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Einbrecher aus Leidenschaft – Der Tag des Verrats – Kapitel 2

E.W. Hornung
Einbrecher aus Leidenschaft

Die Hauptpersonen:

Der Aristokrat der Schatten
In den vornehmen Hallen des Albany residiert A. J. Raffles, das dunkle Spiegelbild von Sherlock Holmes. Wo er am Tage als gefeierter Cricketstar der Gentlemen of England glänzt, bezwingt er bei Nacht mit aristokratischer Präzision die Safes der Elite. Als Amateur Cracksman erhebt er den Diebstahl zur schönen Kunst und distanziert sich mit hochmütigem Lächeln vom plumpen Handwerk der gewöhnlichen Unterwelt. Für Raffles ist das Verbrechen kein Delikt, sondern ein intellektuelles Duell gegen die Ordnung – eine riskante Herausforderung an das Schicksal, stets geführt in feiner Seide und tadelloser Abendgarderobe.

Der Chronist des Abgrunds
An der Seite des schillernden Raffles steht Bunny Manders, der Watson einer amoralischen Welt. Ihre Verbindung wurde im kalten Feuer der Verzweiflung geschmiedet: Als Bunny, erdrückt von Spielschulden, die Pistole bereits an der Schläfe spürte, rettete ihn sein alter Schulkamerad – nicht durch Tugend, sondern durch die Verführung zur Komplizenschaft. Raffles ersetzte den Freitod durch das berauschende Wagnis des Verbrechens. Seither folgt Bunny seinem Mentor als loyaler Chronist in das Dunkel der Londoner Nächte, um die verbotene Eleganz ihrer Raubzüge für die Nachwelt in Legenden zu verwandeln.

Der unnachgiebige Schatten
Jenseits des diebischen Duos ragt Inspector Mackenzie auf, ein schottischer Ermittler des Scotland Yard und Raffles’ ständiger Widersacher. Als jener umsichtige Geist, der auf Melville Leslie Macnaghten basiert, verkörpert er die unermüdliche Jagd des Gesetzes. Seine Präsenz ist so markant, dass sie sogar das Vorbild für den Inspector MacDonald in Conan Doyles Das Tal der Angst geliefert haben soll. Obgleich er in den Originalen selten leibhaftig auftritt, bleibt er – flankiert von Kleinkriminellen wie dem Rivalen Crawshay – die stoische Erinnerung daran, dass jede Flucht im Nebel Londons ein Ende finden kann.

* * *

Der Tag des Verrats

Kapitel 2

Die Piccadilly war ein tiefer Graben aus rohem, weißem Nebel, gesäumt von verschwommenen Straßenlaternen und überzogen mit einem dünnen Film aus klebrigem Schlamm. Auf den verlassenen Gehwegplatten begegnete uns kein anderer Wanderer; nur der diensthabende Konstabler bedachte uns mit einem überaus scharfen Blick – tippte jedoch an seinen Helm, als er meinen Gefährten erkannte.

»Du siehst, ich bin bei der Polizei bekannt«, frotzelte Raffles, als wir weitergingen. »Die armen Teufel müssen in einer Nacht wie dieser verdammt wachsam sein! Für dich und mich mag der Nebel eine Plage sein, Bunny, aber für die kriminellen Klassen ist er ein wahrer Segen – besonders so spät in ihrer Saison. Aber da wären wir ja schon … und ich will verdammt sein, wenn der Kerl nicht doch im Bett liegt und schläft!«

Wir waren in die Bond Street eingebogen und auf der Ringleitung des Bürgersteigs stehen geblieben, nur wenige Schritte auf der rechten Seite. Raffles blickte zu einigen Fenstern auf der gegenüberliegenden Straßenseite hinauf – Fenster, die durch den Dunst kaum auszumachen waren und die kein noch so schwacher Lichtschimmer aus der Dunkelheit abhob. Sie befanden sich über dem Geschäft eines Juweliers, wie ich an dem Guckloch in der Ladentür und dem hellen Licht erkennen konnte, das im Inneren brannte. Doch der gesamte obere Teil des Hauses, mitsamt der privaten Haustür neben dem Laden, lag so schwarz und leer da wie der Himmel selbst.

