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Deutsche Märchen und Sagen 202

Johannes Wilhelm Wolf
Deutsche Märchen und Sagen
Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845

285. Habdank

Kaiser Heinrich V. wollte das Land Polen gerne seinem Zepter unterwerfen und rückte deshalb mit seiner Heeresmacht den Polen immer näher auf den Leib. Da entsandte Bolesław eine Gesandtschaft an ihn, um unter angemessenen Bedingungen um Frieden zu bitten. Heinrich forderte jedoch unnachgiebig die vollständige Unterwerfung Polens und verlangte, dass das Land dem Römischen Reich tributpflichtig werde. Als die Gesandten dies hörten, erklärten sie, dass die Polen den Frieden niemals zu einem solchen Preis erkaufen würden. Darüber geriet der Kaiser in Zorn. Er führte die Gesandten zu seiner unermesslichen Schatzkammer, zeigte sie ihnen und sprach: »Seht her! Damit werde ich Polen demütigen.«

Der Anführer der Gesandten, Graf Skarbek, zog daraufhin einen äußerst wertvollen Ring vom Finger, warf ihn zu den Schätzen des Kaisers und sagte: »Dann wollen wir dieses Gold noch zu dem euren hinzufügen.«

Heinrich verstand die Anspielung wohl, entgegnete aber nur knapp: »Hab Dank!«

Seit diesem Tag blieb dem Grafen der Name Habdank, und seine Familie führt diesen Namen bis heute.

286. Leonhards Eselsritt

Sankt Leonhard wanderte einst durch einen großen Wald. Einige Schritte abseits des Weges hörte er lautes Weinen und Jammern. Als er dem Geräusch nachging, traf er auf einen König, der mit seiner Gemahlin durch den Wald reiste. Die Königin war überraschend von Geburtswehen heimgesucht worden. Man hatte bereits alle verfügbaren Ärzte herbeigerufen, doch keiner konnte ihr helfen.

Als die Gefolgsleute des Königs den heiligen Leonhard erblickten, rieten sie dem Herrscher, den Heiligen um sein Gebet zu bitten, da dies sicher helfen werde. Der König fiel vor Leonhard auf die Knie und bat ihn flehentlich um Hilfe. Sankt Leonhard kniete nieder und betete zu Gott um eine gnädige Entbindung. Kaum hatte er sein Gebet beendet, gebar die Königin einen gesunden Sohn und fühlte sich sogleich wieder vollkommen wohl.

Vor Freude wusste der König kaum, wie er dem Heiligen danken sollte. Er ließ all sein Gold, Silber und alle Edelsteine holen, die er bei sich trug, um sie Leonhard zu schenken. Dieser lehnte jedoch ab und sagte, dass er diese Schätze nicht benötige; der König solle sie lieber den Witwen und Waisen geben, was Gott wohlgefällig sei.

Daraufhin bot der König an: »Dann schenke ich euch diesen gesamten Wald als Eigentum, da ihr nach einem stillen und einsamen Leben strebt.«

Sankt Leonhard antwortete: »Nein, den ganzen Wald will ich nicht – nur so viel Land, wie ich in dieser Nacht auf meinem Esel umreiten kann.«

Der König willigte ein. Am Abend trat Sankt Leonhard seinen Ritt an, und der König ließ den Weg, den der Heilige nahm, mit kleinen Steinpfeilern markieren. Später ließ Sankt Leonhard dort ein Kirchlein erbauen und weihte es der heiligen Maria.

287. Kaiser Karl und der Rübenkäse

Als Kaiser Karl V. noch jung war, kehrte er einmal im Waasland bei einem Bauern ein und bat um eine Mahlzeit. Der Bauer hatte gerade zwei leckere, mit Rüben gefüllte Käse im Haus. Den einen setzte er dem Kaiser als seine beste Speise vor, den anderen gab er ihm als Wegzehrung mit. Karl wollte sich erkenntlich zeigen und schenkte dem Bauern so viel Land, wie dieser in zwei Tagen mit zwei Pferden pflügen konnte. Der Bauer war überglücklich, und schon nach wenigen Stunden wusste das ganze Dorf davon.

Sein Nachbar, ein reicher Gutsbesitzer, dachte, er müsse dem Kaiser etwas Standesgemäßeres schenken als einen Rübenkäse. Er kaufte zwei prächtige Kutschpferde, eilte dem Kaiser nach und überreichte sie ihm. Der Kaiser bedankte sich höflich, ließ jedoch den verbliebenen Rübenkäse holen und schenkte diesen dem Gutsbesitzer.

Der Reiche war darüber sehr verärgert und murrte lautstark.

Da fragte ihn Karl: »Warum murrst du? Dieser Käse hat mich weit mehr gekostet als dich deine zwei Pferde!«

288. Das Recht der Besenbinder

Einst verirrte sich Kaiser Karl auf der Jagd. Nach langem Umherirren gelangte er an eine Bauernhütte und klopfte an. Der Bauer öffnete und fragte nach seinem Begehren. Karl bat zunächst um etwas Speise und Trank. Eifrig deckten der Bauer und seine Frau den Tisch und trugen auf, was sie hatten.

Da flüsterte der Bauer seiner Frau zu: »Sollen wir dem Herrn nicht auch etwas vom Hirschbraten geben?«

»Wie du meinst«, antwortete sie.

Der Bauer holte den Braten, setzte ihn dem Kaiser vor und sprach: »Herr, hier habe ich noch etwas Besonderes. Ich gebe es Euch aber nur unter der Bedingung, dass Ihr dem Kaiser nichts davon verratet!«

»Gott bewahre!«, erwiderte der Kaiser und langte herzhaft zu, denn er war sehr hungrig.

Nachdem er sich satt gegessen hatte, gab er dem Bauern ein Trinkgeld, ließ sich auf den rechten Weg führen und verabschiedete sich.

Am folgenden Tag schickte der Kaiser Boten aus und ließ den Bauern an den Hof bestellen. Der Bauer befürchtete, der fremde Gast habe ihn beim Kaiser verraten, und schwebte in Todesangst. Als er jedoch den Saal betrat und im Kaiser seinen Gast wiedererkannte, fiel ihm ein Stein vom Herzen.

»Wie kann ich dir die gestrige Mahlzeit vergelten?«, fragte der Kaiser.

Der Bauer antwortete, er wünsche sich nichts weiter, als sein Leben lang kostenlos Besenreisig im Wald schneiden zu dürfen.

»Gut! So binde viele Besen und komm morgen wieder«, sagte Karl.

Am nächsten Morgen erschien der Bauer mit seiner Frau und einem Karren voller Besen. Karl ließ sogleich verkünden, dass kein Höfling mehr zu ihm treten dürfe, ohne vorher dem Bauern einen Besen abgekauft zu haben. Die Hofleute kauften dem Bauern die Besen für eine Pistole das Stück ab, sodass dieser reich nach Hause kehrte. Zudem erließ der Kaiser ein Gesetz: Von nun an durfte jedermann für alle Zeiten frei Besenreisig schneiden, sofern er dabei einen Holzschuh und einen Schlappschuh trug.

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