Red Dick, der Tiger von Kalifornien – Teil 1
Red Dick, der Tiger von Kalifornien
Eine Räubergeschichte aus dem Golden State
Von Ned Buntline
Kapitel I
»So! Du bist also endlich frei? Mein junger Tiger ist von seinen Ketten befreit! Geh in jenes Zimmer, Ricardo – du wirst dort Kleidung finden, die du anlegen, und Waffen, die du tragen kannst. Kleide und rüste dich aus – dann komm zurück zu mir!«
War es eine Frau – eine Mutter, die so sprach?
Ja! Sie sprach zu einem Sohn, der sieben bittere Jahre lang hinter Kerkermauern geschuftet und den Dämon der Rache an einer eiskalten Brust genährt hatte – zu ihm, dem sie am Tag seiner Verurteilung zugerufen hatte:
»Wenn du frei bist, komm zu mir! Verliere keine Stunde, sondern komm zu mir wie der junge Tiger zu seiner Mutter, und ich werde deine Hände für die Vergeltung rüsten!«
Sieben Jahre lang waren diese Worte sein einziger Trost gewesen. Unter den Hieben der Peitsche, in den schweren Stunden unermüdlicher Sklavenarbeit, in der dunklen Kälte seiner Zelle, bei Tag und bei Nacht, im Wachen wie im Traum, hatte er sie unablässig im Ohr gehabt.
Nun war er frei, und er war gekommen! Der Neffe des großen Joaquin, jenes wilden Schreckens der Vergangenheit – er war gekommen, seine großen schwarzen Augen erfüllt von einem teuflischen Feuer, das unter der Gefängniszucht lange geschlummert hatte, nun aber ganz entflammt war von den ungestümen Gedanken an eine wilde, verzweifelte Jagd nach grenzenloser Rache, unermesslichem Reichtum und gesetzloser Macht.
Rastlos, gleich einer Tigerin, die auf ihr Opfer lauert, schritt die Mutter im äußeren Zimmer auf und ab – sie, die einst so schön gewesen war, dass selbst Frauen sich nach ihr umwandten, wenn sie vorüberging; sie, deren Schönheit nun im dörrenden Wüstenwind eines brennenden Hasses verwelkt war, der so lange über den Garten ihres einst engelhaften Wesens gefegt hatte.
Sie schritt auf und ab, die Hände geballt, den Busen wild bewegt, während von Zeit zu Zeit ein ungezügelter Chor aus vielen Männerstimmen aus dem darunter liegenden Raum heraufdrang, wo ein wildes Gelage in vollem Gange zu sein schien.
Zehn Minuten vergingen, da sagte die Frau ungeduldig: »Warum braucht der Junge so lang? Er kleidet sich doch nicht für ein Hochzeitsfest!«
Die Tür öffnete sich. Ihre schwarzen Augen blitzten in wilder, dämonischer Freude auf – weit eher als im stolzen Jubel einer Mutter!
Dort stand ihr Sohn! Nicht mehr der bleiche, vom Gefängnis gezeichnete, sanftmütige und unentschlossene Jüngling, der sie erst vor wenigen Augenblicken verlassen hatte, sondern ein Mann – bewaffnet mit Gewehr, Pistolen und Dolch; jede Waffe von bester Machart und bestem Material für den tödlichen Gebrauch, besetzt mit funkelndem Gold und Juwelen. Seine Gestalt maß gut 1,80 Meter, gekleidet in dunklen, purpurnen Samt, der über und über mit goldenen Stickereien bedeckt war – das Werk ihrer eigenen Hände in den langen Jahren der Trennung. Sein Haupt war von einem schneeweißen Sombrero bedeckt, von dem eine lange, rote Feder herabhing, die wie ein feuriges Banner über seine breiten Schultern wehte.
Einen Augenblick lang blickte sie auf seine Gestalt, die durch das königliche Gewand in vollem Glan erstrahlte – eine Minute lang schaute sie in sein wildes, kühnes Gesicht, in seine verwegenen Augen, und es schien, als sehne sie sich danach, an seine Brust zu stürzen und der Liebe und dem Stolz einer Mutter freien Lauf zu lassen.
Einen Moment lang rang ihre Seele, doch der Wille besiegte die Natur, und sie sagte kühl: »Ricardo – mein Sohn, du wirst sehen! Sie haben deine Männlichkeit nicht gebrochen!«
Sie stampfte mit dem Fuß auf den Boden.
Das laute Treiben im Raum darunter verstummte im selben Augenblick.
