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Nick Carter – Band 20 – Ein Kindesraub – Kapitel 2

Nick Carter
Amerikas größter Detektiv
Ein Kindesraub
Ein Detektivroman
Kapitel 2

Onkel Philipp besucht Nick Carter

Seitdem waren vier Wochen verflossen und Nick Carter, welcher seither einige sehr ernste und aufregende Fälle in Chicago zu erledigen gehabt, dachte längst nicht mehr an den kleinen Zwischenfall und den dabei von ihm zur Strecke gebrachten schweren Jungen. Er war kaum zwei Tage von Chicago zurückgekehrt, als er den Besuch eines väterlichen Freundes empfing. Obwohl Mr. Philipp Sherman nicht mit Nick verwandt war, so hatte er doch immer als sein Onkel gegolten und der berühmt gewordene Mann fühlte herzliche Zuneigung zu dem Freunde seiner Kindheit, der auch den Jahren nach gut sein Vater hätte sein können.

»Sieh da, Onkel Philipp, das nenne ich eine freudige Überraschung!«, empfing den schlicht und würdig aussehenden Mann, dessen robuste äußere Erscheinung den ländlichen Besitzer erkennen ließ, der Detektiv mit herzlichem Handschlag. »Wie geht’s, alles wohlauf?«

»Gut; übrigens bin ich froh, dich zuhause zu finden, Nick«, entgegnete Sherman, nachdem sie Platz genommen, der Hausherr eine Flasche Wein hatte servieren lassen und Zigarren angeboten hatte. »Es wäre mir recht unlieb gewesen, hätte ich dich nicht angetroffen, denn mein Besuch gilt nicht nur dem wilden, lieben Schlingel von ehedem, sondern auch dem herangereiften Mann von Weltruf.«

»Sieh da – auch du, Onkel Philipp!«, verwunderte sich Nick. »Wer mir gesagt hätte, du würdest den Detektiv Carter aufsuchen, den hätte ich einfach ausgelacht – doch lass hören!«

»Es handelt sich um meine Enkelin Dorrit Groble«, äußerte der alte Mann nun mit zitternder Stimme. »Sie ist gestohlen – geraubt worden!«

»Warum denn!«, rief der Detektiv ehrlich erschrocken. »Die kleine süße Dorrit – doch wer soll sie entführt haben und zu welchem Zweck?«

»Das wissen wir nicht genau, wir können es nur vermuten – sage«, fuhr der Besucher mit einem forschenden Blicke auf den Detektiv stockend fort, »könntest du dich zur Begehung einer ungesetzlichen Tat entschließen, um ein himmelschreiendes Verbrechen zu verhüten?«

»Du weißt, Onkel, wie gern ich dir behilflich bin – doch deine Frage erstaunt mich!« versetzte Nick befremdet. »Willst du mir nicht lieber unumwunden sagen, um was es sich handelt?«

»Ja, das wird am besten sein, Nick«, stimmte der alte Mann seufzend bei. »Du kennst ja unsere Familienverhältnisse …«

»So ziemlich, denke ich«, fiel der Detektiv nickend ein. »Vor fünf oder sechs Jahren heiratete deine Tochter Edith, meine alte, liebe Spielgefährtin, David Groble. Du sahst diese Heirat nicht gern.«

»Nein, ich widersetzte mich ihr mit Hand und Fuß!«, fiel Sherman ergrimmt ein.

»All right, Onkel. Doch als die arme Edith starb, nahmst du dich ihres hinterlassenen Töchterchens liebevoll an.«

»Selbstverständlich, denn was kann Klein-Dorrit für ihrer Eltern!«

»Ich war die Jahre über so vielfach in Anspruch genommen, dass ich kaum Zeit fand, an meine Lieben zu denken, geschweige, mich um deren Geschick zu kümmern«, meinte Nick nun entschuldigend. »War dieser Groble wirklich ein solch schlechter Gatte?« »Der?!«, rief der Alte ergrimmt. »Er ist der größte Schurke unter der Sonne!«

»Arme Edith!«, sagte der Detektiv leise. »Ich ließ mir nicht träumen, dass sie ihr Herz an einen solchen Burschen verlieren könnte … doch ein offenkundiger Verbrecher ist Groble nicht?«

»Dafür ist er viel zu gerieben und schlau – die Sorte lässt sich nicht erwischen, sondern streift das Zuchthaus immer nur mit dem Ärmel!«, stieß Sherman verächtlich hervor. »Doch was mag er vor dem Himmel verantworten – in mir lebt nur die entsetzliche Angst, dass er es war, welcher die arme herzige kleine Dorrit entführt hat!«

»Gut, nun begreife ich, der Vater des Mädchens brachte dieses in seine Gewalt und du, Onkel, möchtest, dass ich die Kleine dir wieder zurückführe«, bemerkte Nick bedächtig.

