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Der Schatten eines Schattens

Tom Hood
Der Schatten eines Schattens

Meine Schwester Lettie lebt bei mir, seit ich einen eigenen Hausstand gegründet habe. Vor meiner Hochzeit war sie meine kleine Haushälterin. Jetzt ist sie die ständige Begleiterin meiner Frau und die Lieblingstante meiner Kinder, die mit all ihren kleinen Sorgen und Nöten zu ihr gehen, um Trost, Rat und Hilfe zu finden.

Doch obwohl sie ein behagliches Zuhause hat und von liebenden Menschen umgeben ist, trägt sie einen ernsten, melancholischen Ausdruck im Gesicht, der Bekannte verwundert und Freunde betrübt.

Eine Enttäuschung! Ja, die alte Geschichte eines verlorenen Geliebten ist der Grund für Letties Wesen. Sie hatte oft gute Heiratsanträge, aber seit sie die erste Liebe ihres Herzens verloren hat, hat sie sich nie wieder dem glücklichen Traum hingegeben, zu lieben und geliebt zu werden.

George Mason war ein Cousin meiner Frau – von Beruf Seemann. Er und Lettie lernten sich auf unserer Hochzeit kennen und verliebten sich auf den ersten Blick. Georges Vater hatte bereits vor ihm auf dem großen, geheimnisvollen Meer gedient und war als hervorragender Arktis-Seefahrer bekannt, der an mehr als einer Expedition auf der Suche nach dem Nordpol und der Nordwestpassage teilgenommen hatte.

Es überraschte mich daher nicht, als George sich freiwillig für die PIONEER meldete, die für eine Fahrt auf der Suche nach Franklin und seiner verschollenen Expedition ausgerüstet wurde.

Ein solches Unternehmen übte eine Faszination aus, der ich wohl auch nicht hätte widerstehen können, wäre ich an seiner Stelle gewesen. Natürlich gefiel Lettie die Idee überhaupt nicht, aber er beruhigte sie, indem er ihr erklärte, dass Männer, die sich freiwillig für die Arktisforschung meldeten, nie in Vergessenheit gerieten und dass er in einem Dutzend Jahren nicht so viele Fortschritte in seinem Beruf machen würde wie in dem einen Jahr oder so, das diese Expedition dauern würde.

Ich kann nicht behaupten, dass Lettie auch danach mit dem Gedanken an seine Abreise ganz zufrieden war, aber zumindest argumentierte sie nicht mehr dagegen. Doch der ernste Blick, der nun bei ihr zur Gewohnheit geworden ist, in ihren jungen und glücklichen Tagen aber eine Seltenheit war, huschte manchmal über ihr Gesicht, wenn sie glaubte, sich unbeobachtet zu fühlen.

Mein jüngerer Bruder Harry war zu dieser Zeit Kunststudent. Damals war er noch ein Anfänger.

Heute ist er in der Kunstwelt ziemlich bekannt, und seine Bilder erzielen ordentliche Preise. Wie alle Kunst-Anfänger steckte er voller Flausen und Theorien. Er wäre ein Präraffaelit geworden, nur war der Präraffaelismus damals noch nicht erfunden. Seine besondere Vorliebe galt der, wie er es nannte, venezianischen Schule. Nun traf es sich, dass George einen schönen, italienisch anmutenden Kopf hatte, und Harry überredete ihn, ihm für ein Porträt Modell zu sitzen. Es war gut getroffen, aber als Kunstwerk eher mittelmäßig. Der Hintergrund war sehr dunkel und Georges Marineuniform farblich so tief, dass das Gesicht zu blass und starr wirkte. Es war ein Dreiviertelporträt, doch nur eine Hand, die sich auf den Griff eines Schwertes stützte, war darauf zu sehen. Wie George selbst sagte, sah er eher aus wie der Kommandant einer venezianischen Galeere als wie ein moderner Maat.

Dennoch gefiel Lettie das Bild, die sich nicht viel aus Kunst machte, solange die Ähnlichkeit stimmte. So wurde das Gemälde ordnungsgemäß gerahmt – in einem unheimlich schweren Rahmen, den Harry bestellt hatte – und im Esszimmer aufgehängt.

Und nun rückte die Zeit für Georges Abreise näher. Die PIONEER war fast segelfertig, und ihre Besatzung wartete nur noch auf Einsatzbefehle.

Die Offiziere lernten sich vor dem Auslaufen kennen, was von Vorteil war. George freundete sich schnell mit dem Schiffsarzt Vincent Grieve an und brachte ihn mit meiner Erlaubnis ein- oder zweimal zum Abendessen mit.

»Der arme Kerl hat keine näheren Freunde als in den Highlands, und das ist eine verdammt einsame Angelegenheit.«

»Bring ihn auf jeden Fall mit, George! Du weißt, dass jeder deiner Freunde hier stets willkommen ist.«

So kam Vincent Grieve. Ich muss gestehen, dass ich keinen guten Eindruck von ihm gewann und fast wünschte, ich hätte seinem Kommen nicht zugestimmt. Er war ein großer, blasser, blonder junger Mann mit einem harten, schottischen Gesicht und kalten, grauen Augen. Sein Gesichtsausdruck hatte auch etwas Unangenehmes an sich – etwas Grausames oder Listiges, vielleicht auch beides.