»Lass es uns für heute lieber bleiben«, drängte ich ihn. »Morgen früh ist es doch sicherlich auch noch Zeit genug!«

»Nicht im Geringsten«, sagte Raffles. »Ich habe seinen Schlüssel. Wir werden ihn überraschen. Komm mit.«

Er ergriff meinen rechten Arm, zog mich rasch über die Straße, öffnete die Tür mit seinem Drückerschlüssel und hatte sie im nächsten Augenblick ebenso schnell wie lautlos hinter uns geschlossen. Wir standen gemeinsam im Dunkeln. Draußen näherte sich eine Person gemessenen Schrittes; wir hatten ihn schon im Nebel gehört, als wir die Straße überquerten. Jetzt, da er näher kam, drückten sich die Finger meines Gefährten fester in meinen Arm.

»Es könnte der Kerl selbst sein«, flüsterte er. »Er ist ein verflixter Nachtvogel. Keinen Ton, Bunny! Wir werden ihn zu Tode erschrecken. Ah!«

Der Mann ging ohne Zögern vorüber. Raffles atmete tief aus, und sein eigentümlicher Griff um meinen Arm lockerte sich langsam.

»Aber dennoch: keinen Ton«, fuhr er im selben Flüsterton fort. »Wir werden ihn aufs Kreuz legen, wo immer er auch steckt! Zieh deine Schuhe aus und folge mir.«

Nun, man mag sich wundern, dass ich das tat; aber man hat eben niemals A. J. Raffles kennengelernt. Seine halbe Macht lag in dem gewinnenden Kniff, den Befehlshaber im Anführer aufgehen zu lassen. Es war unmöglich, jemandem nicht zu folgen, der mit solchem Eifer voranging. Man mochte zweifeln, aber man folgte zuerst. Als ich also hörte, wie er seine eigenen Schuhe von den Füßen stieß, tat ich es ihm gleich und war ihm schon auf den Treppenstufen auf den Fersen, noch ehe mir klar wurde, was für eine außergewöhnliche Art dies war, sich zu nächtlicher Stunde einem Fremden zu nähern, um Geld von ihm zu erbitten. Doch offensichtlich standen Raffles und er in einem außergewöhnlich vertrauten Verhältnis zueinander, und ich konnte nicht umhin zu vermuten, dass sie es gewohnt waren, sich gegenseitig Streiche zu spielen.

Wir tasteten uns so langsam die Treppe hinauf, dass mir Zeit blieb, mehr als eine Beobachtung zu machen, bevor wir den oberen Treppenabsatz erreichten. Die Stufen waren ungeachtet eines Teppichs. Die gespreizten Finger meiner rechten Hand berührten nichts als die feuchte Wand; die meiner linken strichen durch einen Staub auf dem Geländer, den man förmlich greifen konnte. Ein unheimliches Gefühl hatte mich ergriffen, seit wir das Haus betreten hatten. Es steigerte sich mit jeder Stufe, die wir erkletterten. Welchen Einsiedler mochten wir wohl in seiner Zelle aufschrecken?

Wir gelangten an einen Treppenabsatz. Das Geländer führte uns nach links und abermals nach links. Vier Stufen mehr, und wir standen auf einem weiteren, längeren Absatz – und plötzlich flammte aus der Finsternis ein Streichholz auf. Ich hatte nicht einmal das Streichen gehört. Sein Aufblitzen blendete mich. Als sich meine Augen an das Licht gewöhnt hatten, sah ich Raffles, der das Zündholz mit der einen Hand hochhielt und es mit der anderen abschirmte – inmitten von nackten Dielen, kargen Wänden und den offenen Türen leerer Räume.

»Wohin hast du mich gebracht?«, rief ich. »Das Haus ist unbewohnt!«

»Pst! Warte!«, flüsterte er und ging voran in eines der leeren Zimmer. Sein Streichholz erlosch, als wir die Schwelle überschritten, und er entzündete ohne das geringste Geräusch ein weiteres. Dann stand er mit dem Rücken zu mir und hantierte an etwas herum, das ich nicht erkennen konnte. Doch als er das zweite Streichholz wegwarf, trat ein anderes Licht an dessen Stelle, und ein leichter Geruch von Öl breitete sich aus. Ich trat vor, um ihm über die Schulter zu blicken, doch noch ehe es mir gelang, wandte er sich um und ließ das Licht einer winzigen Blendlaterne in mein Gesicht fallen.

»Was soll das?«, keuchte ich. »Was für ein mieser Streich wird das hier?«

»Er ist bereits gespielt«, antwortete er mit seinem leisen Lachen.

