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Secret Service Band 4 – Kapitel 6

Francis Worcester Doughty
Secret Service No. 4
Old and Young King Brady Detectives
Der geniale Bluff der Bradys
Oder: Ihre Verfolgungsjagd zur Rettung einer Erbin
Eine interessante Detektivgeschichte aus dem Jahr 1899, niedergeschrieben von einem New Yorker Detective

Kapitel 6
Eine neue Spur

Es war ein Moment voller Spannung. Die Krise war da.

Jonas grinste, scharrte mit dem Fuß und machte eine unbeholfene Verbeugung. Er sah erst Hayden an, dann Corcoran und schließlich Lively Ann.

»Verdammt, wenn ich das täte!«, rief er.

Die Bauernfänger fielen fast aus allen Wolken. Hayden blickte triumphierend drein.

»Mensch, Mann«, keuchte Corcoran, »Sie haben die Frage überhaupt nicht verstanden!«

»O doch!«, erwiderte Jonas.

»Aber Sie wissen doch gar nicht, was Sie da reden! Warum sollten Sie keine zehntausend Dollar auf einen Goldbarren leihen, der laut Zertifikat fünfzehntausend wert ist?«

Jonas grinste breit und deutete mit dem Daumen auf das Edelmetall. »Weil das Ding nicht aus Gold ist!«, kicherte er.

Ein Fluch entwich Corcorans Lippen. »Schafft diesen Narren hier raus, Hayden!«, sagte er wütend. »Ich weigere mich, Geschäfte zu machen, solange er im Raum ist.«

Hayden richtete sich auf und verschränkte die Arme. »Nicht so schnell, meine Herren«, sprach er. »Wenn Jonas geht, gehe ich auch.«

»Was soll das heißen?«

»Das heißt, dass ich ebenfalls nicht glaube, dass in diesem Barren Gold für fünfzehntausend Dollar steckt. Jonas hat völlig recht!«

»He-he!«, kicherte Jonas.

Corcorans Gesicht lief purpurrot an. Er riss den Barren an sich, verstaute ihn in seiner Tasche und setzte den Hut auf.

»Komm, Frau«, sagte er, »wir fahren zurück nach New York. Wir können es uns nicht leisten, unsere Zeit mit Narren zu verschwenden!«

»Sie können gehen, sobald es Ihnen beliebt«, meinte Hayden redselig, »und Sie können versuchen, irgendeinen anderen Trottel für Ihre zehntausend Dollar zu finden. Aber mich legen Sie nicht rein!«

Mit finsteren Blicken verließen die Betrüger das Haus. In diesem Moment erblickte Young King Brady den alten Detektiv draußen am Fenster. Blitzschnell wurden lautlose Signale zwischen ihnen ausgetauscht – ein stummer Dialog per Zeichensprache:

»Sollen wir das Paar verfolgen oder verhaften?«

»Nein, lass sie ziehen. Wir spielen ein tieferes Spiel.«

Farmer Hayden sah zu, wie die beiden Bauernfänger in der Ferne die Straße hinunter verschwanden. Dann gluckste er leise und schlug sich begeistert auf die Hüfte.

»Natürlich war dieser Barren nicht aus Gold!«, rief er. »Jonas, du hast mir eben zehntausend Dollar gespart! Du bist der beste Knecht, den ich je hatte. Meiner Treu – lass uns einen Apfelwein darauf trinken!«

Aus dem Regal holte Hayden einen Krug und einige Becher. Der Krug war mit einem guten, kräftigen Cider gefüllt.

Die Augen des jungen King Brady funkelten. Er setzte sich mit Hayden an den Tisch, während der Farmer die Becher vollgoss. Young Detektiv hob sein Glas, legte schlagartig seinen bäuerlichen Akzent ab und sagte in sanftem, verbindlichem Ton: »Mr. Hayden, Sie sind ein Mann mit Verstand. Ich trinke auf Ihren Erfolg, dieses Gaunerspiel vereitelt zu haben.«

Hayden starrte ihn mit offenem Mund an. »Jonas?!«, stammelte er. »W …was …?«

Weiter kam er nicht.

»Ihnen wäre so oder so kein Schaden entstanden, Mr. Hayden«, beruhigte ihn Young King Brady. Blitzschnell riss er seine Perücke ab, warf den Mantel zurück und enthüllte eine glänzende Polizeimarke. »Ich bin Detektiv!«

Hayden war völlig fassungslos. »Ein Detektiv?!«, keuchte er. »Heiliger Strohsack! Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Und diese beiden Leute …?«

»Waren Betrüger!«

Hayden pfiff durch die Zähne. »Und warum haben Sie mich nicht vorgewarnt?«

»Aus guten Gründen. Aber mit Ihrer Erlaubnis werde ich nun einen Freund hereinbitten.«

Young King Brady ging zum Fenster und schob den Rahmen hoch. Old King Brady kletterte geschickt über die Fensterbank.

»Der Landstreicher!«, rief Hayden schockiert.