Ich fand es sehr geschmacklos von ihm, Lettie derart offensichtlich den Hof zu machen, wo er doch als Freund ihres Verlobten bei uns zu Gast war. Er wich ihr nicht von der Seite und kam George bei all den kleinen Aufmerksamkeiten zuvor, die ein Liebhaber so gerne erweist. Ich glaube, George war ein wenig verärgert darüber, obwohl er nichts sagte, da er das Verhalten seines Freundes auf mangelnde Kinderstube schob.

Lettie missfiel das Ganze sehr. Sie wusste, dass sie George nicht mehr lange bei sich haben würde, und war bestrebt, ihn so viel wie möglich für sich allein zu haben. Aber da Grieve der Freund ihres Liebsten war, ertrug sie diese Plage mit der größtmöglichen Geduld.

Der Arzt schien nicht im Geringsten zu merken, dass er sich einmischte, wo er nichts zu suchen hatte. Er wirkte völlig selbstbeherrscht und zufrieden, mit einer einzigen Ausnahme: Das Porträt von George schien ihn zu stören. Als er es zum ersten Mal sah, hatte er einen kurzen, ungeduldigen Ausruf ausgestoßen, der meine Aufmerksamkeit auf ihn lenkte; und mir fiel auf, dass er versuchte, den Blick darauf zu meiden. Als das Abendessen serviert wurde, wies man ihm einen Platz genau gegenüber dem Bild zu. Er zögerte einen Moment, setzte sich dann, stand aber fast sofort wieder auf.

»Es ist sehr kindisch und dergleichen«, stammelte er, »aber ich kann nicht gegenüber von diesem Bild sitzen.«

»Es ist keine große Kunst«, warf ich ein, »und mag ein kritisches Auge irritieren.«

»Ich verstehe nichts von Kunst«, antwortete er, »aber es ist eines dieser unangenehmen Bilder, deren Augen einem durch den ganzen Raum folgen. Ich habe ein ererbtes Grauen vor solchen Gemälden. Meine Mutter heiratete gegen den Willen ihres Vaters, und als ich geboren wurde, war sie so schwer krank, dass man kaum noch mit ihrem Überleben rechnete.

Als sie sich so weit erholt hatte, dass sie ohne Fieberwahn sprechen konnte, flehte sie uns an, ein Bild meines Großvaters aus dem Zimmer zu entfernen, von dem sie schwor, dass es ihr drohende Fratzen schnitt.

Es mag abergläubisch sein, liegt mir aber im Blut – ich hege eine tiefe Abneigung gegen solche Gemälde!«

Ich glaube, George hielt dies für einen Vorwand seines Freundes, um einen Platz neben Lettie zu ergattern; ich hingegen war mir sicher, dass dies nicht der Fall war, denn ich hatte den alarmierten Ausdruck in seinem Gesicht nur zu deutlich gesehen.

Als George und sein Freund in jener Nacht aufbrachen, nutzte ich die Gelegenheit, Ersteren halb im Scherz zu fragen, ob er den Arzt noch einmal zu uns mitbringen würde. George verneinte dies sehr nachdrücklich und fügte hinzu, dass Grieve in der Gesellschaft von Männern im Wirtshaus oder an Bord eines Schiffes ein recht angenehmer Begleiter sei, jedoch nicht, wenn Damen zugegen seien.

Aber der Schaden war angerichtet. Vincent Grieve nutzte unsere Bekanntschaft und wartete nicht darauf, erneut eingeladen zu werden. Er kam am nächsten Tag und danach fast jeden Tag. Er war nun ein häufigerer Gast als George, denn George musste seinen Pflichten nachgehen, und man hielt ihn fast ununterbrochen an Bord der PIONEER, während der Arzt, der sich längst um die Medikamentenversorgung etc. gekümmert hatte, über reichlich Freizeit verfügte.

Lettie mied ihn, so gut sie konnte, aber er brachte meist eine kleine Nachricht von George an sie mit – oder gab es zumindest vor –, sodass er stets eine Ausrede hatte, sie sehen zu wollen.

Anlässlich seines letzten Besuchs – am Tag bevor die PIONEER in See stach – kam Lettie in großer Aufregung zu mir. Dieser junge Schnösel hatte tatsächlich die Dreistigkeit besessen, ihr seine Liebe zu gestehen. Er wisse von ihrer Verlobung mit George, sagte er, aber das hindere einen anderen Mann nicht daran, sie ebenfalls zu lieben. Ein Mann könne sich ebenso wenig gegen das Verlieben wehren wie gegen eine Fiebererkrankung. Lettie wahrte ihre Würde und wies ihn streng zurecht; er jedoch entgegnete, er könne nichts Schlimmes daran finden, ihr von seiner Leidenschaft zu erzählen, wenngleich er wisse, dass sie hoffnungslos sei.

»Es können tausend Dinge passieren«, sagte er schließlich, »die Ihre Verlobung mit George Mason beenden. Dann werden Sie vielleicht nicht vergessen, dass ein anderer Sie liebt!«

Ich war außer mir vor Wut und wollte ihm gerade gehörig meine Meinung zu seinem Verhalten geigen, als Lettie mir erzählte, er sei bereits gegangen. Sie habe ihn weggeschickt und ihm das Haus verboten. Sie vertraute sich mir nur an, um sich abzusichern, denn sie hatte nicht die Absicht, George etwas davon zu erzählen, aus Angst, es könnte zu einem Duell oder anderen Gewalttätigkeiten führen.

Das war das letzte Mal, dass wir Vincent Grieve sahen, bevor die PIONEER auslief.

George kam noch am selben Abend und blieb bis zum Tagesanbruch bei uns, ehe er sich losreißen und zu seinem Schiff zurückkehren musste.

