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Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs – Band 13 – 4. Kapitel

Aus den Geheimakten des Weltdetektivs
Band 13
Das Spitzenkleid der Königin
4. Kapitel
Der Einbruch in die Totengruft

Mitten im Park lag die Familiengruft der Dumbartons, ein alter, aus Quadersteinen errichteter Bau. Er wurde von einer Kuppel gekrönt, und einige Stufen führten zu dem schweren, mit Eisen beschlagenen Tor empor.

Eine schwarze Nacht lag über der Isle of Wight. Am Himmel zogen düstere Wolken und verhüllten Mond und Sterne. Das Meer rauschte und grollte, während es mit dumpf wütendem Brüllen gegen die Felsen schlug, die sich trotzig an der Nordküste der Insel erhoben.

Durch das Dunkel huschten soeben zwei Gestalten. Sie waren armselig gekleidet: Mit ihren um den Hals gewickelten Schals, ihren Ballonmützen, den plumpen Stiefeln und den abgeschabten Anzügen hätte man sie sehr wohl für Londoner Nachtvögel halten können – vielleicht sogar für Raubvögel. Die Finsternis dieser Nacht schien ideal, um auf Beute auszugehen.

Als die beiden Gestalten, die aus dem Dorf kamen, in das Dickicht des Parks eintraten, blieb der größere der beiden Männer stehen und sagte mit leiser Stimme: »Ich werde die Blendlaterne einschalten, Harry – in diesem verwünschten Dunkel kann man die Hand vor Augen nicht sehen. Es wäre wirklich schade, wenn einer von uns über eine kriechende Baumwurzel stolperte und sich das Bein bräche.«

In der nächsten Sekunde zuckte von der Brust des größeren Mannes ein Lichtstrahl hervor, der das Terrain auf zwanzig Schritte weit erhellte. Die Blendlaterne war an seiner Brust befestigt.

»Bist du auch gewiss, Harry, dass wir auf dem richtigen Weg sind?«, fragte Mr. Holmes. Denn er und sein Famulus waren es natürlich, die wir auf diesem nächtlichen Pfade antreffen.

»Ganz gewiss, Meister. Ich habe am Nachmittag die Gegend genau studiert und festgestellt, wie wir am schnellsten und völlig unbemerkt zur Familiengruft gelangen. Seht dort: die alte, vom Blitz zerschmetterte Eiche. Wenn wir um diesen Stamm herum sind, werden wir die Gruft erblicken.«

»Ha, hier ist sie ja schon!«, rief Sherlock Holmes, der schnell vorausgeeilt war und nun an der vom Blitz ausgehöhlten Eiche stand – einem Baum von einem Umfang, wie er bei europäischen Arten selten zu beobachten ist. »Alles still, Harry – gehen wir an die Arbeit.«

Im nächsten Moment setzte sich der berühmte Detektiv wieder in Bewegung und stand kurz darauf direkt vor dem eisenbeschlagenen Tor der Gruft.

»Das ist ein Gebäude wie für die Ewigkeit geschaffen«, sagte Mr. Holmes. »Den Dumbartons muss viel daran gelegen sein, in größter Ruhe ihren ewigen Schlaf zu halten. Ich begreife gar nicht, wie es den Verbrechern gelungen ist, hier einzudringen.« Neben dem Tor erhob sich ein alter Altar.

»Wollen wir denn nicht dasselbe tun?«, fragte Harry. »Wollen wir das Tor nicht auch mit Nachschlüsseln aufschließen oder es im Notfall erbrechen?«

»Das wollen wir natürlich, mein Junge«, versetzte Holmes. »Aber wir sind wir. Außer Sherlock Holmes kann sich niemand rühmen, ein geschickterer Knacker zu sein – ich glaube sogar, ich bin der geschickteste in ganz England.«

Harry hatte schon genügend aus der Verbrechersprache gelernt, um zu wissen, dass mit dem Ausdruck Knacker ein Krimineller bezeichnet wurde, dessen Spezialität im Aufbrechen von Geldschränken oder im Öffnen komplizierter Schlösser bestand.

