Archiv

Die Legende von Joaquin Murrieta

Geschichten aus dem alten Westen: Die Wahrheit hinter dem Geist

Von den staubigen Goldfeldern Kaliforniens bis in die Saloons von San Francisco – kaum ein Name lässt das Herz von Western-Enthusiasten so höherschlagen wie der von Joaquin Murrieta. Doch wer war der Mann, dessen Kopf einst für Dollarscheine in Alkohol konserviert wurde? Ein edler Rächer oder ein kaltblütiger Killer? Schenk dir einen Whiskey ein, Stranger, denn heute trennen wir im rauen Wind der Geschichte die Fiktion vom Fakt.

Jeder, der am Lagerfeuer gerne den alten Geschichten lauscht, kennt die klassische Tragödie: Ein friedlicher mexikanischer Farmer wird von gierigen Miners um sein Recht gebracht. Sein Bruder wird unschuldig gelyncht, er selbst brutal ausgepeitscht, und seine bildschöne junge Frau stirbt nach einer Schändung in seinen Armen. Joaquin schwört bittere Rache. Er jagt seine Peiniger einen nach dem anderen, wird zum Schrecken des Westens und endet schließlich im Kugelhagel der neu gegründeten California Ranger unter dem legendären, knallharten Grenzer Harry Love.

Es ist verdammt gutes Kino. Das Problem daran? Es ist fast komplett erlogen.

Die ganze Romanze entsprang 1854 – nur ein Jahr nach Joaquins angeblichem Tod – der rauchenden Feder eines Mannes namens John Rollin Ridge. Ridge, ein Cherokee-Mischling, der selbst nach einem tödlichen Duell in Arkansas nach Kalifornien geflohen war, nahm ein paar vage Zeitungsmeldungen aus den Goldcamps und strickte daraus den perfekten Prototypen des geächteten Rächers. Der Mythos war geboren und schlug ein wie eine Ladung Schrot.

Wenn man die staubigen Gerichtsakten und alten Kirchenbücher aus dem 19. Jahrhundert aufschlägt, verschwindet der Heiligenschein des edlen Banditen im Pulverdampf. Der echte Joaquin Murrieta wurde 1830 in Sonora, Mexiko, geboren und kam als junger Mann wegen des Goldrauschs nach Kalifornien. Er schuftete anfangs sogar als ehrlicher Vaquero und Wildpferdefänger.

Doch sein Weg auf die schiefe Bahn hatte nichts mit sozialer Ungerechtigkeit zu tun, sondern mit schlichter krimineller Energie in der Familie. Sein Schwager, ein skrupelloser Hund namens Claudio Feliz, brach 1849 aus dem Knast in Stockton aus und gründete eine der bösartigsten Banden, die Kalifornien je gesehen hat. Ihr Motto war kurz und schmerzlos: Tote erzählen keine Märchen.

Joaquin stieg in dieses blutige Handwerk ein. Die Bande raubte jeden aus, der ihnen vor die Flinten kam: Amerikaner, Chinesen und – was die Legende gerne verschweigt – sogar ihre eigenen mexikanischen Landsleute. Als Claudio Feliz im September 1851 nach dem brutalen Überfall auf eine einheimische Familie den Schutz der eigenen Leute verlor und im Kugelhagel starb, übernahm Joaquin Murrieta das Kommando.

Was folgte, war kein heroischer Feldzug gegen Unterdrücker, sondern ein echtes Schlachthaus. Joaquins Bande spezialisierte sich auf wehrlose chinesische Minenarbeiter. Aus purem Sadismus und rassistischem Hass schnitten die Banditen den Asiaten schlicht die Kehlen durch. Innerhalb von nur zwei Monaten schickte die Bande 22 Männer in die ewigen Jagdgründe.

Das war selbst für die wilden Zeiten des Goldrauschs zu viel. Der Gouverneur schickte den kampferprobten Ranger Harry Love los. Im Juli 1853 stellten die Ranger die Bande an einer staubigen Wegkreuzung. Joaquin wurde im fluchtartigen Feuergefecht durchsiebt.

Um das Kopfgeld einzustreichen, schnitt Love dem Toten den Kopf ab und steckte ihn in eine Flasche mit Alkohol – in einer Ära ohne Fingerabdrücke oder Steckbrief-Fotos die einzige Möglichkeit, den Erfolg zu beweisen. Der eingelegte Kopf tourte monatelang als makabre Attraktion durch die Saloons der Minenlager, wo Joaquins Gesicht jeder kannte, und wurde fast universell identifiziert. 1906 verbrannte das Relikt beim großen Erdbeben von San Francisco.

*

Wie wurde aus diesem brutalen Kehlendurchschneider nun der Freiheitskämpfer, den wir heute aus Groschenromanen kennen?

Das verdanken wir schamlosen Plagiatoren und schlechten Dichtern. Ridges Buch wurde weltweit geklaut und umgeschrieben. In Chile machte ein Übersetzer aus dem Mexikaner kurzerhand einen Chilenen El Bandito Chileno, der so populär wurde, dass man ihm in Santiago sogar ein Denkmal baute!

Ein exzentrischer Dichter namens Joaquin Miller erfand in einem lausigen Gedicht eine tiefe, furchterregende Messernarbe auf Murrietas Stirn. Das Absurde: Jahrzehnte später schworen alte Goldgräber in ihren Memoiren Stein und Bein, dass sie Murrieta getroffen und diese völlig erfundene Narbe mit eigenen Augen gesehen hätten. Selbst der berühmte Historiker Hubert Howe Bancroft fiel auf den Schwindel herein und schrieb den Roman-Räuber unkritisch in seine monumentalen Geschichtswerke.

Bis heute wird Murrieta politisch instrumentalisiert – in den 1970er Jahren feierte ihn die Chicano-Bewegung als Symbol gegen die Anglo-Unterdrückung. Das führt zu skurrilen Blüten auf den Friedhöfen Kaliforniens: Während der echte Massenmörder Tiburcio Vasquez unter einem prachtvollen Denkmal ruht, wird dem Ranger Harry Love bis heute ein anständiger historischer Grabstein verwehrt.

Am Ende zeigt uns die Akte Murrieta vor allem eines: Wir im Westen lieben einfach eine verdammt gute Geschichte mehr als die nackte, unbequeme Wahrheit. Wenn der Mythos zur Wahrheit wird, dann veröffentliche den Mythos – das wusste schon Hollywood. Aber wer die Augen offenhalten will, der sieht in Joaquin Murrieta das, was er wirklich war: Ein verdammt schneller Schütze, ein kaltblütiger Räuber und ein Geist, der aus der Fantasie eines geflohenen Dichters geboren wurde.

Bis zum nächsten Mal, wenn der Präriewind die alten Geschichten herüberweht!

Quellen:

• John Rollin Ridge: The Life and Adventures of Joaquin Murieta, The Celebrated California Bandit. Penguin Classics. 2018.

• William B. Secrest: Lawmen & Desperadoes: 1850-1900. Arthur H. Clark Company. 1994

(wb)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert