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Secret Service Band 4 – Kapitel 13

Francis Worcester Doughty
Secret Service No. 4
Old and Young King Brady Detectives
Der geniale Bluff der Bradys
Oder: Ihre Verfolgungsjagd zur Rettung einer Erbin
Eine interessante Detektivgeschichte aus dem Jahr 1899, niedergeschrieben von einem New Yorker Detective

Kapitel 13
Old King Bradys Verfolgungsjagd

In der Annahme, die Drei Flöhe und die Bauernfänger hätten sich zusammengeschlossen, durchkämmten die Bradys die berüchtigten Elendsquartiere New Yorks. Sie gingen davon aus, dass sich Lively Ann und ihre beiden Spießgesellen noch irgendwo im Dickicht der Stadt verbargen. Es würde kein leichtes Unterfangen werden, sie aufzuspüren, denn es stand zu erwarten, dass sie den Detektiven vorerst auswichen. Nach dem geglückten Täuschungsmanöver begegneten die Kriminellen den Ermittlern zweifellos mit äußerster Vorsicht.

Old King Brady beschloss daher, seine Taktik anzupassen. Bislang hatten die beiden Detektive ihre Schritte gemeinsam koordiniert. Nun entschied der Ältere, getrennt vorzugehen: Young King Brady sollte den einen Strang verfolgen, er selbst den anderen.

»Einverstanden«, sagte der jüngere Kriminalist. »Ich übernehme meinen Teil.«

»Daran zweifle ich nicht«, entgegnete Old King Brady.

»Welche Fährte wählst du?«

»Die Drei Flöhe.«

»Gut. Ich nehme mir das Betrügertrio vor.«

Damit war der Entschluss gefasst.

Old King Brady maskierte sich daraufhin als heruntergekommener Landstreicher der Bowery. Er tauchte in die Unterwelt ein und fügte sich nahtlos in das Milieu ein. Er verkehrte in finsteren Spelunken, belieh wertlose Gegenstände und bot die Pfandscheine feil. Er nächtigte in billigen 25-Cent-Absteigen und speiste – oder tat zumindest so – in den berüchtigten Garküchen von Beefsteak John. Mit anderen Worten: Er ging vollkommen im Treiben der Bowery auf.

Er wusste aus Erfahrung, dass diese Methode über kurz oder lang zum Erfolg führen musste. So wie einst alle Straßen nach Rom führten, so zog es schließlich jeden Winkeladvokaten und Strauchdieb New Yorks an die Bowery. Unter den Verbrechern des niederen Rangs gab es kaum einen, der einem New Yorker Kriminalisten entging, sofern man die einschlägigen Treffpunkte dieser Meile nur beharrlich im Blick behielt.

Tage vergingen ohne nennenswerten Anhaltspunkt. Doch Geduld gehörte zu den herausragenden Stärken des alten Kriminalisten. Er beobachtete, lauerte, musterte jedes Gesicht und ging jedem noch so flüchtigen Hinweis nach. Schließlich zeichnete sich wieder eine Spur ab.

Eines Nachts, als er gerade den Chatham Square passierte, nahm die Situation eine unvorhergesehene Wendung. Es war kurz nach Mitternacht; die wenigen ehrbaren Bürger hatten sich längst in ihre Häuser zurückgezogen. Plötzlich bemerkte Old King Brady im Schatten der Hochbahntrasse an der Third Avenue verdächtige Gestalten. Dumpfe Laute eines Handgemenges drangen herüber, ein erstickter Schrei, und im selben Moment schlug ein Körper hart auf dem Pflaster auf. Ein Röcheln drang an das Ohr des Detektivs, kurz darauf zerschnitt der schrille Ton einer Trillerpfeife die Nachtluft. Das genügte. Die Jagd hatte begonnen.

Mit wenigen Sätzen war er am Tatort. Zugleich trafen zwei Schutzmänner ein. Einer beugte sich vor und hob den Regungslosen aus der Gosse. Das Gesicht des Mannes war blutüberströmt, er war ohne Bewusstsein. Der Kleidung nach zu urteilen, handelte es sich um einen wohlhabenden Fremden.

