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Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs – Band 14 – 5. Kapitel

Aus den Geheimakten des Weltdetektivs
Band 14
Das Geheimnis der Goldgräberhütte
Kapitel 5
Ein gewissenhafter Buchhalter

»Sie bewerben sich also um die ausgeschriebene Stelle des ersten Buchhalters?« Mit diesen Worten empfing Artur Titchburn einen hochgewachsenen Mann, dem man sofort ansah, dass er sich seit langen Jahren über die Bücher gebeugt hatte und es gewohnt war, auf einem Kontorhocker zu sitzen, um endlose Zahlenreihen niederzuschreiben und zu addieren. Im Großen und Ganzen sah der hagere Mann recht respektabel aus. Ein hochgeschlossener schwarzer Rock, der allerdings schon zehn Jahre gedient haben mochte, umschloss seinen langgestreckten Oberkörper; nur ein schmaler, weißer Kragen ragte darüber hervor. Die schwarzen Hosen fielen auf spitze Lackstiefel, und seine schwarz behandschuhten Hände hielten krampfhaft einen sauber gebügelten Zylinderhut.

Der Mann schien nicht mehr jung zu sein. Man war versucht, das glatt anliegende braune Haar auf seinem Schädel für eine Perücke zu halten. Der kleine braune Schnurrbart unter der Nase war nach englischer Sitte kurz geschoren.

»Ich erlaube mir, mich Ihnen vorzustellen«, antwortete der Schwarzgekleidete mit einer tiefen Verbeugung, in der eine unsägliche Demut lag. »Mein Name ist Thomas Sylvester. Ich habe sieben Jahre lang die Stellung des ersten Buchhalters bei der Firma Greenfield & Co. in Edinburgh bekleidet. Wenn Sie die große Güte haben wollten, Mr. Titchburn, meine Zeugnisse einzusehen – hier sind sie.«

Titchburn hatte während dieser Anrede die ganze Erscheinung des Mannes mit einem schnellen Blick gemustert. Der Mann schien ihm nicht zu missfallen, und er blätterte aufmerksam in den Zeugnissen herum, die durchweg außerordentlich günstig waren. Auch war die Firma Greenfield & Co. in Edinburgh sehr bekannt. Ein Mann, der sich dort gut bewährt hatte, musste immerhin etwas taugen.

»Bitte nehmen Sie Platz, Mr. Sylvester«, sagte Titchburn. »Ich bin geneigt, Sie einzustellen. Ich bemerke aber dabei, dass ich auf große Treue und Ergebenheit rechne.«

»Darauf können Sie sich bei mir fest verlassen, Mr. Titchburn. Mein Wunsch wäre es, recht lange bei Ihnen zu bleiben. Es wird gewiss nichts geben, was ich nicht gern und freudig tun würde, wenn Sie es mir auftragen.«

»Das lässt sich hören. Und Ihre Gehaltsansprüche?«

»Wollen Sie diese selbst bestimmen, Mr. Titchburn?«

Titchburn nannte eine Summe, die den Ansprüchen Sylvesters sofort vollkommen genügte.

»Und wann befehlen Sie, Mr. Titchburn, dass ich meine Stellung antrete?«

»So schnell wie möglich«, gab Titchburn zur Antwort. »Ich habe ganz plötzlich zwei meiner Angestellten entlassen müssen – ich habe ihnen unlautere Manipulationen nachgewiesen. Es wäre mir also angenehm, wenn Sie vielleicht morgen schon Ihre Funktion übernehmen könnten.«

»Ich werde morgen Punkt 8 Uhr auf meinem Posten sein.«

Damit erhob sich Sylvester, verbeugte sich wieder fast bis zur Erde und ging.

