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Aus dem Reiche der Phantasie – Heft 6 – Der König der Zauberer – 6. Teil

Robert Kraft
Aus dem Reiche der Phantasie
Heft 6
Der König der Zauberer
Verlag H. G. Münchmeyer, Dresden, 1901

Kapitel 6
Im Land des lebenden Todes

In der Stadt und schon auf der Mole herrschte ein reges Leben, überall wurde gearbeitet, doch war alles grundverschieden von dem Treiben in einer anderen Hafenstadt.

Im Hintergrund der Stadt ragte eine mächtige Pyramide empor, die oben von einer großen Kuppe gekrönt wurde.

Keine Schiffe wurden ausgeladen, keine befrachtet, keine Dampfkräne keuchten, keine beladenen Rollwagen waren zu erblicken, und man musste sich erst daran gewöhnt haben und näher zuschauen, um zu bemerken, dass alles, was hier geschah, zur Verschönerung oder Verbesserung der Stadt und Hafenanlage diente. Die Arbeiter waren fast nur Maurer und Steinmetze; in Schubkarren wurden ihnen Steine und Sand zugeführt, während Schmiede an eisernen Schienen zur Befestigung der Blöcke hämmerten und Bildhauer an Statuen arbeiteten.

Dasselbe Bild zeigte sich auch in der Stadt selbst, die sie, durch herrliche Säulengänge schreitend, auf prachtvollen Mosaikwegen durchwanderten, die so künstlich aus winzigen Steinchen zusammengefügt waren, dass man meinen musste, zur Herstellung nur eines Quadratmeters gehörten einige Jahre. Überall nur Pflaster und Bauarbeiten, Bildhauerei und Malerei, und dabei alles ohne Lärm und Hast, wenn man auch in der Sonne tüchtig schwitzte! Nirgends eine Spur von einem modernen Geschäfts- und Marktleben, keine Läden, keine Fuhrwerke, noch weniger elektrische Straßenbahnen, aber dafür Springbrunnen, Monumente und andere überzahlreiche Verzierungen von künstlerischem Geschmack!

Seltsam stachen von dieser klassisch-schönen Szenerie die Arbeiter ab, die alle die altholländische Kleidung trugen, während einige der Künstler, jedoch nicht alle, mit der römischen Toga bekleidet waren. Mehrere von ihnen promenierten auf den Mosaik-Trottoirs und in den Säulengängen, und Richard vermochte höchst gelehrte Worte von ihnen zu erlauschen, andere dagegen ritten auf prächtigen Rossen mit kurzgeschorenen Mähnen, und alle diese Nichtstuer waren wie Römer gekleidet.

Der Führer betrat nun einen prächtigen Palast, in dem viele Diener, alle Holländer, sich vor ihm neigten, und durchschritt einige Gänge, um Richard und Gustav drei Gemächer anzuweisen, mit der Bemerkung, dies seien vorläufig die ihren, und sie sollten nur hier bleiben, bis er wiederkäme.

Es waren drei sehr kleine Zimmer, wie man solche auch in römischen Häusern findet; Boden, Wände und Decke waren mit wunderbarer Mosaikarbeit belegt, und alles stammte von Künstlerhand; die venezianischen Fenster aber waren mit herrlichen Bildern aus Roms Glanzzeit bemalt, und trotzdem war inwendig alles behaglich eingerichtet, jedoch so seltsam, wie es Richard noch gar nicht kannte, besonders die Betten waren ungeheuer breit, und auf den Simsen war das feinste Porzellan aufgestellt. Selbst ein Ständer mit langen Tonpfeifen und Tabak fehlten nicht, und nun wusste Richard plötzlich, welcher Geschmack die Einrichtung bestimmt hatte. Hier war klassische Schönheit mit altholländischer Bequemlichkeit verbunden worden, im großen und im kleinsten, und selbst die Einwohnerschaft trug dieses gemischte Gepräge.

Die beiden Seeleute setzten sich nun in dem Wohngemach auf schön gepolsterte Lehnsessel nieder, und Gustav griff gleich nach Pfeife und Tabak und begann zu schmauchen.