»Wer ist der Mann, Jack?«, fragte der eine Beamte.

»Keine Ahnung.«

Ganz die Handschrift der Drei Flöhe.«

»Ohne Zweifel!«

»Holen Sie einen Wagen!«

»Ist er noch am Leben?«

»Kaum. Wenn nicht sofort ein Arzt kommt, ist es um ihn geschehen.«

Old King Brady wusste genug. Die schattenhaften Gestalten waren bereits in eine Nebengasse geflüchtet. Der Kriminalist nahm die Verfolgung auf. Ein geschulter Blick erfasste die Straßenecke, die Winkel der Häuser und jede denkbare Deckung. Ohne Zögern sprang er durch ein offen stehendes Hoftor zwischen zwei Mietshäusern. Zwar hatte er die Angreifer dort nicht hineinlaufen sehen, doch bot die Örtlichkeit keinen anderen realistischen Ausweg. Den weiten Bogen um den Häuserblock hätten sie in der kurzen Spanne unmöglich bewältigen können.

Er trat in den dämmrigen Innenhof. Der Mangel an Licht hemmte seine Sicht für einige Sekunden. Es handelte sich um Mietskasernen. Ein hoher Eisenzaun trennte das Areal von den Nachbargrundstücken – ein Hindernis, das kaum in der Eile zu überwinden war. Diesen Gedanken ließ der Detektiv daher sogleich fallen.

Plötzlich fiel sein Blick auf die Sprossen einer metallenen Feuerleiter an der Mauer. Er ließ den Blick die Fassade hinauf bis zur Dachkante wandern. Vor dem Nachthimmel zeichnete sich flüchtig ein dunkler Umriss ab. Die Silhouette verschwand im selben Wimpernschlag. Der Kriminalist vergeudete keinen Augenblick. Mit einer für sein Alter bemerkenswerten Gewandtheit erklomm er die eiserne Konstruktion.

Als er sich dem obersten Absatz näherte, sicherte er geistesgegenwärtig den Blick nach oben ab. Ein Umstand, der ihm das Leben rettete. Über der Mauerkante tauchten die Schultern und das vermummte Antlitz eines Verfolgten auf. Mit brutaler Kraft sauste ein Backstein herab. Hätte das Geschoss sein Ziel erreicht, wäre der Ermittler wohl in die Tiefe gestürzt.

Der Stein schlug auf eine Eisenstrebe und barst in Stücke. Im selben Sekundenbruchteil riss der Detektiv seinen Revolver hoch und schoss. Doch der Angreifer war bereits in die Deckung gehechtet. Die Kugel schlug in die Zinkabdeckung der Traufe und wirbelte etwas Mörtelstaub auf.

Old King Brady zog sich mit einem Ruck auf das Flachdach und sicherte die Umgebung. Von den Gestalten war weit und breit nichts zu sehen. Dennoch hielt er nicht an, sondern stürmte über das Areal. Er setzte über Dachvorsprünge hinweg von Gebäude zu Gebäude. Schließlich machten seine Augen drei flüchtende Umrisse in der Ferne aus. Erneut hob er die Waffe und feuerte mehrmals. Er schoss gezielt daneben; es galt, die Flüchtigen lebend zu stellen und sie durch das Mündungsfeuer zur Kapitulation zu zwingen.

Doch plötzlich waren die Männer wie vom Erdboden verschluckt. Verblüfft über das abrupte Verschwinden beschleunigte der Beamte seinen Schritt. Er erreichte den Ort, an dem die Fährte abgerissen war. Dort stießen die Mauern dreier Häuser in einem verwinkelten Schacht zusammen. Um das nächste Gebäude zu erreichen, hätte man einen Sprung von vier bis fünf Fuß wagen müssen. Ein solches Manöver war auszuschließen.

Der Kriminalist hielt inne und prüfte das Terrain. Weit und breit fand sich weder ein Ausstieg noch eine Revisionsluke. Scharfsinnig musterte er jede bauliche Einzelheit. Und doch schien er vor einer Wand zu stehen. Es bot sich kein Versteck, kein Abgang. Wohin waren die Verfolgten entwichen?

