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Joe Hill – King Sorrow II

Joe Hill
King Sorrow II

Roman, Hardcover, Heyne Verlag, München, Juli 2026, 640 Seiten, 24 Euro, ISBN: 9783453275799. Ebenfalls als E-Book (19,99 Euro) sowie als ungekürztes Hörbuch als Download (29,95 Euro) erhältlich. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Stefanie Adam und Kristof Kurz.

Sie haben ihn beschworen, damit er sie beschützt – jetzt werden sie ihn nicht mehr los: Arthur Oakes und seine Freunde haben als junge Erwachsene mittels eines okkulten Buchs den Drachen King Sorrow beschworen, der in einer Welt jenseits der unseren existiert, aber einmal im Jahr zu Ostern stark genug wird, um in sie hinüberzuwechseln. Wenn diejenigen, die ihn einstmals riefen, ihm dann keine Opfer nennen können, die er verbrennen soll, sind sie selbst an der Reihe. Und King Sorrow ist ein wahrer Meister darin, die Regeln des Bündnisses sehr weit auszulegen – und dabei für alle sehr viel mehr Leid zu verursachen, als jeder zuvor für möglich gehalten hat.

Was jeder weiß: Schwerter töten Drachen

Die Zeit schreitet voran: Aus den College-Freunden werden erwachsene Menschen, die versuchen, ihren Weg zu finden, und jedes Jahr erneut vor der Frage stehen: Wer soll beim nächsten Mal durch den Drachen getötet werden? Sie finden dabei ganz unterschiedliche Wege, damit umzugehen. Arthur befasst sich als junger Professor immer mehr mit den Mythen rund um Drachen und versucht auf diese Weise, ein Schlupfloch oder eine Waffe zu finden, mit dem oder der man King Sorrow beikommen kann. Die Odyssee führt schließlich nach Cornwall und in das unterirdische Reich eines weiteren mythologischen Wesens, das – wie Drachen auch – ja eigentlich nur der menschlichen Fantasie entsprungen sein sollte. Dort, so hofft Arthur, befindet sich ein besonderes Schwert, mit dem sich der Lindwurm ein für alle Mal bezwingen lässt.

Innere und äußere Dämonen

Aber das ist nicht das einzige Problem: Natürlich haben einige Außenstehende längst Wind davon bekommen, dass hinter den jährlichen verheerenden Katastrophen mehr steckt als bloße Unfälle, bei denen teils Hunderte von Menschen ums Leben kommen. Undurchsichtige Geheimdienste versuchen insbesondere aus dem Zwillingspaar Donna und Donovan McBride herauszubekommen, woher King Sorrow stammt – und wie man ihn als Waffe steuern und missbrauchen kann. Gwen Underfoot versucht als Medizinerin die auf sich geladene Schuld möglichst abzumildern und leidet weiter unter der erzwungenen Trennung von Arthur – die Chance auf Glück hatte sie einst im Rätselspiel mit dem Drachen als Wetteinsatz verloren. Und dann ist da noch Tech-Genie Colin Wren.

Einer spielt falsch – und eine weiß es

Wren, und das verwundert wenig, entwickelt sich von einem vordergründigen Fürsprecher und Helfer im Hintergrund zu einem knallharten Opportunisten, der die Schwäche derer, die ihn für ihren Freund halten, auszunutzen weiß. Weil niemand mit der Schuld der Tötungen so richtig umgehen kann, erstellt er dankenswerterweise für die Gruppe Listen von Kriegsverbrechern oder davongekommenen Kriminellen, anhand derer sie auswählen können, wer sterben muss, und liefert auch gleich die Begründungen dafür. Als Gwen dahinterkommt, dass Colin damit eine ganz eigene Agenda verfolgt – und in seiner Paranoia schließlich Gruppenmitglieder so manipuliert, dass sie sich gegenseitig aufs Korn nehmen –, drohen die Dinge endgültig zu eskalieren. Bleibt am Ende überhaupt jemand übrig, der oder die den finalen Kampf mit dem Drachen aufzunehmen kann?

Teil II schöpft endlich aus den Vollen

Der zweite Teil des großen Drachen-Epos von Joe Hill schafft das, was man nach der Lektüre des ersten Teils erhofft, aber in dem Maße vielleicht gar nicht für möglich gehalten hatte: Er zieht von Beginn an das Tempo und die Dramatik derartig an, dass es für den geduldigen Leser, der die mitunter recht behäbige erste Hälfte hinter sich gebracht hat, eine wahre Freude ist. Die Grundsituation ist klar, die Figuren sind an ihren Plätzen – jetzt kann die Eskalation genüsslich und spannend voranschreiten. Das beginnt schon mit der Gefangennahme, Internierung und Folterung der McBrides durch eine offenbar militärisch geprägte Gruppe ganz zu Anfang und setzt sich dann, mit teilweise mehrjährigen Zeitsprüngen, bis in die jüngere Vergangenheit fort.

Mehr mythische Wesen, mehr Emotionen

Besonders gelungen sind zwei Dinge: Hill bricht die Gruppe auf und sät Zwietracht unter den ehemaligen Freunden, die an der Last der Schuld und der Verantwortung immer mehr zerbrechen. Alte Liebschaften werden gegeneinander ausgespielt, Unausgesprochenes und Schwächen als Hebel für Manipulationen benutzt. Das schafft eine starke emotionale Verbundenheit mit den Figuren, welche in King Sorrow I zwar angelegt wird, aber noch nicht richtig zum Tragen kommt. Zum anderen kommt die Erweiterung des mythologischen Überbaus durch weitere Wesen zu genau dem richtigen Zeitpunkt und so wohldosiert, dass es dem Roman den letzten Schubs gibt, um wirklich über die 1200 Seiten Gesamtlänge eine facettenreiche Geschichte zu ermöglichen, die zwar immer noch etwas episodenhaft bleibt, aber ihr mehr fantastische Gravitas verleiht – das Gewürz auf dem üppigen Mahl, sozusagen.

Teil II wertet den ganzen Roman auf

Das Fazit fällt – für den Rezensenten – dann doch erstaunlich wohlwollend aus: Die zweite Hälfte von King Sorrow ist spannender, klüger und dramatischer gestaltet und gehaltvoller als die erste und wertet diese im Nachhinein auf – wenn auch nicht in dem Maße, wie es vielleicht wünschenswert gewesen wäre. Denn betrachtet man King Sorrow nicht als den Zweiteiler, zu dem er in der deutschen Veröffentlichung gemacht wurde, sondern als den Gesamtroman, der er ist, dann lässt er sich zu Beginn wesentlich zu viel Zeit, um in die Gänge zu kommen. Anders als aber bei Joe Hills anderem Mammutwerk Fireman gelingt es ihm hier, die Spannung zu steigern und vor allem der Geschichte und seinen Figuren durchgehend neue Facetten abzugewinnen und neue Impulse für die Weitererzählung zu geben – sodass das Finale am Ende beinahe wie eine Pflichtaufgabe zum Abschluss der Geschichte wirkt, aber für ein sehr rundes und befriedigendes Ende sorgt. Das hat man sich nach diesem Lese-Marathon aber auch wirklich verdient.

(sv)

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