»Mit mir?«

»Ich fürchte ja, Bunny.«

»Ist denn niemand in diesem Haus?«

»Niemand außer uns.«

»Es war also bloßes Gerede über deinen Freund in der Bond Street, der uns das Geld leihen könnte?«

»Nicht ganz. Es ist völlig wahr, dass Danby ein Freund von mir ist.«

»Danby?«

»Der Juwelier hier unten.«

»Was meinst du damit?«, flüsterte ich und zitterte wie Espenlaub, als mir seine Absicht dämmerte. »Sollen wir uns das Geld etwa von dem Juwelier holen?«

»Nun, nicht exakt.«

»Was dann?«

»Den Gegenwert – aus seinem Laden.«

Es bedurfte keiner weiteren Frage. Ich begriff alles – bis auf meine eigene Begriffsstutzigkeit. Er hatte mir ein Dutzend Andeutungen gemacht, und ich hatte keine einzige verstanden. Und so stand ich da und starrte ihn an in diesem leeren Raum; und dort stand er mit seiner Blendlaterne und lachte mich aus.

»Ein Einbrecher!«, brachte ich hervor. »Du – ausgerechnet du!«

»Ich sagte dir doch, ich lebe von meinem Verstand.«

»Warum konntest du mir nicht sagen, was du vorhast? Warum konntest du mir nicht vertrauen? Warum musstest du lügen?«, verlangte ich zu wissen, bei all meinem Entsetzen zutiefst in meinem Stolz gekränkt.

»Ich wollte es dir sagen«, entgegnete er. »Ich war mehr als einmal kurz davor, dir mehr zu verraten. Du erinnerst dich vielleicht, wie ich dich wegen des Verbrechens ausgehorcht habe, obgleich du vermutlich vergessen hast, was du selbst geantwortet hast. Ich dachte damals nicht, dass du es ernst meintest, aber ich wollte dich auf die Probe stellen. Jetzt sehe ich, dass du es nicht so meintest, und ich mache dir keinen Vorwurf. Die Schuld liegt allein bei mir. Sieh zu, dass du hier wegkommst, mein lieber Junge, so schnell du kannst; überlass das mir. Du wirst mich schon nicht verraten, was immer du auch tust!«

Oh, diese Klugheit! Seine teuflische Klugheit! Hätte er auf Drohungen, Zwang oder Spott zurückgegriffen, hätte sich das Blatt vielleicht noch wenden können. Doch er stellte es mir frei, ihn im Stich zu lassen. Er würde mir keine Vorwürfe machen. Er band mich nicht einmal an ein Versprechen des Schweigens; er vertraute mir. Er kannte meine Schwäche wie meine Stärke und spielte auf beiden mit der Hand eines Meisters.

»Nicht so schnell«, sagte ich. »Habe ich dir das in den Kopf gesetzt, oder hättest du es ohnehin getan?«

»Nicht in jedem Fall«, sagte Raffles. »Es stimmt, dass ich den Schlüssel schon seit Tagen besitze, aber als ich heute Abend beim Spiel gewann, dachte ich daran, die Sache abzublasen; denn um die Wahrheit zu sagen: Das ist keine Arbeit für einen Mann allein.«

»Das entscheidet die Sache. Ich bin dabei.«

»Du meinst es ernst?«

»Ja – für diese Nacht.«

»Guter, alter Bunny«, murmelte er und hielt mir die Laterne für einen kurzen Moment ins Gesicht; im nächsten Augenblick erklärte er bereits seine Pläne, und ich nickte, als wären wir Zeit unseres Lebens Gefährten im Handwerk gewesen.

»Ich kenne den Laden«, flüsterte er, »weil ich dort ein paar Dinge erstanden habe. Ich kenne auch diesen oberen Teil; er steht seit einem Monat zur Vermietung, und ich habe mir einen Besichtigungsschein besorgt und einen Abdruck des Schlüssels gemacht, bevor ich ihn benutzte. Das Einzige, was ich nicht weiß, ist, wie man eine Verbindung zwischen den beiden Ebenen herstellt; derzeit gibt es keine. Wir könnten sie hier oben anlegen, obwohl mir das Souterrain eher zusagt. Wenn du eine Minute wartest, sage ich es dir.«

Er stellte seine Laterne auf den Boden, schlich zu einem rückwärtigen Fenster und öffnete es fast ohne ein Geräusch; nur um kurz darauf zurückzukehren und den Kopf zu schütteln, nachdem er das Fenster mit derselben Sorgfalt wieder geschlossen hatte.

»Das war unsere einzige Chance«, sagte Er, »ein Hinterfenster direkt über einem anderem; aber es ist zu dunkel, um etwas zu erkennen, und wir dürfen draußen kein Licht zeigen. Komm mit mir hinunter in den Keller; und denk daran: Auch wenn keine Menschenseele im Haus ist, man kann gar nicht leise genug sein. Da – da – hör dir das an!«

Es war derselbe gemessene Schritt, den wir zuvor schon draußen auf den Steinplatten vernommen hatten. Raffles verdunkelte seine Laterne, und wieder standen wir regungslos da, bis er vorüber war.