»Na, Steuermann, hatte ich nicht recht?«, fragte er. »Wir sind hier in der Tat auf einer sogenannten unentdeckten Insel. Hier lässt es sich ganz gut leben.«

»Sogenannte unentdeckte Inseln gibt es gar nicht«, erwiderte Richard. »Hier handelt es sich nur um ein tiefes Geheimnis. Aber mag das Rätsel noch so unergründlich erscheinen, ich werde es lösen.«

»Was Geheimnis, was Rätsel! Ich lebe, die Pfeife schmeckt mir, und damit basta. Ein Glück nur, dass es nicht der fliegende Holländer war.«

»Du glaubst an den fliegenden Holländer, an dieses alte Ammenmärchen, und kannst nicht fassen, dass wir es hier mit einem anderen Spuk zu tun haben?«

»Hört, Steuermann, spottet nicht über den fliegenden Holländer. Ich habe einmal einen Matrosen gesprochen, der hatte einen Freund, und was dessen Großvater mütterlicherseits war, dessen Schwiegervater von seiner zweiten Frau ist dem fliegenden Holländer einmal begegnet.«

»Du bist ein sonderbarer Kauz, Gustav. Du findest wohl gar, dass hier alles ganz natürlich zugegangen ist?«

»Warum denn nicht? Das sind Menschen, keine Geister.«

»Von den Geistern ganz abgesehen. Wie erklärst du dir aber die Toten auf dem Schiff?«

»Die waren ursprünglich auch auf dieser Insel und haben, als man erfuhr, dass sie zu entfliehen beabsichtigten, vergifteten Proviant an Bord mit bekommen«, meinte Gustav mit schlauem Augenblinzeln. »Es wird hier schon dafür gesorgt, dass der lebendig nicht weit kommt, der von der Insel ausreißen will.«

»Ganz richtig, daran habe ich auch schon gedacht. Woher wusste aber der unheimliche Alte, dass wir hinter der Segelleinwand steckten?«

»Das hat er an irgendetwas gemerkt und tat dann, als sei er allwissend. Das gehört auch mit zu dem Humbug.«

»Mag schon sein. Woher aber sahen wir plötzlich die Stadt auf einem Festland oder einer Insel, nachdem wir den Trank zu uns genommen hatten?«

»Das wird nicht so plötzlich gekommen sein. Zuerst saßen wir in dem Häuschen, dann sahen wir nur immer nach dem Alten und waren ja überhaupt noch gar nicht ganz klar im Kopf, darauf drehte sich das Schiff und endlich erblickten wir den Hafen, der nur auf einer ganz kleinen Insel liegen mag, der wir uns unterdessen schnell genähert hatten.«

»Nein, nein, und abermals nein!«, rief Richard, hastig aufspringend und hin- und hergehend. »So einfach ging das nicht zu; das andere mag Humbug oder Hokuspokus sein, wie du sagst, aber hier liegt ein Geheimnis vor, und ich werde es lösen. Du glaubst an übernatürliche Dinge, das tue ich nicht; du siehst hierin nichts Außerordentliches, und das tue ich wieder.«

So unterhielten sie sich wohl noch eine Stunde, bis der Eintritt eines Mannes in römischer Toga sie unterbrach. Es war der Jüngling, der vorhin, wohl als ein Zeichen seiner Würde, die goldene Flasche getragen und den Greis wegen seiner Ungläubigkeit um Verzeihung gebeten hatte. Sein Name war Scipio.

»Ich hoffe, es gefällt euch hier, meine Freunde«, begann er, »aber ihr könnt eure Lage sogar noch zu verbessern suchen. Das liegt nur an euch. Ihr werdet wohl viel Fragen zu stellen haben, fragt immerzu, ich werde euch antworten, so viel ich kann, denn ich bin euch zum Lehrer zugeteilt worden. Zunächst hört aber meine Erklärung an.«

Wie er nun das Nachfolgende hersagte, konnte man annehmen, dass er es schon unzählige Male deklamiert hatte.

