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Aus dem Reiche der Phantasie – Heft 6 – Der König der Zauberer – 5. Teil

Robert Kraft
Aus dem Reiche der Phantasie
Heft 6
Der König der Zauberer
Verlag H. G. Münchmeyer, Dresden, 1901

Kapitel 5
Der Lebenstrank

»Kommt mit, meine Freunde, der Gebieter will euch sehen«, sagte der Jüngling mit dem Becher, als er die kleine Kabine betrat.

Richard war durch die herzhaften Worte seines Kameraden aus der Träumerei gerissen worden, obgleich derselbe wohl sehr kurze Gedanken haben musste, dass er das Vorangegangene, ganz Unerklärliche schon vergessen hatte. Denn das war doch kein Hokuspokus gewesen.

Sie wurden nun auf das sehr hohe Vorderteil des Schiffes geführt, auf dem der Greis in einem aus Elfenbein geschnitzten, mit Gold ausgelegten, thronartigen Lehnstuhl saß, während neben ihm der andere Jüngling stand.

»Wer ihr seid, weiß ich, ebenso, wie ihr auf den Schoner kommt«, redete der Alte sie an. »Mir ist nichts verborgen, und wenn ich euch etwas frage, so tue ich es nur, um euch zu prüfen und euch zu überzeugen. Wo befindest du dich, mein Sohn?«

»Im polynesischen Archipel«, entgegnete Richard.

»Wohl, aber siehst du hier irgendwo eine Insel, eine Küste?«

»Nein, nur Himmel und Wasser.«

»Und doch befindest du dich ganz in der Nähe meines Reiches, welches das Land des lebenden Todes ist. So trinke den Trank des Lebens, auf dass du nicht des ersten Todes stirbst, wenn du die Grenze meines Landes überschreitest, und lass deine Augen sehend werden.«

Bei diesen Worten hatte der eine Jüngling den goldenen Becher von seinem Gürtel gelöst, der andere aber füllte ihn aus seiner Flasche mit einer grünen Flüssigkeit und überreichte ihn feierlich Richard.

Einen Augenblick zauderte dieser, denn er dachte an Gift, und die grüne Farbe hatte ihn stutzig gemacht. Doch hier half ja nichts, er musste trinken, und wenn es auch Gift gewesen wäre. Doch warum sollte man ihn noch nachträglich vergiften? Er leerte also dem Becher, und das Getränk schmeckte gut.

»Himmelbombenelement, was ist denn das?«, rief da staunend neben ihm Gustav, der ebenfalls schon einen Becher getrunken hatte.

Was sie da vor sich sahen, war nämlich eine Hafenstadt, und das Schiff, das darauf zu ruderte, war nur noch tausend Meter von der Einfahrt entfernt.

Der Steuermann hatte schon mehrere italienische Häfen gesehen, an denen man noch ungefähr die Anlagen der alten Römer erkannte. Er konnte sich infolge seiner guten Schulbildung auch ungefähr vorstellen, wie ein römischer Hafen im Altertum ausgesehen haben mochte, denn es gibt ja noch Pläne und Beschreibungen von alten Historikern, und moderne Gelehrte haben danach ganze Bilder entworfen. Also solch ein altrömischer Hafen lag zweifellos vor ihm. Charakteristisch waren an ihm vor allem die langen Molen und Steindämme, die sich ins Meer erstreckten und nicht nur zum Schutze der Schiffe, sondern auch als Spazierwege dienten. Sie waren mit Marmorfiguren besetzt, und einige riesige Figuren und Säulen standen mitten im Wasser. Im Hafen lagen nur wenige Schiffe, aber alle von römischer Bauart. Einige waren prächtig geschmückt, sie blitzten von Gold und Silber und bunten Steinen, und dahinter erhob sich die Stadt mit den kleinen weißen Häusern mit platten Dächern, dazwischen großartige Paläste und Säulentempel aus weißem Sandstein oder Marmor, aber – und das ist es, was die römische Stadt gänzlich von einer orientalischen unterscheidet, welche sonst auch solche weiße, platte Häuser hat – alles war mit bunten Steinen in Mosaik ausgelegt oder doch mit bunten Farben geschmackvoll bemalt.

Ehe sich Richard noch von seinem Staunen erholt hatte, legte das Ruderschiff an einer Mole an, und der Jüngling gebot den beiden, ihm zu folgen.

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