»Entweder ein Polizist«, murmelte er, »oder ein Nachtwächter, den sich all diese Juweliere hier teilen. Der Wächter ist der Mann, auf den wir achten müssen; er wird schließlich dafür bezahlt, genau so etwas zu entdecken.«

Wir schlichen überaus behutsam die Treppe hinab, die trotz aller Vorsicht ein wenig knarrte, und nahmen im Flur unsere Schuhe auf; dann ging es über einige schmale Steinstufen hinunter, an deren Fuß Raffles sein Licht leuchten ließ und seine Schuhe wieder anzog. Er hieß mich, dasselbe zu tun – in einem etwas lauteren Tonfall, als er sich oben gestattet hatte. Wir befanden uns nun ein gutes Stück unter dem Niveau der Straße, in einem kleinen Raum, der so viele Türen hatte wie Seiten. Drei standen angelehnt, und durch sie blickten wir in leere Keller; doch in der vierten wurde ein Schlüssel umgedreht und ein Bolzen zurückgezogen; und diese entließ uns sogleich auf den Grund eines tiefen, quadratischen Nebelschachts. Eine ähnliche Tür lag ihr gegenüber auf diesem Hof, und Raffles hielt die Laterne dicht an sie heran, während er das Licht mit seinem Körper abschirmte, als ein kurzes, plötzliches Krachen mein Herz stillstehen ließ. Im nächsten Augenblick sah ich die Tür weit offenstehen, und Raffles stand darin und winkte mich mit einem Kuhfuß herbei.

»Tür Nummer eins«, flüsterte er. »Der Teufel weiß, wie viele es noch sein werden, aber ich weiß von mindestens zweien. Wir werden bei ihnen auch nicht viel Lärm machen müssen; hier unten ist das Risiko geringer.«

Wir befanden uns nun am Fuße des genauen Gegenstücks der schmalen Steintreppe, die wir soeben hinabgestiegen waren; der Hof oder Schacht war der einzige Teil, den sich das Privat- und das Geschäftshaus teilten. Doch dieser Treppenlauf führte in keinen offenen Gang; stattdessen stand uns oben eine bemerkenswert massive Mahagonitür im Weg.

»Dachte ich es mir doch«, murmelte Raffles, reichte mir die Laterne und steckte einen Bund Dietriche ein, nachdem er sich einige Minuten lang am Schloss zu schaffen gemacht hatte. »Es wird eine Stunde Arbeit kosten, da hindurchzukommen!«

»Kannst du es nicht knacken?«

»Nein, ich kenne diese Schlösser. Es hat keinen Sinn, es zu versuchen. Wir müssen es herausschneiden, und das wird uns eine Stunde kosten.«

Es kostete uns siebenundvierzig Minuten nach meiner Uhr; oder besser gesagt, es kostete Raffles diese Zeit; und niemals in meinem Leben habe ich etwas gesehen, das mit größerer Bedachtsamkeit ausgeführt wurde. Mein Teil bestand lediglich darin, mit der Blendlaterne in der einen und einer kleinen Flasche Steinöl in der anderen Hand dabeizustehen.

Raffles hatte ein hübsches, gesticktes Etui hervorgeholt, das offensichtlich für seine Rasiermesser gedacht, stattdessen aber mit den Werkzeugen seines geheimen Handwerks gefüllt war, darunter auch das Steinöl. Aus diesem Etui wählte er einen Bohreinsatz, der ein Loch von einem Zoll Durchmesser bohren konnte, und spannte ihn in eine kleine, aber überaus kräftige Stahlkurbel. Dann legte er seinen Mantel und seinen Blazer ab, breitete sie ordentlich auf der obersten Stufe aus – kniete sich darauf –, rollte seine Hemdsärmel hoch und machte sich mit Kurbel und Bohrer nahe dem Schlüsselloch an die Arbeit. Zuvor jedoch ölte er den Bohrer, um das Geräusch zu minimieren, und dies tat er ausnahmslos vor jedem neuen Loch und oft genug mitten im Bohren. Es bedurfte zweiunddreißig einzelner Bohrungen, um dieses Schloss herauszuschneiden.

Ich bemerkte, dass Raffles durch die erste kreisrunde Öffnung einen Zeigefinger steckte; als der Kreis zu einem sich immer weiter dehnenden Oval wurde, brachte er seine Hand bis zum Daumen hindurch; und ich hörte ihn leise vor sich hin fluchen.

