dem Ritter den Dienst kündigte. Als Hemfried ihn nach dem Grund fragte, beklagte sich der Hofmeister über Gottliebe: Sie gebe alles weg, sodass am Ende kein Bissen trockenes Brot mehr im Haus bleibe. Der Ritter beruhigte ihn und ließ Gottliebe zu sich rufen.

Als sie erschien, ging Hemfried mit ihr allein in eine Kammer und sprach: »Gib den Armen so viel du willst, meine liebe Tochter, aber hüte dich davor, dass der Hofmeister es sieht. Ich möchte nicht, dass er klagt.« Gottliebe war froh darüber und teilte fortan noch viel mehr an die Armen aus. Das bemerkte der Hofmeister jedoch bald wieder und er beschloss erneut, ihr aufzulauern und ihr das Essen abzunehmen.

Eines Tages nahm sie in der Küche einen Teil der zubereiteten Speisen, steckte sie in ihre Schürze und ging dem Tor zu, um sie zu verteilen. Unterwegs stellte sich ihr der Hofmeister entgegen und fragte zornig: »Jungfrau, was habt Ihr in Eurer Schürze?« Gottliebe antwortete: »Nichts.« Doch der Hofmeister, der sie beobachtet hatte, erwiderte: »Das ist nicht wahr! Ich habe genau gesehen, wie Ihr in der Küche Speisen in Eure Schürze gesteckt habt. Kommt mit mir zu Eurem Vater, damit er es selbst sieht!«

Darüber erschrak Gottliebe und sagte: »Ich habe nur einige Holzspäne aufgesammelt und bringe sie den armen Kindern, damit sie sich ein Feuer machen und wärmen können.« Der Hofmeister lachte nur und meinte: »Ihr werdet wohl kaum leugnen können, was ich mit meinen eigenen Augen gesehen habe.«

Da wandte Gottliebe Herz und Augen gen Himmel, öffnete ihre Schürze und sprach: »Da seht selbst!« Der Hofmeister blickte hinein – doch oh Wunder: Er sah nichts als Hobelspäne! Beschämt und reuig warf er sich der frommen Jungfrau zu Füßen und rief: »Tausendmal leid tut es mir, dass ich mich gegen Eure Mildtätigkeit verfehlt habe! Vergebt mir, Jungfrau – Gottes Hand ist mit Euch!« Gottliebe half ihm auf und sprach: »Ich vergebe Euch gern. Sagt jedoch niemandem etwas von dem, was Ihr gesehen habt.«

Damit trennten sie sich. Als Gottliebe am Tor ankam, griff sie in ihre Schürze und teilte die Späne – die sich wieder in Speisen verwandelt hatten – unter den wartenden Armen aus. Der Hofmeister hielt sein Versprechen jedoch nicht. Er ging zu Herrn Hemfried und erzählte ihm alles, worüber der Ritter manche Freudenträne vergoss und gemeinsam mit seiner Frau Ogine Gott auf Knien dankte. Dem Hofmeister verboten sie allerdings, das Wunder weiterzuverbreiten. Dieser hielt sich auch daran – bis nach Gottliebes seligem Tod, als das Wunder zusammen mit vielen anderen denkwürdigen Ereignissen bekannt wurde.

In demselben Jahr reiste Herr Hemfried wegen wichtiger Angelegenheiten an den Hof des Grafen von Boulogne, wo sich die Edlen des Landes versammelt hatten. Nach Abschluss der Verhandlungen lud Hemfried den Grafen nach Longfort ein. Der Graf sagte zu und nannte Tag und Stunde. Darüber war Hemfried sehr erfreut; zu Hause veranlasste er sogleich große Vorbereitungen für einen würdigen Empfang. Auch die Armen der Gegend freuten sich über die Nachricht, da sie wussten, dass Gottliebe ihnen einen guten Teil der Speisen zukommen lassen würde.

Als der Graf mit vielen Rittern und Herren in Longfort eintraf, besuchten sie zuerst die Kapelle zur Messe. Gottliebe war unterdessen zum Tor gegangen. Als sie dort die vielen Armen warten sah, wählte sie vier der am saubersten gekleideten aus und nahm sie mit in die Küche, wo die Speisen für die Tafel bereitstanden. Genau in diesem Augenblick brach im Hof großes Gelächter unter den Rittern aus, woraufhin die Köche und Küchenjungen zu den Fenstern liefen, um nach der Ursache zu sehen.

