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Die Plauderstube – Dreimal um Mitternacht – Kapitel 2

Dreimal um Mitternacht
Eine historische Novelle
2. Ein Seelenkampf

Im 16. Jahrhundert wurden viele jener heillosen Vorurteile über die Art und Weise, wie man Ertrunkene zu behandeln habe, wie sie noch größtenteils in den ungebildeten Volksklassen verbreitet sind, als Glaubensartikel der Arzneiwissenschaft betrachtet. Der erste Versuch, einen Ertrunkenen wieder ins Leben zurückzurufen, bestand gewöhnlich darin, dass man ihn an den Füßen aufhing, damit er das Wasser, das er verschluckt, wieder von sich geben könne – ein Verfahren, das einen vollkommen gesunden Menschen binnen zehn Minuten vom Leben zum Tode zu bringen hinreicht. Zum Glück des armen Joos wurde von dem Arzt, der zur Wiedererweckung des Drechslers herbeigerufen worden war, kein solch mörderisches Verfahren angewandt. Vielmehr begnügte sich dieser damit, ihn zur Ader zu lassen, ihm warme Umschläge auf die Brust zu legen und ständige Reibungen an allen Gliedern anzuordnen; und als er hierauf dem leblosen Körper endlich wieder einige Wärme verliehen hatte, hüllte er ihn in wollene Decken und ließ dem reichlichen Schweiß, der, wie er wusste, bald eintrat, die Sorge überlassen, ihn zu beleben und ins Dasein zurückzurufen. Als nun der junge Mann endlich den wiederkehrenden Atem durch lautes Aufseufzen kundgab und auch die Augen aufschlug und die Arme bewegte, gab der Greis allen Anwesenden ein Zeichen, sich zu entfernen, sodass außer dem Greis selbst nur noch der Arzt und der Priester im Zimmer blieben.

Joos richtete sich auf seinem Lager auf und ließ irre Blicke auf dem fremden Ort fallen, an dem er sich befand. Als er zu seiner Rechten den ehrwürdigen Geistlichen, zu seiner Linken aber das seltsame Gesicht des Greises erblickte, glaubte er, an der Himmelspforte zwischen dem heiligen Petrus und dem bösen Geist zu sein, die einander seine Seele streitig machten. Mit instinktartiger Bewegung warf er sich in die Arme des Priesters und rief: »Schütz mich!«

Der Greis begriff sofort die Gedanken des zum Leben Erwachten. Dies rief ein Lächeln auf sein Gesicht, wobei es aber einen Ausdruck erhielt, der nur dazu beitrug, den Schrecken des armen Burschen noch zu vergrößern.

»Von mir allein hängt dein Los ab!«, sagte er mit tiefer, imponierender Stimme und ernstem Ton. »Ohne mich wärst du jetzt tot! Folglich ist dein Leben mein Eigentum; ein Wort, ein Wink von mir genügt, um dich wieder in das Grab zu schicken, dem du eben entronnen bist.«

Man begreift, dass diese Worte nicht sehr geeignet waren, den armen Joos, der eben erst aus einer langen Ohnmacht zu sich kam und noch ganz ohne Kräfte war, zu ermutigen.

»Antworte ohne Hehl und aufrichtig auf die Fragen, die ich jetzt an dich richten werde«, fuhr der Greis fort, »und lass dir nicht einfallen, mich täuschen oder hintergehen zu wollen, denn ich gehöre nicht zu denen, die man ungestraft betrügen kann. Erzähle mir, infolge welcher Ereignisse du dich, am Kopf verwundet, im Fluss befandest, willenlos von der Strömung fortgetrieben. Berichte rasch, ohne Umschweife und, ich wiederhole es dir, unverhohlen, als ob du vor deinem Tod beichtest.«

Der junge Mann fühlte sich durch diese Worte beruhigt, denn er war nun zur Erkenntnis gelangt, dass er keineswegs gestorben sei und dass er es weder mit einem Engel noch mit einem bösen Geist zu tun habe, sondern mit lebendigen, gleich ihm menschlichen Geschöpfen. Er erzählte daher in naiver Sprache, in möglichst wenigen Worten und mit vollkommener Aufrichtigkeit sein Liebesverhältnis mit Stina, ihre nächtlichen Zusammenkünfte und den traurigen Ausgang, den diese an jenem Tage genommen hatte.

»Warum verweigert dir der Fleischer die Hand seiner Tochter?«

»Weil ich arm und niedriger Geburt bin, während er reich und Oberältester seiner Zunft ist.«

»Warum hast du vor deiner Mutter ein Geheimnis aus deiner Liebschaft gemacht?«

»Weil ich wusste, dass diese Liebe unsinnig sei, nur Verzweiflung in ihrem Gefolge führen könne, und ich meine Mutter nicht mit mir in diesen Abgrund ziehen wollte.«

»Ist sie nicht jetzt dennoch hineingestürzt?«, fragte mit unbarmherziger Dialektik der Greis. »Ist sie nicht für immer von ihrem Sohn geschieden, ohne Trost und ohne Stütze für ihr Greisenalter? Ist sie jetzt nicht kinderlos, wie gottlos?«

Joos verbarg seine von Tränen überflossenen Augen in seine Hände.

»Was deine Stina anbelangt, so scheint mir deren Los ebenso nicht glücklicher zu sein. Wenn man deine nächtlichen Zusammenkünfte mit ihr entdeckt hat, wenn man gerade unter ihrem Fenster dich zu Tode verwundet hat, so kann dies durchaus nur auf Geheiß ihres Vaters geschehen sein. Nein, mir will es bedünken, als ob ein Vater, der den Geliebten seiner Tochter meuchlings ermorden lässt, gegen das Kind, das ihn hintergangen hat, sich nicht sehr nachsichtig bezeigen werde.«

»O, barmherziger Himmel, steh mir bei!«, rief Joos ganz außer sich. »Ach, wie gerne wollte ich mein Leben darum geben, könnte ich die verhängnisvollen Folgen meiner wahnsinnigen Liebe wiedergutmachen. Ich wollte meiner Seelen Seligkeit daran setzen … Gott verzeih mir diese Lästerrede!«, unterbrach er sich und bekreuzigte sich fromm.

»Ah, bah, nichts als leere Worte, die nimmer zu einer wirklichen Tat werden!«, entgegnete der Greis mit seinem bitteren, verächtlichen Lächeln.

»Nein, ich schwöre es Euch!«, antwortete Joos, den indessen ein Schauer an allen Gliedern überlaufen hatte, als er dieses höllische Lächeln wahrgenommen hatte, und dem seine ersten Befürchtungen, er habe es mit dem Teufel zu tun, wieder in den Kopf gekommen waren.

»Merk wohl auf das, was ich dir jetzt sagen will, Joos Claes, und überlege genau, was du mir darauf für eine Antwort gibst, denn dies ist jetzt der entscheidendste, inhaltsreichste, gewichtigste Augenblick deines ganzen Lebens! Wenn man dir das Anerbieten machte, alle üblen Folgen deiner Fehler auszugleichen, deine Mutter zu trösten, Stina ihre Ehre und Ruhe wiederzugeben, und zu allem dem für dich noch die Aussicht hinzufügte, einen Monat des Glückes in Gesellschaft deiner Mutter und deiner vermählten Geliebten zu genießen – sag, würdest du alsdann Dankbarkeit genug im Herzen haben, um dich mit Leib und Seele deinem Wohltäter zu ergeben, solange er deiner Dienste bedurfte? Mit Leib und Seele, merk das wohl!«

Joos fühlte, wie ein kalter Schweiß ihm an allen Gliedern herabrann, und wie er nahe daran war, wieder in eine Ohnmacht zu sinken.

»Nun siehst du, wie du nur ein erbärmlicher Egoist bist, der nicht verdient, dass man Teil an ihm nehme! Du weigerst dich, auf deine eigenen Kosten das Übel wiedergutmachen, das du zwei armen Frauen zugefügt hast, die nun im Unglück sich befinden, bloß weil sie dich allzu sehr geliebt und jene selbstentsagende Aufopferung an dich verschwendet haben, zu der du dich nicht entschließen vermagst.«

Joos dachte noch einen Augenblick ernst und schweigend nach. Dann sagte er zu dem Greis: »Ihr habt nicht richtig in meinen Gedanken gelesen. Wenn ich gezaudert habe, so geschah dies nur, weil ich glaube, ein solches Versprechen nicht leichthin und unbesonnener Weise tun zu dürfen. Hört nun auf meine Rede: Ich schwöre, und wäret Ihr der Hölle …« – bei diesen Worten schlug er vorsichtig und fromm eine Anzahl Kreuze und freute sich überaus, als er sah, dass dies dem Greis keine Unruhe einflößte – »ich schwöre Euch also, mich Euch und Euerm Willen mit Leib und Seele zu ergeben, so lange es Euch belieben wird, wenn Ihr meiner Mutter und Stina von aller Besorgnis befreit haben werdet! Ihr sollt sie auf immer vor dem Unglück sicher stellen und mich einen Monat mit beiden leben lassen.«

»Gut, ich nehme es an!«, sagte der Greis. »Nun aber nimm diesen Trank und schlafe ruhig ein, denn unsere Unterhaltung wird dich etwas angestrengt haben; schlaf ohne Sorgen, beim Erwachen wirst du den Erfolg meiner Versprechungen gewahr werden.«

Joos nahm den Becher, den man ihm reichte, und leerte ihn. So sehr auch Gedanken und Besorgnisse die sonderbar abenteuerlichen Erlebnisse dieser Stunde und die inhaltsreiche Bedeutung des ihm eingegangenen Vertrages in ihm rege machten, so unterlag er doch bald den einschläfernden Kräften des Trankes und sank in einen tiefen und süßen Schlaf.

Joos arme Mutter indessen verbrachte, während ihr Sohn sich für sie hinopferte, die Nacht in schrecklicher Angst. So lange war er noch nie ausgeblieben wie heute. Jeden Augenblick lauschte sie am Fenster, ob sie nicht das Geräusch seiner Schritte vernehmen und so Trost finden würde. Lange Zeit hindurch aber hörte sie nichts als das Heulen des Sturmwindes und das Krachen des blitzbegleitenden Donners, bis endlich aus diesem Tumult der Natur ein noch beängstigenderes Schweigen folgte, das ihr ein düsterer Vorbote der Grabesstille deuchte. Hätte Gertrud nicht im Gebet stets neue Kraft sich geholt, sie wäre den Aufregungen dieser Nacht erlegen. Jede Stunde derselben floss wie Blei dahin, jede deuchte ihr ein Jahr. So war die Nacht zu Ende gegangen, und fern am Himmel begann schon der Tag zu grauen, und noch war Joos nicht erschienen. Endlich hörte sie ferne Schritte schallen … aber ach! Sie erkannte bald, dass es nicht ihres Sohnes Gang sei. Und doch hielt man vor ihrer Tür an; man klopfte mit dem Hammer an die Pforte, um eingelassen zu werden, und im Gehirn der armen Gertrud wurden da Tausende trauriger Gedanken aufgeweckt.

Es wäre einer schwachen, menschlichen Feder durchaus unmöglich, alle die rasch wechselnden und schmerzlich sich zusammendrängenden Empfindungen zu schildern, welche sie in der kurzen Zeit bewegten, da sie sich von ihrer Kammer an die Haustür begab, um zu öffnen. Dort fand sie in der Person, welche Einlass begehrt hatte, einen ehrwürdig aussehenden Greis.

»Mein Sohn! Meinem Sohn ist irgendein Unglück begegnet!«, rief die alte Drechslerfrau ganz außer sich aus.

»Ich bin nur ein Bringer erfreulicher Botschaft!«, entgegnete der Bote mit ernster Stimme. »Wenn Ihr Euren Sohn sehen wollt, so habt Ihr nichts zu tun, als mich zu begleiten. Nur kann ich den mir zuteilgewordenen Befehlen zufolge Euch nur alsdann mit mir nehmen, wenn Ihr Euch mit dieser Binde hier die Augen verbinden lasst. Seid aber darum ohne Furcht: Ich schwöre es Euch bei den Leiden Jesu Christi, unseres Heilands, Ihr braucht weder besorgt noch furchtsam zu sein.«

Es handelte sich darum, ihren Sohn wiederzusehen – ihren Sohn, dessen Abwesenheit während einer ganzen Nacht ihr eine so tödliche Unruhe verursacht hatte! Frau Gertrud zögerte daher nicht, so seltsam ihr auch diese Bedingung schien. Übrigens gaben ihr auch das sanftmütige Aussehen und das freundliche, artige Benehmen des Greises, dessen Führung sie sich anvertrauen sollte, eine gewisse Beruhigung. Sie ließ sich also die Augen verbinden, reichte sodann getrost ihrem Führer den Arm, und nachdem dieser absichtlich einige Umwege gemacht hatte, damit sie nicht erraten könnte, in welches Stadtviertel er sie führe, hielten sie vor einer kleinen Tür an.

Während dies mit Frau Gertrud vorging, befand sich Meister Dicksen Beemans, der Oberälteste der Fleischerzunft, ruhig in seinem Lehnsessel am Kamin, in den er beim Feuer, das mit brennendem Holz genährt worden, sanft eingeschlummert war. Plötzlich hörte er heftig an seine Tür pochen; aus seinem Schlaf aufgeschreckt, stieg er an die Hauspforte hinab und fragte in groben Ausdrücken, was man zu so später Stunde von ihm wollte.

»Öffnet, im Namen Seiner Majestät, des Königs der Niederlande!«, entgegnete man ihm.

Tatsächlich erblickte er durch das kleine Gitterfenster der Tür hindurch zwei Polizeibeamte, die von einer ziemlich beträchtlichen Abteilung bewaffneter Soldaten begleitet waren.

»Und was will Seine allerkatholischste Majestät von mir?«, fragte er zurück.

»Öffnet, und das unverweilt!«, antwortete der Polizeibeamte. »Ungehorsam nützt Euch nichts; denn ich habe Befehl, im Notfall Eure Tür mit Gewalt einzuschlagen. Ich benachrichtige Euch freundschaftlich im Voraus davon, dass aller Widerstand unnütz wäre. Eure Wohnung ist von Soldaten umgeben, und Kähne bewachen die Fenster Eures Hauses, die nach dem Fluss zugehen.«

Der Fleischer, dessen Gewissen, wie meinen Lesern bekannt ist, nicht rein war, fing an zu vermuten, die Polizei möchte wohl von dem Mord der heutigen Nacht etwas entdeckt haben; und obgleich er im Kopf und im Herzen gleich unruhig und bewegt war, zwang er sich dennoch zu einer scheinbaren Ruhe und gehorchte den Befehlen der obrigkeitlichen Beamten.

»Seit wann«, fragte er, »wendet man Soldaten an, um von dem Oberältesten der Fleischerzunft Gehorsam gegen einen Befehl seiner Obrigkeit zu erzwingen?«

»Seitdem«, entgegnete mit leiser Stimme und trockenem Ausdruck der Offizier, »seitdem man blutige Leichname unter den Fenstern des Oberältesten der Fleischerzunft findet. Meister, Ihr werdet mich begleiten, wohin ich Befehl habe, Euch zu führen. Eure beiden Söhne und Eure Tochter müssen mit uns gehen. Wollt Ihr Euch nicht Lärm und Skandal in Eurem Haus zuziehen, so empfehlt ihnen Nachgiebigkeit und Gehorsam.«

Der Fleischer hätte von Herzen gern den Polizeibeamten wie einen Ochsen behandelt, das heißt, ihn zu Boden geschlagen, und er würde auch wahrscheinlich dem Gelüste seines Herzens nachgegeben haben, wäre es ihm nur möglich gewesen, in aller Eile einige Dutzend der stämmigen handfesten Gesellen seiner Zunft zusammenzubringen. Der obrigkeitliche Beamte aber, der mit seiner Arrestation beauftragt gewesen, hatte sich seiner Sendung so geschickt entledigt, dass alle derartigen Versuche unnütz geworden waren. Überdies hielten die Soldaten die Lunten ihrer Pistolen brennend und waren schussfertig, sodass unserem Meister Beemans nichts übrig blieb, als zum bösen Spiel gute Miene zu machen und sich geduldig in sein Geschick zu ergeben. Er rief daher seinen beiden Söhnen Laurenz und Karl zu, sofort aufzustehen und sich anzuziehen, holte darauf Stina aus ihrem Zimmer und machte sich, nachdem er seiner Tochter eine Kapuze über das Gesicht geschlagen hatte, in Begleitung des Polizeibeamten auf den Weg, fest entschlossen, während des Ganges fleißig um sich zu schauen, ob er nicht einiger Fleischergesellen ansichtig würde, die er zu Hilfe ziehen könnte, um ihn aus dieser Gefahr zu befreien.

Zu seinem Unglück aber verband man nicht allein, wie man Frau Gertrud getan, ihm und den seinen die Augen, sondern man brauchte auch bei ihm und den seinen noch die Vorsicht, dass man auch ihre Stimme durch Knebel erstickte. So konnten sie weder wissen, wohin man sie führe, noch konnten sie durch Wort oder Tat sich zu befreien suchen. Als man ihnen den Gebrauch ihrer Augen und Stimme wieder gestattete, befanden sie sich vor dem schon bekannten Greis, der sie mit seinem gewöhnlichen Lächeln empfing.

