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Bettgenosse aus der Hölle

Larry Moore
Bettgenosse aus der Hölle

Mitten in der Nacht erwachte Leona in jenem alten, dunklen Haus – nur um festzustellen, dass ihr Bett von einem Wesen heimgesucht worden war, dessen grauenhafte Gelüste nicht von dieser Welt waren!

Als Leona in die gelb gefleckten, achatfarbenen Augen von Talbot Rhone aufblickte, war ihr, als ergriffe ein eiskalter Griff ihr Herz.

»Du wirst mich also nicht heiraten?«, sagte er mit sonderbarer, gepresster Stimme. »Du bestehst darauf, in dieses unheimliche alte Haus zu ziehen?«

»Ich habe dir immer gesagt, dass ich dich nicht heiraten kann, Talbot. Und ich werde ganz sicher in das behagliche Heim ziehen, das ich geerbt habe«, entgegnete sie bestimmt.

Ihr Entschluss stand fest, obwohl sich die Kälte von ihrem Herzen weiter über ihren gesamten Körper ausbreitete.

»Als Arzt hast du mir versichert, dass ich völlig erschöpft bin und mich körperlich wie geistig vollkommen entspannen muss – auf dem Land. Welcher Ort wäre dafür besser geeignet als dieses schöne alte Haus von Großtante Judith in Greyport?«

»Leona!« Er neigte den Kopf und fesselte ihren Blick mit seinen intensiven Augen. »Als Arzt sage ich dir, dass das der letzte Ort ist, an den du gehen solltest – ein Haus, das so alt ist, dass es von todgeweihten, vermodernden Dingen durchtränkt ist. Das Gebälk ächzt und stöhnt unter der Last vergangener Leiden, die die alten Räume bis zum Bersten füllen. Die Jugend braucht Neues, Sonnenschein, Farbe – kein Verfall, keine Schatten und keinen Grabesgestank! Gib diesen Gedanken auf – lass mich dich hier wegnehmen!«

Seine Hand lag auf ihrem Arm. Seine Finger waren heiß, doch ihre Berührung schickte einen eiskalten Schauer durch ihre Adern.

»Nein.«

Sie versuchte sich loszumachen.

»Ich werde meine Meinung nicht ändern. Und ich werde dieses alte Haus lieben – es ist von der Zeit gereift, und Menschen haben dort ebenso gelacht wie gelitten.«

»Tote Menschen!«, flüsterte er.

Dann wurde sein Griff fester und schnitt in das weiche Fleisch ihres Arms. Das Gelb in seinen Augen entfachte zu einer Flamme, die ihr entgegenschlug.

»Tom Farrell drängt sich zwischen uns!«, brach es aufgewühlt aus ihm heraus. »Und ich sage dir: Du wirst ihn niemals heiraten … Etwas wird es verhindern!«

»Ich werde Tom heiraten, sobald er von seinem Ingenieurprojekt zurückkehrt«, sagte sie gefasst.

Leona hatte diese Tatsache eigentlich für sich behalten wollen, da sie Talbot Rhones unvernünftige und unberechtigte Eifersucht spürte. Doch seine Worte trafen sie so tief, dass sie nicht schweigen konnte.

Er musterte ihr Gesicht für einen Moment. Dann veränderte sich sein Ausdruck und er ließ sie los.

»Es tut mir leid – vergib mir«, flehte er. »Meine Liebe zu dir macht mich verrückt bei dem Gedanken an einen anderen Mann. Aber vor allem möchte ich dich beschützen. Es beunruhigte mich einfach, dich in diesem Haus wohnen zu wissen …«

Er brach mit einem leichten Schaudern ab. »Wir vergessen einfach alles, was ich gesagt habe. Und wenn ich nach Greyport komme – du weißt ja, ich schaue oft bei den Verwandten vorbei –, besuche ich dich und sehe nach dem Rechten. Schließlich sind wir über Ecken miteinander verwandt, seit ein Verwandter von mir eine deiner Verwandten heiratete. Und ich habe früher oft im Haus deiner Tante Judith gespielt – vielleicht ist es gar nicht so schlimm, wie ich es in Erinnerung habe. Aber der bloße Gedanke daran hat mir an einem heißen Sommertag eine Gänsehaut beschert.«

Sein Lachen klang beinahe überzeugend.

Leona war froh, ihn hinter sich zu lassen, und ging zügigen Schrittes davon. Obwohl ihre Abneigung in den zwei Jahren, in denen er um sie geworben hatte, stetig gewachsen war, hatte sein Verhalten ihr bis zu diesem Tag nie Angst gemacht. Sie versuchte, die Unruhe zu vertreiben, indem sie sich ins Gedächtnis rief, wie viel Gutes Talbot tat – dass er sich aufopferungsvoll um arme Patienten kümmerte und im Kreiskrankenhaus arbeitete.

