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The 60s: Der Fälscher von London

Retro-Kino par excellence
Warum Der Fälscher von London der atmosphärische Höhepunkt der Wallace-Ära ist

Ein Millionär, ein düsterer Landsitz, Schreie in der Nacht und eine Druckerpresse im Geheimgang: Am 15. August 1961 erblickte ein Film das Licht der Kinoleinwand, der unter Edgar-Wallace-Fans bis heute als absolutes Juwel gilt. Der Fälscher von London, inszeniert von Regisseur Harald Reinl (der später mit den Winnetou-Filmen Kinogeschichte schreiben sollte), bricht erfrischend mit den starren Mustern der damaligen Kriminalfilme.

Anstatt die klassische Ermittlungsarbeit von Scotland Yard in den Fokus zu rücken, entfaltet sich hier ein packendes psychologisches Drama rund um ein frisch vermähltes Ehepaar.

Die Geschichte beginnt wie eine Romanze, wandelt sich aber schnell zum Albtraum: Der wohlhabende Millionenerbe Peter Clifton und seine schöne Frau Jane verbringen ihre Flitterwochen auf dem düsteren Landsitz Longford Manor. Doch das junge Glück bröckelt rasant. Jane entdeckt nachts eine Geheimtür, hinter der ihr Mann wie in Trance an einer Gelddruckpresse arbeitet – am nächsten Tag kann er sich an absolut nichts erinnern.

Peter leidet unter der panischen Angst, die Schizophrenie seines Vaters geerbt zu haben. Als kurz darauf ein aufdringlicher Ex-Verehrer von Jane ermordet im Park aufgefunden wird und Peter mit der Tatwaffe in der Hand sowie blutverschmierter Kleidung daneben aufwacht, scheint sein Schicksal besiegelt. Ist er im Zustand geistiger Umnachtung zum Mörder und Fälscher geworden? Nur Oberinspektor Bourke von Scotland Yard zweifelt an der offensichtlichen Schuld des Millionärs und vermutet eine weitaus perfidere Intrige im Hintergrund.

Zum Kinostart im Spätsommer 1961 reagierte das damalige Feuilleton noch gemischt, wenn auch überwiegend wohlwollend. Gelegentlich wurde bemängelt, dass sich der Film visuell kaum vom damals aufkommenden Fernsehprogramm abhebe. Die Krimi-Zutaten wurden dennoch gelobt:

Hamburger Abendblatt, 26. August 1961: Ein Millionär, ein geheimnisvolles Schloss, Schreie in der Nacht und viel Falschgeld – diese von Edgar Wallace gelieferten Zutaten hat der Regisseur Dr. Harald Reinl zu einem beachtlichen Krimi verarbeitet.

Die Kölnische Rundschau ergänzte am 16. September 1961: Wer sich mit Lust die kalte Gänsehaut über den Rücken jagen lässt, wer Gruselszenen mehr liebt als echte Spannung, er wird hier wohl auf seine Kosten kommen.

Amüsiert zeigten sich die Kritiker der Wochenzeitung Die Zeit: Sie merkten augenzwinkernd an, dass der Film ein seltsames Bild von moderner Kunst zeichne. Während der sympathische, gutgläubige Held zierlich Kupferstiche anfertigt, schwelgt der finstere, psychopathische Psychiater im Film in moderner, abstrakter Malerei.

In der Retrospektive wird der Schwarz-Weiß-Film von Genrefans heute als einer der besten und atmosphärisch dichtesten Wallace-Filme überhaupt bewertet. Reinl bedient hier meisterhaft das Konzept des klassischen Mystery- und Gothic-Horrors. Die Spannung speist sich nicht primär aus der Frage »Wer ist der Täter?«, sondern aus dem beklemmenden Gefühl des Protagonisten, den eigenen Verstand zu verlieren.

Das Spiel mit Schatten, langen Fluren und der Isolation auf dem Landsitz funktioniert perfekt. Die stilvollen Außenaufnahmen, die trotz des London-Settings kostengünstig in Hamburg und Berlin gedreht wurden, erzeugen eine wohlig-gruselige Stimmung. Zudem sehen Kenner den Film heute auch als Spiegel der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft, in dem es um unterdrückte Ängste, Distanz und das Misstrauen im privaten Raum geht.