Sie stampfte erneut auf, und ihr Absatz hallte laut in dem schweigenden Zimmer wider.
Man hörte das Geräusch hastender Schritte auf der Treppe, und kaum eine Sekunde später flog die äußere Tür auf: Gut dreißig finstere, wilde Männer – alle schwer bewaffnet und mit Mienen, die verrieten, dass sie an ein verzweifeltes Leben gewöhnt waren – traten über die Schwelle.
Sie hielten dort an, wo die Frau mit ausgestrecktem Arm stand, und blickten in geschlossener Schar begierig und schweigend auf den stattlichen Jüngling, der ihnen allen ein Fremder war.
»Dios! Es ist Joaquin selbst, der wieder zum Leben erwacht ist!«, murmelte der Älteste von ihnen, ein grauhaariger Mann, dessen Gesicht durch eine Narbe verunstaltet war, die vom Kinn bis zur Augenbraue reichte.
Die Frau beachtete seine Bemerkung nicht. Mit der einen Hand auf den Jüngling zeigend, wandte sie sich an die gesamte Schar.
»Ranger von Calaveras!«, rief sie. »Blickt auf die Waffen, die einst Joaquin getragen hat! Blickt auf den Sohn seiner Schwester! Es ist der Sohn dieser Schwester, der sie trägt – ja, und der sie auch zu gebrauchen wissen wird! Im Gefängnis nannten ihn die spottenden Hunde Red Dick. Sie sollen noch erzittern vor dem Namen, den sie meinem tapferen Ricardo gegeben haben! Erblickt in ihm und erkennt von nun an euren Anführer: Red Dick, den Tiger von Kalifornien!
Von ihm habe ich gesprochen, als ich euch hieß, euch auf das kommende Werk vorzubereiten – auf ihn habe ich all meine Hoffnungen und Gedanken gerichtet, während ich euch zusammenhielt und Pläne schmiedete, um eure Zahl zu vergrößern, euch zu stärken und zu unterstützen! Für ihn habe ich gelebt und auf diese Stunde gewartet, in der mit ihm an eurer Spitze und mit mir als eurer Planerin und Beraterin ein Feldzug der Rache beginnen kann, der ganz Kalifornien erzittern lassen wird, so wie es erzitterte, als Joaquin noch lebte.
Ihr liebt das Gold. Es soll euch gehören, tonnenweise! Vereint unter ihm sollt ihr zum Stolz der Berge und zum Schrecken der Ebenen werden. Ich will eure Führerin sein – ich, die jeden Canyon, jeden Gipfel, jede Höhle und jeden Pass in den gesamten Sierras dieses Landes kennt.
Blickt auf ihn – meinen Sohn! Schaut in seine Augen, betrachtet seine Gestalt! Ist er nicht geschaffen, euer Anführer zu sein? Sprecht, freie Ranger von Kalifornien – sprecht!«
»Er ist es! Er ist es! Lang lebe Red Dick – der Tiger von Kalifornien, und Tod allen, die sich ihm widersetzen!«
Diese Worte klangen so klar wie Posaunenstöße von den Lippen der Männer, und einer nach dem anderen trat vor, um die Hand desjenigen zu ergreifen, dem sie soeben die Treue geschworen hatten.
Der Letzte, der dies tat, war der bereits erwähnte Älteste der Bande. Er sagte, als er die Hand des jungen Anführers berührte: »Ich habe unter Joaquin gedient! Ich konnte nicht mit ihm sterben – aber ich will unter dir leben und sterben!«
»Dein Name, alter Veteran?«, fragte Red Dick.
»Pietro, der Kahle!«, antwortete der andere und nahm seinen Hut ab, um zu zeigen, dass sein Kopf kahl war.
»Du bist mein Leutnant! Der Zweite im Kommando!«, erklärte der Anführer, und seine Wahl wurde von der Bande mit lautem Jubel begrüßt.
»Ich danke dir! Ich habe diese Teufel hier schon durch manch brenzlige Lage geführt, und sie kennen mich! Ich werde dir ebenso treu dienen, wie ich Joaquin gedient habe, denn jeder Schlag, den wir führen, gilt seinem Andenken!«, sagte Pietro.
»Ja – und der Rache!«, rief Red Dick.
»Komm hinunter in die Halle, Hauptmann – wir haben den Schmaus und unseren Wein verlassen, als sie uns rief!« Pietro deutete auf die Mutter des Anführers, die ihnen allen als Donna Carlotta bekannt war.