Eine Woche später war sie in Greyport, um ihr neues Heim offiziell in Besitz zu nehmen.

Einen ersten Beweis für Talbot Rhones Fürsorge erhielt sie sogleich, als der zuständige Vermögensverwalter zu ihr sagte: »Ich habe Ihnen ja geschrieben, dass die bisherige Haushälterin zu alt für das Anwesen wurde und es mir schwerfiel, passenden Ersatz zu finden. Ich hätte auch jetzt noch niemanden, wenn Dr. Rhone nicht vor ein paar Tagen zufällig seine Verwandten besucht hätte. Er erfuhr davon und empfahl eine tüchtige Frau – eine Patientin von ihm –, die froh über die Stelle war. Der Doktor meinte, Ihnen ginge es nicht besonders gut und Sie müssten ein wenig geschont werden.«

»Ich brauche nur Ruhe«, sagte Leona (im Original versehentlich Ruth genannt), während eine kleine Welle der Dankbarkeit gegenüber Talbot in ihr aufstieg.

Es war ein sonnenloser Tag. Nebelschleier zogen schwermütig durch die Luft, und sie hatte sich ein wenig vor der Ankunft in dem einsamen Haus gefürchtet. Die Anwesenheit einer weiteren Frau würde tröstlich sein.

Umso erleichterter war sie über diese Gewissheit, als sie sich dem Ortsrand näherten und das alte Purdy-Haus zwischen seinen Terrassen und den dicht drängenden, düsteren Immergrünen auftauchte. Rauch stieg aus den zwei Schornsteinen auf und sank in dunklen Fahnen gen Boden. Die Buchsbaumhecke verströmte einen schwachen, unangenehmen Geruch in der feuchtkalten Luft. Der gesamte Ort war von Schwermut durchdrungen.

Unwillkürlich schauerte Leona. Ihr Blick glitt von den durchnässten Terrassen und den düsteren Bäumen zu den nebelverhangenen, verwitterten Ziegelmauern des Gebäudes.

Verfall – alte Dinge – tote Dinge, dachte sie mit einem erneuten Frösteln. Ach, hätte Talbot das bloß nicht gesagt!

Mutig schüttelte sie die trübe Stimmung ab und betrat das Haus, um die Haushälterin mit freundlicher Wärme zu begrüßen. Die korpulente Frau erwiderte die Begrüßung herzlich und zeigte sogleich das Mütterlichste in sich.

Doch trotz Mrs. Grahams Frohsinn und der Wärme der knisternden Kaminfeuer spiegelte das Innere des Hauses die düstere Wirkung der Außenwelt wider. Die Wände waren mit Tapeten mehrerer vergangener Generationen bedeckt. Die Vorhänge waren zwar sauber, aber in den verblassten Farben eines halben Jahrhunderts gehalten. Und der modrige Geruch der feuchten Hecke schien durch die kleinen Fensterscheiben gedrungen zu sein.

Der Tag brachte keine Sonne. Mit den Stunden wurde der Nebel dichter und fügte sich zu schwebenden Schleiern zusammen, die manchmal reglos verharrten und sich ein andermal unheimlich im Kreis drehten.

»Das sieht ja aus wie ein Leichentuch«, bemerkte Mrs. Graham. »Da muss man glatt an die arme Seele denken, die von hier geschieden ist!«

»Ach, sagen Sie so etwas nicht!«, rief Leona aus.

»Entschuldigen Sie bitte, Miss Wade«, bat die ältere Frau reuevoll. »Ich habe ganz vergessen, dass Dr. Rhone gesagt hat, Sie dürften nicht beunruhigt oder nervös gemacht werden. Und Sie dürfen sich bloß nichts einbilden – das ist gefährlich, wenn man kurz vor einem Nervenzusammenbruch steht.«

Diese Worte schienen schwer in der Luft zu hängen, als Mrs. Graham sich abwandte.

Unruhig wandelte Leona durch die vielen Räume, die allesamt kahl wirkten. An den Wänden hingen Familienporträts. Die weiblichen Vorfahren der Purdys schienen alle dieselbe Frisur getragen zu haben: in der Mitte geteilt und tief über die Ohren gezogen. Das Zusammenspiel so vieler ähnlicher Porträts erweckte den Eindruck einer Sammlung von Familiengespenstern. Das Mädchen versuchte, nicht hinzusehen.