Das kam Gottliebe sehr gelegen: Schnell nahm sie einige der besten Gerichte – darunter Reiher, Pfauen und Wildbret – und belud die vier Armen so reichlich wie möglich. Auch ihren eigenen Schoß füllte sie voll, eilte unbemerkt zum Tor und teilte alles aus. Dann sagte sie zu den Armen: »Eilt nun davon, so schnell ihr könnt; ich werde alles verantworten!«

Nach dem Ende der Messe, als die Tische gedeckt waren und die Herren sich die Hände gewaschen hatten, riefen die Diener nach den Speisen. Da gab es in der Küche jedoch großes Geschrei und Klagen, denn Töpfe und Pfannen waren halb leer. Gottliebe hörte das, trat ein und sprach: »Sorgt euch nicht, denn ich habe das getan.«

Damit war die Sache jedoch nicht erledigt: Die Köche berichteten es den Dienern, diese meldeten es Hemfried, und dieser ließ Gottliebe zu sich rufen. Mit sanften Worten warf er ihr vor, ihn vor dem Grafen und den Gästen zu beschämen. Gottliebe versuchte ihn zu beruhigen, doch er steigerte sich immer mehr in seinen Zorn hinein und drohte schließlich, sie vor den Augen des Grafen öffentlich zu bestrafen.

Betrübt zog sie sich in ihre Kammer zurück und wandte sich im Gebet an Gott. Und siehe da: Als die Köche versuchten, die Reste der Speisen irgendwie wieder anzurichten, füllten sich Pfannen und Töpfe von selbst so reichlich, dass mehr als genug für die Gäste da war. Der Graf erklärte sogar, er habe noch nie köstlicher gespeist. Ja, als man abräumte, war noch weit mehr übrig als zuvor aufgetragen worden war.

Nach der Mahlzeit sprach der Graf zu Hemfried: »Ich habe so viel von der Schönheit und den Tugenden Eurer Tochter Gottliebe gehört, dass ich sie zu gerne sehen würde. Lasst sie doch zu uns kommen.« Hemfried ließ sie sogleich rufen. Der Graf unterhielt sich sehr freundlich mit ihr und legte ihr nahe, sich bald einen Gemahl unter den vielen Rittern zu wählen, die um ihre Gunst warben. Gottliebe sprach jedoch so eindringlich von den Vorzügen jungfräulicher Reinheit, dass er nicht weiter in sie drang.

Die Kunde von dem köstlichen Mahl sowie von Gottliebes Schönheit und Tugend verbreitete sich immer weiter und gelangte schließlich auch zu den Ohren des flandrischen Edelmanns Bertolf. Dieser zog sogleich mit einem großen, prächtig ausgestatteten Gefolge nach Longfort und bat Hemfried um Gottliebes Hand. Gottliebe wollte von einer Heirat jedoch nichts wissen, und ihr Vater wollte sie nicht zwingen. So musste Bertolf unverrichteter Dinge wieder abziehen.

Er gab die Hoffnung jedoch nicht auf, sondern bat den Grafen von Boulogne um Vermittlung. Dieser versprach Hilfe, reiste selbst mit ihm nach Longfort und erreichte nach langem Verhandeln schließlich, dass Hemfried seine Tochter mit Bertolf verlobte. Anschließend reisten alle gemeinsam nach Gistel in Westflandern, wo Bertolfs Schloss stand, und feierten die Hochzeit mit großer Pracht.

Bertolfs Mutter war jedoch ein böses Weib. Als sie sah, dass ihr Sohn eine Fremde heiratete, blickte sie voller Neid auf die Braut und suchte nach Makeln. Sie fand jedoch nichts – außer dass Gottliebes Augenbrauen ebenso schwarz waren wie ihr Haar. Vorerst ließ sie sich nichts anmerken, empfing die Gäste mit freundlichen Worten und verhielt sich während des Festmahls tadellos. Als man die Braut am Ende des Mahles jedoch enthüllen und entkleiden sollte und man sah, dass ihr Haar tatsächlich so schwarz war wie ihre Augenbrauen, stieß die Kammerfrau die anderen flandrischen Frauen an; lachend und spottend verließen sie den Raum.

Bertolfs Mutter lief sogleich zu ihrem Sohn, rang die Hände, riss sich vor Wut die Haare aus und schrie unter Tränen: »Konntest du hier keine Krähe finden, dass du eine solche in der Fremde suchen musstest? Es tut mir leid, deine Mutter zu sein, und verflucht sei die Stunde, in der du dieses Weib ins Haus gebracht hast!«

Bertolf war von schwachem Charakter. Vom Teufel getrieben, vergaß er seine Liebe zu Gottliebe schnell und versprach der Alten, ganz nach ihrem Willen zu handeln.

Sie sprach zu ihm: »Wenn du meinem Rat folgen willst, reise sogleich von hier ab! Wenn ihre Freunde und Pagen morgen aufstehen, werde ich ihnen ein solches Gesicht machen, dass sie froh sein werden, schnell nach Hause zurückzukehren. Und falls mich jemand fragt, wo du bist, werde ich ihm so antworten, dass er kein zweites Mal fragt!« Bertolf gehorchte, saß heimlich auf und ritt von der Burg davon.