Nachdem ich ihm in der kalten, grauen, nieseligen Morgendämmerung an der Tür die Hand geschüttelt hatte, kehrte ich ins Esszimmer zurück, wo die arme Lettie weinend auf dem Sofa saß.

Ich zuckte unweigerlich zusammen, als ich Georges Porträt ansah, das über ihr hing. Das seltsame Licht der Morgendämmerung allein konnte die außergewöhnliche Blässe des Gesichts kaum erklären. Ich trat ganz nah heran und musterte es genau. Dabei bemerkte ich, dass es von Feuchtigkeit überzogen war, und nahm an, dass dies der Grund für das blasse Aussehen sei. Was die Feuchtigkeit selbst betraf, so vermutete ich, die arme Lettie habe das Porträt ihres Geliebten geküsst und die Nässe stamme von ihren Tränen.

Erst viel später, als ich Harry scherzhaft erzählte, wie sein Bild geliebkost worden war, erkannte ich den Irrtum meiner Vermutung. Lettie versicherte mir aufs Feierlichste, dass ich mich täuschte, wenn ich glaubte, sie habe es geküsst.

»Ich nehme an, das war das Ausblühen des Firnisses«, erklärte Harry. Und damit war das Thema erledigt, denn ich sagte nichts weiter, obwohl ich – trotz meiner mangelnden Kunstkenntnisse – ganz genau wusste, dass das Ausblühen von Firnis völlig anders aussah.

Die PIONEER stach in See. Wir erhielten – oder vielmehr erhielt Lettie – zwei Briefe von George, die er bei Gelegenheit über heimkehrende Walfänger verschickt hatte. Im zweiten Brief schrieb er, es sei unwahrscheinlich, dass er Gelegenheit finden werde, einen weiteren zu senden, da sie nun in hohe Breitengrade segelten – in jenes einsame Meer, in das sonst nur Expeditionsschiffe vordringen. Sie seien alle bester Dinge, berichtete er, denn sie seien nur auf sehr wenig Eis gestoßen und hofften, weiter nördlich als gewöhnlich auf offenes Wasser zu treffen. Außerdem fügte er hinzu, dass Grieve bisher ein leichtes Amt gehabt habe, da es an Bord noch keinen einzigen Krankheitsfall gegeben habe.

Daraufhin folgte ein langes Schweigen, und ein Jahr verstrich für die arme Lettie quälend langsam. Nur einmal hörten wir durch die Zeitungen von der Expedition. Es wurde berichtet, dass sie weiter vordrangen und gute Fortschritte machten; dies hatte ein Stamm von Eskimos einem russischen Kapitän berichtet. Sie hatten das Schiff für den Winter festgemacht, setzten ihre Reise mit Booten auf Schlitten fort und glaubten, auf Spuren der verschollenen Besatzungen gestoßen zu sein, was darauf hindeutete, dass sie sich auf dem richtigen Weg befanden.

Der Winter verging, und der Frühling kehrte zurück. Es war ein lauer, strahlender Frühling, wie wir ihn selbst in unserem wechselhaften Klima gelegentlich erleben dürfen.

Eines Abends saßen wir im Esszimmer bei offenem Fenster, denn, obwohl wir das Heizen schon lange eingestellt hatten, war es im Zimmer so drückend warm, dass wir den Hauch der kühlen Abendbrise genossen.

Lettie nähte. Das arme Kind – auch wenn sie nie klagte, litt sie offensichtlich unter Georges langer Abwesenheit. Harry lehnte aus dem Fenster und studierte die abendliche Lichtstimmung auf den Obstblüten, die aufgrund der milden Jahreszeit erstaunlich früh und üppig blühten. Ich saß am Tisch in der Nähe der Lampe und las die Zeitung.

Plötzlich durchfuhr eine eisige Kälte den Raum. Es war kein kalter Windstoß, denn der Vorhang am offenen Fenster bewegte sich nicht im Geringsten. Doch diese totenähnliche Kälte durchdrang das Zimmer – sie kam und verschwand in ein und demselben Augenblick. Lettie schauderte, genau wie ich, angesichts dieses eisigen Gefühls.

Sie sah auf. »Wie merkwürdig kalt es plötzlich geworden ist«, sagte sie.

»Wir bekommen eine Kostprobe von dem Polarwetter des armen George«, erwiderte ich mit einem Lächeln.

Im selben Moment blickte ich instinktiv zu seinem Porträt hinüber. Was ich sah, ließ mich verstummen. Ein plötzlicher Blutrausch vertrieb den betäubenden Einfluss des kalten Hauchs, der mich eben noch einzufrieren schien.

Ich erwähnte bereits, dass die Lampe brannte; doch das geschah nur, um mir das Lesen zu erleichtern, denn das violette Zwielicht war noch so erfüllt vom Sonnenuntergang, dass das Zimmer keineswegs dunkel war. Doch als ich das Bild betrachtete, bemerkte ich, dass es sich auf seltsame Weise verändert hatte. Ich sah es völlig klar und deutlich vor mir. Es war keine Täuschung, die mir mein Verstand vorgaukelte.

Anstelle von Georges Kopf sah ich einen grinsenden Totenschädel! Ich starrte ihn gebannt an; doch es war kein Streich meiner Fantasie. Ich konnte die hohlen Augenhöhlen, die schimmernden Zähne, die fleischlosen Wangenknochen erkennen – es war der Kopf des Todes!