Am nächsten Morgen trat er tatsächlich mit größter Pünktlichkeit seine Stellung an. Schon nach einigen Tagen gratulierte sich Titchburn heimlich zu dem ausgezeichneten Fang, den er mit diesem Mr. Sylvester gemacht hatte. Dieser Mann gefiel ihm außerordentlich: Er arbeitete wie eine Maschine, war morgens der Erste im Büro und abends der Letzte. Dazu führte er die Bücher musterhaft und zeigte seinem Chef gegenüber eine Geschmeidigkeit und ein Anpassungsvermögen, das Titchburn ganz besonders für ihn einnahm.

Als Thomas Sylvester acht Tage lang in der Firma war, erklärte er seinem Chef, dass die Bücher keineswegs in der wünschenswertesten Ordnung seien.

»Ich verspreche Ihnen aber, Sir«, sagte er, »dass in Ihren Büchern innerhalb von zwei Wochen nichts mehr zu wünschen übrig sein wird. Allerdings muss ich zu diesem Zweck während dieser Zeit bis tief in die Nacht hinein arbeiten. Ich möchte Sie deshalb bitten, Mr. Titchburn, mir hierzu die Erlaubnis zu geben.«

»Da haben wir es ja!«, stieß Titchburn höhnisch lachend hervor. »Da hat sich dieser Deutsche, dieser Eberhard Kolmar, immer gebrüstet, ein ausgezeichneter und unübertrefflicher Buchhalter zu sein – und nun stellt sich heraus, dass seine Bücher nicht einmal in Ordnung sind! Gewiss, lieber Freund, tun Sie, was Sie können. Ich bin sogar bereit, die Zeit, die Sie dafür opfern, extra zu honorieren.«

»Oh, nicht doch, Mr. Titchburn, deshalb habe ich Ihnen diese Mitteilung nicht gemacht. Ich wollte nur die Erlaubnis erwirken, hier länger arbeiten zu dürfen, wenn die anderen gegangen sind.«

»Diese Erlaubnis haben Sie. Lassen Sie sich nur den Schlüssel geben und sperren Sie das große Kontor selbst ab, wenn Sie in der Nacht fortgehen. Im Übrigen, mein Freund, spreche ich Ihnen meine volle Zufriedenheit aus und hoffe, wir werden recht lange zusammenbleiben.«

»Das wäre mein innerster Wunsch, Mr. Titchburn«, versetzte Sylvester und schlug die Augen zum Himmel empor, als wollte er Gott zum Zeugen für seine Versicherung anrufen.

An diesem Abend ging Sylvester nicht zeitgleich mit den anderen Angestellten nach Hause. Er blieb zurück, als die Übrigen sich entfernt hatten, und arbeitete ruhig weiter. Lange Zahlenreihen malte er in seine Bücher, ohne auch nur ein einziges Mal den Kopf zu heben. Am zweiten Abend hielt er es ebenso, und am dritten erhielt Thomas Sylvester erneut den Schlüssel.

Über seinem Pult brannten die Gasflammen, als alle anderen Lichter in den Büroräumlichkeiten bereits gelöscht waren – auch diejenigen, die das Privatkontor von Mr. Titchburn erleuchteten. Denn Titchburn war an diesem Abend ins Theater gefahren.

Rastlos ließ der fleißige Buchhalter seine Feder über das Papier fliegen. Plötzlich aber – die Wanduhr hatte soeben die zehnte Stunde verkündet – legte Sylvester die Feder beiseite. Lautlos erhob er sich von seinem Schemel und blickte sich forschend um.

»Alles still«, flüsterte er. »Jetzt könnte ich es versuchen. Aber vorsichtig – dem Burschen ist nicht zu trauen. Vielleicht wollte er mir nur eine Falle stellen, als er sagte, er fahre ins Theater. Zwar hat mir Harry, der vor einer Stunde dreimal ans Fenster klopfte, das verabredete Zeichen gegeben, dass Titchburn sich wirklich im Theater befindet – der Junge hat ihn bis zum Eingang ins Auditorium verfolgt, weil ich meiner Sache ganz sicher sein wollte –, aber dennoch muss ich auf alles gefasst sein.«

Der angebliche Thomas Sylvester, der natürlich kein anderer als Sherlock Holmes war, zog einen Revolver aus der Tasche, überzeugte sich davon, dass alle Kammern geladen waren, und steckte die Waffe wieder ein. Lautlos schlich er bis zum Fuß der Wendeltreppe, die in das Privatkontor des Chefs führte. Hier blieb er stehen und lauschte erneut. Als alles still blieb, stieg er die Treppe langsam empor. Nun stand er vor der verschlossenen Tür des Privatkontors.

