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Die Gespenster – Vierter Teil – 40. Erzählung

Die Gespenster
Kurze Erzählungen aus dem Reich der Wahrheit von Samuel Christoph Wagener
Allen guten Schwärmern, welchen es mit dem Bekämpfen und Ablegen beunruhigender Vorurteile in Absicht des Geisterwesens ernst ist, liebevoll gewidmet von dem Erzähler Friedrich Maurer aus dem Jahr 1798
Vierter Teil

Vierzigste Erzählung

Der Rektor Sander zu Stolzenau

Zu den Menschen, die beinahe lebendig begraben worden wären, gehört unter anderem auch jener Mann, der im Jahre 1788 zum zweiten Mal und diesmal wirklich verstorbene Pastor Sander zu Barver, einem zur Inspektion Diepholz gehörigen kurhannoverschen Pfarrdorf; derselbe Sander, welcher bis zum Jahre 1763 der Schule des kurhannoverschen Städtchens Stolzenau an der Weser als Rektor vorstand.

Dieser Mann wurde in seiner Jugend als fünfzehnjähriger Knabe im Hause seiner Eltern einmal sehr krank. Er rang eine Zeit lang mit dem Tode und starb schließlich – zumindest glaubten seine Angehörigen, dieses hoffnungsvolle Kind unrettbar verloren zu haben. Er wurde daher so behandelt, wie man damals mit Leichen verfuhr. Man legte den ganz erstarrten Scheintoten ohne Lebenswärme und völlig entkleidet aus dem Bett auf Stroh. Man wusch den ganzen Körper, drückte ihm die halb gebrochenen, offenen Augen zu, bekleidete ihn mit dem Totenhemd und wies ihm seinen Platz im fertigen Sarge zu.

Zur Beerdigung war der dritte Tag nach dem Eintreten der Starrsucht anberaumt, die man für den Tod hielt. Zufällig hatte die Mutter am späten Abend vor diesem Tage, der ihn für immer von den Lebendigen scheiden sollte, in der Totenkammer noch zu tun. Zitternd an allen Gliedern flog sie zu den übrigen Hausgenossen und verkündete , dass sie mit Entsetzen vom Sarg her ein spukhaftes Winseln vernommen zu haben glaubte. Man eilte schleunigst zur Totenkammer zurück. Deutlich hörte man jetzt aus der engen Behausung des Knaben Töne eines Lebendigen erschallen.

Zitternd und voll banger Erwartung rissen die Entschlossensten augenblicklich den mörderischen Deckel vom Sarg. Anstatt eine Leiche darin zu erblicken, streckte der sichtbar ins Leben zurückgekehrte, hilflose Knabe flehend seine Hände nach Hilfe aus. Ohne die Zögerung, welche dem freudigen Erstaunen sonst wohl eigen ist, empfing die zärtliche Mutter ihre geliebte Scheinleiche.

So war nun auch dieser Scheintote den Armen des wirklichen Todes noch für viele Jahre glücklich entrissen. Denn kaum hatte man den Wiedergeborenen aus dem Sarg ins Bett zurückgetragen und eine Zeit lang als ein nur krankes Kind behandelt, so entzückte derselbe ungeachtet seiner totenblassen Gesichtsfarbe die Seinigen mit allen Äußerungen der völlig wiedererhaltenen Bewegungskraft. Die Starrsucht war jetzt gänzlich gehoben. Der Kranke genas unter den pflegenden Händen der Seinigen, denen er nun zweifach lieb und wert geworden war, in wenigen Wochen vollkommen und lebte nach diesem Ereignis noch über dreißig Jahre als ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft.

Merkwürdig mögen einige es nennen, dass ihn die blasse Totenfarbe, die man während seiner Starrsucht an ihm bemerkte, nachher nie wieder verließ. Aber noch viel merkwürdiger und viel beherzigenswerter scheint mir folgender Umstand zu sein: Als der Scheintote in Starrsucht fiel und ein jeder ihn für wirklich tot hielt, hatte ihm eine Krankenwärterin das Kopfkissen schnell unter dem Kopf wegreißen wollen. Glücklicherweise war sie indessen von den vernünftigen Eltern des Kindes ernstlich daran verhindert worden.

Leider mag dieser ebenso gemeine wie alte und verabscheuungswürdige Gebrauch schon manchem Scheintoten im Augenblick krampfhafter Verzückungen entweder das Genick gebrochen oder überhaupt – zum Beispiel durch einen dadurch geförderten Schlaganfall – den wirklichen Tod zugezogen haben. Denn wenn man auch zur Ehre der Menschheit annehmen muss und voraussetzen kann, dass hier nicht höllische Bosheit aus Absicht handeln wird, so gibt doch der fromme Aberglaube selbst in seiner dummen Unbefangenheit hierüber die Erklärung, man wolle dadurch verhindern, dass der Sterbende sich lange quäle; man erleichtere ihm durch diesen schnellen Rückfall des Kopfes das Sterben.

Äußerst glücklich priesen sich die Eltern des jungen Sander, dass sie durch ihr strenges Verbot, die Kopfunterlage wegzuziehen, vielleicht den sonst erfolgten Tod ihres geliebten Kindes mitverhindert hatten. Als unbestechliche Wächter an seinem Krankenlager waren sie sich bewusst, ihm den schönsten Liebesdienst erwiesen zu haben.

Möchten alle Sterbenden ihr Haupt ruhig aufs Kissen legen und, nicht misshandelt von der grausamen Hand des Aberglaubens, in Frieden scheiden können!

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