Ohne ein Wort zu sagen, erhob ich mich aus meinem Sessel und ging direkt auf das Gemälde zu. Als ich näher kam, schien eine Art Nebel davor vorbeizuziehen; und als ich dicht davor stand, erblickte ich wieder nur das vertraute Gesicht von George. Der gespenstische Schädel war verschwunden.

»Armer George!«, murmelte ich unbewusst.

Lettie blickte auf. Der Klang meiner Stimme hatte sie beunruhigt, und der Ausdruck meines Gesichts beruhigte sie in keiner Weise.

»Was meinst du damit? Hast du etwas gehört? Oh, Robert, um Himmels willen, sag es mir!«

Sie stand auf, kam zu mir herüber, legte ihre Hände auf meinen Arm und sah mich flehend an.

»Nein, meine Liebe; wie sollte ich etwas gehört haben? Ich konnte nur nicht umhin, an die Entbehrungen und Nöte zu denken, die er wohl durchgemacht haben muss. Diese plötzliche Kälte hat mich daran erinnert …«

»Kälte!«, warf Harry ein, der sich mittlerweile vom Fenster abgewandt hatte. »Kälte! Wovon um alles in der Welt redest du? Kalt, an einem Abend wie diesem! Du musst dir wohl einen Schüttelfrost eingefangen haben, nehme ich an.«

»Lettie und ich haben beide vor ein, zwei Minuten eine schneidende Kälte gespürt. Hast du sie denn nicht gespürt?«

»Nicht im Geringsten; und da ich mich zu drei Vierteln aus dem Fenster gelehnt hatte, hätte ich es als Erster spüren müssen.«

Es war rätselhaft, aber dieser unheimliche Schauer war tatsächlich nur im Inneren des Zimmers spürbar gewesen. Es war nicht der Nachtwind gewesen, sondern ein übernatürlicher Hauch, der in Verbindung mit der schrecklichen Erscheinung stand, die ich gesehen hatte. Es war in der Tat die Kälte des Polarwinters gewesen – der eisige Schatten des gefrorenen Nordens.

»Den Wievielten haben wir heute, Harry?«, fragte ich.

»Heute ist der 23., glaube ich«, antwortete er und fügte dann hinzu, während er die Zeitung zur Hand nahm, die ich gerade gelesen hatte: »Ja, hier steht es. Dienstag, der 23. Februar, vorausgesetzt, die DAILY NEWS sagt die Wahrheit, wovon ich ausgehe. Zeitungen können es sich erlauben, beim Datum bei der Wahrheit zu bleiben, was auch immer sie sonst über Kunst schreiben mögen.« Harry war wenige Tage zuvor vom Kritiker einer Morgenzeitung wegen eines seiner Bilder ziemlich harsch verrissen worden und hegte daher einen gewissen Groll gegen den Journalismus im Allgemeinen.

Wenig später verließ Lettie das Zimmer, woraufhin ich Harry erzählte, was ich gespürt und gesehen hatte. Ich bat ihn, sich das Datum zu notieren, da ich befürchtete, dass George ein Unheil zugestoßen war.

»Ich schreibe es in mein Notizbuch, Bob. Aber du und Lettie, ihr hattet vermutlich nur einen Anflug von Kälteschauer, und euer Magen oder eure Fantasie hat euch einen Streich gespielt – was im Grunde dasselbe ist, weißt du. Was das Bild betrifft, da ist überhaupt nichts dran! Natürlich ist da ein Schädel zu sehen. Wie Tennyson schon sagt: ›Jedes Gesicht, wie füllig auch immer, mit Fleisch und Fett umpolstert, ist nur auf einen Schädel modelliert.‹ Der Schädel ist da – genauso wie selbst in einem guten Figurenbild der nackte Körper unter den Gewändern existiert. Du bildest dir ein, das sei bloß eine Schicht Farbe. Nichts dergleichen! Kunst lebt, mein Herr! Das ist genauso sehr ein echter Kopf wie deiner, mit all den Muskeln und Knochen, ganz genauso. Das ist genau der Unterschied zwischen Kunst und Schund.«

Dies war eine Lieblingstheorie von Harry, der sich noch nicht vom Träumer zum wahren Künstler entwickelt hatte. Da ich nicht die Absicht hatte, mit ihm zu streiten, ließ ich das Thema auf sich beruhen, nachdem wir das Datum in unseren Notizbüchern vermerkt hatten. Lettie ließ uns kurz darauf ausrichten, dass sie sich nicht gut fühle und sich zu Bett begeben habe. Wenig später kam meine Frau herunter und fragte, was vorgefallen sei. Sie war bei den Kindern gewesen und hatte danach nachgesehen, was Lettie fehlte.

»Ich glaube, es war sehr unvernünftig, bei offenem Fenster zu sitzen, mein Lieber. Ich weiß, die Abende sind warm, aber die Nachtluft wird manchmal empfindlich kalt – jedenfalls scheint sich Lettie eine schwere Erkältung zugezogen zu haben, denn sie zittert am ganzen Leib. Ich fürchte, sie hat sich durch das offene Fenster verkühlt.«

Ich erwiderte ihr damals nichts weiter, als dass sowohl Lettie als auch ich eine plötzliche Kälte verspürt hätten. Ich wollte mich auf keine erneute Erklärung einlassen, zumal ich sah, dass Harry nur darauf wartete, mich wegen meines Aberglaubens auszulachen.

In der Nacht jedoch, als wir in unserem Schlafzimmer waren, erzählte ich meiner Frau von den Vorkommnissen und meinen bösen Vorahnungen. Sie war derart bestürzt und verängstigt, dass ich es fast bereute, mich ihr anvertraut zu haben.