»Ich trinke keinen Wein. Die karge Gefängniskost hat mich stark gemacht. Ich werde mich nicht durch Ausschweifungen schwächen!«, entgegnete Red Dick. »Wir haben Arbeit vor uns, die all unsere Kraft und all unsere Sinne erfordert!«
»Recht so, Ricardo«, sagte seine Mutter. »Recht so, und gesprochen wie einer, der fähig ist, kühne Männer zu kühnen Taten zu führen! Lasst die anderen hinuntergehen. Ich habe Karten vor dir auszubreiten – Routen, die ich dir zeigen muss, Orte, an denen wir uns bereits sammeln, und andere, die uns künftig als Stützpunkte dienen werden. Wir werden diese Hügelkette bald verlassen und uns zur Küste begeben, wo es zehnmal mehr Gelegenheiten zum Zuschlagen gibt als hier! Wir werden dorthin gehen, wo die Reichen in den Küstenstädten nach Zerstreuung suchen, wo sie umherreisen, um Land und Meer zu bewundern und neue Eindrücke zu genießen. Ich habe alles genau geplant – bleib hier bei mir und lass sie zu ihrem Wein zurückkehren!«
»Ihr habt ihre Wünsche gehört! Sie sind mein Wille!«
Die Worte des Anführers waren kurz – doch der Tonfall, in dem sie gesprochen wurden, und der Blick, der sie begleitete, genügten. Die Männer kehrten augenblicklich in das Speisezimmer zurück.
Red Dick blieb mit seiner Mutter allein zurück.
Ein Tisch in einer Ecke des Raumes war mit Karten und Papieren übersät. Darauf stand eine fast dreißig Zentimeter hohe Schatulle aus massivem Silber, in deren Deckel ein Kreuz aus Ebenholz eingelassen war.
»Komm her, Ricardo!«, sagte Donna Carlotta, während sie an den Tisch trat.
Er gehorchte, und sie reichte ihm einen Schlüssel, der an einer goldenen Kette hing, die sie sich vom Hals genommen hatte.
»In dieser Schatulle, Ricardo«, sprach sie, als sie ihrem Sohn den Schlüssel übergab, »befindet sich ein Schatz, der den Staat Kalifornien 100 000 Dollar in Gold gekostet hat. Du wirst die Schatulle und den Schlüssel verwahren – doch merke dir, unter dem Androhung meines Fluches: Du darfst sie nicht öffnen, bevor du nicht bis auf den letzten Buchstaben den vollständigen Racheplan ausgeführt hast, den du auf diesem Papier findest, das ich dir mit dem Schlüssel überreiche. Darin stehen die Namen und die gegenwärtigen Aufenthaltsorte aller Zeugen, die bei deinem Prozess gegen dich ausgesagt haben – des Anwalts, dessen Beredsamkeit zu deiner Verurteilung beitrug, des Richters, der das Urteil sprach, und der Geschworenen, die das Urteil schuldig fällten, obwohl sie wussten, der Himmel und ich es wussten, dass du unschuldig warst. Lies es in einer ruhigen Stunde – und schicke dich an, danach zu handeln!«
»Ich werde es tun!«, erwiderte er mit leiser, ernster Stimme.
»Nun blicke auf diese Karten«, fuhr sie fort. »Hier siehst du, wo wir uns jetzt befinden: in den Hügeln von Calaveras. Dort spaltet der Feather River die mächtige Sierra Nevada. Einst hat Joaquin im Pass oberhalb seiner Ufer ganz allein zehn Männer aus dem Hinterhalt niedergestreckt und ihnen den Schatz abgenommen, den sie zurück in die Staaten bringen wollten. Von einer berittenen Truppe, die ihm nachsetzte, eng eingekreist, stürzte er sich, bewaffnet wie er war, in die schäumenden Fluten und schwamm außer Reichweite der Schüsse dorthin, wohin ihm niemand zu folgen wagte. Schau hierher: Der Yuba mit seinen Nebenarmen fließt durch Goldadern einhundert gewundene Meilen weit herab, um sich mit dem Feather River zu vereinen, bevor dieser in den trüben Sacramento mündet, der – angeschwollen durch den dreigabeligen American River – in majestätischer Pracht dem Meer entgegenrollt. Einst gab es dort nur Goldgräberlager, wo heute Städte die Landschaft übersäen. Doch in jenen Lagern gab es zehnmal – ja, hundertmal mehr Reichtum, als diese Städte heute vorzuweisen haben. Nur noch die bettelhaften Chinesen schuften in den Schluchten und Canyons – und sie verstecken oder schaffen das gefundene Gold beiseite, sobald sie es entdecken. Der wahre Reichtum liegt an der Küste und in den Ebenen, wo die Menschen durch Getreide, Spekulation und Handel reich werden. Wir müssen die Hügel verlassen!«
»Wie steht es um unsere Reittiere? Verfügt die Bande über Pferde?«
