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Deutsche Märchen und Sagen 26

Johann Wilhelm Wolf
Deutsche Märchen und Sagen
Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845

26. Von vier Wunschdingen

Es war einmal ein sehr reicher und mächtiger König, der hatte drei Söhne. Eines Tages rief er sie alle drei vor sich, schenkte jedem ein großes, schönes Seeschiff.

Dann fragte er den Ältesten: »Nun sag mir einmal, was willst du mit dem Schiff machen?«

Der antwortete: »Ich fahre damit in die weite Welt und komme nicht eher wieder, bis ich es mit Schätzen gefüllt habe.«

»Gut«, sprach der König, »dann zieh hin.« Dann fragte er den Mittelsten: »Und was willst du denn mit dem Schiff tun?«

Der sprach: »Ich fahre damit fort und komme nicht eher wieder, bis ich zumindest so viele Schätze habe wie mein Bruder.«

»Gut«, sagte der König darauf, »dann fahre hin.« Er fragte alsdann auch den Jüngsten: »Nun sag du mir auch, was du mit dem Schiff tun willst.«

»Ich will alles tun, um mich Eurer Liebe und Güte würdig zu machen«, sprach der Jüngste.

»Hm, hm«, brummte der König, »das soll mich wundern.«

Am anderen Tag war ein großes Fest im Schloss. Als das zu Ende war, gingen die drei Königssöhne zu ihren Schiffen und stachen in See. Als sie nun schon sehr, sehr weit gefahren waren, kamen sie an eine Silbergrube.

Da sprach der Älteste: »Hier lade ich mein Schiff voll Silber.«

»Nein«, sprachen die beiden anderen, »wir wollen mehr haben oder gar nichts.«

Da füllte der Älteste sein Schiff mit Silber und fuhr zurück zum Schloss. Die anderen zwei aber zogen weiter und immer weiter und kamen endlich an eine Goldgrube.«

»Aha«, sprach der Mittelste, »hier lade ich mein Schiff voll Gold.«

»Nein«, sprach der Jüngste, »ich will mehr haben oder gar nichts.«

Da füllte der Zweite sein Schiff mit Gold und fuhr zurück zum Königsschloss. Der Jüngste aber fuhr noch weiter in die Welt hinein. Als er nun schon sehr weit gekommen war, da gingen ihm seine Lebensmittel zu Ende und er begann Not zu leiden. Er gedachte also, auf das erstbeste Land loszusteuern, welches er zu Gesicht bekommen würde, nahm sein Fernrohr in die Hand, kletterte auf den höchsten Mast und schaute sich einmal um. Aber da war nichts als Himmel und Wasser rings um ihn her. Nur auf einer Seite ganz, ganz weit sah er ein kleines, schwarzes Pünktchen. Als er näherkam, da war das eine Insel. Er steuerte mit seinem Schiff darauf zu und stieg aus. Aber wie er auch suchen mochte, er fand kein lebendiges Wesen. Nachdem er nun drei Tage so herumgesucht hatte, da wurde seine Mattigkeit so groß, dass er in Schlaf fiel. Als er wieder aufwachte, sah er mit Verwunderung ein schönes Mädchen vor sich stehen.

Das beschaute ihn von Kopf bis Fuß und fragte ihn: »Wie kommst du denn hierher?«

Er sprach: »Ach, ich bin ein armer Königssohn, mit meinem Schiff hier gelandet und habe so großen Hunger.«

Da sprach das Mädchen: »Dann komm mit mir nach Hause, da sollst du Essen und Trinken haben, so viel wie du willst.«

Dessen war der Königssohn nicht unfroh und ging mit dem Mädchen. Sie kamen an ein Hüttchen, darin saß eine alte Frau und spann.

»Mutter, gebt dem Jüngling doch etwas zu essen, er hat so großen Hunger«, bat das Mädchen.

Aber die Alte brummte: »Nichts da, nichts da, ich habe unser Tichtüchlein in den Schrank gelegt und hole es für niemanden mehr heraus.«

Da sprach das Mädchen: »Ach, Mutter, tu es doch, ja, tu es doch!«

Sie bat so lange, bis diese aufstand und das Tischtüchlein holte.

Die Alte breitete das auf den Tisch und sprach: »Durch die Kraft und die Macht von meinem Tischtüchlein, dass Essen und Trinken darauf komme für einen Mann!«

Kaum hatte sie das letzte Wort aus dem Mund, da stand reichlich Essen und Trinken da. Der Königssohn hieb ein, dass es eine Lust war, zu sehen. Als er fertig war mit Essen, da bedankte er sich bei der Alten und dem Mädchen und ging seines Weges weiter.

Er hatte aber noch keine fünfzig Schritt getan, als er das Mädchen rufen hörte: »Warte einmal! Warte einmal!«

Da blieb er stehen und wartete, bis es bei ihm war.

