Sagen und alte Geschichten der Mark Brandenburg 71

Die Stadt im Blumenthal
Nordöstlich von Strausberg und westlich des Dorfes Prötzel liegt unweit der Chaussee, die von Tiefensee nach Müncheberg führt, mitten in einem herrlichen Eichenwald ein Flecken Landes. Er befindet sich auf der höchsten Erhebung eines Plateaus, das aus oft sehr steilen Hügeln und Tälern besteht, und trägt in der ganzen Umgegend den Namen Stadtstelle. Noch vor wenigen Jahren war auch dieses Areal mit sehr alten Eichen bestanden. Inzwischen sind sie jedoch gefällt worden, sodass man nach Westen einen freien Blick bis zum etwa eine Viertelmeile entfernten Haidekrug hat, nach Osten bis zum unweit von Prötzel gelegenen Hammelstall; nach Norden und Süden wird die Aussicht durch Eichen- und Fichtenwald begrenzt.
Heute wird dieser Landflecken – ungeachtet dessen, dass der Boden mit gewaltigen Massen kleinerer und größerer Steine bedeckt ist – mit Getreide bestellt. Nur wo sich die Anhöhe nach Osten senkt, hat man eine größere Eiche stehen lassen; zum Andenken daran, dass hier einst eine Stadt stand, die untergegangen ist.
Unter dieser Eiche liegt ein großer Granitblock von ziemlich viereckiger Gestalt, der oben geebnet ist. Er hat eine Breite und Länge von etwa acht Fuß, liegt jedoch, wie es scheint, sehr tief in der Erde. Dieser Stein soll die Stelle bezeichnen, an der sich der Marktplatz der untergegangenen Stadt befand. In seiner Nähe erstrecken sich in einer Höhe von etwa zwei Fuß über dem Boden und fast über die gesamte Ausdehnung des heutigen Feldes Steinwälle, die tief in die Erde hinabreichen. Dies sollen die Fundamente der Häuser jener Stadt sein.
Noch vor hundert Jahren konnte man hier nach Beckmanns Beschreibung die Spuren einer Hauptstraße finden, die die Richtung nach Strausberg hielt, sowie von sechs Querstraßen. Außerdem waren noch verschiedene Gruben als Überreste von Kellern oder Brunnen zu sehen sowie vier ummauerte Plätze, die – wie er meinte – die Überreste von Kirche, Rathaus, Schloss, Kloster oder dergleichen gewesen sein mögen. Innerhalb dieses Raumes lagen auch drei runde Hügel, von denen man sagte, dass es Begräbnishügel seien.
Das alles ist nun zum größten Teil verschwunden. Doch von dieser Stadtstelle haben sich namentlich in Strausberg mannigfaltige Sagen erhalten.
Eine alte, 73-jährige Frau erzählte, sie habe in ihrer Jugend von einem 83-jährigen Schäfer gehört – der es wiederum von seinem Großvater vernommen hatte –, dass im Blumenthal einst eine sehr schöne Stadt mit gutem Wohlstand gestanden habe, die durch ein Erdbeben zerstört worden sei. Sie selbst habe noch den Kirchhof und den Grabstein des Predigers gesehen, auf dem in großen Buchstaben geschrieben stand: Prediger Troschel, gebürtig aus Marienwerder. Allerdings könne sie sich an die Jahreszahlen seines Geburts- und Todesjahres nicht mehr genau entsinnen.
Der Schäfer, dessen Vater schon immer in diesem Irrgarten gehütet hatte – in dem die schönsten Mallinekens (Himbeeren), weiße Johannisbeeren, Stachelbeeren und Haselnüsse wuchsen –, erzählte ihr einst, als er auf einem Eichenstumpf saß: Auf diesem Stumpf habe sein Großvater jeden Morgen einen Groschen gefunden (es war noch einer von den alten, von denen 24 auf einen Taler gingen). Das hätte er jedoch niemandem erzählen dürfen, sonst hätte er keinen mehr bekommen. Er tat das Geld daher stets heimlich in einen Sack und bewahrte ihn an einem sicheren Ort auf. Einst musste er den Sack jedoch von dort fortnehmen, nachdem er neun Jahre lang täglich seinen Groschen erhalten hatte, und versteckte ihn deshalb in seinem Strohsack. Als nun seine Frau das Bett machte, fand sie den Sack und schimpfte auf ihren Mann ein. Sie habe so lange geglaubt, einen ehrlichen Mann zu haben, und sehe nun, dass er ein Spitzbube sei! Da erzählte ihr der Mann, um sich vom Verdacht zu reinigen, woher er das Geld hatte. Doch am nächsten Morgen lag kein Groschen mehr auf dem Eichenstumpf – und nie wieder hat er einen bekommen.