»Stimmt, Nick, denn ich bin gewiss, hinter dem Verschwinden meiner kleinen Enkelin steckt Dave!«

»Du bist aber deiner Sache nicht sicher, Onkel? Warum trägst du den Rechtstreit, denn um einen solchen handelt es sich doch, nicht in den Gerichten aus?«

»Einmal, weil ich nicht genau weiß, wo Groble sich aufhält, dann aber, weil ich zu wissen glaube, was er mit dem Augenblick tun würde, wo ich klagbar werde – du musst wissen, lieber Junge, es dreht sich bei der Geschichte um große Vermögensinteressen.«

»Wieso?«, fragte der Detektiv verständnislos. »Ist denn Klein-Dorrit vermögend?«

»Das ist eben der Haken!« eröffnete man der alte Mann. »Edith erbte in runder Summe eine Million Dollar aus der Familie meiner seligen Frau. Dieses Vermögen ging auf Klein-Dorrit über und ist in meinen Händen sicher, solange die Kleine lebt. Es ist Groble verfallen, sollte sein Kind sterben, dem er ist der gesetzliche Erbe!«

»Das sieht allerdings beunruhigend aus, Onkel«, meinte Nick ungewöhnlich ernst. »Ich glaube zwar nicht, dass er sein Kind ermordet und sich an den Galgen bringt. Doch er mag – ist er wirklich, so verworfen, wie du glaubst, – die kleine Dorrit langsam hinsiechen lassen – es gibt ja so viele Abarten grausamen Mordes, die kein Gesetz bestrafen kann!«

»Das ist es!«, rief der Alte erbittert. »In seinen Händen welkt die Kleine dahin, bis er Eines Tages ihr Erbe ist – wird er aber herausgefordert oder bedrängt, so lässt er sein Kind plötzlich sterben – durch einen Fall, einen Stoß – ein zufällig losgegangenes Gewehr! Wäre aber Klein-Dorrit auch keine Erbin, ihr Leben wäre schon bedroht, weil sie mein Liebling ist. Das weiß ihr Vater und er hasst mich so leidenschaftlich, dass ihm kein Mittel zu schlecht ist, kann er dadurch seinen Rachedurst gegen mich befriedigen!« »Jetzt verstehe ich, wie du es vorhin meintest, als du mich fragtest, ob ich wider das Gesetz handeln möchte, um ein himmelschreiendes Verbrechen zu verhüten. Das Gesetz gibt dem Vater alle Rechte über sein Kind und du bist nur Vormund der Enkelin, nicht aber in alle Vaterrechte ihr gegenüber eingesetzt!«

»Zugestanden. Doch du musst selbst sagen, Nick, in meinem Fall wären wir uns gegen den Geist des Gesetzes sicher nicht vergehen, höchstens gegen den starren Buchstaben! »Ganz gewiss. Doch sind wir sicher, dass das Gericht uns beistehen wird?«

»Das sind wir nicht! Doch lass mich Klein-Dorrit erst wieder in Sicherheit wissen, dann will ich diesem Groble so viel Prozesse an den Hals hängen, wie er nur zu schleppen vermag. Was die Gerichte schließlich entscheiden, darauf will ich es ankommen lassen – nicht aber darauf, was dieser Bösewicht mit seinem eigenen Fleisch und Blut noch beginnen mag!«

»Gut, Onkel Philipp, ich will mein Möglichstes tun, um dir beistehen zu können«, erklärte der Detektiv. »Schon um der alten Zeiten willen, denn der Fall selbst liegt etwas abseits für mich.«

»Ich wusste ja, dass du mich in meiner Not nicht verlassen würdest, Nick, du warst allezeit ein guter Kerl – und bist so geblieben!«, rief der alte Mann bewegt.