»Ein weiterer Detektiv«, klärte ihn Young King Brady auf. »Wir arbeiten zusammen. Man kennt uns als die ›Zwei Bradys‹.«

Der erstaunte Farmer war vollkommen überwältigt und wusste nicht mehr, wo ihm der Kopf stand. Währenddessen vollzog auch Old King Brady eine optische Verwandlung: Er legte einige seiner Lumpen ab, wendete seinen Rock und wischte sich die Schminke aus dem Gesicht. Nun sah er wieder ganz wie er selbst aus.

Der Farmer starrte ihn ungläubig an und brachte schließlich heraus: »Sie sind diesen Kerlen also wirklich bis hierher gefolgt? Sie wussten genau, dass sie mir diese Falle stellen wollten?«

»Sicher!«, erwiderte Young King Brady.

Hayden ließ seine Faust krachend auf den Tisch sausen. »Bedienen Sie sich, womit Sie wollen!«, rief er begeistert. »Der ganze Hof gehört Ihnen. Verdammt noch mal, Sie haben mir ein Vermögen gerettet! Jonas, mein Knecht, ein Detektiv! Na sowas, ich fass es einfach nicht … Aber sag mal, wirst du deinen Job denn nicht weitermachen?«

Die beiden Bradys lachten herzlich.

»Harry hat bereits einen neuen Auftrag«, sagte Old King Brady amüsiert. »Ich fürchte, er wird morgen Früh nicht die Kühe melken können.«

Farmer Hayden bestand darauf, noch mehr Apfelwein zu holen. Nach einer Weile tauschte Old King Brady einen vielsagenden Blick mit seinem jüngeren Partner aus.

»Ich denke, wir sollten uns langsam auf den Weg machen, Harry. Vor uns liegt noch ein hartes Stück Arbeit. Wir müssen denselben Zug nehmen wie diese Gauner.«

»Stimmt!«, pflichtete der junge Detektiv bei. »Nun, auf Wiedersehen, Mr. Hayden.«

»Ich kann es immer noch nicht fassen!«, rief der Farmer gerührt. »Ihr seid die feinsten Herren, die mir je begegnet sind. Ich lass euch nur ungern gehen.«

Die Detektive schüttelten dem Farmer fest die Hand und machten sich auf den Weg zum Bahnhof.

Es war ein langer Fußmarsch über die staubige Landstraße, während sich der Tag dem Ende neigte. In einem schattigen Wäldchen hielten die Bradys kurz an, um eine neue Tarnung anzulegen. Als sie schließlich den Bahnhof erreichten, sahen sie wie ganz gewöhnliche, schlichte Landleute aus.

Sie taten so, als würden sie Corcoran und Lively Ann, die im Wartesaal saßen, überhaupt nicht bemerken – und auch die Gauner schöpften keinerlei Verdacht. Als der Zug einrollte und die Betrüger einstiegen, nahmen die Detektive im selben Waggon Platz.

Es war bereits dunkel, als der Zug im Hauptbahnhof einrollte. Corcoran und Lively Ann stiegen aus. Old King Brady rempelte sie im dichtesten Gedränge leicht an und schnappte prompt ein Gespräch auf.

»Ich kann heute Abend nicht in die 44th Street kommen, Annie«, raunte Corcoran ihr zu. »Ich muss ins Brunswick, um mich als Graf Giuseppe zurechtzumachen. Heute Abend steigt der Ball von Mrs. Hadley-Larkin – da muss ich unbedingt dabei sein!«

Old King Brady hatte alles gehört, was er wissen wollte. Es gab keinen Grund mehr, den Gaunern auf Schritt und Tritt zu folgen. Er zog Young King Brady zur Seite.

»Was ist los?«, fragte dieser leise. »Lassen wir sie laufen?«

»Sicher!«, antwortete der alte Detektiv. »Uns steht eine heiße Nacht bevor, Harry.«

»Worum geht’s?«

»Um den Ball von Mrs. Hadley-Larkin.«

»Ah, verstehe! Graf Giuseppe wird dort sein.«

»Exakt.«

»Alles klar. Wie gehen wir vor?«

»Wir beziehen unser Quartier, ruhen uns aus und mischen uns später unter die Festgesellschaft.«

»Perfekt!«

Zunächst nahmen die Detektive die Straßenbahn hinunter zum Polizeihauptquartier. Old King Brady traf den Polizeichef direkt in dessen privatem Büro an.

»Überwachen Sie den Ball bei den Hadley-Larkins?«, fragte er.

»Das tun wir«, antwortete der Polizeichef, der dem berühmten Ermittler gegenüber äußerst zuvorkommend war.

»Haben Sie noch Eintrittskarten für verdeckte Ermittler?«

»Ja.«

»Wie viele?«

»Zehn Stück.«

»Wären Sie so freundlich, zwei Ihrer Männer abzuziehen und mir die Karten zu überlassen?«

»Selbstverständlich. Vermuten Sie dort krumme Geschäfte?«

»Eine Bande, hinter der wir schon länger her sind, wird dort auftauchen.«

Der Polizeichef öffnete eine Schreibtischschublade und holte zwei wunderschön gravierte Einladungskarten für den elegantesten Ball heraus, den New York seit Langem gesehen hatte. Er überreichte sie Old King Brady.