Am nächsten Morgen ging es Lettie wieder besser, und da niemand von uns die Ereignisse der vergangenen Nacht erwähnte, schien der Vorfall allseits vergessen.

Doch von jenem Tag an fürchtete ich in meinem Innersten stets das Eintreffen schlechter Nachrichten. Und schließlich traf genau das ein, was ich befürchtet hatte.

Eines Morgens, als ich gerade zum Frühstück hinunterkam, klopfte es an der Tür, und Harry stand davor. Das war eine sehr ungewöhnliche Zeit für ihn, da er seine Vormittage üblicherweise im Atelier verbrachte und uns meist erst abends auf dem Heimweg besuchte.

Er sah blass und aufgewühlt aus.

»Lettie ist doch noch nicht unten, oder?«, fragte er hastig; und noch bevor ich antworten konnte, schob er eine weitere Frage nach:

»Welche Zeitung abonniert ihr?«

»Die DAILY NEWS«, antwortete ich. »Warum?«

»Sie ist nicht unten?«

»Nein.«

»Gott sei Dank! Sieh dir das an!«

Er zog eine Zeitung aus der Tasche, reichte sie mir und wies auf einen kurzen Absatz am Ende einer Spalte hin. In dem Moment, als er nach Lettie fragte, wusste ich bereits, was kommen würde.

Die Überschrift des Artikels lautete: »Tödlicher Unfall eines Offiziers des Expeditionsschiffes PIONEER«. Darin stand zu lesen, die Admiralität habe Nachricht erhalten, dass die Expedition die vermissten Besatzungen zwar nicht gefunden, aber einige ihrer Spuren entdeckt habe. Ein Mangel an Vorräten und dringend benötigten Gütern habe sie jedoch zur Umkehr gezwungen, ohne diese Spuren weiterverfolgen zu können. Der Kommandant sei aber fest entschlossen, die Suche genau dort wieder aufzunehmen, sobald das Schiff neu ausgerüstet sei. Ein unglücklicher Unfall habe ihn jedoch eines seiner vielversprechendsten Offiziere, Lieutenant Mason, beraubt, der von einem Eisberg gestürzt und ums Leben gekommen sei, als er mit dem Schiffsarzt auf der Jagd war. Er sei bei allen beliebt gewesen, und sein Tod habe einen dunklen Schatten über die tapfere kleine Schar der Entdecker geworfen.

»Gott sei Dank steht es heute nicht in eurer Zeitung, Bob«, sagte Harry, der unser Exemplar durchgesehen hatte, während ich das Seine las. »Aber du musst in den nächsten Tagen höllisch aufpassen und darfst Lettie die Zeitung nicht in die Hände geben, wenn die Meldung darin erscheint – was über kurz oder lang unweigerlich passieren wird.«

Wir sahen uns beide mit tränenerfüllten Augen an.

»Armer George! – arme Lettie!«, seufzten wir leise.

»Aber irgendwann muss man es ihr doch sagen?«, fragte ich verzweifelt.

»Ich fürchte, ja«, erwiderte Harry; »aber es würde sie umbringen, wenn sie so plötzlich und unvorbereitet davon erführe. Wo ist deine Frau?«

Sie war bei den Kindern, doch ich ließ nach ihr schicken und überbrachte ihr die niederschmetternde Nachricht.

Sie musste schwer kämpfen, um ihre Erschütterung um Letties willen zu verbergen. Doch aller Anstrengung zum Trotz flossen die Tränen.

»Wie soll ich jemals den Mut aufbringen, es ihr zu sagen?«, schluchzte sie.

»Pst!«, zischte Harry, packte sie am Arm und starrte zur Tür.

Ich wandte mich um. Dort stand Lettie, blass wie der Tod, mit leicht geöffneten Lippen und einem völlig leeren Blick. Sie war hereingekommen, ohne dass wir sie bemerkt hatten. Wir erfuhren nie, wie viel sie von unserem Gespräch mitangehört hatte; doch es war genug gewesen, um ihr die grausame Wahrheit zu offenbaren. Wir eilten alle auf sie zu, aber sie wehrte uns nur mit einer stummen Geste ab, wandte sich um und ging wortlos wieder nach oben. Meine Frau eilte ihr nach und fand sie ohnmächtig auf den Knien vor ihrem Bett.

Der Arzt wurde gerufen und verabreichte ihr sogleich stärkende Mittel. Sie kam zwar wieder zu Bewusstsein, schwebte aber in Folge des Schocks noch wochenlang in Lebensgefahr.

Es war etwa einen Monat, nachdem sie weit genug genesen war, um ihr Zimmer wieder verlassen zu können, als ich in der Zeitung von der Rückkehr der PIONEER las. Die Nachricht hatte für uns alle nun keinerlei Bedeutung mehr, weshalb ich sie unerwähnt ließ. Allein der Name des Schiffes hätte dem armen Mädchen neuen Schmerz bereitet.

Eines Nachmittags kurz darauf saß ich an einem Brief, als ein lautes Klopfen an der Haustür ertönte. Ich blickte auf und lauschte; denn die Stimme, die sich nach mir erkundigte, klang fremd, aber doch nicht gänzlich unbekannt. Während ich überlegte, wem sie gehören mochte, fiel mein Blick zufällig auf das Porträt des armen George. Träumte ich, oder war ich wach?

Ich habe bereits erwähnt, dass die eine Hand auf einem Schwertknauf ruhte. Nun aber sah ich deutlich, dass der Zeigefinger erhoben war, wie zu einer Warnung.