»Öffne den Beutel und heraus mit den Instrumenten!«, befahl Sherlock Holmes. »Ich werde das Schloss unterdessen einer genauen Untersuchung unterziehen. Glücklicherweise ist es mir erst kürzlich gelungen, ein Instrument zu erfinden, das noch mein ganz persönliches Geheimnis ist – mit dem ich aber bis in die Eingeweide jedes Schlosses vordringen kann.«

Es war in der Tat ein sehr sinnreiches Instrument, das Sherlock Holmes dort erfunden hatte. Wir sind fest davon überzeugt, dass er in allen Kulturstaaten ein Patent darauf bekommen hätte, wenn er es nicht vorgezogen hätte, seine Erfindung für sich allein zu nutzen.

Sherlock Holmes führte eine Metallröhre in das Schloss ein. Am inneren Ende dieser Röhre befand sich ein Spiegel, und an das äußere Ende schraubte der Detektiv einen zweiten, größeren Spiegel. Dann drückte er auf einen Knopf an der Röhre, woraufhin im Inneren ein elektrisches Licht aufflammte. Es beleuchtete die beiden Spiegel, und der berühmte Detektiv konnte das Schloss genau untersuchen, indem er hineinschaute. Er war bei dieser Erfindung im Großen und Ganzen dem Prinzip des von dem berühmten Sänger García erfundenen Kehlkopfspiegels gefolgt.

Sein Instrument hatte sich schon öfter vortrefflich bewährt. Auch diesmal leistete es ihm gute Dienste, denn nach einigen Minuten genauer Beobachtung flüsterte Mr. Holmes seinem Gefährten zu: »Harry, gib mir den Nachschlüssel Nr. 17.«

Eine Minute später klirrte das alte Tor des Grabgewölbes und öffnete sich willig vor Holmes und seinem jungen Freund Harry Taron. Der Detektiv und sein Famulus betraten einen kapellenartig gebautem Raum. Gegenüber lag eine Falltür. Holmes vermutete sogleich mit Recht, dass sich darunter eine Treppe befinden müsse, die in die eigentliche Gruft führte. Das Licht der Blendlaterne beleuchtete die Falltür, die aus schweren Eichenbohlen gefügt war.

»Sollte sie auch verschlossen sein?«, murmelte der Detektiv leise vor sich hin, während er sich niederbeugte. »Nun, wir brauchen ja nur an die Arbeit zu gehen. Tritt ein wenig beiseite, Junge – ich glaube, meine Kraft wird reichen. Ah, da öffnet sie sich schon! Richtig, über diese wenigen Stufen geht es zu den Särgen hinunter, in denen die Dumbartons schlummern.«

Holmes stieg als Erster die Treppe hinab. Harry folgte ihm. Dem jungen Mann wurde ganz eigenartig bang zumute, als er sich in dem unterirdischen Gemach wiederfand, in dem etwa vierzig große Särge übereinander aufgebahrt waren. Einige dieser Särge bestanden aus Stein, andere aus Metall. Sie hatten dem Zahn der Zeit getrotzt und befanden sich noch in einem leidlich guten Zustand. Andere wiederum waren aus Holz gefertigt, das der Feuchtigkeit des unterirdischen Raumes nicht hatte widerstehen können. Diese Holz-Särge waren vielfach auseinandergebrochen, sodass die Gerippe der Toten mit Armen, Beinen oder Schädeln herausragten.

»Ein schrecklicher Anblick«, flüsterte Harry Taron, »und was für eine Moderluft!«

»Mein lieber Junge, daran musst du dich gewöhnen«, sagte Sherlock Holmes mit seinem gewohnten, lautlosen Lachen. »Denn dies ist das Ziel, an dem wir alle einmal ankommen. Es ist daher nur vernünftig, sich beizeiten mit dem Tod anzufreunden. Im Übrigen ist noch gar nicht bewiesen, ob diese Herren hier« – Holmes deutete bei diesen Worten auf die Skelette – »nicht in Wirklichkeit leben, während wir schlafen und nur lebhaft träumen. Aber wo finden wir den Sarg von Lady Maria Dumbarton? Ha – der dort auf dem Sockel, der fast ganz unter welken Blumen verschwindet! Der muss es sein.«

Sherlock Holmes trat an den Sarg heran. Gemeinsam mit Harry Taron beseitigte er die verwelkten Blumen. Dann begann Holmes, mit einem Schraubenzieher die Schrauben zu lockern, die den Sargdeckel hielten.