»Ihr seid im Land des lebenden Todes«, begann er. »Der Name kommt daher, weil hier niemand stirbt und solche, die sich selbst töten, oder von der Außenwelt tot über die Grenze kommen, wieder lebendig gemacht werden können. Das Reich ist ein unsichtbares und wird nur für den Eingeweihten sichtbar, der den Lebenstrank bekommen hat, ohne den er ja auch nicht die Todesgrenze überschreiten könnte. Ist das verständlich?«

Während Gustav mit offenem Mund dasaß, brach Richard in ein schallendes Gelächter aus.

»Nein, das ist mir ganz und gar unverständlich, das ist für mich sogar barer Unsinn. Doch bitte, fahren Sie fort, vielleicht wird es mir dann begreiflich.«

»Der Gebieter und Herrscher im Land des lebenden Todes ist Erasmus van Teken, welcher den Titel der Gottmensch führt. Erasmus van Teken wurde im Jahre 1254 zu Amsterdam geboren …«

»Aha, von dem habe ich schon gehört«, unterbrach ihn Richard, »das war ein sehr berühmter Gelehrter, der nur leider seine Kenntnisse, die für jene Zeit sagenhaft gewesen sein sollen, dazu missbrauchte, um als Alchimist und Goldmacher sich den Fürsten aller damaligen Reiche unentbehrlich zu machen. Er war ein Betrüger.«

»Lass mich aussprechen, und du wirst deinen Irrtum einsehen. Erasmus durchlief schnell alle Stufen der Wissenschaften, schon mit zwanzig Jahren galt er als eine Leuchte der gelehrten Welt, immer mehr verbreitete sich sein Ruhm, und du hast recht, Könige und Kaiser bewarben sich um die Gunst, als Schüler zu seinen Füßen sitzen zu dürfen, allerdings nur zu dem egoistischen Zweck, von ihm die Kunst des Goldmachens zu erlernen. Aber ein Betrüger war er nicht, wie du sagst, und da du nun bei ihm bist, wirst du noch viel Wunderbares zu sehen bekommen.«

»Was, Sie wollen doch nicht etwa behaupten, dass der sogenannte Gottmensch hier noch jener Erasmus van Teken ist?« rief Richard.

»Es ist noch derselbe, und er wird es ewig bleiben. In seinem neunzigsten Jahre erfand er das Lebenselixier und hatte somit den Tod bezwungen. Er hätte die ganze Menschheit unsterblich machen können, aber er war gewitzig und verheimlichte seine Entdeckung. Doch wenn du seine Geschichte kennst, so weißt du auch, dass man ihn nicht nur mit Gunst und Ehren überhäufte, um von ihm das Geheimnis des Goldmachens zu erlernen, sondern dass man ihn deswegen auch wiederholt in den Kerker warf und den furchtbarsten Folterqualen aussetzte. Und hätte es denn etwa der ganzen Menschheit genützt, wenn alle Gold machen konnten? Nein; Erasmus erkannte, dass es geradezu ein Unglück für die Menschen wäre, wenn das Sterben aufhöre, dass dann schreckliche Zustände kommen mussten, daher behielt er sein neues Geheimnis für sich. Nur sich selbst machte er unsterblich und benutzte die Jahrhunderte, um in tiefster Verborgenheit, den Menschen schon längst für tot geltend, seinen Geist immer mehr zu vervollkommnen. Was ein Mensch nun erreichen kann, wenn er sich acht Jahrhunderte lang ununterbrochen dem Studium der Naturkräfte hingibt, kannst du dir wohl denken. Kurz, für Erasmus gab es bald kein Geheimnis des Himmels und der Erde mehr, seine Geisteskraft kannte keine Schranken mehr, er wurde ein gewaltiger Herrscher im Reiche des Geistes und der Natur.«

Der Sprecher machte eine Pause.

»Nein, aber so was«, meinte Gustav, »was doch nicht alles in der Welt passiert, und unsereiner hat gar keine Ahnung davon!«

Richard erwiderte nichts. In Gedanken versunken saß er da und wartete, bis Scipio fortfuhr.