»Ich habe es befürchtet!«

»Was ist los?«

»Ein Eisengitter auf der anderen Seite!«

»Wie um alles in der Welt sollen wir da durchkommen?«, fragte ich bestürzt.

»Das Schloss knacken. Aber es könnten zwei sein. In dem Fall sitzen sie oben und unten, und wir müssten zwei neue Löcher bohren, da die Tür nach innen aufgeht. So lässt sie sich keine zwei Zoll weit öffnen.«

Ich muss gestehen, ich blickte dem Knacken des Schlosses nicht gerade zuversichtlich entgegen, da uns das eine Schloss bereits aufgehalten hatte; und meine Enttäuschung wie auch meine Ungeduld hätten mir eine Offenbarung sein müssen, hätte ich innegehalten, um nachzudenken. Die Wahrheit war, dass ich mich auf unser schändliches Unternehmen mit einem unwillkürlichen Eifer einließ, dessen ich mir selbst zu jener Zeit gar nicht bewusst war. Die Romantik und die Gefahr des gesamten Vorgangs hielten mich gefesselt und entrückt. Mein moralisches Empfinden und mein Gefühl der Furcht waren von einer gemeinsamen Lähmung befallen. Und so stand ich da, ließ mein Licht leuchten und hielt mein Fläschchen mit einem lebhafteren Interesse, als ich es jemals für einen ehrlichen Beruf aufgebracht hatte. Und dort kniete A. J. Raffles, mit zerzaustem schwarzen Haar und demselben wachsamen, ruhigen, entschlossenen halben Lächeln, mit dem ich ihn schon so manches Mal Over um Over in einem County-Match hatte werfen sehen!

Endlich war die Kette von Löchern geschlossen, das Schloss leibhaftig herausgebrochen, und ein herrlicher, nackter Arm schob sich bis zur Schulter durch die Öffnung und durch die Stäbe des eisernen Gitters dahinter.

»Nun«, flüsterte Raffles, »wenn es nur ein Schloss ist, wird es in der Mitte sitzen. Welche Freude! Hier ist es! Lass mich es nur knacken, und wir sind endlich durch.«

Er zog seinen Arm zurück, ein Dietrich wurde aus dem Bund ausgewählt, und dann ging sein Arm wieder bis zur Schulter hinein. Es war ein atemberaubender Moment. Ich hörte das Herz in meiner Brust klopfen, ja selbst das Ticken der Uhr in meiner Tasche, und dann und wann das leise Klingen des Dietrichs. Dann – endlich – ertönte ein einziges, unmissverständliches Klicken. Im nächsten Moment gähnten die Mahagonitür und das eiserne Gitter hinter uns; und Raffles saß auf einem Bürotisch, wischte sich das Gesicht ab, während die Laterne einen steten Strahl an seiner Seite warf.

Wir befanden uns nun in einem kahlen und geräumigen Vorraum hinter dem Laden, der jedoch durch einen eisernen Vorhang von diesem getrennt war, dessen bloßer Anblick mich mit Verzweiflung erfüllte. Raffles jedoch wirkte nicht im Geringsten niedergeschlagen, sondern hängte Mantel und Hut an einige Haken im Vorraum, bevor er diesen Vorhang mit seiner Laterne untersuchte.

»Das ist gar nichts«, sagte er nach einer einminütigen Inspektion; »da sind wir im Handumdrehen durch, aber auf der anderen Seite befindet sich eine Tür, die uns Kummer bereiten könnte.«

»Noch eine Tür!«, stöhnte ich. »And wie willst du dieses Ding hier anpacken?«

»Mit dem zusammengesetzten Kuhfuß aushebeln. Die Schwachstelle dieser eisernen Vorhänge ist die Hebelwirkung, die man von unten ansetzen kann. Aber es macht Lärm, und hier kommst du ins Spiel, Bunny; hier könnte ich nicht auf dich verzichten. Ich muss dich oben haben, damit du anklopfst, wenn die Luft rein ist. Ich komme mit dir und zeige dir ein Licht.«

Nun, man mag sich vorstellen, wie wenig mir die Aussicht auf diese einsame Wache behagte; und doch lag etwas ungemein Anregendes in der lebenswichtigen Verantwortung, die sie mit sich brachte. Bis zu diesem Moment war ich ein bloßer Zuschauer gewesen. Nun sollte ich an dem Spiel teilnehmen. Und die neue Erregung machte mich mehr denn je unempfänglich für jene Erwägungen des Gewissens und der Sicherheit, die bereits wie abgestorbene Nerven in meiner Brust lagen.