Als die Hochzeitsgäste am nächsten Morgen erwachten, lief Bertolfs Mutter tosend und tobend im Schloss umher, schrie: »Schläft man denn ewig hier?«, beschimpfte die Dienstboten und drohte ihnen sogar Schläge an. Die Gäste aus Boulogne waren sehr verwundert und verloren rasch jede Freude am Aufenthalt. Als sie hinunterkamen und nach dem Bräutigam fragten, behauptete Bertolfs Mutter, er sei auf eine Wallfahrt zu Ehren Unserer Lieben Frau aufgebrochen, um zu beten, dass seine Frau nicht im Kindbett sterbe. Er habe dieses Gelübde ganz vergessen, sich erst gestern Abend bei Tisch wieder daran erinnert und sei sogleich aufgebrochen. Als die Herren das hörten, verabschiedeten sie sich und ritten nach Hause. Gottliebe und Bertolfs Mutter begleiteten sie noch bis zum Tor.

Man kann sich leicht vorstellen, wie schwer Gottliebe das Herz war, als sie sich nun plötzlich allein unter wildfremden Menschen wiederfand. Noch schlimmer kam es, als die Alte sie vom Tor zu sich rief und sagte: »Gebt Euren Schmuck und Eure goldenen Ketten her, damit ich sie wegschließe, bis Euer Mann zurückkehrt! Der mag dann damit tun, was er will. Ihr bleibt hier in der Kammer, bis Bertolf wieder da ist. Ich werde Euch Essen und Trinken schicken.« Damit nahm die Alte den Schmuck an sich und schloss die Kammer von außen zu. Gottliebe wusste vor Erstaunen zuerst nicht, was sie sagen sollte, fasste sich jedoch bald und opferte Gott ihr Leiden auf.

Von dem Essen, das man ihr täglich brachte, aß sie nur die Hälfte; die andere Hälfte ließ sie durch die Magd an die Armen verteilen. Als Bertolfs Mutter das erfuhr, kürzte sie die Rationen drastisch – einerseits aus maßloser Gier, andererseits um zu verhindern, dass Gottliebes Herzensgüte im Land bekannt wurde.

Einige Zeit später kehrte Bertolf zurück. Die Alte eilte ihm entgegen und tischte ihm zahlreiche grobe Lügen darüber auf, wie die Gäste aus Boulogne angeblich abgereist seien.

Als Bertolf fragte, wo Gottliebe wäre, sprach sie: »Die sitzt in ihrer Kammer und mault. Kein Mensch kann es bei ihr aushalten, so ungestüm und rau ist sie.«

Das hörte die Magd, die Gottliebe das Essen brachte. Sie lief sogleich zu der heiligen Jungfrau, erzählte ihr alles und riet ihr, ihrem Mann entgegenzugehen, um ihn willkommen zu heißen. Gottliebe folgte dem Rat gern, doch Bertolf kehrte ihr den Rücken zu, als wollte er nichts von ihr wissen. Die Alte fluchte und schwor dazu und rief: »Sieh nur, wie frech und unverschämt sie ist, diese Heuchlerin! Oh, dass du je nach Longfort kommen musstest! Sie bringt uns noch alle in Schande, so hässlich und ungeschickt wie sie ist.«

Gottliebe schwieg lange zu diesen bösen Worten, erwiderte dann aber bescheiden: »Ich weiß nicht, was ich euch angetan habe, dass ihr so hart und grausam zu mir seid. Wenn ich euch irgendein Leid zugefügt habe, sagt es mir, damit ich es wiedergutmachen kann.« Die Alte antwortete nicht, sondern warf ihr nur einen vollen Wutblick zu.

Gottliebe blieb nichts anderes übrig, als sich im Stillen an Gott zu wenden. Von Neuem gestärkt, wandte sie sich an Bertolf und sprach: »Sagt mir doch, Bertolf, womit ich das verdient habe? Lasst euren Unmut sinken, denn ihr seid mir ohne Grund böse. Ich bin zu allem bereit, was ihr von mir verlangt, und kein Dienst ist mir zu gering, wenn ihr ihn mir auftragt.«

Da fiel die Alte ihr ins Wort: »Nun wohl, Bertolf! Dann trage ihr auf, die Krähen vom Saatfeld dort zu verjagen. Eine Krähe kann schließlich leicht eine andere daran hindern, den Samen aufzupicken – zu etwas anderem ist sie ohnehin nicht zu gebrauchen.«

Bertolf folgte dem bösen Rat allzu bereitwillig und sagte zu Gottliebe: »Geh und tu, was meine Mutter sagt! Und wenn du es nicht tust, werde ich es dir schlecht danken.«

Gottliebe erwiderte: »Ich bin gern bereit, euren Befehlen zu folgen. Es tut mir nur leid, dass ihr es bereut, mich zu eurer Frau gemacht zu haben, und dass ihr um meinetwillen euer Seelenheil aufs Spiel setzt.«

Da rief die Alte: »Ja, ja, hört sich das einer an! Wie sie dir eine blaue Kappe aufsetzt!« Und Bertolf fügte hinzu: »Geh und tu, was dir befohlen ist.«

Gottliebe gehorchte, ging zum Acker und blieb dort bis zum Abend. Danach kehrte sie betend nach Hause zurück und verbrachte auch die Nacht betend auf den Knien in ihrer Kammer. Am nächsten Morgen ging sie wieder zum Acker. Ein kleines Mädchen aus dem Schloss folgte ihr; es klagte und weinte sehr darüber, dass die edle Jungfrau solch niedere Dienste verrichten musste. Gottliebe beruhigte das Mädchen jedoch und sagte, sie habe solches Leiden vielleicht von Gott verdient.