Als sie erfuhr, dass das Zimmer der Haushälterin im Erdgeschoss des Ostflügels lag, wählte Leona eines im Stockwerk darüber, um in der Nähe der einzigen anderen Bewohnerin des Hauses zu sein. Großtante Judith Purdy hatte ein Zimmer direkt neben der Haupthalle bewohnt, im rechten Winkel zu Leonas Zimmer.

Das Einbrechen der Nacht und der dichter werdende Nebel schlossen die Welt wie ein undurchdringlicher, feuchter Vorhang aus. Diese Isolation verstärkte die Düsterheit des Hauses, und Leona erwischte sich immer wieder dabei, wie sie ihre Gedanken gewaltsam von den Worten abbringen musste, mit denen Talbot Rhone diesen Ort beschrieben hatte. Kurz nach zehn Uhr ging sie nach oben.

Das helle Feuer im Kamin und ihre vertrauten Gegenstände wirkten behaglich, und für einige Momente hellte sich ihre Stimmung auf. Dann zog sie das Rollo hoch, um das Fenster für die Nacht zu öffnen. Mit erhobener Hand verharrte sie an der Scheibe und starrte hinüber zum Hauptgebäude. Aus einem der Fenster leuchtete ein bläulich-weißes Licht.

Dort saß eine Frau – eine Frau mit schwarzem Haar, das in der Mitte geteilt und tief über die Ohren gelegt war. Sie trug ein Kleid wie jenes, das Leona erst heute im Schrank von Großtante Judith gesehen hatte. Die Gestalt strickte und wiegte sich gleichmäßig vor und zurück.

Der Nebel zog dazwischen hindurch, doch das bläuliche Licht drang auf unheimliche Weise durch ihn hindurch.

Ein Schrei entrang sich Leonas Lippen: »Oh! Mrs. Graham! Kommen Sie – kommen Sie schnell!«

Eilende Schritte waren zu hören, ein aufmunternder Ruf, und einen Augenblick später kam die Haushälterin außer Atem die Treppe heraufgelaufen.

»Sehen Sie – sehen Sie nur!«, keuchte das Mädchen und zeigte auf das Fenster.

Die Frau trat an ihre Seite und blickte hinüber. Sie schüttelte den Kopf und sah Leona ratlos an. »Was denn?«

»Oh Gott – sehen Sie sie denn nicht?«, stammelte Leona.

»Liebes – da ist nichts zu sehen außer Nebel und die dunkle Hauswand.«

Das Mädchen starrte mit weit aufgerissenen Augen hinaus.

»Es ist Tante Judith!«, rief sie erstickt.

Mrs. Graham schüttelte besorgt den Kopf. »Hören Sie mir zu, mein Kind«, murmelte sie und legte einen Arm um die zitternde Gestalt. »Ich ziehe jetzt den Vorhang zu, damit Sie diesen schrecklichen Nebel nicht mehr sehen – da kommt man nur auf dumme Gedanken…«

»Auf dumme Gedanken!«, wiederholte Leona angespannt.

Die Ältere sprach weiter, als hätte sie die Unterbrechung nicht bemerkt: »Und dann hole ich Ihnen eine heiße Milch. Die trinken Sie auf, und ich bleibe bei Ihnen, bis Sie eingeschlafen sind.«

Sie deckte das Mädchen im Bett zu, schaltete alle Lichter an und eilte in die Küche. Nach erstaunlich kurzer Zeit war sie zurück. Leona trank die dampfende Flüssigkeit ohne Zögern.

Danach bat sie nachdrücklich: »Ziehen Sie das Rollo hoch – nur für einen kurzen Moment! Ich muss nachsehen!«

Doch im gegenüberliegenden Fenster brannte kein blaues Licht mehr – nur Nebelschwaden wagten sich in der Ecke zwischen dem Flügel und dem Hauptgebäude.

Leona hielt sich an Mrs. Grahams praller Hand fest und schlief ein. Erst am helllichten Tag wachte sie wieder auf.

Nachdem sie sich eingeredet hatte, dass sie sich die Gestalt am Fenster von Großtante Judith nur eingebildet hatte, zwang Leona ihre Gedanken dazu, diese Erinnerung zu verdrängen. Der Morgen brachte zudem die Nachricht, dass Tom Farrell innerhalb der nächsten drei Tage in Greyport eintreffen würde.

»Dann wird alles wieder gut sein!«, versicherte sie Mrs. Graham mit einem strahlenden Lächeln auf den roten Lippen.