So bezog ich ohne ein Wort des Murrens meinen Posten im vorderen Zimmer über dem Laden. Die Einrichtungsgegenstände waren zur Auswahl für den Nachmieter zurückgelassen worden, und zu unserem Glück gehörten dazu Jalousien, die bereits heruntergelassen waren. Es war die einfachste Sache der Welt, durch die Lamellen auf die Straße zu spähen, zweimal mit dem Fuß aufzutreten, wenn sich jemand näherte, und einmal, wenn wieder alles frei war. Die Geräusche, die selbst ich unten vernehmen konnte – mit Ausnahme eines einzigen metallischen Krachens zu Beginn –, waren in der Tat unglaublich leise; doch sie verstummten gänzlich bei jedem doppelten Schlag meiner Fußspitze; und ein Polizist ging gut ein halbes Dutzend Mal an mir vorüber, und der Mann, den ich für den Nachtwächter des Juweliers hielt, noch öfter während der guten Stunde, die ich am Fenster verbrachte. Einmal freilich schlug mir das Herz bis zum Hals, aber auch nur ein einziges Mal. Es war, als der Wächter stehen blieb und durch das Guckloch in den erleuchteten Laden spähte. Ich wartete auf seinen Pfiff – ich wartete auf den Galgen oder das Gefängnis! Doch meinen Signalen war gewissenhaft gehorcht worden, und der Mann ging in ungestörter Gelassenheit weiter.

Am Ende erhielt ich meinerseits das verabredete Signal und ging mit brennenden Streichhölzern zurück, die breite Treppe hinab, die schmale hinunter, über den Hof und hinauf in den Vorraum, wo Raffles mich mit ausgestreckter Hand erwartete.

»Gut gemacht, mein Junge!«, sagte er. »Du bist in der Not der richtige Mann, und du sollst deinen Lohn erhalten. Ich habe Waren im Wert von tausend Pfund, wenn es auch nur ein Pfennig ist. Es ist alles in meinen Taschen. Und hier ist noch etwas, das ich in diesem Schrank gefunden habe: ein ganz passabler Portwein und einige Zigarren, gedacht für die Geschäftsfreunde des armen, lieben Danby. Tu einen Schluck, und du darfst dir gleich eine anzünden. Ich habe auch eine Waschgelegenheit gefunden, und wir müssen uns erst frisch machen und bürsten, bevor wir gehen, denn ich bin so schwarz wie dein Stiefel.«

Der eiserne Vorhang war herabgelassen, aber er bestand darauf, ihn so weit anzuheben, bis ich durch die Glastür auf der anderen Seite blicken und sein Werk im Laden dahinter betrachten konnte. Hier brannten die ganze Nacht über zwei elektrische Lichter, und in ihren kalten, weißen Strahlen konnte ich anfangs nichts Ungewöhnliches entdecken. Ich blickte an einer ordentlichen Reihe entlang, eine leere Glastheke zu meiner Linken, Glasschränke voll unberührten Silbers zu meiner Rechten, und mir gegenüber das dünne, schwarze Auge des Gucklochs, das wie ein Bühnenmond auf die Straße schien. Die Theke war von Raffles nicht geleert worden; ihr Inhalt befand sich im Chubb-Tresor, den er mit einem einzigen Blick aufgegeben hatte; auch das Silber hatte er keines Blickes gewürdigt, außer um ein Zigarettenetui für mich auszuwählen. Er hatte sich gänzlich auf das Schaufenster beschränkt. Dieses war in drei Fächer unterteilt, von denen jedes für die Nacht durch herausnehmbare Paneele mit separaten Schlössern gesichert war. Raffles hatte sie einige Stunden vor ihrer Zeit entfernt, und das elektrische Licht schien auf einen gewellten Rollladen, der so nackt war wie die Rippen eines leeren Tierkadavers. Jedes Stück von Wert war von dem einzigen Ort verschwunden, der von dem kleinen Fenster in der Tür aus unsichtbar war; ansonsten war alles so, wie es am Vorabend verlassen worden war. Und abgesehen von einer Reihe zertrümmerter Türen hinter dem eisernen Vorhang, einer Weinflasche und einer Zigarrenkiste, an denen man sich vergangen hatte, einem ziemlich schwarzen Handtuch im Waschraum, dem einen oder anderen abgebrannten Streichholz und unseren Fingerabdrücken auf dem staubigen Geländer, hinterließen wir nicht eine Spur unseres Besuchs.