Der Sprung vom Buch auf die Leinwand brachte bei Edgar-Wallace-Verfilmungen fast immer tiefgreifende Änderungen mit sich. Die Produktionsfirma Rialto-Film musste die literarischen Vorlagen aus den 1920er Jahren modernisieren und kinotauglich machen. Beim Vergleich zwischen dem Roman Der Banknotenfälscher (1927) und der Verfilmung lassen sich die Unterschiede in drei Hauptbereiche unterteilen:

  1. Peter Clifton: Vom kühlen Strategen zum verunsicherten Opfer
  • Im Roman: Peter Clifton ist von Anfang an eine deutlich aktivere, kühlere und selbstgewissere Figur. Er weiß genau, was um ihn herum vorgeht, und behält die Fäden in der Hand. Die Bedrohung durch eine vermeintliche Geisteskrankheit treibt ihn im Buch nicht an den Rand des Wahnsinns.
  • Im Film: Das Drehbuch macht aus Peter ein zutiefst verunsichertes Opfer einer psychologischen Intrige. Er leidet unter akutem Gedächtnisverlust (Amnesie) und glaubt zeitweise selbst, er sei der Mörder. Dies verstärkt das Drama und den Gruselfaktor für das Kinopublikum erheblich.
  1. Jane Clifton: Materialismus vs. bedingungslose Liebe
  • Im Roman: Das Verhältnis der Eheleute ist unterkühlt. Jane hat Peter vor allem wegen seines Geldes geheiratet, um die Schulden ihres Vaters zu tilgen. Sie verdächtigt ihren Ehemann schnell, spioniert ihm nach, und es dauert lange, bis Vertrauen wächst.
  • Im Film: Karin Dor spielt Jane als loyale Heldin des 60er-Jahre-Kinos. Sie liebt ihren Mann aufrichtig. Selbst als sie ihn nachts an der Druckerpresse erwischt, zweifelt sie an seiner Schuld und versucht verzweifelt, ihn vor Scotland Yard zu schützen.
  1. Die Natur der Intrige: Wirtschaftskriminalität vs. Psychoterror
  • Im Roman: Die Fälscher-Organisation im Buch ist komplexer aufgestellt. Es geht primär um ein ausgeklügeltes kriminelles Netzwerk und wirtschaftlichen Betrug aus klassischer Gier.
  • Im Film: Die Filmhandlung spitzt das Ganze psychologisch zu. Der Gegenspieler Dr. Wells nutzt Peters Angst vor der geerbten Geisteskrankheit schamlos aus, um ihn systematisch in den Wahnsinn und den Selbstmord zu treiben – ein Motiv hochgradig persönlicher, perfider Rache.

Auch das Ermittler-Duo wurde für die Leinwand angepasst: Während im Roman Inspektor Maron die Fäden zieht, rückt im Film Oberinspektor Bourke ins Zentrum. Er bildet das rationale, fast väterliche Gegengewicht zum psychologischen Chaos auf Schloss Longford Manor und liefert den für die Reihe typischen, trockenen Humor.

Der Roman von 1927 lebte von feinen gesellschaftlichen Beobachtungen und einem eher gemächlichen Whodunit-Rätsel. Für das westdeutsche Kino der 1960er Jahre reichte das nicht mehr aus: Das Publikum verlangte nach unheimlichen Schlössern, Geheimgängen und unmittelbarer Bedrohung.

Um die Handlung auf eine knackige Laufzeit von 90 Minuten zu komprimieren, wurden viele Nebenstränge gestrichen. Der Fälscher von London bleibt ein Musterbeispiel für das funktionierende Starkino der Wirtschaftswunderzeit. Er balanciert geschickt auf dem Grat zwischen Kriminalfall, Psychodrama und wohligen Schauerelementen – und ist auch heute noch ein absoluter Tipp für jeden Nostalgie-Fan.

(wb)

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