Doch wo gab es in England, auf dem Kontinent oder überhaupt auf der Welt eine Tür, die Sherlock Holmes nicht öffnen konnte? Seine vorzüglichen Nachschlüssel, die er sich selbst anfertigte, umfassten alle Schlosstypen, und kein Schloss vermochte ihm zu widerstehen. So dauerte es nicht lange, bis Sherlock Holmes die Tür geöffnet hatte und eintrat.

Durch die beiden Fenster des Kontors floss das Mondlicht in den nicht allzu großen Raum, dessen Boden mit einem dicken Teppich belegt war. Sherlock Holmes konnte sich vollständig im Gemach orientieren, obwohl das nicht einmal nötig gewesen wäre: Er besaß längst genaue Kenntnis von jedem noch so kleinen Gegenstand darin. Dort drüben stand der Schreibtisch des Bankiers mit zwei großen, wohlverschlossenen Schubladen, und an der gegenüberliegenden Wand ragte ein hoher Geldschrank empor. Er war aus Eisen, äußerst solid gearbeitet und stammte, wie der Stempel zeigte, aus einer der ersten Werkstätten Englands.

»Sehen wir uns zuerst einmal den Schreibtisch an«, sagte Sherlock Holmes zu sich selbst. »Die Schlösser sind ziemlich kompliziert, aber ich hoffe, sie aufzubekommen. Ein wenig Licht müssen wir uns allerdings verschaffen, das Mondlicht genügt für diese Arbeit nicht.«

Sherlock Holmes zog eine zusammenklappbare Blendlaterne aus der Tasche, drückte darauf, und ein elektrischer Lichtstrahl erhellte den Raum. Dann setzte er seinen Schlossspiegel an und überzeugte sich genau von der Konstruktion des Schlosses.1

Im nächsten Moment steckte sein Schlüssel bereits im Schloss und öffnete die Schublade ohne Schwierigkeiten. Doch es waren nur belanglose Papiere, die ihm in die Hände fielen. Holmes schüttelte enttäuscht den Kopf. Als er auch in der anderen Schublade nichts fand, was sein Interesse hätte wecken können, erhob er sich, schritt zum eisernen Geldschrank, klopfte wie liebkosend an das Metall und sagte: »Jetzt kommst du dran.«

In England waren damals gerade Geldschränke in Mode, die nur durch eine Kombination geöffnet werden konnten. In der Tür des Geldschranks befand sich eine Platte mit verschiedenen erhabenen Metallbuchstaben. Das Schloss ließ sich erst dann mit dem richtigen Schlüssel öffnen, wenn man das eingestellte Wort kannte und die entsprechenden Buchstaben beiseiteschob.

Sherlock Holmes beleuchtete die Platte mit seiner elektrischen Laterne und blickte sie einige Minuten sinnend an.

»Auf welche Kombination kann er die Scheibe nur gestellt haben?«, fragte er sich. »Sollte hier nicht die alte Erfahrung zutreffen, dass Verbrecher, die unter falschem Namen segeln, ihren wirklichen Namen bei jeder Gelegenheit verwenden? Ist dies der Fall, müsste die Scheibe auf Patrick oder auf Scott stehen. Versuchen wir es also zuerst mit dem Vornamen.«

Holmes begann, die Buchstaben zu verschieben: Zuerst das P, dann das A, und so weiter bis zum K. Schließlich nahm er ohne Weiteres den Schlüssel aus der Tasche, den er sich zuvor beschafft hatte. Der berühmte Detektiv stand nämlich mit allen größeren Geldschrankfabriken Englands in Verbindung, und man stellte ihm bereitwillig die passenden Schlüssel zur Verfügung.