Während sie noch sprachen, kamen Krähen in großen Schwärmen an. Das Mädchen nahm einen Stock und lief auf den Acker, um sie zu vertreiben. Die heilige Magd hieß es jedoch innezuhalten, denn sie hörte unweit ein Glöckchen läuten und fragte, was das zu bedeuten habe. Das Mädchen antwortete: »Man läutet zur Messe.«

Da nahm Gottliebe ein Stäbchen vom Boden und beschwor die Krähen, in eine nahegelegene offene Scheune zu fliegen und dort zu bleiben, bis sie die Messe gehört habe. Die Vögel gehorchten ihr auf der Stelle, sodass sie in Ruhe in die Kapelle zur Messe gehen konnte. Unterdessen lief das Mädchen, erstaunt über dieses Wunder, nach Hause und erzählte alles Bertolf und der Alten. Diese hielten gerade Rat darüber, wie sie die fromme Magd weiter quälen könnten. Als die Alte das hörte, sprang sie vor Wut auf und schrie: »Das ist gelogen, schweig!« Das Mädchen erwiderte jedoch: »Nein, es ist nicht gelogen. Ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen.« Da schrie die Alte: »Dann ist das Zauberei von ihr!«

Bertolf war zuerst sehr erstaunt, doch als die Alte von Zauberei sprach, änderte er seine Meinung. Das böse Weib fuhr fort: »Sie treibt es mit dem Teufel! Darum rate ich dir, sie keinen Schritt mehr aus dem Haus zu lassen, sonst zieht sie die Leute noch mit ihren Künsten an sich. Damit man dir aber nichts Böses nachsagt, sende zwei Diener und ein Mädchen zu ihr. Lass ihr ausrichten, du wolltest nicht, dass sie allein und ohne Begleitung ausgeht. Wenn du sie erst wieder hier im Schloss hast, kannst du mit ihr machen, was du willst. Setze sie bei Wasser und Brot in die Kammer, dann hat sie Zeit, über ihre Künste nachzudenken. Sende aber nur Acca und Lambrecht zu ihr in die Kirche; das sind getreue Diener.«

Bertolf war damit einverstanden. Die Alte rief die beiden Knechte herbei und Bertolf sprach zu ihnen: »Meine Frau sitzt drüben in Sniphaten in der Kapelle. Geht hin und holt sie ab. Wenn Leute in der Nähe sind, die euch sehen, zeigt euch ehrfürchtig und demütig gegen sie. Seid ihr aber mit ihr allein, könnt ihr sie beschimpfen, soviel ihr wollt. Wenn sie hier ist, schließt sie in ihre Kammer ein und treibt gemeinsam mit den anderen Dienstleuten Spott mit ihr – aber nur, solange ihr allein mit ihr seid.«

Wie er befohlen hatte, so geschah es. Gottliebe betete noch in der Kapelle, als die beiden Knechte eintrafen. Da viele Menschen in der Kirche waren, verneigten und beugten sich die Knechte tief vor ihr und taten so unterwürfig, dass jeder sagte: »Seht nur, mit wie viel Liebe Herr Bertolf seine Frau behandeln lässt!«

Als sie jedoch auf dem Feld mit ihr allein waren, verhöhnten sie die fromme Magd. Sie ertrug all dies geduldig und sprach kein Wort. Im Schloss angekommen, warfen sie sie in eine Kammer und begannen erneut, sie mit Schimpfwörtern zu überhäufen und zu lästern. Das wiederholten sie jedes Mal, wenn sie ihr die spärlichen Speisen brachten, die Bertolfs Mutter ihr noch zugestand. Gottliebe schwieg und litt, ohne dass ein Wort der Klage ihren Mund verließ. Im Gegenteil: Sie freute sich über ihr Leiden und dankte Gott dafür.

Wie wenig Brot die fromme Magd auch erhielt, sie teilte es dennoch mit den Armen. Die Dienstboten der Burg, die das sahen, hatten großes Mitleid mit ihr. Durch sie verbreitete sich das Gerücht über ihr großes und unverdientes Leiden schnell in der Gegend, woraufhin viele fromme Menschen sie besuchten und trösteten.

Bertolf war unterdessen lange Zeit umhergereist, da er auf der Burg nur Unlust empfand. Als er schließlich zurückkehrte und hörte, dass Gottliebe Hunger und Elend noch nicht erlegen war, fluchte und schwor er vor Zorn. Die beiden Diener schürten seine Wut noch weiter, indem sie ihm zahlreiche Lügen über sie erzählten.