»Die Schrauben sitzen sehr fest«, sagte er dabei zu seinem Gefährten. »Wenn die Verbrecher den Sarg geöffnet haben, wie ich vermute, dann haben sie in aller Ruhe gearbeitet – denn sie haben ihn danach wieder sehr sorgsam verschlossen. Doch das werden wir gleich sehen. Heb an, Harry – stellen wir den Deckel neben dem Sarg ab.«

Der Sargdeckel schlug dumpf auf den Boden auf, als der Detektiv und sein Gefährte ihn losließen. Sherlock Holmes brannte darauf, sich zu vergewissern, ob das Spitzenkleid der Königin geraubt worden war oder nicht. Er stürzte an den Sarg – und ein Schrei der Überraschung rang sich über seine Lippen.

Auf weißseidenen Kissen, fast unverändert, lag Lady Maria Dumbarton. Die Tote war umflossen von dem feinen, kostbaren Gewebe, das einst Schottlands unglückliche Königin Maria Stuart in den Tagen ihres Glanzes geschmückt hatte.

Sherlock Holmes war zunächst außerstande, seinem Erstaunen Worte zu verleihen. Tief bewegt stand er da und betrachtete voller Rührung die feinen Züge der Verstorbenen. Ja, jetzt begriff er die ungeheure Trauer Lord Harald Dumbartons. Er verstand, dass in der Seele dieses unglücklichen Mannes in der Stunde des furchtbaren Verlusts etwas zerbrochen sein musste – dass der Schmerz den armen Lord halb wahnsinnig gemacht hatte.

Dann zog wieder das Spitzenkleid seine Aufmerksamkeit auf sich. Er senkte die Blendlaterne und ließ ihr Licht über das feingewobene Muster gleiten.

»Was nun, Meister?«, fragte Harry Taron. »Wir haben uns diesmal in unserer Kombination wohl geirrt. Fest steht jedenfalls, dass Cora Dessalines oder ihre Helfershelfer dieser Toten das Spitzenkleid nicht geraubt haben!«

»Meinst du, mein Junge?«, versetzte Holmes leise lächelnd. »Nun, es ist kaum anzunehmen, dass Lady Maria sich jemals einer Schminke bedient hat, die man allgemein ›Pariser Rouge‹ nennt. Hier aber entdecke ich auf der Brust der Toten einen winzigen roten Fleck an dem Kleid, der genau diese Farbe trägt. Wir wollen sogleich sehen, ob er abfärbt.«

Mr. Holmes strich mit dem Finger über die Stelle und hielt ihn ins Licht der Laterne. Die Kuppe seines Fingers war rot gefärbt.

»Es ist also klar«, sagte Mr. Holmes mehr zu sich selbst als zu seinem Famulus. »An demselben Abend, als Lord Harald Cora Dessalines gesehen hat, hat sie dieses Spitzenkleid getragen und kein anderes. Damals war Cora Dessalines geschminkt – denn keine Künstlerin würde ihr Gesicht ungeschminkt dem grellen elektrischen Licht aussetzen. Sie ist Pariserin und verwendet ›Pariser Rouge‹. Dabei ist ihr das kleine Unglück passiert, dieses alte, ehrwürdige Spitzenkleid zu beflecken. Jetzt aber, mein Junge, heißt es doppelt vorsichtig sein! Unsere Anwesenheit auf der Isle of Wight ist offenbar verraten worden, und die Bande scheint zu ahnen, dass sie es mit Sherlock Holmes zu tun hat. Das Gespräch, das ich heute Morgen mit Lord Harald führte, wurde belauscht – vermutlich von Cora Dessalines selbst, die ich im Nebenzimmer vorgefunden habe. Die Verbrecher sind uns zuvorgekommen, haben das Spitzenkleid der Königin wieder in die Gruft gebracht und es der Leiche erneut angelegt. Diesmal, Harry, haben wir den Kürzeren gezogen. Aber ich hoffe … Ha! Was war das? Harry – wir sind lebendig begraben!«

Diese Worte Sherlock Holmes’ wurden von einem tosenden Knall begleitet. Es war das Geräusch der Falltür oben, die den Zugang zum Grabgewölbe mit aller Kraft versperrte. Und dann – als furchtbare Bestätigung für den entsetzten Aufschrei Mr. Holmes’ – ertönten von oben dumpfe Hammerschläge.

»Horch, Harry«, flüsterte er seinem jungen Gefährten zu. »Jetzt schlägt man die Nägel in unseren Sargdeckel.«

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