Als es Nacht wurde, nahm das Mädchen all ihren Mut zusammen, um allein in ihr Zimmer zu gehen. »Ich darf mich von diesem Unsinn nicht überwältigen lassen«, sprach sie sich tapfer Mut zu und schaffte es vorerst, ihre Angst zu besänftigen.

Doch ein Schrecken, der den der vorherigen Nacht weit übertraf, ergriff Leona, als sie erneut aus dem Fenster blickte: Da war wieder dieselbe Frauengestalt – diesmal mit erhobenem Kopf, sodass sie direkt zu ihr herüberschaute. Ihre Gesichtszüge waren fahl, und ihre Augen brannten in einem unheimlichen Feuer.

Mit einem wilden Schrei rannte Leona aus ihrem Zimmer durch den Flur zum Treppenabsatz. Dort blieb sie abrupt stehen und klammerte sich an die Balustrade; der Schrei blieb ihr im Hals stecken. Am Fuß der Treppe stand eine weitere Frau mit dunklem, glatt gescheiteltem Haar, das sich flügelartig über ihre Ohren legte. Doch diese war magerer als Tante Judith. Das gleiche bläulich-weiße Licht enthüllte sie deutlicher: Sie hob den Kopf, und Leona erkannte mit grauenvoller Gewissheit, dass das Gesicht ein knöcherner, fleischloser Totenkopf war.

Über einem Körper in alltäglicher Kleidung wirkte dieser Anblick weit schrecklicher, als es ein bloßes Skelett gewesen wäre.

»O-o-oh! O-o-oh!«, stöhnte Leona.

Ihre zitternden Beine trugen sie nicht mehr. Sie sank zusammen, während ihr ein eiskalter Schauer über die Haut lief. Kam dieses schreckliche Wesen mit dem Totenkopfgesicht wirklich die Treppe herauf? Und was war mit der anderen Gestalt in Tante Judiths Zimmer – nur eine kurze Strecke entfernt? Schlich sie sich bereits lautlos von hinten an sie heran?

Wie als Antwort auf diese Frage hörte sie ein leises Rascheln. Ihre Kopfhaut kribbelte, und eiskalter Schweiß trat ihr auf die Stirn. Ihr Herz hämmerte wild.

Erneut ein Rascheln. Etwas beugte sich über sie, nahm ihr die Luft zum Atmen und verströmte jenen Grabesgeruch, der sie schon bei ihrer Ankunft an der Buchsbaumhecke angesprungen hatte. Kalte, starre Finger klammerten sich um ihren Arm. Eine eiskalte Hand berührte ihre Wange, glitt hinab zu ihrem Hals und blieb dort liegen.

Oh Gott – würde dieses schreckliche Etwas ihr das Leben aus dem Körper nehmen? War sie, genau in diesem Moment, dazu bestimmt, eine der Toten in diesem Haus zu werden?

Sie verlor das Bewusstsein.

»Mein Kind – was ist denn? Na, na, du armes Lamm!«, drang es verschwommen an ihr Ohr.

Sanfte Arme hielten sie, warme Arme, die sie beschützend an eine warme Brust drückten. Das feuchte Haar wurde von ihrer Stirn gestrichen. Als Leona die Augen öffnete, blickte sie in Mrs. Grahams Gesicht, dessen Blässe ihre Sorge verriet.

»Sie war da am Fenster – schon wieder«, keuchte Leona. »Und da war noch etwas – ein schreckliches Ding…«

Sie konnte kein Wort mehr herausbringen, und es vergingen viele Minuten, bis sie sich vollständig erklären konnte. Die Haushälterin hielt sie fest umschlungen, während sie keuchte und zitterte.

»Mein Kind, Sie müssen sich zusammenreißen«, sagte die Haushälterin bestimmt. »Ihre Freunde sorgen sich um Sie – aber wir werden das gemeinsam durchstehen. Es wäre schrecklich, wenn Sie sich diese Dinge so lange einbildeten, bis man Sie wegbringen müsste!«

Die letzten Worte waren kaum mehr als ein Flüstern, das etwas Schreckliches andeutete, das Leonas Herz verkrampfte und mit neuer Angst erfüllte.

»Sie meinen doch nicht etwa das …?«, brachte sie nicht heraus; sie konnte die grauenhafte Befürchtung nicht in Worte fassen.

»Nein, gewiss nicht!«, beharrte die Haushälterin energisch. »Wir lassen nicht zu, dass so etwas geschieht. Sie sind ein tapferes Mädchen – Sie werden Ihre Nerven im Zaum halten. Sie werden nichts Derartiges mehr sehen. Nach alledem werde ich heute Nacht bei Ihnen bleiben.«

Ich verliere nicht wirklich den Verstand, dachte Leona und versuchte, die lähmende Panik zu bändigen. Das liegt nur daran, dass ich erschöpft bin. Ich muss das träumen – etwas anderes kann es gar nicht sein!

