Die Bezwinger des Erdinneren – 1.01
Grigori B. Adamow
Die Bezwinger des Erdinneren
Aus dem Russischen
Erster Teil
Das außergewöhnliche Projekt
Kapitel 1
Der Club der neuen Energien
Die Wände des großen Saals im Haus der Wissenschaftler glichen einer monumentalen Enzyklopädie des menschlichen Willens. Geografische Karten aus allen Winkeln der Erde, dominiert von einer gewaltigen, fast deckenhohen Karte der UdSSR, teilten sich den Raum mit filigranen Diagrammen und kühnen Entwürfen. Es waren Skizzen einer Zukunft, in der Gebäude und Hüllen in Formen existierten, die das Auge des Laien herausforderten: bizarre Wasserkraftwerke, die sich wie gläserne Spinnen über blaue Flussläufe spannten; vertikale Schnitte gigantischer Pontons, die wie schlafende Ungeheuer über transparenten Meerestiefen schwebten; und Dämme, durchzogen von einem Labyrinth aus riesigen Röhren. Dazwischen ragten durchbrochene Türme auf, deren Spitzen wie metallische Blumensträuße aus Windrädern wirkten, sowie Kegelstümpfe und Schächte, die ihre spiegelnden Innenseiten hungrig dem Himmelslicht entgegenstreckten.
Inmitten dieser Galerie des Fortschritts stand ein ovaler Tisch auf geschwungenen Beinen, der eine ganz andere Sprache sprach. Er war beladen mit den Insignien bürgerlicher Gemütlichkeit: dampfende Tee- und Kaffeegläser, schwere Likörflaschen, Siphons, üppige Obstschalen und offene Zigarrenkisten. An den Rändern des Raumes luden tiefe Sofas und Sessel in kleinen Nischen zur vertraulichen Debatte ein.
Der Raum vibrierte von einem polyphonen Lärm aus Gelächter, hitzigen Diskussionen und fröhlichen Ausrufen. Etwa zwanzig Männer und Frauen hatten sich in Gruppen zusammengefunden, beseelt von dem Geist des Aufbruchs.
Zeitlin hatte heute Dienst. Er war ein Mann von exorbitantem Umfang, doch diese Fülle schien ihn nicht zu bremsen; im Gegenteil, er bewegte sich mit einer erstaunlichen, fast tänzerischen Energie. Hinter seiner dicken Brille schielten kurzsichtige Augen, während seine roten Lippen stets zu einem Lächeln bereit waren. Mit einer flinken Bewegung stellte er ein Glas Tee vor ein zierliches Mädchen.
»Trink, Ninotschka, trink, meine Liebe! Werde gesund!«, gluckste er.
»Sagen Sie, Ilja Borissowitsch«, warf Andrej Iwanowitsch ein, ein ruhiger Mann mit dunklem Teint und einer markanten Pelzmütze, »haben Sie allein durch den Tee diese gewaltige Statur erreicht?«
Doch Zeitlin war bereits weitergezogen. Er hörte nicht mehr zu. Sein Blick war auf drei Männer gefallen, die am anderen Ende des Saals vor einem Regal mit Spiegelmodellen in einen heftigen Disput verwickelt waren. Mit der Energie eines Schleppers zerrte er sie zum Tisch.
»Genug der Theorie! Kommt an den Tisch! Dort könnt ihr weiterstreiten, ihr elenden Heliophantisten! Der Nutzen eurer Worte wird derselbe bleiben – gleich null …«
Nikolai Roschtschin, ein hagerer Blondschopf mit scharf geschnittenem Gesicht, warf Zeitlin einen spöttischen Blick zu. »Ich fürchte, Ilja, die gesamte Windtechnik des Landes reicht gerade so aus, um Ihre persönliche Energie zu speisen. Das scheint mir ihr einziger konkreter Nutzen zu sein.«
Zeitlins Lippen bebten. »Unsinn, Nikolai! Meine Windkraftanlagen könnten drei Dneproges-Kraftwerke ersetzen, während eure Helio-Technik höchstens dazu taugt, in Zentralasien Koteletts zu braten oder Badewasser für die Taiga zu wärmen.«
Roschtschin lachte hell auf. »Dass sie voller Windkraft sind, bestreite ich nicht. Aber es ist eine Kraft der Vergangenheit, ein Anachronismus! Schon die Ägypter kannten sie. Ich werde vorschlagen, Sie und Ihre Windmühlen aus dem Club der neuen Energien – dem CNE – auszuschließen.«
»Großartig!«, konterte Zeitlin verächtlich. »Dann lösen wir den Club am besten gleich auf. Nichts hier ist wirklich neu! Eure Helio-Technik soll schon Archimedes genutzt haben, um die römische Flotte vor Syrakus mit Damenspiegeln in Brand zu setzen. Die Gezeitenkraft nutzten die Engländer im 14. Jahrhundert, und Wassermühlen sind so alt wie die Zivilisation selbst. Wollt ihr ausgerechnet den Wind verbannen? Nein, Brüderchen, das wird nicht gelingen!«
Plötzlich hielt er inne. Seine Augen leuchteten auf, als er zur Tür eilte. »Wen sehe ich da?! Mein lieber, düsterer Freund! Wo hast du gesteckt?«
Nikita Marejew trat ein. Sein Gesicht trug die Züge eines Mannes, der zu viel gesehen und zu wenig geschlafen hatte. Tiefe Furchen gruben sich über seinen Nasenrücken und zogen sich hinunter zu seinem schwarzen Bart. Seine Augen, streng und beinah hart unter den dichten Brauen, tauten erst auf, als er Zeitlin sah. Ein schmales Lächeln stahl sich auf seine Lippen.
