Al Capone – Band 44
Al Capone
Band 45
Der Mann im Sack
1. Kapitel
Eine Wette
Im Schlupfwinkel der Schwarzen Hand befanden sich mehrere unterirdische Zellen, in denen Gefangene vollkommen getrennt voneinander untergebracht werden konnten. Martino ließ sich eine dieser Zellen anweisen; den Menschen, den er dort einsperrte, bekam niemand zu Gesicht.
Im Fall Shoemaker-Troppea war das Sprichwort vom gejagten Jäger Wirklichkeit geworden: William Shoemaker hatte Beppo Troppea fassen wollen, doch das Glück war launisch gewesen und hatte ihn in die Hände des Mannes getrieben, den er jagte.
Eingeschlossen in den übelriechenden, düsteren Kerker, machte sich Shoemaker keine Illusionen über das Schicksal, das ihn erwartete. Er kannte die Mafia gut genug, um zu wissen, woran er war – schließlich galt sie als die gefürchtetste aller amerikanischen Verbrecherorganisationen.
»Hier komme ich nicht mehr heraus«, sagte er zu sich selbst, als er allein gelassen wurde. »Sie werden mich bei lebendigem Leib vierteilen. Ich bin in der Gewalt der Schwarzen Hand, daran gibt es nicht den geringsten Zweifel, auch wenn die Kerle, die mich überwältigt haben, kein Wort gesagt haben.«
Als man ihn in die Zelle geschleppt hatte, hatte ihn ein Mann aus dem Sack befreit und von seinen Fesseln gelöst. Das war jedoch allem Anschein nach nicht Troppea gewesen. Obgleich Shoemaker ein ausgezeichnetes Gedächtnis für Gesichter besaß und berufsbedingt geübt darin war, Verbrecher trotz Maskerade zu erkennen, konnte er diesen Mann nicht einordnen. War es vielleicht doch Troppea? Konnte dieser Mann, der dem Vater von Graziella überhaupt nicht ähnlich sah, Troppea sein?
Als der Mann, der Shoemaker in die Zelle getragen und von Knebel und Fesseln befreit hatte, den Raum verließ, warf er ihm einen undefinierbaren Blick zu. Er schloss von außen zu und steckte den Schlüssel in die Tasche. Kein anderer als er konnte nun mit dem Gefangenen in Kontakt treten. Es hätte sich ohnehin niemand getraut: Wenn ein Mitglied der Mafia einen Gefangenen im Geschäftslokal der Organisation unterbrachte, respektierten die anderen das und mischten sich nicht ein. Beppo Troppea wusste das genau und konnte sich darauf verlassen, dass dieses ungeschriebene Gesetz eingehalten würde. Bis jetzt geahnt niemand, dass der Eingesperrte kein Anderer als William Shoemaker war – der berühmte Detektiv, den seine Kollegen auf dem Polizeipräsidium den großen Jäger nannten.
Die Nacht brach an. Aus allen Richtungen und auf den verschiedensten Wegen näherte sich eine Schar von Verbrechern und Gaunern – der wahre Abschaum der Großstadt – dem halbzerfallenen Gebäude am Rande der Metropole, das ihnen als Hauptquartier diente.
Unter den Mitgliedern hatte sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen, dass die heutige Abendversammlung außerordentlich interessant zu werden versprach. Alle wussten, dass es um eine entscheidende Frage ging: die Neubesetzung des Postens des ersten Vorsitzenden der Mafia.
In dieser Angelegenheit standen sich zwei Lager gegenüber: Die eine Fraktion neigte dazu, den alten Diebeskönig Beppo Troppea im Amt zu belassen – aus Rücksicht auf die unschätzbaren Dienste, die er der Mafia in früheren Jahren erwiesen hatte. Trotz seines Alters und seiner Krankheit hielten sie ihn nach wie vor für nützlich. Beppo verstand es, vom Haus am See aus die Operationen seiner Kameraden wie ein General im Feldzug zu lenken, ihnen gute Ratschläge zu erteilen und sie vor der Polizei zu beschützen.
Durch den Ehrgeiz von Vincenzo Cosmano hatte sich jedoch eine zweite Gruppe abgespalten. Cosmano strebte um jeden Preis nach der Macht und wollte den alten Troppea stürzen. Heute Nacht sollten die beiden Lager aufeinandertreffen, um in einer Abstimmung zu entscheiden, wer die Mehrheit hinter sich hatte.
Zudem stand noch ein weiteres wichtiges Thema an: Troppea hatte – wie inzwischen alle wussten – angeboten, sein Amt freiwillig demjenigen zu überlassen, der Captain Shoemaker fassen würde, der der Schwarzen Hand erst vor Kurzem den Krieg bis aufs Messer erklärt hatte.
Die vollständige Story steht als PDF, EPUB, MOBI und AZW3 zur Verfügung.
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