Er kniete nieder und tastete den Boden ab. Die Dachhaut war mit ebenem Blech beschlagen und wies keinerlei Öffnungen auf. Vorsichtig robbte er zur Brüstung vor und blickte in die Tiefe. Unterhalb der Dachrinne war kunstvolles Schmiedewerk im Mauerwerk verankert. Und dort schwang im Zugwind ein Strang. Der Detektiv beugte sich vor und zog das Tau herauf. Es war eine Strickleiter.

Damit löste sich das Rätsel. Fünf Fuß unter dem Dachabsatz lag ein geöffneter Fensterflügel – Teil einer Fensterfront an der Rückfassade. Die Bande hatte sich an der Strickleiter abgeseilt und war durch das Fenster eingestiegen.

Old King Brady zögerte nur einen Herzschlag lang. Er richtete sich auf, sicherte die Umgebung und schwang sich über das Gesims. Er fasste die Sprossen der Strickleiter und glitt abwärts. Kurz darauf fand er auf der äußeren Fensterbank Halt. Ein rascher Griff genügte, um sich in den unbeleuchteten Raum zu schwingen. Im Inneren herrschte absolute Schwärze.

Ein gefährlicher Schritt. Niemand konnte sagen, ob im Schutz der Finsternis nicht ein tödlicher Hinterhalt lauerte. Lautlos berührten seine Sohlen das Parkett; sofort ging er in die Hocke. Konzentriert lauschte er in den Raum, versuchte die Konturen im Dunkel zu entwirren – vergebens. Kein Laut drang an sein Ohr. Hielten sich die Flüchtenden hier verborgen, so rührten sie sich nicht.

Old King Brady gewann schnell seine Entschlossenheit zurück. Aus seinem Mantel zog er eine Taschenlampe und entfachte den Strahl. Der Lichtkegel durchschnitt den Raum. Was sich ihm bot, war vollkommen unerwartet. Das Zimmer war behaglich eingerichtet – mit Stühlen, einer Kommode, einem Tisch und einer Schlafstatt. Auf dem Bett lag eine Gestalt. Es war ein Mann.

Der Detektiv richtete das Licht auf dessen Züge. Er hatte den Unbekannten nie zuvor gesehen; allem Anschein nach handelte es sich um den rechtmäßigen Mieter. Dieser schien nichts von dem Zwischenfall und dem Eindringen der Verbrecher bemerkt zu haben; er lag reglos da, scheinbar in tiefem Schlaf.

Seltsam, dachte Old King Brady. Sie hätten ihn im Schlaf erschlagen können …

Ein jäh einsetzendes Grauen schnürte ihm die Kehle zu.

Der Beamte bemerkte plötzlich, dass sich die Brust des Schläfers nicht hob. Kein Atemzug war zu vernehmen. Alarmiert trat er näher heran, und im Schein der Lampe offenbarten sich die Tatsachen: Auf dem weißen Laken zeichnete sich eine dunkle, geronnene Blutlache ab. Knapp unter der Bettdecke ragte der Griff eines Dolches hervor. Die Klinge war bis zum Anschlag in den Brustkorb gestoßen worden. Der Mann war tot. Es war kaltblütiger Mord.

Obgleich Old King Brady mit den Abgründen der Kriminalität vertraut war, wich ihm die Farbe aus dem Gesicht. Welches Motiv steckte hinter der Tat? Wer war das Opfer? Hatten die Flüchtigen ihn erst vor Augenblicken getötet, um einen Zeugen zu beseitigen und am Alarmieren der Nachbarschaft zu hindern? Oder war das Ganze ein Raubmord?

Die Fragen stürzten auf ihn ein. Er beugte sich herab und berührte die Stirn des Toten. Die Haut fühlte sich feucht und noch warm an. Der Todesstoß lag erst Minuten zurück.

In diesem Moment drangen von jenseits der Schwelle leise Schritte an sein Ohr, und die Zimmertür schwang langsam auf.

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