Er hielt erneut Rat mit seiner Mutter. Sie beschlossen, Gottliebe künftig nur noch die Hälfte der bisherigen Nahrung zu geben. Zudem ließen sie ihr drohen, die Ration noch weiter zu kürzen, falls sie wieder etwas abgeben sollte, und wiesen die Knechte an, wie sie die fromme Jungfrau noch mehr quälen könnten.

Viele Menschen konnten das nicht länger mitansehen und rieten Gottliebe, vom Schloss zu fliehen und heimlich zu ihren Eltern zurückzukehren. Sie überlegte lange und reiflich und beschloss schließlich, diesem Rat zu folgen. Sie teilte ihr Vorhaben dem Mädchen mit, das sie zum Acker begleitet hatte, und trat die Flucht an. Sie ging so lange, bis sie nach Longfort kam.

Was für ein Jammer das war, kann man sich leicht vorstellen: Gottliebe war so abgemagert, so verändert und trug so schlechte Kleidung, dass sie niemand auf dem Schloss wiedererkannte. Nachdem sie erzählt hatte, wie böswillig man mit ihr umgegangen war, entbrannte Hemfried in großem Zorn. Er hielt sogleich Rat mit seinen Freunden darüber, was zu tun sei. Diese meinten, er müsse seine Klage dem Grafen von Flandern vortragen.

Hemfried zögerte nicht lange und machte sich auf den Weg. Der Graf von Flandern war nicht wenig verwundert und betrübt, als er das hörte. Er sprach zu Hemfried: »Hört, lieber Freund Hemfried: Da die Ehe eines der sieben Sakramente ist, geht die Sache vorerst die Geistlichkeit an. Geht also zum Bischof von Noyon und tragt ihm eure Klage vor. Steht er euch nicht bei – das schwöre ich euch bei meiner Ritterschaft –, werde ich mich selbst so einschalten, dass Bertolf es bereuen soll!«

Hemfried bedankte sich für die Antwort und machte sich auf den Weg zum Bischof von Noyon, der ihm sogleich seinen Beistand versprach. Zu dieser Zeit war nämlich der bischöfliche Stuhl von Doornik (Dornyk) unbesetzt, weshalb der Bischof von Noyon das Recht dazu hatte. Die beiden hohen Herren schrieben nun einen Brief an Bertolf. Darin befahlen sie ihm unter Androhung harter weltlicher Strafen und des Kirchenbannes, seine Frau Gottliebe unverzüglich wieder nach Hause zu holen und friedlich und einig mit ihr zu leben, wie es sich für christliche Eheleute gehört.

Bertolf war gleich nach Gottliebes Flucht wieder aufs Pferd gestiegen. Er ritt im Land umher, verbreitete allerhand Lügen über die fromme Magd und lief zu Zauberern und Wahrsagern, um bei ihnen Rat und Hilfe zu suchen. Als er nach Gistel (Ghistel) zurückkehrte und man ihm den Brief des Bischofs vorlas, lachte er laut auf, spottete darüber und wollte die Boten gar zwingen, den Brief aufzuessen. Doch dann trafen weitere Boten mit dem Brief des Grafen von Flandern ein. Als Bertolf hörte, wie dieser ihm drohte, ihn von Haus und Hof zu jagen und an Leib und Leben zu strafen, geriet er in Furcht und Angst und wusste lange nicht, was er tun sollte.

Schließlich nahm er Zuflucht zu seinen zwei bösen Knechten Acca und Lambrecht und bat sie, ihm mit Rat und Tat beizustehen. Sie sprachen: »Wenn Ihr uns die Sache überlasst, werden wir das schon regeln.« Bertolf fragte: »Wie wollt ihr denn dabei vorgehen?«

Sie gehorchten: »Lasst uns morgen Früh aufs Pferd steigen und nach Longfort reiten. Dort wollen wir so tun, als wüsstet Ihr noch nichts von den Briefen des Grafen und des Bischofs. Wir werden sagen, dass es Euch von Herzen leidtut, so hart gegen Gottliebe gewesen zu sein, und dass Ihr im Vertrauen auf ihre Güte für alles um Verzeihung bittet, was Ihr gegen sie verbrochen habt. Wir bitten sie, wieder nach Hause zu kommen, und versprechen, künftig so friedlich mit ihr zu leben, dass sie nie wieder Grund haben wird, sich über Euch zu beklagen. Habt Ihr sie erst wieder hier, ist dem Grafen und dem Bischof der Mund gestopft, und Ihr könnt dann doch mit ihr machen, was Ihr wollt.«

Bertolf war froh über diesen Rat und schickte die beiden Bösewichte gleich am nächsten Morgen nach Longfort. Dort verstanden sie es so gut zu heucheln und so schöne Worte zu machen, dass Hemfried versöhnt wurde und Gottliebe den beiden Dienern willig wieder nach Hause folgte.