»Vor ungefähr hundert Jahren beschloss Erasmus, sich wieder mit Menschen zu umgeben, und als er im Geiste eine Insel im polynesischen Archipel erblickte, die ihm wohlgefiel, versetzte er sich darauf, machte sie, um von der Welt abgeschlossen zu bleiben, unsichtbar und umzog sie mit einer Grenze, die niemand lebendig überschreiten darf. Jenseits dieser Grenze vermag also niemand die Insel zu sehen, wie du wohl schon selbst gehört haben wirst. Will man sie aber lebendig überschreiten und die Insel schauen, muss man erst von dem Lebenselixier trinken. Unser Gebieter brauchte natürlich auch Menschen, um das, was er vorhatte, ausführen zu können, und die Menschen kamen von selbst. Oft genug verirrt sich ein Schiff hierher, beim Passieren der Grenze fällt die Mannschaft in Todesschlaf; der erhabene Greis weckt sie dann wieder und macht sie zu seinen Untertanen, indem er die Brauchbaren immer weiter ausbildet, die Unbrauchbaren aber des zweiten Todes sterben lässt, von welchem es kein Erwachen gibt. Viele Schiffe, die man mit der ganzen Mannschaft für im Stillen Ozean untergegangen hält, sind auf diese Weise verschwunden. So wächst die Bevölkerung der Insel beständig, außerdem gibt es hier ja auch Frauen. Was willst du?«

»Mir kommt eine Sache wieder sehr ungereimt vor«, sagte Richard. »Wenn dieser Mann wirklich so allmächtig wäre, wozu braucht er da Arbeiter, um seine Pläne ausführen zu lassen? Erstens könnte er sich ja Menschen auf seinen Befehl erschaffen, noch einfacher aber wäre es, wenn er nur zu wollen brauchte, damit im Augenblick alles entsteht, was er sich wünscht.«

»Deine Ansicht verrät wenig Scharfsinn«, entgegnete Scipio. »Doch sie ist deinem Alter entsprechend. Sehr viele haben dasselbe ausgesprochen, als sie hierherkamen, auch ich tat es erst. Aber schließlich zeugt es doch wieder von selbständigem Denken, wenn man solch eine Frage aufstellt. Gott ist allmächtig, allwissend und allgütig. Warum lässt er das Leben der Wesen, die er geschaffen hat, und die er schon darum lieben muss, in einem ununterbrochenen Kampf sein? Warum verwandelt er nicht durch ein einziges Wort die ganze Welt in ein Paradies, in welchem es keine Mühe und keine Tränen mehr gibt? Weil die einzige Freude in der Welt die Arbeit ist und deren Segen die Entwicklung, und an dieser langsamen Entwicklung durch Ringen und Mühe hat Gott selbst seine Freude. Auch Erasmus hatte sich einst mit den verwirklichten Gebilden seiner Fantasie umgeben, doch er hat alles wieder zertrümmert, um von Neuem als einfacher Mensch im Schweiße seines Angesichts zu beginnen. Und wenn er des Abends sein Tagewerk beschaut, da empfindet er Freude und Zufriedenheit.«

Verschämt senkte Richard den Kopf. Er war vollkommen geschlagen worden.

»Du könntest noch ganz andere Fragen stellen«, nahm Scipio wieder das Wort. »Nun lass dir aber weiter erklären, wie es hier zugeht. Erasmus hat stets für das klassische Altertum geschwärmt, er hat daher diese Stadt und die ganze Insel nach römischem Muster angelegt, verbunden mit der holländischen Bequemlichkeit seiner Jugendzeit. Also du verstehst wohl: Er schwärmt für die Zeit der Römer, hängt aber auch noch an den Sitten seiner Väter, er ist ein Holländer in der römischen Toga. Alles, was du hier siehst, ist der Intelligenz seines Geistes und dem Fleiß der Hände seiner Untertanen entsprungen, und er selbst freut sich an unseren Fortschritten und ist nur Lehrer, nichts weiter. Mit seiner Macht greift er nicht in unser Werk ein. Alle Fortschritte und Erfindungen der Menschheit verachtet er. Die Kunst und Wissenschaft aber geht ihm über alles, darin müssen wir uns fortbilden, um dereinst ihm gleich zu werden, sonst braucht der Mensch hier nichts weiter, als was ihm die Natur an Nahrungsmitteln bietet. Die tausend Nichtigkeiten, welche die Außenwelt nötig zu haben wähnt, gibt es hier nicht.