»Ob ich das schon lange im Kopf hatte?«, fragte sich Raffles, als wir gegen Morgengrauen durch die Straßen schlenderten, ganz so, als kehrten wir von einem Tanzvergnügen heim. »Nein, Bunny, ich habe nie daran gedacht, bis ich vor etwa einem Monat diesen oberen Teil leer stehen sah und ein paar Dinge im Laden kaufte, um die Lage zu sondieren. Das erinnert mich daran, dass ich sie nie bezahlt habe; aber, bei Jove, das werde ich morgen tun, und wenn das keine ausgleichende Gerechtigkeit ist, was dann? Ein Besuch zeigte mir die Möglichkeiten des Ortes, aber ein zweiter überzeugte mich von seiner Unmöglichkeit ohne einen Kameraden. So hatte ich den Gedanken praktisch schon aufgegeben, als du genau in jener Nacht und in jener Notlage des Weges kamst! Aber hier sind wir beim Albany, und ich hoffe, es ist noch etwas Feuer im Kamin; denn ich weiß nicht, wie du dich fühlst, Bunny, aber was mich betrifft, ich bin so kalt wie Keats’ Eule.«

Er konnte auf dem Rückweg von einem Verbrechen an Keats denken! Er konnte sich nach seinem Kaminfeuer sehnen wie jeder andere auch! Schleusen brachen in meinem Inneren auf, und das nackte Grauen unseres Abenteuers überkam mich kalt wie Eis. Raffles war ein Einbrecher. Ich hatte ihm geholfen, einen Einbruch zu begehen – folglich war auch ich ein Einbrecher. Und doch konnte ich hier stehen, mich an seinem Feuer wärmen und ihm dabei zusehen, wie er seine Taschen leerte, als hätten wir nichts Außergewöhnliches oder Frevelhaftes getan!

Mein Blut fror. Mein Herz wurde mir schwer. Mein Gehirn wirbelte. Wie sehr hatte ich diesen Schurken gemocht! Wie sehr hatte ich ihn bewundert! Nun mussten meine Zuneigung und meine Bewunderung in Abscheu und Ekel umschlagen. Ich wartete auf den Wandel. Ich sehnte mich danach, ihn in meinem Herzen zu spüren. Aber – ich sehnte mich und wartete vergebens!

Ich sah, wie er seine Taschen leerte; der Tisch funkelte von ihrem Hort. Ringe zu Dutzenden, Diamanten zuhauf; Armbänder, Anhänger, Aigretten, Halsketten, Perlen, Rubine, Amethyste, Saphire; und immer wieder Diamanten, Diamanten in jedem Stück, aufblitzende Bajonette aus Licht, die mich blendeten – mich betäubten – mich an der Wirklichkeit zweifeln ließen, weil ich sie nicht länger vergessen konnte. Als Letztes kam kein Edelstein zum Vorschein, sondern mein eigener Revolver aus einer Innentasche. Und das rührte an eine Saite. Ich vermute, ich sagte etwas – meine Hand schnellte hervor. Ich kann Raffles noch jetzt vor mir sehen, wie er mich abermals mit hochgezogenen Brauen über seinen klaren Augen ansah. Ich kann sehen, wie er die Patronen mit seinem leisen, zynischen Lächeln herausnahm, bevor er mir meine Pistole zurückgab.

»Du magst es nicht glauben, Bunny«, sagte er, »aber ich habe noch nie eine geladene Waffe bei mir getragen. Im Großen und Ganzen denke ich, es verleiht einem Zuversicht. Dennoch wäre es überaus misslich, wenn etwas schiefginge; man könnte sie benutzen, und das ist ganz und gar nicht Sinn des Spiels – obwohl ich oft gedacht habe, dass der Mörder, der gerade seine Tat vollbracht hat, großartige Empfindungen haben muss, bevor es ihm zu heiß wird. Blicke nicht so verstört, mein Lieber. Ich habe diese Empfindungen nie gehabt, und ich vermute, ich werde sie auch niemals haben.«

»Aber so viel hast du schon zuvor getan?«, fragte ich mit heiserer Stimme.

»Zuvor? Mein lieber Bunny, du beleidigst mich! Sah das etwa wie ein erster Versuch aus? Natürlich habe ich es schon zuvor getan.«

»Oft?«

»Nun – nein! Zumindest nicht oft genug, um den Charme zu zerstören; niemals, um der Wahrheit die Ehre zu geben, es sei denn, ich bin verdammt knapp bei Kasse. Hast du von den Thimbleby-Diamanten gehört? Nun, das war das letzte Mal – und ein jämmerlicher Haufen Glassteine waren sie. Dann war da noch die kleine Angelegenheit mit dem Dormer-Hausboot in Henley im letzten Jahr. Das war ebenfalls mein Werk – so weit es eben reichte. Einen wirklich großen Coup habe ich bisher noch nicht gelandet; wenn es mir gelingt, hänge ich das Handwerk an den Nagel.«

Ja, ich erinnerte mich an beide Fälle sehr wohl. Zu denken, dass er ihr Urheber war! Es war unglaublich, ungeheuerlich, unvorstellbar. Dann fiel mein Blick wieder auf den Tisch, der an hundert Stellen blitzte und glitzerte, und es war vorbei mit dem Unglauben.