Bertolf ging ihr ein Stück des Weges entgegen und empfing sie sehr freundlich und liebevoll. Als sie in Gistel ankam, zog sie sich wieder still in ihr Kämmerchen zurück. Man brachte ihr Essen und Trinken wie früher und ließ ihr ansonsten die Freiheit zu sprechen und zu tun, was sie wollte. Bertolf sah sie jedoch nur selten, und wenn er ihr doch einmal begegnete, sprach er nur raue und rohe Worte zu ihr.

Es dauerte nicht lange, da wusste jeder, dass Bertolf trotz des freundlichen Empfangs, mit dem er Gottliebe zurückgeholt hatte, ganz der Alte geblieben war. Er behandelte die fromme Magd kaum besser als zuvor. Das ärgerte viele seiner Freunde, und sie machten ihm deswegen manche bittere Vorhaltung. Dies brachte ihn nur noch mehr gegen Gottliebe aufgebracht, und er sann nach, wie er sich ihrer entledigen könnte. Überdies fürchtete er nicht wenig, dass der Graf von Flandern erneut davon erfahren würde, wie schlecht er sie behandelte, und ihn dann hart zur Rechenschaft ziehen würde.

Er nahm seine Zuflucht zu Acca und Lambrecht und trug ihnen seine Absichten vor. Die Bösewichte bestärkten ihn nur noch in seinem Plan, und sie kamen überein, Gottliebe mit einem Tuch zu erwürgen – damit man keine Spuren eines Strickes sehen könne – und ihren Kopf anschließend so lange unter Wasser zu halten, bis sie kein Lebenszeichen mehr von sich gäbe. Danach sollten sie die heilige Magd auf ihr Bett legen, damit jedermann glauben müsste, sie sei eines natürlichen Todes gestorben.

Gleich nachdem sie diesen scheußlichen Anschlag geplant hatten, ging Bertolf mit freundlicher, lachender Miene zu Gottliebe und sprach: »O meine allerliebste Frau, ich bereue es zutiefst, dass ich so hart zu euch war. Heute Morgen traf ich eine ehrbare Frau, die mir so eindringlich ins Gewissen geredet hat, dass ich beschlossen habe, mein grausames Verhalten euch gegenüber so sehr zu bessern, dass man ewig davon sprechen wird. Ich bitte euch, sprecht doch einmal mit ihr; sie wird euch mehr sagen können, als ich es vermag.«

Mit diesen Worten nahm er Gottliebe in den Arm, zog sie neben sich auf seinen Stuhl, fasste ihre Hand und versuchte auf jede Weise, der frommen Magd Zeichen seiner Liebe und Reue vorzutäuschen. Der Mord und Verrat, der jedoch in seinem Herzen wohnte, ließ ihn nicht völlig ruhig bleiben – das Zittern seiner Hände schien Gottliebe ein Zeichen dafür zu sein, dass er nichts Gutes im Schilde führte.

Dann fuhr er fort: »Gestattet, mein vielliebes Weib, dass die Frau heute Nacht zu euch kommt. Bei Tag möchte sie es nicht, da sie fürchtet, ihre guten Werke könnten vor der Welt offenbart werden.« Gottliebe sprach: »Ich tue mit Freuden nach eurem Willen, solange die Frau nicht mit Zauberkünsten umgeht.« Bertolf erwiderte: »Nein, was sie tut, das tut sie durch den Heiligen Geist. Sie ist so fromm und ihre Rede so kraftvoll, dass sie selbst Acca und Lambrecht zur Buße gebracht hat. Die beiden werden heute Nacht mit ihr kommen, um euch ebenfalls um Verzeihung zu bitten.«

Als Gottliebe in alles einwilligte, küsste er sie mit seinem Judaskuss und sprach weiter: »Nur eines tut mir leid: dass ich heute Nachmittag noch in einer sehr wichtigen Angelegenheit nach Brügge reisen muss. Ich habe der Frau jedoch alles anvertraut, sodass ihr mich wohl entbehren könnt.« Daraufhin ließ er sein Pferd bringen, saß auf und verabschiedete sich mit einem freundlichen Lächeln von Gottliebe, die ihn dem Schutz Gottes und der heiligen Engel empfahl. Zuerst ritt er zu den zwei Bösewichtern, gab ihnen im Voraus eine Handvoll Pfennige und versprach ihnen noch viel mehr, wenn sie ihre Sache gut ausrichteten. Danach zog er weiter gen Brügge.