»Ja – jeder Mann besitzt ein Pferd, das an Schnelligkeit und Ausdauer in der ganzen Gegend seinesgleichen sucht. Einige haben zwei oder drei. Für dich und mich halte ich zehn bereit, und zwei davon sind die besten, die man im ganzen Westen für Gold kaufen konnte. Das eine ist so weiß wie frisch gefallener Schnee – das andere so schwarz wie Gagat. In Schnelligkeit, Kraft und Schönheit übertreffen sie alle anderen!«
»Mutter – du hast an alles gedacht!«
»Ja – an deine Taten; denn gute Waffen, gute Pferde und treue Männer sind jetzt alles für dich! Doch richte deinen Blick auf die Karte. Wir müssen diese Hügelkette über Routen verlassen, die es uns erlauben, unbemerkt zu bleiben. Denn wenn du zuschlägst – und das wirst du bald –, und zwar an Leib und Leben sowie am Besitz in einer Region, die noch nie zuvor von einer Räuberbande heimgesucht wurde, so wird gerade der Schrecken unserer ersten Taten darin liegen. Niemand wird wissen, wer wir sind oder woher wir kommen, und man wird glauben müssen, wir seien Tausende, obwohl wir in Wahrheit nur dreißig oder vierzig zählen.«
»Und wie soll das gelingen?«
»Indem wir rasch und an verschiedenen Orten zuschlagen und überall dieselbe Spur hinterlassen. Das ist das Werk von Red Dick, der im Gedenken an Joaquin zuschlägt!«
»Der Plan ist gut, und er soll ausgeführt werden!«
»Du selbst musst in deiner jetzigen Tracht an Orten gesehen werden, die einhundert Meilen voneinander entfernt liegen – und das am selben Tag. Mit solchen Pferden, wie du sie hast, und durch stetigen Wechsel wird es gelingen. Dann wird es heißen, der Satan selbst stünde dir beiseite!«
»Wahrhaftig – noch mehr Meilen als die, die du nennst, können an einem einzigen Tag zurückgelegt werden, und so soll es geschehen. Wann können wir aufbrechen?«
»In dieser Nacht – wenn die Mitternachtsdunkelheit die Erde verhüllt, beginnen wir unseren Marsch. Alles ist bereit. Wir werden uns nur nachts bewegen, bis wir die Mammutbaumwälder erreichen, die das Meer überragen! Von dort aus werdet ihr auf die reichen Städte in den Tälern, auf die großen Ranches und auf die Postkutschen, die von Ort zu Ort verkehren, herabstoßen, wie Adler es tun, die ihre wolkennahen Horste verlassen, um die Beute tief, tief unten zu schlagen!«
»Es ist gut! Ich bin froh, dass es keinen Aufschub gibt. Meine Seele hungert nach Arbeit. Mein Herz lechzt nach Tat!«
»Gut – mein junger Tiger – gut! Das Feld liegt offen vor dir. Erinnere dich an das, was du und ich erlitten haben – erinnere dich daran, wie Joaquin starb, und schrecke vor keiner Tat zurück, die das Schicksal dir auferlegt! Nun geh in das innere Zimmer, lege dich nieder und schlafe bis zur Nacht. Dann wird alles bereit sein. Ich werde den Männern unten deine Befehle überbringen; denn es ist noch früh, und auch sie müssen sich für den Nachtmarsch rüsten.«
Red Dick verneigte sich und betrat, wie ihm geheißen, das innere Zimmer.
»Er wird es schaffen!«, murmelte die Frau, als sie ihn aus den Augen verlor. »In seinen Adern fließt wahres Blut, und es brennt im Gedenken an das, was er erlitten hat. Kalifornien soll vor seinem Namen erzittern!«
Sie kehrte zum Tisch zurück, breitete eine Karte vor sich aus und zeichnete mit einem Bleistift eine Route nach, wobei sie leise vor sich hin sprach, Rastplätze benannte, beschrieb, wo Flüsse überquert und wie Städte umgangen werden sollten, bis ihr Finger schließlich auf einem bestimmten Punkt ruhte und sie sagte:
»Hier ist der höchste Gipfel der Coast Range. Von hier aus können wir nach Westen auf Santa Cruz und Soquel blicken – nach Süden auf Monterey, den Salinas-Fluss und Watsonville – nach Osten auf San Jose, Santa Clara und Gilroy. Postkutschenlinien und Dörfer liegen alle in Reichweite, und dort, inmitten des dichten Chaparral, zwischen den mächtigen Klippen und oberhalb der großen Mammutbaumwälder, können wir jeder Verfolgung trotzen und uns ausruhen, wenn das Werk getan ist, welches das Volk in Schrecken versetzen und aufrütteln wird.«
Ein raschelndes Geräusch ließ Donna Carlotta das Haupt erheben. Es war nur das Rascheln schneeweißer Gewänder, doch das Geräusch war vernehmbar, obschon der Tritt des schönen Mädchens, das sie trug, so leicht war, dass er keinen Laut von sich gab.
