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Der Schatten eines Schattens

Tom Hood
Der Schatten eines Schattens

Meine Schwester Lettie lebt bei mir, seit ich einen eigenen Hausstand gegründet habe. Vor meiner Hochzeit war sie meine kleine Haushälterin. Jetzt ist sie die ständige Begleiterin meiner Frau und die Lieblingstante meiner Kinder, die mit all ihren kleinen Sorgen und Nöten zu ihr gehen, um Trost, Rat und Hilfe zu finden.

Doch obwohl sie ein behagliches Zuhause hat und von liebenden Menschen umgeben ist, trägt sie einen ernsten, melancholischen Ausdruck im Gesicht, der Bekannte verwundert und Freunde betrübt.

Eine Enttäuschung! Ja, die alte Geschichte eines verlorenen Geliebten ist der Grund für Letties Wesen. Sie hatte oft gute Heiratsanträge, aber seit sie die erste Liebe ihres Herzens verloren hat, hat sie sich nie wieder dem glücklichen Traum hingegeben, zu lieben und geliebt zu werden.

George Mason war ein Cousin meiner Frau – von Beruf Seemann. Er und Lettie lernten sich auf unserer Hochzeit kennen und Weiterlesen →

Mörder und Gespenster – Band 1 – 28. Teil

August Lewald
Mörder und Gespenster
Band 1
Das geschossene Täubchen
Kapitel 4

Sechs Wochen später las Frau von S., die sich gerade erst wieder zu erholen begann, in der Zeitung. Plötzlich verzogen sich ihre Gesichtszüge auf seltsame Weise. Sie neigte sich zu ihrem Mann und deutete, ohne ein Wort zu sprechen, auf die Stelle, die sie soeben gelesen hatte.

Herr von S. las folgende Worte:

Heinrich von C. ist seit sechs Wochen spurlos verschwunden. Man vermutet einen Selbstmord.

Der durch die schwere Krankheit abgemagerte Finger der Frau von S. verweilte lange auf der letzten Zeile dieser Meldung. Ihr Weiterlesen →

Deutsche Märchen und Sagen 202

Johannes Wilhelm Wolf
Deutsche Märchen und Sagen
Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845

285. Habdank

Kaiser Heinrich V. wollte das Land Polen gerne seinem Zepter unterwerfen und rückte deshalb mit seiner Heeresmacht den Polen immer näher auf den Leib. Da entsandte Bolesław eine Gesandtschaft an ihn, um unter angemessenen Bedingungen um Frieden zu bitten. Heinrich forderte jedoch unnachgiebig die vollständige Unterwerfung Polens und verlangte, dass das Land dem Römischen Reich tributpflichtig werde. Als die Gesandten dies hörten, erklärten sie, dass die Polen den Frieden niemals zu einem solchen Preis erkaufen würden. Darüber geriet der Kaiser in Zorn. Er führte die Gesandten zu seiner unermesslichen Schatzkammer, zeigte sie ihnen und sprach: »Seht her! Damit werde ich Polen demütigen.«

Der Anführer der Gesandten, Graf Skarbek, zog daraufhin einen äußerst wertvollen Ring vom Finger, warf ihn zu den Schätzen des Weiterlesen →

Blue and Gray Weekly 1.1

Blue and Gray Weekly Nr.1
Auf in den Krieg
oder: Die Blues-Boys werden gemustert
Eine Geschichte aus dem Großen Bürgerkrieg
Von Lieutenant Harry Lee
1. Kapitel
Der Ruf zu den Waffen

Am 15. April 1861 erreichte Fairdale, eine hübsche kleine Stadt im zentralen Teil des Staates New York, die Nachricht von Präsident Lincolns berühmtem Aufruf zu 75 000 Freiwilligen. Für Fairdale war es, wie für viele andere Städte im Norden, ein überwältigender Schock und schwer zu begreifen.

Es war zwar wahr, dass es zwischen den Führern des Nordens und des Südens im Kongress viel Getöse und hitzige Debatten gegeben hatte. Fort Sumter war bombardiert worden, und die Menschen sowohl nördlich als auch südlich der Mason-Dixon-Linie Weiterlesen →

Die Plauderstube – Dreimal um Mitternacht – Kapitel 2

Dreimal um Mitternacht
Eine historische Novelle
2. Ein Seelenkampf

Im 16. Jahrhundert wurden viele jener heillosen Vorurteile über die Art und Weise, wie man Ertrunkene zu behandeln habe, wie sie noch größtenteils in den ungebildeten Volksklassen verbreitet sind, als Glaubensartikel der Arzneiwissenschaft betrachtet. Der erste Versuch, einen Ertrunkenen wieder ins Leben zurückzurufen, bestand gewöhnlich darin, dass man ihn an den Füßen aufhing, damit er das Wasser, das er verschluckt, wieder von sich geben könne – ein Verfahren, das einen vollkommen gesunden Menschen binnen zehn Minuten vom Leben zum Tode zu bringen hinreicht. Zum Glück des armen Joos wurde von dem Arzt, der zur Wiedererweckung des Drechslers herbeigerufen worden war, kein solch mörderisches Verfahren angewandt. Vielmehr begnügte sich dieser damit, ihn zur Ader zu lassen, ihm warme Umschläge auf die Brust zu legen und ständige Reibungen an allen Gliedern anzuordnen; und als er hierauf dem leblosen Körper endlich wieder einige Wärme verliehen hatte, hüllte er ihn in wollene Decken und ließ dem reichlichen Schweiß, der, wie er wusste, bald eintrat, die Sorge überlassen, ihn zu beleben und ins Dasein zurückzurufen. Als nun der junge Mann endlich den wiederkehrenden Atem durch lautes Aufseufzen kundgab und auch die Augen Weiterlesen →