Kaum wurde der Fleischer des Greises ansichtig, als er auf die Erde hinkniete.

»Nicht leere Zeichen äußerer Ehrerbietung sind es, die ich verlange!«, sagte der Greis mit zornigem Ausdruck. »Schon einmal habt Ihr einen Mord begangen und nur durch Begnadigung seid Ihr der Todesstrafe entkommen; und nun habt Ihr, dessen uneingedenk, von Neuem Blut vergossen. Ihr und Eure Söhne habt zusammen eine Viertelstunde, um Euch zum Tod vorzubereiten und Eure Seelen Gott zu empfehlen. Drei Henker warten Euer mit Stricken auf dem Freitagsplatz. Die Beichtiger werden sofort erscheinen.«

Meister Dicksen drehte seine großen Kalbsaugen herum und schaute mit der geheimen Wut eines in der Schlinge gefangenen Wolfes darein, dessen dumme Feigheit er besaß.

»Welchen Mord habe ich begangen?«, versuchte er zu fragen. Aber der zitternde Ton seiner Stimme strafte seine falsche Sicherheit Lügen.

»Den von Joos Claes, dem Drechsler.«

»O Himmel, Joos ist tot!«, schrie Stina und sank ohnmächtig zu den Füßen ihres Vaters nieder, ohne dass dieser sich auch nur zu ihr niedergebeugt hätte, um ihr beizustehen.

»Es bedarf eines öffentlich und gesetzlich gefällten Urteils, um mich zum Tode zu verdammen!«, sagte der Fleischer, welcher sich einige Augenblicke besonnen hatte. »Ich berufe mich auf meine Rechte und Freiheiten als Genter Bürger.«

»Ihr seid früher zum Tode verurteilt worden des Anteils halber, den Ihr an den Unruhen der Cresers genommen habt; Eure Hinrichtung ist zwar bisher unterblieben, aber Ihr habt keinen Akt aufzuweisen, der Eure Begnadigung feierlich ausspräche. Binnen einer Viertelstunde werdet Ihr am Galgen hängen, gleich den anderen Cresers; empfehlet Eure Seele Gott.«

»Kann ich mein Leben nicht durch eine starke Geldbuße erkaufen?«, fragte Meister Dicksen.

»Die Güter der zum Tode Verurteilten fallen dem Staat anheim.«

»Nun, so gebe man mir einen letzten Krug Bier und schicke nach einem Pfaffen!«, fügte er mit einer erheuchelten Kaltblütigkeit hinzu, der aber die leichenblasse Farbe seiner Wangen widersprach.

»Ihr könnt Euer Leben noch retten, aber nur unter einer Bedingung.«

»Und die ist?«, fragte Meister Dicksen hastig.

»Schreibt unter dieses Papier, ohne die Bedingungen, die es enthält, zu lesen, folgende Worte: Ich gehe die obenstehenden Verpflichtungen freiwillig ein und mache mich verbindlich, sie als gültige und rechtskräftige, ohne alle Einschränkungen und allen Widerspruch zu halten.

»Ich werde nichts unterzeichnen, ohne zu wissen, was ich verspreche.«

»Unsere Unterhaltung hat schon zu lange gedauert. Rufe jemand den Priester und benachrichtige den Scharfrichter … Auch schafft dieses arme, schwache Mädchen hier in ein benachbartes Zimmer; sie wird mit Gottes Hilfe bald wieder zu ihrem Bewusstsein kommen.«

Der Greis verließ das Zimmer, und bald trat ein Priester zu dem Fleischermeister ein.

»Mein Sohn«, sagte er, »bereut Eure Sünden und denkt an die Ewigkeit, der Ihr nahe steht. Ihr habt Eure Hände in Blut getaucht, und so muss Gottes Wort an Euch erfüllt werden: Wehe dem, dessen Hände blutbefleckt sind!«

»Ich möchte ein letztes Wort mit meinen Söhnen sprechen!«, sagte Meister Dicksen, dessen Schreck immer sichtbarer wurde.