»Du hier, Anita? Warum hast du das Seminar verlassen?«, fragte Donna Carlotta und blickte das wunderschöne junge Mädchen, das auf sie zukam, mit kühner Strenge an.
»Ich wurde verwiesen«, antwortete das Mädchen, während ihr auf den brünetten Wangen die Schamesröte aufstieg.
»Verwiesen! Und weshalb?«
»Weil ein Spion einen Brief von dir auf meinem Tisch gefunden hat. Darin schriebst du, dass mein Onkel Joaquin noch durch meinen Cousin Ricardo gerächt werden würde! Sie haben mich verhört – doch ich war mir zu stolz zum Lügen, und so haben sie mich von der Schule gewiesen!«
»Es ist gut! Ich hätte dich gern vor Gefahren und Entbehrungen bewahrt und dich – so sie es zugelassen hätten – dazu erzogen, eine Zierde der Welt zu werden, in der du lebst. Sie haben dir einen Schlag versetzt, für den sie noch büßen sollen. Dein Leben wird von nun an ein anderes sein – doch ohne dein oder mein Verschulden. Dein Cousin ist hier. Ricardo.«
Der laute Ton, in dem sie sprach, drang bis an die Ohren ihres Sohnes.
Er trat wieder in den Raum, hielt jedoch jäh inne, als sein Blick auf das bildschöne Mädchen fiel, das an der Seite seiner Mutter stand.
»Ricardo – das ist Anita, deine Cousine. Die Waise meines Bruders, der durch die Hand des Mannes starb, der auch Joaquin erschlug – er starb, als er den tödlichen Streich nicht erwartete!«
»Wo ist dieser Mann? Sprich schnell, denn ich werde nicht eher ruhen, als bis sein Blut die Erde tränkt!«
»Er ist tot! Er kam bei einer Schlägerei mit einem Mann ums Leben, den er entehrt hatte – diese Gelegenheit ist uns also entgangen«, erwiderte Donna Carlotta. »Deine Cousine wurde wegen ihrer Verwandtschaft aus einem vornehmen Seminar verstoßen. Von nun an ist ihr Los mit dem unseren verknüpft!«
»Es gäbe mir Freude, stünde uns nicht ein Leben voller Gefahren bevor, in dem bittere Entbehrungen ertragen werden müssen!«, sagte Red Dick, während er seine Cousine eindringlich musterte.
»Ich kann Entbehrungen ertragen und werde vor Gefahren nicht zurückweichen!«, sprach Anita mit fester Stimme. »Beidem ist leichter ins Auge zu blicken als den verächtlichen Blicken, die sich in mein Herz brannten, als bekannt wurde, dass ich mit dem kühnen Joaquin verwandt bin!«
»Diejenigen, die dich mit Verachtung straften, liebe Cousine, sollen mir mit Entsetzen begegnen«, sagte der junge Kavalier. »Ich werde sie bittere Tränen weinen lassen für das Unrecht, das sie einer so holden und sanften Seele angetan haben!«
»Wohl gesprochen, Ricardo. Doch nun geh auf dein Zimmer und ruh dich aus. Ich werde mich um meine Nichte kümmern und sie für die Reise rüsten, die uns so bald bevorsteht. Doch sieh her, Junge, du hast diese Schatulle vergessen. Sie muss fortan unter deiner Obhut bleiben. Sie ist kostbar und darf nicht verloren gehen!«
»Ich werde sie hüten, Mutter, so wie ich mein eigenes Leben hüten werde, um deine Wünsche zu erfüllen. Cousine, bis wir uns wiedersehen – Adios!«
Er verneigte sich tief vor Anita, die seinen Gruß mit einem Lächeln erwiderte, während sie sich in Begleitung seiner Mutter durch die äußere Tür zurückzog.
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