Gottliebe hatte den ganzen Tag inbrünstig gebetet und sich Gottes heiliger Fügung anvertraut. Als die verabredete Stunde nahte, klopften Acca und Lambrecht an ihre Tür. Sie fragte: »Wer klopft da?« Die Bösewichte antworteten: »Frau, wir sind es, eure Knechte. Wir bringen euch die heilige Frau, von der unser Herr euch erzählt hat.« Dies sprachen sie unter vielen Seufzern, als seien sie beschämt und reuig wegen ihrer Missetaten. »Steht um des lieben Gottes willen auf!«, fuhren sie fort. »Die Frau erwartet uns am Tor. Kleidet euch nicht lange, sondern kommt barhäuptig und barfuß, denn es ist ein gottseliges Werk, das ihr verrichtet.«

Da machte Gottliebe das heilige Kreuzzeichen über sich, befahl sich nochmals Gottes Barmherzigkeit an und folgte ihnen bereitwillig wie ein Lämmlein, das zur Schlachtbank geführt wird. Kaum waren sie jedoch am Tor, als die Henkersknechte ihr das Tuch um den Hals warfen und an beiden Enden so fest zogen, dass sie nicht um Hilfe rufen konnte. Dann warfen sie die heilige Magd zu Boden und traten so lange auf sie ein, bis sie keinen Atemzug mehr von sich gab. Schließlich trugen sie die Märtyrerin zu einem nahegelegenen Brunnen und hielten ihren Kopf ins Wasser, bis sie ihre fromme Seele gänzlich ausgehaucht hatte. Nun wuschen sie ihren Hals, rieben die Würgemale aus und brachten sie in ihr Bett zurück. Dort deckten sie sie sorgfältig zu, sodass man glauben musste, sie schliefe nur.

Gleich nach ihrem Tod geschahen jedoch viele große Wunderzeichen. Die Erde, auf der sie erwürgt worden war, verwandelte sich durch Gottes Fügung in einen schönen weißen Stein – zum Zeichen ihrer unbefleckten Reinheit. Das Blut, das an ihren Hals gelangt und ins Wasser geflossen war, wandelte sich ebenso in weißen Kalkstein, und der Brunnen selbst besaß von da an Wunderkraft. Zudem hörten alle Anwohner in der Stunde ihres Todes einen lieblichen Gesang: Es waren die Engel, die die heilige Magd gen Himmel trugen.

Als Gottliebe am folgenden Morgen entgegen ihrer Gewohnheit lange im Bett blieb und es schon Mittag wurde, ohne dass man sie sah, traten die Dienstboten schließlich an ihr Lager, um sie zu wecken. Doch sie rührte sich nicht, und alle erkannten, dass sie verschieden war. Darüber erhob sich großes Jammern auf der Burg. Als die Kunde zu den Landleuten der Umgebung gelangte, liefen alle unter Tränen und Trauer herbei und beklagten ihren Tod.

Bertolf erfuhr bald von Gottliebes Tod. Er eilte nach Gistel, heuchelte große Betrübnis und ließ den heiligen Leichnam mit viel Gepräge in der Kirche beisetzen. Auch während der Beisetzung ereigneten sich verschiedene Wunder: Einige sahen, wie eine Flamme vom Himmel auf den Sarg herabsank. Andere, die Erde vom Grab mitgenommen hatten, um sie an einem verborgenen, reinen Ort aufzubewahren, fanden diese nach wenigen Tagen in kostbare Edelsteine verwandelt. Ebenso vermehrte sich das Korn, aus dem die Brote gebacken werden sollten, die für Gottliebes Seelenheil an die Armen verteilt wurden, so reichlich, dass es über die Scheffel lief. Und als man es zur Mühle bringen wollte, war es bereits in feines Mehl verwandelt.

Nicht lange danach nahm Bertolf eine andere Frau. Mit ihr bekam er ein Töchterlein, das blind zur Welt kam und bis zu seinem neunten Lebensjahr blind blieb. Das Mädchen hörte die Leute oft im Stillen tuscheln, Gott habe es blind geboren werden lassen, um Bertolf für seine Grausamkeit gegenüber Gottliebe zu strafen. Das nahm sie sich zu Herzen; sie ging zum Grab Gottliebes, betete dort und erlangte ihr Sehvermögen zurück.

Die Kunde von diesem Wunder verbreitete sich rasch. Niemand war davon jedoch tiefer getroffen als Bertolf, der von da an begann, in sich zu gehen. In seiner Reue über sein treuloses und schändliches Handeln wurde er noch bestärkt, als seine zweite Frau kurz nach der Heilung der Tochter starb.