»Ich wünsche Ihnen viel Erfolg«, sagte er.

»Ich danke Ihnen«, antwortete der Meisterdetektiv, verbeugte sich und verließ das Büro.

Nachdem das Erledigt war, begaben sich die Bradys in ihre Unterkunft. Sie bestellten ein vorzügliches Abendessen, ruhten sich ein paar Stunden aus und genossen gemütlich eine Pfeife. Um neun Uhr begannen sie mit der Transformation.

Old King Brady verwandelte sich in den Viscount de Fleury – genau jener Name, auf den die gefälschte Einladung ausgestellt war. Young King Brady verkleidete sich als Reginald Devoe, ein arroganter englischer Snob. Als die Verwandlung vollendet war, hätte niemand die beiden wiedererkannt.

In ihren eleganten Fracks, den feinen Glacéhandschuhen und mit edlen Seidenumhängen über den Schultern verkörperten die beiden Bradys den Typus der Hochfinanz in Perfektion.

Um halb elf rollte ihre Kutsche über die prachtvolle Fifth Avenue direkt vor das Anwesen von Mrs. Hadley-Larkin. Ein rosenbestreuter Weg führte zum Portal. Die Detektive zeigten ihre Karten vor und wurden hineingeführt. Am Eingang rief der Lakai laut ihre Namen aus:

»Viscount de Fleury!«

»Reginald Devoe!«

Sie traten ein in die glanzvolle Gesellschaft. Niemand – außer der wunderschönen Gastgeberin, die in das Geheimnis eingeweiht war – wusste nicht, wer die beiden wirklich waren. Um den Schein zu wahren, hieß sie die vermeintlichen Edelleute überschwänglich willkommen. Anschließend mischten sich die Bradys unter die Gäste.

Direkt hinter ihnen war eine weitere Kutsche vorgefahren. Ein Mann sprang heraus und betrat beschwingt das Anwesen.

»Graf Giuseppe!«

Sofort veränderte sich die Miene der Gastgeberin. Mit einer völlig anderen, förmlicheren Haltung trat sie vor, um den Neuankömmling zu begrüßen. Die beiden scharfsinnigen Detektive beobachteten die Szene genau.

Da stand Corcoran – groß, gutaussehend und in makelloser Abendgarderobe. Kein Mann im Raum war geschmackvoller gekleidet. Er begegnete Mrs. Hadley-Larkin mit einer nonchalanten, vertrauten Eleganz – jener Art von Arroganz, die man nicht erlernen kann, sondern die einem im Blut liegen muss.

Die beiden Bradys behielten den Betrüger scharf im Auge, als das Fest seinen Lauf nahm. Ungarische Kapellen spielten feurig auf, der Ballsaal füllte sich, und fröhliche Paare glitten über das hochglanzpolierte Parkett.

Ein schönerer Anblick ließ sich kaum vorstellen. Anmut und Schönheit, Geist und Stand – das Herz und die Seele von Gothams brillantestem gesellschaftlichen Leben waren hier vereint. Alles wirkte heiter und voller Unbeschwertheit. Das zumindest war die Oberfläche.

Doch was lag darunter? Wer vermochte das schon zu sagen?

Denn weder Geld, Juwelen noch Macht vermögen das scharfe, allsehende Auge für jene Herzschmerzen, Qualen, den Hass, die Eifersucht und den Verrat zu blenden, die unter dieser glänzenden Fassade lauern.

Und die zwei Bradys, die sich lautlos durch die Menge bewegten, verstanden das nur zu gut. Durch ihre jahrelange Erfahrung und scharfe Beobachtungsgabe sahen sie mühelos, was dem gewöhnlichen Auge verborgen blieb.

Sie sahen, dass Graf Giuseppe einer der glanzvollsten Stars des Abends war. Und sie beobachteten jeden seiner Schritte.

Trotz seines ausgeklügelten Spiels war sich der Betrüger für keine niedere Gaunerei zu schade – wie etwa das heimliche Entwenden der diamantenen Taschenuhr einer ahnungslosen Dame. Alles, was Corcoran ins Netz ging, war ihm willkommen.

Später führte er viele kleine, scheinbar beiläufige Plaudereien abseits des Trubels mit Mrs. Hadley-Larkin. Bei einer dieser Unterhaltungen hörte Old King Brady, gut geschützt hinter einer marmornen Säule, Folgendes mit:

»Besuchen Sie mich morgen um vier Uhr, mein lieber Graf. Ich werde das Geld für diese wertvollen Anleihen bereithalten. Obgleich ich bezweifle, dass irgendein Unternehmen mit italienischer Beteiligung mit unseren sicheren US-Staatsanleihen mithalten kann.«

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