Da sprach es: »Wenn du weggehst, dann sterbe ich. Du musst mich mitnehmen.«

Der Königssohn sprach: »Mitnehmen kann ich dich nicht, denn ich weiß noch nicht, wohin und woher. Wenn ich aber ein Ruheplätzlein für uns gefunden habe, dann komme ich dich holen.«

Damit war das Mädchen zufrieden, zog ein Tischtüchlein unter ihrer Schürze hervor und sprach: »Da, wenn du Hunger hast, dann wünsche nur, wie meine Mutter es getan hat, und du hast Essen und Trinken, so viel du willst.«

Dass der Königssohn froh war, braucht man wohl nicht erst zu sagen. Er bedankte sich aus Herzensgrund bei dem Mädchen und dann gingen sie auseinander, jedes seiner Wege.

Über ein kleines bekam der Königssohn großen Appetit. Er setzte sich also am Weg nieder, breitete sein Tüchlein auf das Gras und sprach: »Durch die Kraft und Macht von meinem Tischtüchlein, dass Essen und Trinken darauf komme für einen Mann!«

Kaum hatte er das Wort aus dem Mund, da stand auch schon alles auf dem Tüchlein, Suppe, Rindfleisch und Bratwurst und Gemüse und eine Flasche Wein dabei. Da hatte er Freude und aß und trank dem Tüchlein zu Ehren, bis er bald nicht mehr konnte. Indem er aber so offene Tafel hielt, kam ein Mann daher gegangen, der

trug einen Reisestock in der Hand und war nicht wenig verwundert, den Königssohn bei einem so leckeren Mahl im wilden Wald zu finden. Er fragte ihn auch, wie er zu dem Essen käme. Da erzählte der Königssohn ihm alles und tat sich nicht wenig zugute auf. Sein Wunschding kommandierte auch alsbald Essen für noch einen Mann, und sie aßen beide und waren vergnügt.

Als sie nun gegessen hatten, sprach der Mann: »Euer Tischtüchlein kann sicherlich viel, aber mein Stock, der kann noch mehr.« Damit zog er den Knopf von dem Stock und rief: »Hunderttausend Reiter zu Pferd!« Im selben Augenblick standen die Reiter da in Reih und Glied. Dann tat er den Knopf wieder auf den Stock und die Reiter waren verschwunden.

»Wollen wir tauschen?«, fragte der Königssohn.

Und der Mann sprach: »Ja, warum nicht.«

Er gab ihm den Stock, nahm das Tischtüchlein und ging weg.

Er hatte aber noch keine hundert Schritt getan, da nahm der Königssohn den Knopf vom Stock, sprach: »Tausend Reiter zu Pferd!« Er sandte die dem Mann nach. »Marsch, marsch, holt mir mein Tischtüchlein wieder!«

Da ritten die Reiter weg und kamen in ein paar Minuten mit dem Tischtüchlein zurück.

Gegen Abend legte der Königssohn sich im Wald zwischen die Sträucher schlafen. Er hatte aber noch nichtlange gelegen, als er wieder geweckt wurde und zwar durch eine Geige, welche er ganz nahe bei sich hörte. Da stand er auf, schaute sich um und sah endlich den Geiger auf einem Felsen sitzen, ging auf ihn zu und sprach: »Ach, spielt mir doch noch einmal ein Stückchen, ach, das war so schön.«

»Ja, ja«, sprach der Geiger, »meine Violine hat eine wundersame Kraft. Wenn ich auf der letzten Saite spiele, dann fallen alle, die es hören, vor Entzücken tot zu Boden. Streich ich aber einmal über die erste Saite, dann springen sie wieder lebendig auf.« Der Königssohn sprach: »Kann Eure Geige das, ich habe ein Tischtüchlein und das kann auch was.« Damit breitete er sein Tüchlein aus und wünschte Essen für zwei Mann und die beiden taten sich gütlich, dass es eine Lust war.

Nachdem sie gegessen hatten, sprach der Königssohn: »Nun, was sagt Ihr zu meinem Tischtüchlein? Wollen wir tauschen?«

»Nun ja«, sprach der Spielmann.

Sie tauschten und ein jeder ging seiner Wege.

Der Spielmann war aber noch nicht so sehr weit, als der Königssohn den Knopf vom Stock nahm und sprach: »Tausend Reiter zu Pferd!« Als die dastanden, rief er: »Marsch, marsch, holt mir mein Tischtüchlein wieder!«

Da galoppierten die Reiter weg und brachten ihm in ein paar Minuten sein Tischtüchlein zurück.

Da war unser Herr Königssohn nicht wenig zufrieden und schritt am anderen Morgen stolz wie ein Pfau weiter durch den Wald dahin. Er hatte aber noch keine halbe Stunde gemacht, da begegnete ihm ein alt Frauchen, das hatte einen Mantel um, der aus mehr denn tausend Läppchen zusammengenäht war. Das Frauchen bot ihm einen guten Morgen und er ihr desgleichen. Dann sprach es, ob er nicht ein Stücklein Brot hätte, es habe so entsetzlichen Hunger.