Er hatte nämlich eines Tages Leinwand gekauft, um sich daraus Hemden nähen zu lassen, und schickte einen seiner Diener damit zu einer Nähfrau nach Gistel. Als der Diener auf halbem Weg an eine Wegkreuzung kam – dort, wo heute zwischen Gistel und dem Kloster ein Kreuz steht –, sah er unter einem Baum eine schöne Jungfrau in weißen Kleidern sitzen. Neben sich hatte sie ein Paar Handschuhe an den Sonnenstrahlen aufgehängt. Der Diener blieb verwundert stehen. Die Jungfrau fragte ihn, wohin er gehe, und er antwortete: »Ich trage diese Leinwand nach Gistel, damit man Hemden für meinen Herrn daraus näht.« Die Jungfrau sprach: »Gib mir die Leinwand, ich werde die Hemden für deinen Herrn anfertigen. Ich kenne ihn gut und kann es daher besser als eine andere. Geh getrost nach Hause zurück und erzähle ihm, was du gesehen und gehört hast. Ist er nicht zufrieden, komm zurück – du wirst mich noch hier finden.«

Der Knecht konnte ihr die Bitte kaum abschlagen, da sie ihm sehr ehrbar erschien. Er überließ ihr die Leinwand und kehrte nach Hause zurück. Als Bertolf ihn so schnell wiederkommen sah, fuhr er ihn an und fragte, wo die Leinwand geblieben sei. Der Knecht erzählte alles, doch Bertolf sprach: »Geh sofort zurück und hole die Leinwand! Bringst du sie nicht mit, wirst du es büßen!«

Der Knecht lief ängstlichen Herzens zurück zum Baum, wo die Jungfrau noch immer saß und fleißig nähte. Beschämt sagte er zu ihr: »Jungfrau, mein Herr war erzürnt, dass ich Euch – die ich gar nicht kenne – die Leinwand überlassen habe. Er hat mir befohlen, sie wieder abzuholen.« Darauf erwiderte die schöne Magd: »Sei unbesorgt, deine Leinwand ist schon genäht. Die Hemden sind gefaltet und bereit für deinen Herrn. Hier, nimm sie und bring sie ihm.«

Da stand der Knecht stumm vor Staunen. Schließlich fragte er die Jungfrau nach ihrem Namen, um ihn seinem Herrn zu nennen. Doch sie sprach: »Frage nicht danach. Wenn du ihm die Hemden bringst, lass ihn jedoch die Falten sehen – vielleicht erinnert er sich dann an gewisse Dinge und auch an mich. Sag ihm dabei, dass ich stets für sein Wohlergehen sorge, und wenn er etwas von mir begehrt, werde ich ihm zeigen, wie sehr ich ihm zugetan bin.«

Der Knecht versprach, alles auszurichten, grüßte sie ehrerbietig und brachte die Hemden seinem Herrn. Als Bertolf jedoch die Falten sah, rief er erschrocken: »O das sind die Falten meiner Frau Gottliebe!« Mit diesen Worten lief er zu dem Baum, unter dem die Jungfrau gesessen hatte, doch er fand niemanden mehr vor.

Von diesem Tag an tat er große und strenge Buße für seine Sünden. Er zog nach Jerusalem zum Kampf gegen die Türken und Heiden und kämpfte dort viele Jahre.

Diese Sinneswandlung war niemandem mehr willkommen als seiner Tochter. Während er im Heiligen Land weilte, ließ sie ein Kloster zu Ehren der heiligen Magd erbauen. Auf der Rückreise von Jerusalem reiste Bertolf zuerst nach Rom, wo er dem Papst seine Sünden beichtete und Absolution erhielt. Anschließend zog er nach Winnocksbergen (eine Meile von Dünkirchen), wo er im Kloster die Kutte nahm und Mönch wurde. Nach seinem Tod fand man ein Bußhemd aus Metallringen auf seinem bloßen Leib, deren Ringe bereits in sein Fleisch eingewachsen waren. Die Mönche legten ihn daraufhin in einen bleiernen Sarg und begruben ihn.

Einige Zeit nach Gottliebes Tod entsandte der Abt von Sankt Andreas bei Brügge einen gottesfürchtigen Mönch namens Drogo als Pfarrer nach Gistel. Als dieser dort so viel von den Tugenden Gottliebes erfuhr, schrieb er alles auf – ebenso wie alle Wunder, die sich um sie zugetragen hatten – und übersandte die Aufzeichnungen an Bischof Radbodus von Noyon. Dieser vergewisserte sich der Wahrheit der Vorkommnisse. Da man ihm alles genau so berichtete wie dem Mönch Drogo, trug er die Sache dem Papst vor, der Gottliebe schließlich heiligsprach.

Mit Gottliebes Blut, das in Gestalt eines weißen Kalksteins im Brunnen liegt, trugen sich noch lange Zeit spätere Wunder zu: Jedes Jahr wurde der Stein aus dem Brünnlein genommen und gewaschen, wobei sich das Waschwasser stets blutrot färbte. Einmal meinte ein Priester, der den Stein reinigen sollte, ein weißer Stein könne unmöglich Blut enthalten, und durchstach ihn mit einer Pfrieme. Daraufhin lief so viel Blut heraus, als habe man einen Ochsen geschlachtet. Ein andermal gab man den Stein nach der Säuberung nicht sogleich in das Brünnlein zurück; da begann der Brunnen so sehr zu stinken, dass es kein Mensch in der Nähe aushalten konnte. Erst als man den Kalkstein wieder hineinlegte, wurde das Wasser augenblicklich wieder süß und rein.

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