Die Bevölkerung zerfällt in Sklaven und Freie. Die Sklaven werden zur Arbeit angestellt, sie müssen für die Erzeugung der Nahrungsmittel sorgen, das Feld bebauen und Viehzucht treiben, sie müssen Bauten ausführen, ausbessern und sonst für die Bequemlichkeit sorgen und die Pläne der Freien verwirklichen. Die Freien sind Gelehrte oder Künstler und tragen zur Unterscheidung von den holländisch gekleideten Sklaven das römische Gewand. Jeder muss zuerst als Sklave beginnen, mit den niedrigsten Arbeiten anfangen, die Schulen durchlaufen. Und zwar währt diese Lehr- und Prüfungszeit hundert Jahre. Dann entscheidet der Gebieter, ob er sich zum Freien eignet, oder ob er noch ein oder einige Jahrhunderte als Sklave durchzumachen hat. Auch kann jeder gleich für die Ewigkeit zum Arbeitssklaven bestimmt werden, vorausgesetzt, dass er eine besondere Fähigkeit, etwa sehr große, körperliche Kraft oder eine außerordentliche Geschicklichkeit in irgendeinem Fach besitzt. Sonst hebt der Gebieter, falls er ganz unbrauchbar, lasterhaft oder ihm ungehorsam ist, die Wirkung des Lebenselixiers auf, oder verbannt ihn auch in die Hölle. Nur große Erfolge in Kunst oder Wissenschaft befähigen einen Sklaven, ein Freier zu werden. Die größte Sünde ist die Zweifelsucht an der Macht und Weisheit unseres Herrschers, und auch der Freie, der dieser Zweifelsucht nochmals überführt worden ist, wird zur ewigen Verdammnis in der sogenannten Hölle verurteilt …«

»Nun ist es aber genug«, rief Richard, erregt aufspringend. »Kann denn ein Mensch zu verlangen wagen, dass man solchen Unsinn glauben soll? Nein, das ist nicht allein Unsinn, das ist sogar ein Frevel der furchtbarsten Art! Also Euer Herr spielt hier den lieben Gott?«

Scipio behielt seine Ruhe; nur nahm sein Gesicht einen seltsam traurigen Ausdruck an.

»Er ist nicht der Schöpfer Himmels und der Erde, er ist nur der Gründer und unbeschränkte Gebieter dieser Insel. Wir alle müssen ihm gehorchen und ihn wie ein höheres Wesen verehren.«

»So, so, und da soll ich wohl nun auch als sein niedrigster Sklave anfangen?«

»Du musst es, wie jeder Neuangekommene.«

»Hundert Jahre lang?«

»So lange währt die erste Prüfungszeit.«

»Und muss ihn wohl ebenso wie Ihr verehren?«

»Du sagst es. Wo wir auch unseren Gebieter treffen, müssen wir unsere Ehrerbietung erweisen. Wehe dem, der es daran auch nur im geringsten fehlen ließ. Er würde den unauslöschlichen Zorn des Gebieters auf sein Haupt laden. Unterhalb der Pyramide, in einem fürchterlichen Abgrund befindet sich die sogenannte Hölle, in welche der Herrscher die Schwachen, Faulen, Unehrerbietigen und Zweifler an seiner Macht zur ewigen Verdammnis verbannt. Über die ganze Art und Weise, wie wir ihn verehren, erhältst du noch Unterricht, es sind strenge Zeremonien damit verknüpft; so hat die Pyramide sehr viele Stufen, nach welchen sich die Freien rangieren. Je weniger jemand an der Macht des Meisters zweifelt, desto schneller kommt er höher.«

»Dass ich auch recht verstehe«, sagte Richard, »alle diese Verehrung gilt nicht etwa dem lieben Gott oder Buddha oder Mohammed oder sonst einem Gotte, sondern sie gilt nur dem alten Mann, den ich heute gesehen habe?«

»Du sagst es.«

Richard brach wieder in ein schallendes Gelächter aus. Dann aber wurde er furchtbar ernst; ein hoher Zorn der Entrüstung brach aus seinen Augen hervor.