»All right, Onkel – nun aber rücke mit Tatsachen heraus, denn der Fall ist eilig!«

»Also zur Sache«, beeilte sich der alte Mann zu antworten, »ich sah Dorrit zuletzt vorgestern.«

»Einen Augenblick«, unterbrach ihn der Detektiv. »Wohnt ihr noch in eurem Stadthaus an der Westend Avenue – oder bist du schon nach deinem Landgut übergesiedelt?« »Nein, das soll nächste Woche geschehen. Doch höre, Nick, außer Klein-Dorrit und mir leben im Haus vier Dienstboten, darunter Annie Wilson, das Kindermädchen meiner Enkelin. Nun denke dir, das Mädchen verschwand gleichzeitig mit der Kleinen!«

»Soll das heißen, dass Dorrit von dem Mädchen entführt wurde?«, fragte Nick dazwischen.

»Sagt ich Mädchen?«, meinte der alte Mann. »Annie ist verheiratet gewesen – und ob sie das Kind entführt hat oder selbst mit ihm entführt wurde, weiß Gott allein. Vorgestern Vormittag begab sie sich, wie gewöhnlich, mit Klein-Dorrit zum Central Park, und seither fehlt jede Spur von beiden. Auch die hiesige Polizei vermochte nicht das geringste ausfindig zu machen!«

Eine Minute lang saß der Detektiv nachdenklich, dann sagte er kurz: »Gut, Onkel, was weißt du über dies alles. Wilson und deren Vorleben?«

»Gut, sie ist in Wahrheit Dorrits Mutter gewesen, und das Kleine von deren ersten Lebenstagen an mit äußerster Zärtlichkeit und Hingebung verpflegt. Sie stand schon vor Dorrits Geburt in den Diensten meiner Tochter. Ich glaube, Annie stammt aus Port Jervis und war an einen Landgutbesitzer, genauso wie Edith, nur, dass Mrs. Wilson obendrein Not leiden musste. Um das Unglück voll zu machen, verlor sie ihren kleinen Jungen, an dem sie mit abgöttischer Liebe hing. Das ist eine traurige Geschichte, denn der Heimgang des kleinen Lieblings kostete Annie fast den Verstand und erst nach Jahr und Tag konnte sie wieder aus der Irrenanstalt entlassen werden – aber ganz geheilt ist sie wohl kaum worden, sondern immer noch, was man gemütskrank nennt. Ich hätte ihr wohl kaum Dorrits Pflege weiterhin anvertraut, hätte sie all die in ihrem verworren Mutterherzen aufgespeicherte Liebe nicht auf die Kleine übertragen.«

»Hm, es wäre der erste Fall nicht, dass solche harmlosen Irren sich in gemeingefährliche verwandeln und mit ihren Schutzbefohlenen durchgehen«, warf der Detektiv ein. »Wie war diese Annie denn gekleidet?«

»Ja, wenn ich das wüsste, Nick!« seufzte der Alte auf. »Ich habe kein Gedächtnis und keinen Sinn für Äußerlichkeiten. Doch ich denke, Mrs. Goodale wird dir wohl besser Auskunft geben können. Sie ist meine Haushälterin, eine reife Vierzigerin und vergötterte Klein-Dorrit nicht minder. Sie war es auch, welche mich darauf aufmerksam machte, dass Annie sich die letzten Tage über ganz anders gab als sonst.«

»So?«, fragte der Detektiv interessiert. »Wie meinst du das, Onkel?«

»Nun, sonst war Annie immer düster und in sich gekehrt und wenn sie lächelte, so geschah es nur unter Tränen. Seit sie aber drei Tage vor ihrem Verschwinden – und zum ersten Mal, so lange sie in meinem Dienste geweilt, einen Brief bekam, war sie rein wie ausgewechselt und heiter wie eine Feldlerche – sang und lachte, hatte am liebsten getanzt.«

»Merkwürdig!«, brummte Nick Carter. »Von wem stammt der Brief?«

»Ja, wer das wüsste!«, meinte Sherman aufseufzend. »Annie war überhaupt nie sehr mitteilsam, indessen gegen Mrs. Goodale immerhin zugänglich. Doch über den Inhalt des Briefes schwieg sie sich völlig aus. Dabei brachte sie plötzlich ein kleines Päckchen zum Vorschein, das sie, glaubte sie sich unbeobachtet, inbrünstig küsste, wie etwa ein Heide seinen Fetisch. Merkwürdigerweise muss sie es am Morgen ihres Verschwindens beim Bettmachen verloren haben, denn wir fanden das Päckchen mitsamt der blonden Haarlocke, die darin war. Ich brachte es dir mit, Nick – hier ist es!«