Ich starrte unverwandt darauf, um mich zu vergewissern, dass mir meine Augen keinen Streich spielten, und da bemerkte ich, wie sich auf dem blassen Gesicht hell und deutlich zwei große Tropfen abzeichneten, als wäre es Blut.

Ich trat näher, in der Erwartung, die Erscheinung würde sich in Luft auflösen, so wie einst der Schädel. Sie verschwand nicht; jedoch entpuppte sich der vermeintlich erhobene Finger als ein kleiner weißer Falter, der sich auf der Leinwand niedergelassen hatte. Die roten Tropfen waren tatsächlich flüssig, bestanden aber keinesfalls aus Blut, auch wenn ich mir ihre Herkunft zu jenem Zeitpunkt nicht erklären konnte.

Der Falter schien völlig starr zu sein, also nahm ich ihn behutsam vom Bild und setzte ihn unter ein umgedrehtes Weinglas auf den Kaminsims. All dies nahm weniger Zeit in Anspruch, als ich brauche, um es zu beschreiben. Als ich mich vom Kaminsims abwandte, brachte das Dienstmädchen eine Karte herein und teilte mir mit, der Herr warte im Flur, um zu erfahren, ob ich ihn empfangen würde.

Auf der Karte stand der Name: »Vincent Grieve, vom Expeditionsschiff PIONEER«.

Gott sei Dank ist Lettie nicht im Haus, dachte ich und wies das Dienstmädchen an: »Führe ihn hier herein; und Jane, falls deine Herrin und Miss Lettie zurückkehren, bevor der Herr gegangen ist, sag ihnen, ich hätte geschäftlichen Besuch und wünsche nicht gestört zu werden.«

Ich ging zur Tür, um Grieve in Empfang zu nehmen. Sobald er über die Schwelle trat – und noch bevor er das Porträt überhaupt gesehen haben konnte –, blieb er abrupt stehen, schauderte und erblasste bis zu seinen schmalen Lippen.

»Bedecken Sie das Bild, bevor ich eintrete«, bat er hastig mit leiser, gedrückter Stimme. »Sie erinnern sich an die Wirkung, die es auf mich hatte. Jetzt, wo mich die Erinnerung an den armen Mason quält, wäre es schlimmer denn je.«

Ich konnte seine Gefühle nun weitaus besser nachempfinden als damals, denn ich hatte inzwischen selbst begonnen, das Bild mit einer gewissen Furcht zu betrachten. Daher nahm ich das Tuch von einem kleinen runden Tisch unter dem Fenster und hängte es über das Porträt.

Erst danach trat Grieve näher. Er hatte sich furchtbar verändert. Er war noch dünner und blasser als zuvor; die Augen lagen tief in ihren Höhlen, die Wangen waren eingefallen. Zudem hatte er sich eine seltsam gebückte Haltung angewöhnt, und der listige Ausdruck in seinen Augen war einem Blick blanken Entsetzens gewichen, der dem eines gehetzten Tieres glich. Mir fiel auf, dass er ständig unbewusste Seitenblicke warf, als würde er jeden Moment jemanden hinter sich vermuten.

Ich hatte diesen Mann nie gemocht; doch nun empfand ich eine unüberwindliche Abneigung gegen ihn – eine Abneigung, die so stark war, dass ich im Nachhinein froh darüber war, ihm dank des Verhüllens des Bildes nicht die Hand geschüttelt zu haben.

Ich spürte, dass ich ihm nicht anders als mit eiskalter Höflichkeit begegnen konnte; ja, ich musste sogar mit schmerzhafter Deutlichkeit sprechen.

Ich versicherte ihm, dass ich mich natürlich über seine sichere Rückkehr freue, ihm aber nicht gestatten könne, uns weiterhin zu besuchen. Ich wäre dankbar, die genauen Umstände von Georges Tod zu erfahren, würde ihm jedoch untersagen, meine Schwester zu sehen, wobei ich so taktvoll wie möglich auf die Ungehörigkeit hinwies, die er sich bei seinem letzten Besuch angemaßt hatte.

Er nahm dies alles sehr gefasst auf und stieß lediglich einen langen, erschöpften Seufzer aus, als ich ihn aufforderte, von weiteren Besuchen abzusehen. Er sah so geschwächt und krank aus, dass ich mich gezwungen sah, ihm ein Glas Wein anzubieten – ein Angebot, das er mit sichtlicher Erleichterung annahm.

Ich stellte Sherry und Gebäck auf den Tisch zwischen uns; er griff hastig nach dem Glas und leerte es in einem Zug.

Es bedurfte einiger Mühe, ihn dazu zu bringen, mir von Georges Tod zu berichten. Mit spürbarem Widerwillen erzählte er, wie sie aufgebrochen waren, um einen Eisbären zu erlegen, den sie auf einem gestrandeten Eisberg am Ufer entdeckt hatten. Die Kuppe des Eisbergs sei wie ein Hausdach geformt gewesen und auf der einen Seite zu einem furchteinflößenden, überhängenden Abgrund abgefallen. Sie seien auf dem Grat entlanggeklettert, um näher an das Tier heranzukommen, als George sich leichtsinnigerweise auf die abschüssige Seite wagte.