»Genug, genug!« rief er. »Wer diesen Worten glaubt und danach handelt, wer seinen Gott verleugnet, um einen Menschen wie ihn zu verehren – der ist allerdings wert, zeit seines Lebens und auch bis in alle Ewigkeit hinein als elender Sklave zu dienen! Führe mich zu dem stolzen Greis, der so vermessen denkt! Ich will ihn fragen, ob er ein Gott ist! Und wagt er es, zu behaupten, mit Gott auf einer Stufe zu stehen, so will ich ihn ins Gesicht einen nichtswürdigen, abgeschmackten Lügner und Aufschneider nennen, den alten Kerl, dem ein Nagel ein Loch in seinen himmelblauen Schlafrock riss, und der in der Sonne wie ein abgetriebener Droschkengaul schwitzte. Und mag er mich dann auch in einen feurigen Ofen stecken, den er vielleicht seine Hölle nennt, mag er als Mensch und Gelehrter die Macht haben, mich Folterqualen auszusetzen, welche seine Fantasie nur zu erfinden vermag, so lange ich meine Zunge regen kann, will ich höhnen und spotten, dass ein Erdenwurm die Unverschämtheit besitzt, sich wie einen Gott verehren zu lassen.«

Auf Scipio machte diese Verachtung und der hervorbrechende Zorn keinen Eindruck.

»Hast du nicht schon Beweise gefunden, dass er mit übernatürlichen Kräften ausgestattet sein muss?«, fragte er ruhig.

»Nein!«, entgegnete Richard energisch. »Er mag ein großer Gelehrter sein, der in die Tiefen der geheimnisvollen Natur schon weit vorgedrungen ist und viel gelernt hat, aber allmächtig ist er deswegen noch lange nicht. Nur Gott ist allmächtig – und Erasmus ist und bleibt gegen Gott doch nur ein elender Stümper.«

»Ich versichere dir, dass ich selbst schon über achtzig Jahre alt bin«, erklärte der Jüngling feierlich, »und siehst du mir das etwa an? Unser Gebieter besitzt wirklich das Lebenselixier, das den Tod überwindet.«

»Mag sein, ich zweifle nicht daran, dass solch ein Mittel gegen den Tod erfunden werden kann. Aber deswegen wird der Mensch noch immer kein Gott, und wenn er sich auch die Unsterblichkeit verschaffte.«

Diesmal aber verlor der Jüngling die Fassung doch.

»Wer bist du, dass du so sprichst?«, staunte er Richard an. »Die Worte, die du vorhin sagtest, hat hier schon mancher gesprochen, auch ich tat es einst. Ist derjenige, der ein Lebenselixier erfunden hat, ein gewöhnlicher Mensch? Steht er nicht bedeutend über ihnen? Müssen wir nicht zu ihm mit Ehrfurcht emporblicken?«

»Ah, ist es nur das, was euch diesen Menschen so verehrungswürdig macht?«, frohlockte Richard und setzte nun auseinander, was er darüber dachte. Es kann hier nur angedeutet werden, dass es tatsächlich heutzutage viele Gelehrte, Philosophen gibt, die der festen Ansicht sind, der Mensch könne es mit der Zeit noch so weit bringen, sein Leben über die gewöhnliche Altersgrenze hinaus zu verlängern; sie behaupten, die Erfahrung schreite immer weiter, bis eine Unsterblichkeit wohl denkbar ist. Nur darf man hierbei nicht an medizinische Pillen und Salben denken. Es ist eine philosophische Spekulation, deren Richtigkeit indirekt bewiesen wird, zu deren Verständnis aber ein eingehendes Studium gehört. Überhaupt, es wird nur gesagt: ›So könnte es einmal werden, es ist nicht ausgeschlossen, es liegt im Bereich der Möglichkeit, die Annahme ist berechtigt durch die konstante Entwicklung der Menschen.‹ Als Seitenstück kann man zum Beispiel anführen, dass es früher Krankheiten gab, die als unheilbar galten! Wäre damals jemand aufgetreten und hätte gesagt, in hundert Jahren ist diese Krankheit ein überwundener Standpunkt, ja, diese Krankheit gibt es dann nicht mehr – zum Beispiel die schwarzen Pocken und so weiter – so wäre er ins Narrenhaus gesperrt worden! Du selbst hast ja an der Gewalt und Macht des Meisters gezweifelt«, fuhr Richard fort, »ich sehe es deinem Gesicht an, und du batest ihn deswegen um Verzeihung. Wie reimt sich das zusammen?«