Seltsam ist auch, was dem Vater des Schäfers dort mit seinem Hund begegnet ist. Solange er ihn besaß, kroch der Hund, der den ganzen Tag über nichts fraß, mittags in ein kleines Loch auf der Stadtstelle. Und selbst wenn er noch so dünn hineinging, kam er stets wohlgenährt heraus – oft so rund gefressen, dass ihm der Bauch bis auf die Erde hing. Der Schäfer behauptete steif und fest: »Då mütten Lüüde in west sinn, dee den Hund föddert hebben!« [Da müssen Leute gewesen sein, die den Hund gefüttert haben!]
Einige erzählen auch, auf der Stadtstelle zeige sich öfters eine weiße Frau, die ein verwünschtes Fräulein sei. Zudem sei auf dem Marktstein noch der Abdruck eines Menschen- und Pferdefußes sichtbar, woran man erkennen könne, dass auch der Teufel dort sein Unwesen getrieben habe.
Der Blumenthalsche See
»Wie einige Leute erzählen, ist die Stadt, die einst im Blumenthal stand, in dem dortigen schönen See untergegangen. Daher mag auch der große, gelbe Koffer, der ganz mit Eisen beschlagen ist, hineingekommen sein. Man sieht nämlich zuweilen einen solchen Koffer dort auf dem Wasser schwimmen, aber kein Mensch kann ihn herausziehen. Wenn die Fischerknechte ihn mit Stricken bergen wollten und ihn schon ganz sicher zu haben glaubten, waren die Stricke plötzlich wie durchgeschnitten und der Koffer stand wieder an der alten Stelle. Überdies ist das Herausziehen sehr gefährlich, denn mancher, der es versuchen wollte, ist dabei im See ertrunken. Es muss jedoch etwas wunderbar Schönes darin sein, denn am zweiten Advent hört man den ganzen Tag über herrliche Musik wie von Pauken, Trompeten und Gesang, die aus dem Koffer dringt. Ein Schäfer war einst gerade an diesem Tag mit einem alten Fischer und anderen in der Nähe, und allen klang schon den ganzen Tag Musik in den Ohren. Als sie dem See näher kamen, wurde sie immer deutlicher, und als sie schließlich am Ufer anlangten, sahen sie den Koffer und hörten die Musik in ihrer ganzen Schönheit.
Wunderbareres kann man jedoch am Neujahrstag dort erleben: Da sieht man Leinen quer über den gesamten See gespannt, an denen die allerfeinste Wäsche hängt – so schöne Hemden, Überzüge, Handtücher, Laken und Dergleichen mehr, dass sie wohl jeder gern haben möchte. Zum See führen dann ordentliche, aus Rasen gefügte Stufen hinab, was so einladend wirkt, als solle man sich die Wäsche holen. Eine Frau kam einst am Neujahrstag des Weges. Da der See an diesem Tag stets zugefroren ist und das Eis diesmal so fest war, dass man noch die Spuren der schweren Holzwagen sah, die darüber gefahren waren, konnte sie dem Verlangen nicht widerstehen und wollte sich eines der schönsten Linnenstücke holen. Doch als sie hingeht und kaum die erste Klammer anfasst, gibt es ein fürchterliches Krachen, das Eis bricht unter ihr zusammen, und sie wäre unfehlbar ertrunken, wenn ihr nicht die Fischer, die gerade auf dem See fischen wollten, zur rechten Zeit zu Hilfe gekommen wären.«
Wie andere erzählen, soll sich dies alles jedoch nicht auf dem Blumenthalsee, sondern auf dem Straussee zugetragen haben.

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