»Wo warst du nur, Nikituschka?«, beschwerte sich Zeitlin und schloss ihn in eine stürmische Umarmung. »Sechs Monate lang verschollen! Ich habe dich in diesen Klub eingeführt, und du glänzt durch Abwesenheit.«
»Sei nicht böse, alter Kumpel«, erwiderte Marejew leise. »Die Zeit ist ein knappes Gut. Ein neues Projekt hat mich gefesselt. Ich war zwei Monate lang draußen auf den Ölfeldern.«
»Ölfelder?«, Zeitlin stutzte. »Was hat ein Pionier des CNE mit Öl zu tun? Hast du uns verraten?«
»Keine Sorge, Ilja. Ich bleibe der Sache treu. Auf den Feldern habe ich eine neue Legierung getestet – Kommunist nennen wir sie. Sie ist härter als ein Diamant. Öl ist für sie nicht mehr als weiche Butter.«
Sie mischten sich unter die Gäste. Am Tisch lauschte Marejew den Gesprächen. Nina Malewskaja dozierte gerade vor Andrej Iwanowitsch über ein geplantes Windkraftwerk am Markhot-Pass. Die Zahlen klangen wie Musik: ein Raddurchmesser von einhundertzwanzig Metern, ein Turm, so hoch wie ein Dom, zwanzigtausend Kilowatt Leistung.
»Gigantismus«, murmelte Andrej Iwanowitsch skeptisch. »Wie viel Metall, wie viel Risiko! Wind ist wankelmütig. Mal schickt Gott die Kraft, mal nicht. Nina Aleksejewna, kommen Sie lieber zu uns ins Labor für Temperaturunterschiede. Das ist solide Wissenschaft.«
Malewskaja lachte spöttisch. »Wankelmütig? Man muss nur hoch genug hinaus, Andrej! Dort oben wehen die Ströme beständig. Wenn wir erst das ganze Land mit diesen Riesen überschwemmt haben, wird niemand mehr über Ihre Temperaturunterschiede reden.«
»Am Ende entscheidet die Kopeke«, entgegnete er ruhig. »Die kleine sowjetische Arbeitskopeke. Wer die billigste Kilowattstunde liefert, gewinnt.«
Ein weiterer Gast, Viktor Semjonow, stieß dazu. Er wirkte erschöpft und stürzte seinen Kaffee hinunter, als wolle er den Frust wegspülen. »Es ist ein Verbrechen!«, platzte er plötzlich heraus. »Wir haben Tausende Kilometer Küste, und wir lassen die Energie der Brandung einfach verpuffen. Millionen von Pferdestärken! Nur fünf Prozent davon könnten den gesamten Kaukasus versorgen – die Bahnen, die Fabriken, alles! Und was macht der Technische Rat? Er verlangt eine Revision meines Projekts.«
»Die Schaukelpontons?«, fragte Andrej Iwanowitsch.
»Ja!«, rief Semjonow. »Ein System aus Hebeln und Pumpen, das die rohe Gewalt der Wellen in Stauseen presst und von dort in Turbinen jagt. Tag und Nacht tobt die Brandung an den Felsen, unermüdlich – und wir lassen sie ungenutzt!«
»Man muss sich der Durchführbarkeit sicher sein, bevor man öffentliche Gelder verschwendet«, warf Roschtschin mit seinem üblichen sarkastischen Grinsen ein.