»Wie kam es, dass du damit anfingst?«, fragte ich, als die Neugier das bloße Staunen besiegte und sich eine Faszination für seine Laufbahn allmählich in meine Faszination für den Mann wob.

»Ach, das ist eine lange Geschichte«, sagte Raffles. »Es war in den Kolonien, als ich dort drüben Cricket spielte. Es ist eine zu lange Geschichte, um sie dir jetzt zu erzählen, aber ich befand mich in einer ganz ähnlichen Klemme wie du heute Abend, und es war mein einziger Ausweg. Ich hatte es nie für mehr als das gedacht; aber ich hatte Blut geleckt, und es war um mich geschehen. Warum sollte ich arbeiten, wenn ich stehlen konnte? Warum mich mit einer eintönigen, ungeliebten Stellung abfinden, wenn Aufregung, Romantik, Gefahr und ein auskömmliches Leben alle miteinander auf der Straße lagen? Natürlich ist es verwerflich, aber wir können nicht alle Moralisten sein, und die Verteilung des Reichtums ist ohnehin von Grund auf falsch. Außerdem ist man ja nicht ununterbrochen dabei. Ich bin es leid, mir Gilberts Verse vorzusagen, aber sie sind zutiefst wahr. Ich frage mich nur, ob dir das Leben ebenso zusagen wird wie mir!«

»Zusagen?«, rief ich aus. »Mir nicht! Das ist kein Leben für mich. Einmal ist genug!«

»Du würdest mir ein andermal nicht zur Hand gehen?«

»Frage mich nicht, Raffles. Frage mich nicht, um Gottes willen!«

»Und doch sagtest du, du würdest alles für mich tun! Du batest mich, mein Verbrechen zu nennen! Aber ich wusste schon damals, dass du es nicht so meintest; du hast mich heute Nacht nicht im Stich gelassen, und das sollte mich weiß Gott zufriedenstellen! Ich vermute, ich bin undankbar und unvernünftig und all das. Ich sollte es dabei bewenden lassen. Aber du bist der richtige Mann für mich, Bunny – der – richtige – Mann! Bedenke nur, wie wir die Sache heute Nacht durchgezogen haben. Kein Kratzer – kein Zwischenfall! Es ist nichts so schrecklich daran, wie du siehst; das würde es auch niemals sein, solange wir zusammenarbeiten.«

Er stand vor mir, eine Hand auf jeder meiner Schultern; er lächelte, wie er es so meisterhaft verstand. Ich wandte mich auf dem Absatz um, stützte die Ellbogen auf den Kaminsims und legte meinen brennenden Kopf zwischen die Hände. Im nächsten Moment fiel eine noch herzlichere Hand auf meinen Rücken.

»Schon gut, mein Junge! Du hast völlig recht, und ich bin schlimmer als im Unrecht. Ich werde nie wieder darum bitten. Geh, wenn du möchtest, und komm gegen Mittag wegen des Geldes wieder vorbei. Es gab keine Abmachung; aber natürlich werde ich dich aus deiner Patsche heraushauen – besonders nach der Art und Weise, wie du mir heute Nacht beigestanden hast.«

Ich fuhr herum, mein Blut stand in Flammen.

»Ich tue es wieder«, sagte ich durch die Zähne.

Er schüttelte den Kopf. »Nicht du«, sagte er und lächelte ganz gutmütig über meinen wahnsinnigen Enthusiasmus.

»Ich werde es tun«, rief ich mit einem Schwur. »Ich werde dir zur Hand gehen, so oft du willst! Was macht es jetzt noch aus? Ich war einmal dabei. Ich werde wieder dabei sein. Ich bin ohnehin dem Teufel verfallen. Ich kann nicht zurück, und ich wollte es nicht, selbst wenn ich könnte. Nichts bedeutet mir noch einen Deut! Wenn du mich brauchst, bin ich dein Mann!«

Und auf diese Weise schlossen Raffles und ich am Tag des Verrats unsere verbrecherischen Kräfte zusammen.

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