Nachdenklich nahm der Detektiv die blonde Haarlocke in Empfang, befühlte und untersuchte sie und betrachtete sie endlich unter einem Vergrößerungsglase. »Gut«, sagte er schließlich, »was diese Locke zu bedeuten haben sollte, sagte Annie nicht?« »Nein, sie verbarg sie so sorglich, dass wir erst nach ihrem Verschwinden, als Mrs. Goodale das Päckchen zufällig in Annies Bett fand, herausbekamen, um was für einen Inhalt es sich eigentlich handelte.«

»Klein-Dorrit ist blondlockig.«

»Gewiss, doch Annie erzählte oft von der goldenen Lockenpracht ihres toten Knaben!«

»Ah!«, machte Nick Carter. »Du bist sicher, Onkel, dass diese Haarlocke hier mit dem so plötzlich hereingeschneiten geheimnisvollen Brief in Verbindung steht?«

»Sozusagen ja – wenigstens konnte weder Mrs. Goodale noch die übrigen Dienstboten vorher etwas von dem geheimnisvollen Päckchen gewahr werden – und da Nannie dieses plötzlich nicht mehr aus der Hand legte, so muss sie es wohl in dem Brief zugeschickt erhalten haben.«

»Zweifellos!« schaltete Nick ein. »Von wem der Brief kam oder von woher, weiß niemand?«

»Doch, wie Mrs. Goodale sagt, war die Adresse von einer Männerhand geschrieben und der Poststempel bekundete, dass das Schreiben in Port Jervis aufgegeben worden war. Doch ich wiederhole, Annie war nicht zum Reden zu bewegen; sie verbrannte den Brief, kaum, dass sie unter Anwendung aller möglichen Vorsichtsmaßregeln die Antwort geschrieben hatte. Mrs. Goodale fiel es auf, dass Annie darauf bestand, den Brief selbst zur Post zu tragen und niemanden die Adresse wissen zu lassen. Doch wir dachten uns nichts Böses dabei, – und ich kann mir auch jetzt noch nicht denken, dass Annie meine kleine Dorrit absichtlich entführen haben soll – ich glaube vielmehr, dass der schändliche Dave Groble sich an sie unter irgendwelchem falschen Vorspiegelungen herangemacht und sie verleitet hat. Die beigelegte blonde Haarlocke hat jedenfalls eine gewichtige Bedeutung.«

»Das will ich wohl glauben«, entgegnete der Detektiv bedeutsam. »Es handelt sich zwar nicht um Menschenhaar, sondern um Flachs, das vom Schopf einer großen Wachspuppe abgeschnitten wurde. Doch gerade dieser Umstand erregt den Verdacht, dass der gemütskranken Person ein Streich gespielt worden ist. Sie mag vielleicht in den Wahn versetzt worden sein, ihr Knabe lebe noch und der Briefschreiber sei imstande, sie zu dem Kind zu geleiten. Natürlich muss der Mensch die Gewohnheiten dieser Mrs. Wilson genau gekannt und auch gewusst haben, dass diese mit Klein-Dorrit jeden Vormittag in den Park zu gehen pflegte. Handelte es sich wirklich um die beabsichtigte Entführung deiner Enkelin, Onkel, so war dies die einfachste und sicherste Art, in den Besitz sich um die beabsichtigte Entführung seiner Enkelin, Onkel, vor, deren tot geglaubter kleiner Sohn befinde sich da und dort – was war leichter, als Wärterin und Schutzbefohlene zu verschleppen?«

»Wahrhaftig, Nick, nun begreife ich, warum du stets so erfolgreich bist!«, versetzte der Alte unter einem tiefen Atemzug, »das du sagst, ist so folgerichtig, dass es gar nicht anders sein kann – und doch war es mir unmöglich, die verschiedenen Sachverhalte zusammenzureimen und mir einen Vers daraus zu machen – und der hiesigen Polizei ging es nicht anders!«

»Gut, Onkel, richtig schließen und logisch denken, macht den Detektiv aus – doch entschuldige mich einen Augenblick, ich möchte rasch eine Depesche an den Polizeichef von Port Jervis aufgeben.«

Damit warf er auch schon einige Zeilen aufs Papier, klingelte und befahl der eintretenden Haushälterin, das Telegramm ungesäumt befördern zu lassen.