»Verschwendung? Halten Sie meine Arbeit für Spielerei?«, fuhr Semjonow auf.
Roschtschin zuckte die Achseln. »Warum ins Ungewisse investieren, wenn die Sonne uns eine unerschöpfliche Quelle bietet, die wir bereits beherrschen?«
Marejews Stimme schnitt durch den beginnenden Streit, ruhig und von einer seltsamen Schwere. »Es ist alles nur zu bedauern.«
Die Runde verstummte. Alle Augen richteten sich auf ihn.
»Warum bedauern, Nikita?«, fragte Semjonow irritiert.
»Weil Ihr Projekt, so geistreich es auch ist, bald seinen Sinn verlieren wird. Genau wie alle anderen hier. Sie werden überflüssig sein.«
Ein Raunen ging durch den Raum. »Hat Marejew das Perpetuum mobile gefunden?«, spottete Malewskaja.
»Oder das Geheimnis der Atomenergie?«, fügte Roschtschin hinzu. »Wenn ja, zerbreche ich meine Spiegel und werde sein Handlanger.«
Marejew blieb gelassen. Er biss in einen saftigen Apfel, als ginge ihn der Spott nichts an.
»Sprich, Nikituschka!«, drängte Zeitlin. »Lass sie verstummen!«
Marejew legte den Apfelrest gemächlich auf den Teller. »Das Beste ist der Feind des Guten«, begann er nachdenklich. »Ihr alle sucht nach Quellen, die launisch sind. Die Sonne? Im Winter liefert sie kaum die Hälfte, und bei Regen gar nichts. Der Wind? Er ist unstet und schwach, außer in Höhen, die wir kaum erreichen können. Wie wollt ihr eine Wirtschaft auf Launen aufbauen?«
»Vorsicht, Nikita!«, warnte Zeitlin. »Ich bin Wind-Ingenieur!«
»Du bist Energietechniker, Ilja. Du dienst dem Fortschritt, nicht einer Mühle«, entgegnete Marejew scharf. Er wandte sich an die Malewskaja. »Wie viele Windräder braucht man für einen Dneproges? Achtundzwanzig? Und wer garantiert, dass sie immer drehen? Es gibt keine Garantie. Also müssen wir nach etwas Besserem suchen.«
»Und was ist dieses Geheimnis?«, rief Malewskaja ungeduldig.
»Es ist kein Geheimnis«, sagte Marejew und seine Augen blitzten. »Es steht in jedem Lehrbuch. Aber ihr blickt nach oben in die Wolken oder hinaus aufs Meer. Ihr vergesst nur eines: unter eure Füße zu schauen.«
»Die unterirdische Hitze!«, hauchte Malewskaja.
»Ja!«, Marejews Stimme schwoll an. »Die thermische Energie der Erde! Ewig, unerschöpflich, unbeeindruckt von Jahreszeiten oder Wetter. Sie kennt keine Flaute und keine Wolkenbrüche. Sie ist überall! Man muss nicht zu ihr reisen, sie ist genau dort, wo man steht – tief unter uns. Wir müssen sie nur erreichen. Wir holen uns die Temperatur, die wir brauchen, ob hundert oder tausend Grad, und wandeln sie um. Das wird das Antlitz der Erde verändern. Der Kampf um Öl und Kohle wird enden.«
In der folgenden Stille erklang Roschtschins spöttische Stimme: »Der alte Charles Parsons verbeugt sich aus seinem Sarg vor dir.«
»Parsons?«, Marejew strich sich über die Stirn.
»Ja. Er wollte das schon 1920. Er ist gescheitert. Die Hitze war zu groß für Mensch und Maschine, die Wärmeleitfähigkeit des Gesteins zu gering.«
Marejew sah Roschtschin fest an. »Parsons fehlten die Mittel. Mir geht es heute nicht um technische Details, sondern um das Ziel. Ich sage euch: Sucht hier! Bündelt eure Kräfte, statt sie in tausend kleine Bäche zu zersplittern. Eine neue Ära im Kampf zwischen Mensch und Natur bricht an. Unerschöpfliche Ströme von Energie werden unserer Gesellschaft dienen und die Welt neu erschaffen!«
Er blickte auf die Wanduhr. Mit einer abrupten Bewegung stand er auf. Ohne ein weiteres Wort des Abschieds, ohne einen Blick zurück, verließ er den Raum. Er hinterließ eine Stille, die schwerer wog als jeder Disput zuvor.
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