Die Hoffnung, dass Tom noch am selben Tag eintreffen würde, erfüllte sich nicht. Doch am Nachmittag tauchte überraschend Talbot Rhone auf. Leona hatte geglaubt, Greyport sei eine Zuflucht vor seinen Nachstellungen, und hatte keine Ahnung gehabt, dass er seine alte Heimat so oft besuchte.

»Das ist nur ein kurzer Besuch«, bemerkte er. »Ich nehme den nächsten Zug zurück in die Stadt. Ich wollte nur sichergehen, dass es dir gut geht.«

»Das tut es absolut«, sagte sie und wünschte sich, er würde sie nicht so ansehen – mit den gelben Flecken in seinen Augen, die sich zu jener schrecklichen Flamme vereinten.

»Du siehst nicht gut aus. Schläfst du?«, fragte er ernst.

»Die meiste Zeit der Nacht«, wich sie aus. Um nichts in der Welt hätte sie ihm von ihren Erlebnissen erzählt, obwohl sie spürte, dass er sie dazu drängen wollte. Sie hatte Angst vor ihm; sie fürchtete das, was unbedeckt aus seinen Augen blickte. Mit plötzlicher, erschreckender Klarheit erkannte sie, dass ihm jedes Hindernis willkommen wäre, das sie von Tom fernhielt. »Es wäre ihm egal, wenn ich verrückt würde. Vielleicht hat er deshalb so über dieses Haus gesprochen – in der Hoffnung, mir Angst einzujagen. Aber ich werde mich nicht verlieren – ich werde mir diese schrecklichen Dinge nicht noch einmal einbilden!«

Rhone ging nach wenigen Minuten wieder. Sein Auftreten war das freundlicher Fürsorge, doch der Blick in seinen Augen blieb Leona im Gedächtnis.

Wenn die Haushälterin im Zimmer nebenan schlief, so meinte Leona, wäre das Schutz genug gegen die Furcht, die sie mit kaltem Griff nach den beiden vorherigen Nächten im Bann hielt. Die ältere Frau bestand darauf, sie ins Bett zu bringen. Dann zog sie das Rollo hoch.

»So – schauen Sie mal hinüber. Sie werden sehen, dass niemand im Zimmer der armen Dame ist.«

Leona klammerte die Hände fest zusammen und blickte hinüber zum anderen Fenster – es war dunkel und leer.

»Oh!«, seufzte sie mit tiefer Erleichterung. »Ich habe nichts gesehen – gar nichts!«

Sie nahm das angebotene Glas heiße Milch entgegen und legte sich hin, erfüllt von einer echten Entspannung.

»Ich hatte solche Angst«, murmelte sie, »nicht vor Gespenstern – sondern vor meinem eigenen Verstand. Ich hatte Angst, dass man mich wegbringen könnte – dorthin, wo ich Tom nie wiedersehen würde!«

Nächtliche Stille legte sich über das große Haus. Mrs. Graham hatte sich in ihr Zimmer zurückgezogen, und Leona schlief ein. Sie erinnerte sich nicht daran, durch irgendetwas geweckt worden zu sein. Das Bewusstsein kehrte nur langsam zu ihr zurück. Zuerst glaubte sie vage, die Haushälterin habe sich zu ihr gelegt. Es lag jemand im Bett. Doch seltsamerweise war kein Atemzug zu hören. Und das Mädchen nahm eine Kälte wahr, als sei etwas sehr, sehr Kaltes ganz nah.

Sie war schlagartig hellwach.

Jemand lag dicht neben ihr – jemand, der vollkommen starr war. Gegen die Wärme ihrer eigenen Glieder drückte etwas Hartes, Kaltes wie Marmor – nur noch viel schrecklicher. Ihre ausgestreckte Hand berührte ein eiskaltes, grauenvolles Gesicht.

»Oh Gott!«, schrie sie in rasender Panik auf und wich entsetzt von dem toten Etwas an ihrer Seite zurück.

Licht! Sie musste etwas sehen!

Sie warf sich über die Bettkante und griff nach der hängenden Lichtschnur. Das Zimmer wurde von hellem Schein überflutet. Und auf dem Kissen direkt neben dem, auf dem Leonas Kopf gelegen hatte, lag der Kopf einer Frau. Das Haar war glatt in der Mitte geteilt und tief über die Ohren gelegt. Die Gesichtszüge waren wachsweich und starr im Tod. Unter der Bettdecke zeichnete sich der Körper deutlich ab.