»Ich rief ihm zu«, erzählte Grieve, »und flehte ihn an zurückzukommen, aber es war zu spät. Die Oberfläche war so glatt und rutschig wie Glas. Er versuchte noch umzukehren, rutschte jedoch aus und fiel. Und dann begann ein grausames Schauspiel. Langsam, ganz langsam, aber mit zunehmender Geschwindigkeit begann er auf den Abgrund zuzugleiten. Es gab nichts zum Festhalten – keine einzige Unebenheit oder keinen Vorsprung im glatten Eis. Ich riss mir den Mantel vom Leib, band ihn hastig an den Schaft meines Gewehrs und hielt es ihm entgegen; aber es reichte nicht weit genug. Bevor ich es verlängern konnte, indem ich mein Halstuch daran band, war er schon weiter abgerutscht, und das immer schneller. Ich schrie vor Qual; doch es war niemand in Hörweite.

Auch er erkannte, dass sein Schicksal besiegelt war; und er konnte mir nur noch zurufen, ich solle Ihnen sein letztes Lebewohl überbringen und – und ihr!« – An dieser Stelle brach Grieves Stimme – »und da war auch schon alles vorbei! Er klammerte sich noch für den Bruchteil einer Sekunde instinktiv an die Kante, und dann war er verschwunden!«

Gerade als Grieve das letzte Wort ausgesprochen hatte, klappte sein Unterkiefer herab; seine Augäpfel schienen förmlich aus den Höhlen zu quellen. Er sprang auf, zeigte auf etwas hinter mir und brach dann, die Arme in die Luft werfend, mit einem gellenden Schrei zusammen, als hätte ihn eine Kugel getroffen. Er hatte einen schweren epileptischen Anfall erlitten.

Instinktiv blickte ich hinter mich, während ich eilends versuchte, ihn vom Boden aufzurichten. Das Tuch war von dem Bild gerutscht, von dem das Gesicht Georges, durch die roten Flecken blasser denn je, streng auf uns herabblickte.

Ich zog heftig an der Klingelschnur. Zum Glück war Harry soeben nach Hause gekommen; und als das Dienstmädchen ihm berichtete, was geschehen war, eilte er herein und half mir, Grieve wieder zu Bewusstsein zu bringen. Selbstverständlich verhüllte ich das Gemälde sofort wieder.

Als Grieve wieder ganz bei Sinnen war, erklärte er mir, er leide gelegentlich an solchen Anfällen.

Er schien äußerst besorgt herausfinden zu wollen, ob er während des Anfalls etwas Außergewöhnliches gesagt oder getan hatte, und wirkte sichtlich erleichtert, als ich dies verneinte. Er entschuldigte sich für die Umstände, die er bereitet hatte, und kündigte an, er werde sich auf den Weg machen, sobald er kräftig genug dazu sei. Während er das sagte, stützte er sich an den Kaminsims. Dabei fiel sein Blick auf den kleinen weißen Falter.

»Sie hatten also schon vor mir jemand anderen von der PIONEER hier zu Besuch?«, fragte er nervös.

Ich verneinte dies und fragte ihn, wie er darauf komme.

»Nun, diesen kleinen weißen Falter findet man in solch südlichen Gefilden niemals. Er ist eines der letzten Lebenszeichen, das man hoch im Norden antrifft. Woher haben Sie ihn?«

»Ich habe ihn hier in diesem Zimmer gefangen«, entgegnete ich.

»Das ist in der Tat höchst sonderbar. Von so etwas habe ich noch nie gehört. Es würde mich nicht wundern, wenn wir bald von Blutschauern lesen würden.«

»Was meinen Sie damit?«, hakte ich nach.

»Oh, diese kleinen Kerle sondern zu bestimmten Jahreszeiten winzige Tropfen einer rot aussehenden Flüssigkeit ab, und manchmal in solchen Mengen, dass Abergläubische an einen Blutschauer glauben. Ich habe schon gesehen, wie sich der Schnee stellenweise tiefrot färbte. Bewahren Sie ihn gut auf, im Süden ist er eine absolute Rarität.«

Nachdem er fast fluchtartig aufgebrochen war, bemerkte ich, dass sich ein Tropfen roter Flüssigkeit auf dem Marmor unter dem Weinglas befand. Der Blutfleck auf dem Bild war somit geklärt; doch wie war der Falter hierhergekommen?

Es gab jedoch noch eine andere, weitaus unheimlichere Sache an diesem Mann, derer ich mich im Halbdunkel des Zimmers kaum hatte vergewissern können, die aber unbestreitbar war, als ich ihm auf der Straße hinterherblickte.

»Harry, komm her – schnell!«, rief ich meinem Bruder zu, der sofort ans Fenster trat. »Du bist Künstler, sag mir, fällt dir an diesem Mann irgendetwas Besonderes auf?«

»Nein; nichts, was ich auf Anhieb sehen könnte«, antwortete Harry, bevor er plötzlich mit völlig veränderter Stimme hinzufügte: »Doch, da ist etwas. Bei Gott, er wirft einen doppelten Schatten!«

Das erklärte seine ständigen Seitenblicke und seine gebückte Haltung. Es befand sich unablässig etwas an seiner Seite, das für niemanden sichtbar war, aber dennoch einen Schatten warf.

Im selben Moment wandte er sich um und entdeckte uns am Fenster. Sofort überquerte er die Straße, um auf der Schattenseite weiterzugehen. Ich berichtete Harry von allem, was vorgefallen war, und wir waren uns einig, dass es besser sei, Lettie kein Wort davon zu verraten.

Zwei Tage später kehrte ich von einem Besuch in Harrys Atelier zurück und fand das ganze Haus in Aufruhr.