»Im Laufe von achtzig Jahren lernt man viel«, entgegnete der Jüngling, und es klang wie ein unterdrückter Seufzer. »Wenn die Erkenntnis wächst, dann kommen wohl Stunden, da sich der gereifte Geist auflehnt, an Wunder zu glauben. So erging es auch mir vor einiger Zeit, als einige Sklaven, angeführt von Cora, der Enkelin des Gebieters, geflohen waren. Es ist uns gelehrt, dass eine Flucht unmöglich sei, weil niemand die Grenze überschreiten könne. Ich hatte schon lange daran gezweifelt, ich konnte es nicht fassen. Der Gebieter selbst fuhr aber dem Schoner nach, und du hast es ja gesehen, dass er die Wahrheit verkündete.«

»Ja, und er nahm auch die ungläubigsten Sklaven mit, auf dass sie nicht mehr an seiner Wunderkraft zweifelten«, entgegnete Richard. »O, ich durchschaue den ganzen Humbug. Der sorgt schon dafür, dass die Dummen nicht alle werden.«

»Wie meinst du das?«

»Dass er ein großer Gelehrter und Zauberer ist, weiter nichts. Er benutzt seine Wissenschaft, um euch etwas vorzugaukeln, damit ihr ihn anbetet und bewundert, das schmeichelt seinem Stolz.«

»Wie aber erklärst du dir, dass er die Flüchtlinge töten konnte?«

»Er wandte irgendein Mittel an und nicht etwa eine übernatürliche Kraft; daran glaube ich ein für alle Male nicht.«

»Hast du nicht gesehen, wie er die Unsichtbarkeit der Insel aufheben kann? Ist das etwa kein Wunder?«

»Merkwürdig ist es, aber ein Wunder ist es nicht. Nehmen wir zum Beispiel an, er habe eine bisher unbekannte Art von Lichtstrahlen entdeckt, wie vor einigen Jahren von Röntgen die sogenannten X-Strahlen erfunden wurden. Diese neuen Strahlen, etwa durch eine besondere Flüssigkeit geleitet, sollen die Eigenschaft haben, den Gegenstand, auf den sie fallen, vollständig durchscheinend zu machen, was ganz leicht denkbar ist. Denken wir nun, sie übten gleichzeitig auf alles Lebende eine tödliche Wirkung aus, die jedoch durch eine Art von Gegengift gleich wieder aufgehoben oder wirkungslos gemacht würde, und stellen wir uns weiter vor, die große Kugel, die auf der Pyramide ruht, sei das Zentrum, von welchem diese unsichtbar machenden und tödlich wirkenden Strahlen ausgingen. Doch, was ist das?«

Ein intensiver, heller Ton hallte durch den ganzen Palast, dem noch einige Glockensignale folgten.

»Ich werde gerufen«, sagte Scipio und entfernte sich hastig.

»Merkwürdig«, brummte Richard, sich misstrauisch die Wände des Gemaches ansehend, »das war ja bald, als hätte Scipio die Ausführung meiner Spekulation nicht anhören sollen. Gerade, als ich auf den Kernpunkt der Sache kam, wurde er abgerufen. Sollte der Gebieter vielleicht seine Ohren an dieser Wand haben, falls er das Telefon noch nicht kennt? Sollte ich durch Zufall dem Geheimnis vielleicht schon näher auf die Spur gekommen sein? Diese Idee mit den Strahlen, welche von der Kugel, die in der Nacht leuchten soll, ausgehen, will ich einmal festhalten. Denn hier bleiben werde ich wohl vorläufig. Aber der Mann mag ja nicht das Verlangen an mich stellen, ich solle ihn verehren! Er könnte sonst etwas von mir zu hören bekommen.«

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