Mit einem Schrei äußerster Todesangst rannte Leona aus dem Zimmer. Sie hörte nicht einmal die Stimme der Haushälterin, als sie floh. Dieses eiskalte, leblose Fleisch schien sich noch immer an sie zu drücken. Der Geruch des Todes lag in ihren Nasenlöchern. Hätte sich die Hölle selbst aufgetan und alle bösen Geister aus ihrem stinkenden Schlund ausgespuckt, ihre Panik hätte nicht größer sein können.

Schritte folgten ihr. Sie wusste, was sie bedeuteten – diese tote Frau kam hinter ihr her, so wie jene Tote in der Nacht zuvor aus Tante Judiths Zimmer gekommen war, um sie zu berühren. Das konnte sie nicht noch einmal ertragen. Sie blickte zurück. In der Schlafzimmertür stand die Gestalt, die im Bett gelegen hatte, und wandte ihre sehbehinderten, ausdruckslosen Augen zu Leona.

»Ich kann nicht anders – ich kann nicht anders!«, schrie sie verzweifelt. »Sie ist da! Ich sehe sie wirklich! Oh Gott – hilf mir!«

Entsetzen riss sie über die Grenze des Bewusstseins hinaus in eine Ohnmacht, die viele Stunden andauerte. Der neue Tag war bereits von der Sonne erhellt, als sie die Augen öffnete. Ihre Sinne fühlten sich wie betäubt an, so wie nach der Verabreichung einer Beruhigungsspritze. Doch das Grauen der Erinnerung durchdrang sie wieder und beschwor die Panik der Nacht herauf. Es schien Leona unerträglich, Mrs. Grahams Beruhigung zu hören, dass sie ruhig geschlafen habe.

»Das kann ich nicht!«, protestierte sie mit blassen, zitternden Lippen.

Sie drehte sich um und starrte auf das Kissen neben sich. Wieder schien ihr die Nase von jenem Grabesgeruch erfüllt zu werden. Er haftete an der Bettwäsche und raubte ihr den Atem. Eine zitternde Hand zeigte auf die Stelle, wo das Totenwesen gelegen hatte.

»Da lag eine Leiche!«, rief sie. »Sie ist mir in den Flur gefolgt. Sie hatte Haare wie die Bilder an den Wänden – oh!«

»Mein Kind, Sie dürfen sich so etwas nicht einbilden«, flehte die Haushälterin und nahm die eiskalten Hände in ihre warmen.

»Ich habe mir das nicht eingebildet!«, stritt Leona ab. »Ich habe den Körper gespürt, seine schreckliche Kälte hat mich durchdrungen. Ich verliere nicht den Verstand. Ich sage Ihnen, dies ist ein Haus voller toter Dinge!«

Die ältere Frau schüttelte hilflos den Kopf. »Vielleicht sollten wir nach Dr. Carpenter schicken – er wohnt im Dorf, er könnte Ihnen helfen.«

»Kein Arzt kann mir helfen«, schauderte Leona. Sie wollte nicht riskieren, dass ein Mediziner dachte, sie beschwöre diese Schrecken aus ihrem eigenen Inneren heraus. »Ich werde von hier fortgehen – sobald Tom kommt.«

Später am Nachmittag fasste sie einen spontanen Entschluss. »Ich gehe spazieren«, sagte sie zur Haushälterin und wandte sich zur Tür.

Leona ging zum Telegrafenamt und schickte eine Nachricht an Tom Farrell, z. Hd. seines New Yorker Büros. Sie lautete:

Bin in schrecklicher Not. Komm direkt zum Haus, egal zu welcher Uhrzeit du in Greyport ankommst.

Leona Wade

Die Rückkehr zum Haus schien gar nicht mehr so schlimm, als diese Nachricht auf dem Weg zu Tom war. Es war fast so, als spräche sie mit ihm – es brachte ihn näher. Und er würde sehr bald bei ihr sein.

Bei ihrer Ankunft wurde sie mit der Mitteilung begrüßt, dass während ihrer Abwesenheit alle Porträts der weiblichen Vorfahren von den Wänden entfernt und auf dem Dachboden verstaut worden waren.

»Ich hätte früher daran denken sollen«, meinte die Haushälterin. »Sie haben Sie einfach ununterbrochen angestarrt. Kein Wunder …« Sie brach ab.

Leona fröstelte. Fing Mrs. Graham nun etwa auch an zu glauben, dass sie den Verstand verlor? War sie nur deshalb so freundlich zu ihr, um sie hinzuhalten, bis Tom kam – der dann die Verantwortung übernehmen würde?