»O ja, ich habe wohl Brot und noch etwas mehr«, sprach der Königssohn, zog sein Tischtüchlein aus der Tasche und sprach: »Durch die Kraft und die Macht von meinem Tischtüchlein, dass ein Frühstück für zwei Mann darauf komme!«

Da stand Kaffee und Butter und Brot darauf und Milch und Hutzucker, und der Königssohn und die alte Frau frühstückten, als hätten sie in einem halben Jahr nichts gegessen gehabt.

Danach wollte der Königssohn weiterziehen, die Frau aber zog ihn am Arm und sprach: »Dafür, dass Ihr mir die Kraft von Eurem Tischtüchlein gezeigt habt, will ich Euch auch was zeigen, was noch ein bisschen wunderbarer ist.« Damit warf sie ihren gelappten Mantel auseinander und jedes Läppchen wurde ein Schloss mit großen Gärten und Weihern, sodass alles zusammen die allerschönste Stadt war, die man nur mit Augen sehen kann.

»Was meint Ihr, wenn wir tauschten?«, fragte der Königssohn.

Und sie sprach: »O ja, damit bin ich zufrieden.« Sie packte ihren Mantel wieder zusammen und gab ihn dem Königssohn, nahm das Tischtüchlein und ging weg.

Der Königssohn hat aber den Knopf von seinem Stock und sprach: »Tausend Reiter zu Pferd!« Er befahl denen: »Marsch, marsch und holt mir mein Tischtüchlein wieder.«

Als er das hatte, ging er seines Weges weiter, bis er an die See kam. Da lag gerade ein Schiff, das wollte fortfahren. Er fragte den Schiffshauptmann, ob er ihn nicht mitnehmen wollte.

»O ja«, sprach der, »aber wir haben nicht Essen genug bei uns.«

»Darum lasst Euch keine grauen Haare wachsen«, sprach der Königssohn, »ich will Euch allen schon Essen geben, so lang und so viel Ihr wollt.«

Da nahm der Hauptmann ihn ein und sie lebten allzusammen lustig drein von dem Tischtüchlein, bis sie wieder an Land kamen, und das war ganz nahe beim Schloss des Königs. Weil es aber schon spät war, wollte der Königssohn die Leute im Schloss nicht mehr herausschellen, sondern legte sich im Garten unter einen Baum und schlief ein.

Des Morgens wollte der König mit seinen zwei ältesten Söhnen auf die Jagd. Sobald die Jagdhunde aber aus ihren Ställen waren, liefen sie in den Hof und an den Baum. Da bellten sie, wedelten mit den Schwänzen und trieben es so großartig, dass der König auf den Baum zukam.

Der König hatte den Jüngsten aber nicht sobald gesehen, als er ihn auch erkannte und zornig ausrief: »Hast du dich also meiner Liebe würdig gemacht? Geh und pack dich aus dem Land!«

Der Königssohn aber sprach: »Wartet nur ein Weilchen, Vater, dann will ich Euch schon zeigen, was ich mitgebracht habe.«

Damit nahm er seine Geige und strich auf der letzten Seite, und plumps lag der König mit seinen Söhnen tot da vor lauter Entzücken. Dann strich er auf der ersten Saite und sie sprangen wieder frisch und gesund auf.

»Das wär schon etwas«, sprach der König.

Doch der Jüngste lachte und sprach: »Das ist das Allergeringste.« Er nahm den Knopf von seinem Stock und rief: » Zehnmalhunderttausend Reiter zu Pferd!«

Da sprang die ganze Armee heraus, dass die ganze Gegend voll Soldaten wurde.

Nun bekam der König Angst und sagte: »Das ist ja entsetzlich.«

Aber der Königssohn sprach: »Ich muss meinen Soldaten auch Quartier geben.« Er warf den Mantel auseinander.

Da wäre der König aber bald vor Verwunderung hinterrücks gefallen, denn so etwas hatte er in seinem Leben nicht gesehen.

Da sprach der Königssohn: »Das ist aber noch nicht alles, meine Soldaten wollen auch Essen haben.« Er zog sein Tüchlein und kommandierte: »Durch die Kraft und Macht meines Tischtüchleins, dass Essen darauf komme für Zehnmalhunderttausend Mann!«

Im Nu reckte sich das Tischtüchlein und das Essen stand darauf. Da war der König zufrieden mit ihm und führte ihn in vollem Triumph zum Schloss.

Doch hatte der Königssohn nicht lange Ruhe und sprach: »Ich muss erst meine Liebste holen, der ich das alles schuldig bin.«

Dessen war der König zufrieden. Der Jüngste fuhr wieder weg zu der Insel und holte das Mädchen. Als sie zurückkamen, heirateten sie und lebten noch lange in Frieden und glücklich.

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