Lettie erzählte mir, dass Grieve vorbeigekommen war, als meine Frau sich im Obergeschoss aufhielt. Er hatte nicht gewartet, bis das Dienstmädchen ihn anmeldete, sondern war geradewegs ins Esszimmer marschiert, wo Lettie saß.

Ihr war aufgefallen, dass er es tunlichst vermied, das Bild anzusehen, und sich, um ganz sicherzugehen, auf das Sofa direkt darunter gesetzt hatte. Trotz Letties wütender Proteste hatte er ihr erneut seine Liebe beteuert und schließlich behauptet, der arme George habe ihn mit seinem letzten Atemzug angefleht, sie aufzusuchen, über sie zu wachen und sie zu heiraten.

»Ich war so außer mir vor Empörung, dass ich kaum wusste, was ich ihm erwidern sollte«, erzählte Lettie. »Als plötzlich, genau in dem Moment, in dem er diese letzten Worte sprach, ein helles Klirren ertönte, als würde eine Gitarrensaite reißen – und – ich weiß kaum, wie ich es beschreiben soll – aber das Porträt war von der Wand gestürzt, und die schwere Ecke des Rahmens hatte ihn am Kopf getroffen, ihm eine klaffende Wunde geschlagen und ihn bewusstlos gemacht.«

Auf Anweisung des Arztes, den meine Frau sofort hatte rufen lassen, als sie von dem Vorfall erfuhr, hatte man ihn nach oben getragen.

Er lag auf der Couch in meinem Ankleidezimmer, wo ich ihn kurz darauf aufsuchte. Ich hatte vorgehabt, ihn scharf dafür zurechtzuweisen, dass er mein Hausverbot missachtet hatte, doch ich fand ihn im Delirium vor. Der Arzt erklärte, es sei ein äußerst rätselhafter Fall; denn der Schlag war zwar heftig gewesen, reichte aber kaum aus, um die schweren Symptome eines Hirnfiebers zu erklären. Als er erfuhr, dass Grieve soeben erst mit der PIONEER aus dem hohen Norden zurückgekehrt war, mutmaßte er, dass die Entbehrungen und Strapazen seine Verfassung geschwächt und den Grundstein für diese Krankheit gelegt haben könnten.

Wir engagierten eine Krankenschwester, die auf ärztliche Anordnung die Nachtwache an seinem Bett übernehmen sollte.

Der Rest meiner Geschichte ist rasch erzählt. Mitten in der Nacht wurde ich durch einen gellenden Schrei aus dem Schlaf gerissen. Ich zog mir eilig meine Kleider über und stürmte hinaus, nur um zu sehen, wie die Krankenschwester die ohnmächtige Lettie in ihren Armen hielt. Wir trugen sie in ihr Zimmer, und erst dann konnte die Schwester uns das unfassbare Geschehen erklären.

Grieve hatte sich offenbar gegen Mitternacht im Bett aufgerichtet und begonnen zu sprechen. Dabei hatte er derart entsetzliche Dinge von sich gegeben, dass die Krankenschwester in nackte Panik geraten war. Ihre Angst wuchs ins Unermessliche, als sie bemerkte, dass das Licht ihrer einzigen Kerze etwas an die Wand warf, das wie zwei Schatten des Kranken aussah.

Maßlos verängstigt war sie in Letties Zimmer geflohen und hatte sich ihr anvertraut; woraufhin Lettie, stets ein mutiges und mitfühlendes Mädchen, sich ankleidete und versprach, bei ihr Wache zu halten.

Auch sie erblickte den doppelten Schatten – doch was sie aus dem Mund des Kranken vernahm, war weitaus schrecklicher.

Grieve saß aufrecht im Bett und starrte unverwandt die unsichtbare Gestalt an, zu der dieser Schatten gehörte. Mit vor Erregung zitternder Stimme flehte er den heimsuchenden Geist an, ihn in Frieden zu lassen, und bettelte flehentlich um Vergebung.

»Du weißt, dass dieses Verbrechen nicht vorsätzlich geschah. Es war eine plötzliche Versuchung des Teufels, die mich dazu trieb, zuzuschlagen und dich in den Abgrund zu stürzen. Der Teufel selbst hat mich mit der Erinnerung an ihr exquisites Gesicht in Versuchung geführt – an die zärtliche Liebe, die mir hätte gehören können, wenn du nicht gewesen wärst. Doch sie will nicht auf mich hören. Sieh, sie wendet sich von mir ab, als wüsste sie, dass ich dein Mörder bin, George Mason!«

Es war Lettie, die mir dieses entsetzliche Geständnis mit vor Entsetzen flüsternder Stimme wiederholte.

Jetzt ergab alles einen furchtbaren Sinn! Gerade als ich im Begriff war, Lettie all die seltsamen Vorfälle zu beichten, die ich bisher vor ihr verheimlicht hatte, stürzte die Krankenschwester, die nach ihrem Patienten gesehen hatte, in heller Panik zu uns herein.

Vincent Grieve war verschwunden. In seinem von Fieberwahn getriebenen Schrecken hatte er sich aus dem Bett erhoben, das Fenster aufgerissen und sich in die Tiefe gestürzt. Zwei Tage später wurde sein Leichnam aus dem Fluss geborgen.

Vor dem Porträt des armen George hängt nun ein dicker Vorhang, auch wenn es seither mit keinerlei übernatürlichen Wundern mehr in Verbindung gebracht wurde; und nie wieder haben wir seit der Nacht von Vincent Grieves Tod auch nur das Geringste von jener mysteriösen, unheimlichen Präsenz gesehen – dem Schatten eines Schattens.

Ende

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