Die letzten Monate waren eine dauerhafte Belastung gewesen, die im Verlust ihrer Mutter und ihrem eigenen körperlichen Zusammenbruch gipfelte. Doch Leona war wieder völlig genesen, als sie das Erbe des alten Purdy-Hauses antrat. Und sie war sich sicher: Was auch immer ihre Schwäche gewesen sein mochte, ihr Verstand war völlig klar.

Die Erleichterung über das Fehlen der Bilder ließ jedoch nach, als der Abend hereinbrach. Leona begann zu bemerken, wie ähnlich sich auch die verschiedenen Männerporträts sahen. Wie bei den Frauen gab es eine Ähnlichkeit in der Frisur: Das Haar war glatt nach hinten gekämmt, in Pompadour-Manier, und bei jedem Abbild ungewöhnlich lang. Sie versuchte, nicht hinzusehen, doch das Bild von Großtante Judiths Vater schien ihren Blick magisch anzuziehen.

»Ich werde nicht oben schlafen«, verkündete Leona, als die Zeit zum Schlafengehen kam. »Ich … ich könnte nicht in diesem Bett liegen.«

»Sehr wohl«, kam der schnelle Vorschlag. »Wie wäre es mit dem Zimmer, das ich zuerst hatte – in diesem Flügel? Da steht ein großes Bett.«

»Das passt«, stimmte das Mädchen zu. »Tom wird morgen sicher kommen – und er wird mich hier wegholen. Er wird mir glauben, was immer ich ihm erzähle. Er wird wissen, dass hier tote Menschen sind!«

»Trinken Sie diese heiße Milch«, riet Mrs. Graham. »Das hilft beim Einschlafen.«

»Schlafen!«, schauderte Leona. »Ich habe Angst einzuschlafen nach der letzten Nacht.« Dennoch trank sie die dampfende Flüssigkeit, denn ihr war kalt von dem Schauer, der bei Sonnenuntergang über das Haus kroch.

»Wir lassen das Licht an«, sagte die Haushälterin, »und ich bleibe direkt bei Ihnen.«

Zum ersten Mal dämmerte dem Mädchen vage der Gedanke, wie merkwürdig es war, dass diese fremde Frau ein so tiefes Interesse an ihr zeigte und bereit war, unter solchen Bedingungen in einem so einsamen Anwesen zu bleiben. Selbst wenn sie selbst nicht an Geister oder das Übernatürliche glaubte, konnte es nicht angenehm sein, diese Situation zu ertragen. Weitere Fragen klopften dumpf an Leonas Verstand – doch ihre Sinne wurden schwer, und sie hieß diesen Zustand willkommen, der sie des Denkens und Fühlens beraubte. Ihre Augenlider fielen zu und schlossen das hell erleuchtete Zimmer aus.

Das friedliche Zwischenspiel wurde durch den Gestank unterbrochen, der ihre Nasenlöcher quälte. Er weckte sie auf. Er brachte das Grauen der anderen Nächte zurück. In diesem Moment wusste sie, dass sie hätte fliehen müssen – sie hätte sich nicht von der Angst zurückhalten lassen dürfen, für verrückt erklärt zu werden, nur weil sie aus einem Spukhaus floh. Diese Dinge wurden ihr blitzartig klar, noch bevor sie die Augen öffnete. Dann sah sie, was neben dem Bett stand.

Ihr Herz krampfte sich zusammen vor der Furchtbarkeit dieses Erwachens, vor dem verheerenden Schrecken des Wesens, das auf sie herabblickte.

Dichtes Haar war von der knöchernen Stirn nach hinten gekämmt. Lippenlose Kiefer grinsten; schwarze, augenlose Höhlen starrten sie an. Doch tief in ihnen schien eine Flamme aus gelben Flecken zu brennen – eine Flamme, die ihr Fleisch verbrannte. Vermoderte Kleider hingen an dem knöchernen Gestell, Gewänder wie jene auf dem Bild von Großtante Judiths Vater.

Leona schrie nicht. Eine Lähmung schnürte ihr die Kehle zu. Nur das schreckliche Kribbeln und Zusammenziehen ihrer Haut verriet ihr, dass sie noch am Leben war.

Das Etwas, das einst ein Mann gewesen sein musste, beugte sich vor. Arme in vermoderten Ärmeln streckten sich nach ihr aus. Die Eiseskälte ihrer Berührung fror ihr bis ins Mark. Sie wurde aus dem Bett gehoben und zur Tür getragen.