»Sie sind mit dem Heil ihrer Seele beschäftigt, und ich beschwöre Euch, mein Sohn, tut wie sie und denkt an Eure; beschäftigt Euch nicht mehr mit den Dingen dieser Welt, sondern wendet Eure Gedanken auf den Tod und die Ewigkeit, die sehr nahe an Euch herantreten.«

»Wisst Ihr nicht, was die Urkunde enthält, deren Unterzeichnung man mir zumutet?«

»Ich weiß nichts davon; überdies ist es auch zu spät, daran zu denken, da Ihr Eure Unterschrift verweigert habt. Mein Sohn, im Namen Jesu Christi, geht in Euch und bereut.«

In diesem Augenblicke erschien der Henker, der ein großes Paket Stricke unterm Arm trug.

»Meister Dicksen«, sagte er, »erlaubt mir, dass ich Euch vor Eurem Tod um Verzeihung bitte für den Tod, den ich Euch antun werde; aber ich muss die Pflichten erfüllen, die mein Amt mir auferlegt.«

»Meister Jens«, antwortete der andere mit gedämpfter Stimme, »ich gebe dir tausend Goldstücke, wenn du den Fleischern die Kunde von meinem nahen Tod zukommen lässt, damit ich wenigstens den Trost habe, von meinen Zunftgenossen Abschied nehmen zu können.«

»Ja doch, damit sie am Fuße des Galgens ihre Messer spielen lassen und Euch zu befreien versuchen. Gebt mir, Meister; das ist kein Gedanke, wie er einem guten Christen in einem so feierlichen Augenblick geziemt! Wenn ich täte, was Ihr mir da zumutet, so würde es gar nicht lange dauern, bis mein erster Gehilfe an mir selbst die Verrichtung vollzöge, zu der ich jetzt bei Euch berufen bin.«

»Nein, ich will ja alles unterzeichnen, was man von mir verlangt, mein Vater. Ich beschwöre Euch, geht hin und sagt, dass ich bereit bin zu gehorchen, dass ich allen Bedingungen mich unterwerfen will, welcher Art sie auch sein mögen.«

»Ich will Euerm Wunsche nachgeben, obgleich ich kaum auf einen glücklichen Erfolg meines Ganges rechne. Gott weiß, ob es mir möglich sein wird, bis zu demjenigen zu dringen, von dem Euer Los allein abhängt.«

»Sputen Sie sich«, sagte der Scharfrichter, »denn höre, eben schlägt es zwei Uhr des Morgens, und spätestens in einer Viertelstunde muss alles abgetan sein, damit keine Unruhen vonseiten der Bürger entstehen können.«

Wir brauchen unsern Lesern wohl nicht erst den peinlichen, qual- und angstvollen Zustand des Meisters Fleischer während der Abwesenheit seines Beichtigers zu beschreiben. Endlich kehrte Letzterer in Begleitung des Greises zurück, dessen Gesichtszüge, unbarmherziger als je, höhnischen scharfen Spott ausdrückten.

»Haha, Meister!«, sagte er mit hämischem Ausdruck. »Seid doch sonst ein Mensch, der mit anderer Leute Leben so geringschätzig umgeht, bei Gott, und jetzt verzerrt die Furcht vor dem Strang Euch garstig das Gesicht, und haben Eure dicken roten Backen eine bleiche Farbe angenommen! Nun schreibt und unterzeichnet! – Gut so, Ihr werdet jetzt mein Gefangener bleiben, bis ich es für gut finden werde, Euch aus Eurer Haft zu entlassen. Und – schärft dies Eurem Gedächtnisse ein – der geringste Versuch zu einer Flucht oder zu einer Mitteilung nach außen wäre ein unfehlbares Zeichen, dass Ihr unseren Vertrag gebrochen habt – und wäre zugleich das Signal zur Rückkehr dieses Mannes!«, fügte der Greis hinzu, indem er auf den fortgehenden Henker wies. »Nun schlaft ruhig, wenn Gewissensbisse und Furcht es Euch gestatten. Man wird Euch sogleich in das Gemach bringen, das für Euch bestimmt ist.«

Ein bis an die Zähne bewaffneter Soldat holte in der Tat bald darauf Meister Dicksen ab und führte ihn in ein kleines Kämmerlein, in dem sich ein Bett befand. Die Fenster, die nach einem Hof zu gingen, waren von innen und außen mit starken eisernen Stäben vergittert. Der Fleischer, der sich vergebens auf das Bett geworfen hatte und seinen früheren Schlaf herbeisehnte, hörte unablässig den dröhnenden Schritt zweier Schildwachen, die vor der Tür seines Gefängnisses auf- und ab gingen.

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