Er selbst versetzte den väterlichen Freund in eine angeregte Unterhaltung, in deren Verlauf er sich alle Einzelheiten, die ihm wissenswert erschienen, berichten ließ.

Kaum eine Stunde später traf schon die Antwort aus Port Jervis ein, sie lautete:

Ja, ein gewisser David Groble pachtete das ausgebotene Farmwesen des verstorbenen Samuel Tindelson, etwa sechs Meilen von hier in den Bergen einsam gelegen. Die Grenze des Staates läuft mitten durch das Grundstück. Groble will den Platz wegen seiner ergiebigen Jagd gepachtet haben. Er hat sich mit einer Anzahl roher Burschen umgeben und ist selbst nicht beliebt. Es liegt indessen nichts gegen ihn vor; zurzeit befindet er sich auf der Farm, ist aber häufig von dieser abwesend. Polizeigouverneur Port Jervis.

Schweigend hatte Nick Carter das Telegramm durchgelesen und händigte es nun seinem Besucher ein.

»Das lässt tief blicken!«, versetzte er. »Die Staatsgrenze geht mitten durch das Grundstück – das will sagen, kein Beamter des Staates New York kann Groble verhaften, befindet er sich auf dem zum Staat Pennsylvanien gehörenden Gebiet der Farm – und umgekehrt. Dann hat er eine Rotte roher Burschen, angeblich zu Jagdzwecken, um sich versammelt. Das sieht fast nach einer Art persönlicher Leibgarde aus.«

Der alte Mann wusste sich vor Erstaunen nicht zu fassen. Er schlug bewundernd die Hände zusammen.

»Nein, sage mir, Nick, woher um Gotteswillen hast du so schnell den Aufenthalt dieses Dave Groble ausgespürten vermocht – ich wage meinen Augen nicht zu trauen – doch da lese ich es ja schwarz auf weiß.«

»Du tust mir zu viel Ehre an, Onkel«, wehrte der Detektiv lachend ab. »Etwas scharfes Nachdenken, das ist alles! Bei jedem Verbrechen, klein oder groß, gilt als erste Frage: Wem bringt es Nutzen, wer hat also ein Interesse an seiner Begehung. Ist deine Auffassung richtig, so will David Groble unter allen Umständen in den Besitz seiner Tochter gelangen. Der Postbrief kam aus Port Jervis, der Heimat dieser Annie Wilson. Dorther musste er kommen, sollte sie wirklich glauben, dass ihr Söhnchen noch am Leben sei – und nur nach Port Jervis ließ sie sich geleiten – oder sagen wir entführen, folglich musste Groble zusehen, sich in der Nähe anzusiedeln, steckte er wirklich hinter dem Anschlag – und dass er dies tut und wir richtig geschlossen haben, bestätigt dieses Telegramm.«

»Aber was ist nun tun?«, rief Sherman mit gerungenen Händen. »Wenn der Bösewicht Klein-Dorrit in seine Gewalt gebracht hat, so schwebt ihr Leben in ständiger Gefahr. Ja, er besinnt sich keinen Augenblick, die Kleine gewaltsam zu beseitigen, glaubt er sich verfolgt oder in Gefahr!«

»In diesem Glauben dürfen wir ihn eben nicht kommen lassen!«, entgegnete Nick. »Begib dich ruhig nach Hause, Onkel, ich denke, ich werde den Fall sofort aufnehmen und mich nach Port Jervis begeben. Von dort aus erhältst du weitere Nachricht von mir – und nun den Kopf hoch, ich kann mir nicht denken, dass das Leben der Kleinen vorläufig bedroht ist – und ich habe so eine Ahnung, als ob sie längst wieder unter ihres Großvaters Schutz zurückgekehrt sein wird, ehe ihr entmenschter Vater ihr wirklich ein Leid antun kann!«

Damit verabschiedete er den alten Mann, der wunderbar getröstet sich zu seinem einsamen Heim zurückbegab.

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