Leona konnte die Augen nicht schließen. Sie konnte sich nicht bewegen. Gedanken waren unmöglich; sie konnte nur mit gequälten Augen starren, die sich nicht schließen wollten.

Sie gingen in den Flur. Er war von Licht überflutet. Mit starrem, schrecklichem Schritt lief die tote Frau voran, die in Großtante Judiths Zimmer gesessen hatte. Auf der Treppe stand die bekleidete Gestalt mit dem Totenkopfgesicht. Der üble Verwesungsgeruch lag schwer in der Luft.

Die anderen beiden bewegten sich an der Seite des Wesens, das Leona trug. Sie gingen in den Salon. In dessen Mitte hielten sie unter dem brennenden Kronleuchter an. Alle Porträts der weiblichen Vorfahren waren wieder an den Wänden aufgehängt. Und ihre Augen glühten schrecklich von der Leinwand.

Plötzlich zogen sich die starren Arme um Leona zusammen. Der Kopf neigte sich zu ihrem Gesicht, knöcherne Kiefer näherten sich ihren Lippen. Sie spürte ihren Druck.

Erschütternd vor Qual, wahnsinnig vor Angst, schallte der Schrei durch den Raum, der Leonas blassen Lippen entrang. Immer wieder erschütterte dieser Schrei überirdischen Entsetzens die nächtliche Stille. Und immer wieder senkte sich dieser grauenhafte Skelettmund auf den ihren.

Ein scheußliches Lachen drang aus der Gestalt mit dem blassen Fleisch.

Dann gab es einen Krach wie beim Weltuntergang. Kalte Luft strömte durch das Haus. Schritte polterten durch den Flur. Als sie die Schwelle des Salons erreichten, erloschen die Lichter.

»Leona!«, rief eine Stimme.

»Geh weg!«, schrie sie hysterisch. »Weg aus dem Haus der Toten! Sie haben mich – lass dich nicht von ihnen fangen!«

Doch die Schritte hielten nicht an. Sie kamen durch die Dunkelheit näher. Leona wurde so plötzlich losgelassen, dass sie auf den Boden fiel. Sie lag mit dem Gesicht auf die polierten Dielen gepresst da und lauschte dem wilden Kampf, der um sie herum tobte.

Sie kämpften – die Toten, die in dem alten Haus lebten. Sie kämpften gegen Tom – Tom, der gekommen war, um sie zu retten.

Leona stöhnte in wortloser Qual. Dann spürte sie, wie der Tod zu ihr kam. Auch sie war kalt und starr. Jedes Gefühl hörte auf, und sie lag reglos da.

Sie konnte nicht glauben, dass sie noch lebte, als Toms Arme sie umschlossen. Zitternd, mit feuchtkalter Stirn und träge schlagendem Herzen lag sie in seiner Umarmung und konnte sein Gesicht über sich kaum erkennen.

»Leona – du musst zuhören, du musst mir glauben. Hier gibt es keine Toten – außer der Leiche, die Talbot Rhone hergebracht haben muss. Und diesem Skelett in Frauenkleidern. Du lebst – und ich auch! Wir leben!«

Als er sie schließlich dazu brachte, sich in dem Raum umzusehen, der nun durch das von ihm eingeschaltete Licht erhellt wurde, sah sie Talbot Rhone bewusstlos am Boden liegen – niedergestreckt durch einen Schlag von Tom. Er trug zerfetzte, schimmelige Kleidung und eine Vorrichtung wie eine Knochenmaske über dem Gesicht.

Sie blickte nicht weiter hin. Nie wieder würde sie diese Schrecken ansehen, die sie beinahe den Verstand gekostet hätten.

Ihre Nachricht hatte Tom rechtzeitig herbeigerufen. Draußen vor dem Haus hatte er ihren Schrei gehört und die Tür eingetreten, um zu ihr zu gelangen. Und die Verschwörung war im Licht der klaren Vernunft leicht zu durchschauen: Talbot Rhone war tatkräftig von seiner Verbündeten Mrs. Graham unterstützt worden. Eine Frauenleiche aus der Leichenhalle, ein Skelett, ein Opiat in Leonas Milch, um sie während der Vorbereitungen schlafen zu lassen, und einmal eine Spritze, um sie bewusstlos zu halten. Es war grausam einfach gewesen, eine Intrige gegen das Mädchen zu spinnen. So leicht hätte sie in den tatsächlichen Wahnsinn getrieben werden können. So kurz stand der Plan vor dem Erfolg.

»Tote Menschen sind schlimmer als Gespenster!«, flüsterte sie und klammerte sich an Tom, als sie das alte Purdy-Haus für immer verließ.

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