Kaum hatte er den Schlüssel ins Schloss geführt, spürte er, wie der Mechanismus nachgab. Sherlock Holmes hatte auf Anhieb das Richtige getroffen: Die Kombination des Geldschrankes hieß tatsächlich Patrick.

Langsam öffnete sich die schwere Tür und gab ein Fach frei, in dem auf einer Schwinge zahlreiche Gold- und Silbermünzen lagen. Daneben fand Sherlock Holmes ein Brieftasche, die eine Summe von etwa tausend Pfund Sterling in Banknoten enthielt.

Das aber war es nicht, wonach der Detektiv suchte. Er wollte etwas ganz anderes: etwas, das auf die Vergangenheit des Mannes schloss, der in diesem Haus nun der Herr war. Verdrießlich schüttelte Holmes den Kopf.

»Sollte ich mich vergeblich bemüht haben?«, murmelte er vor sich hin. »Die alten, verbrecherischen Grundsätze haben sich bei diesem Burschen bis jetzt vorzüglich bewährt. Das Lösungswort Patrick beweist eigentlich schon alles, was ich suchte. Aber für das Gericht ist das kein greifbarer Beweis, und nie und nimmer würde daraufhin ein Haftbefehl ausgestellt werden. Ich brauche mehr: Ich brauche einen unumstößlichen Beweis dafür, dass Artur Titchburn in Wahrheit Patrick Scott ist, der sich eine Rolle anmaßt, die er nur durch ein Verbrechen spielen kann. Dieses Verbrechen aber hat er ohne Zweifel an dem echten Artur Titchburn verübt. Er muss ihn gekannt haben – genau gekannt haben –, und von ihm wird er alles erfahren haben, was Arturs Vergangenheit betrifft.

In Amerika müssen sie einander begegnet sein. Dort schließt man schnell Freundschaft, ganz besonders in der Wildnis. Ah – was ist das? Sollte hier etwa noch ein geheimes Fach existieren? Ja, dort hinten … Bei Gott, dieser Geldschrank hat seine ganz eigene Konstruktion!«

Sherlock Holmes streckte die Hand aus und betastete eine Eisenplatte im Inneren des Schrankes, die die Rückwand des Faches bildete.

»Kann sie durch eine geheime Feder bewegt werden? Vielleicht. Aber es sieht nicht danach aus, denn sonst müsste sich hier an der Platte irgendetwas Bemerkenswertes vorfinden. Doch schauen wir einmal genau nach.«

Der Weltdetektiv stellte seine Blendlaterne in den Raum hinein und beleuchtete die rückwärtige Platte aufmerksam. Auf der schwarzen Tafel hob sich jedoch keine Stelle von der anderen ab – keine Erhöhung war sichtbar.

Sherlock Holmes schüttelte nachdenklich den Kopf. Plötzlich aber stieß er ein lautloses Lachen aus.

»Wo habe ich nur meine Gedanken gehabt?«, sagte er vor sich hin. »Natürlich! Das ist einer der sieben Geldschränke, die Durban & Co. in Sheffield erbaut haben – inwendig steht ja sogar der Firmenname. Ganz recht! Das ist einer jener berühmten Geldschränke, die sich sowohl von vorne als auch von hinten öffnen lassen.«

Seltsamerweise machte der Detektiv erst jetzt die Entdeckung, dass der Geldschrank nicht direkt an der Wand stand, sondern mindestens einen halben Meter von ihr entfernt war. So konnte er bequem in die Nische dahinter schlüpfen. Schon nach wenigen Augenblicken entdeckte Holmes eine kleine, erbsengroße Erhöhung, die zweifellos mit dem geheimen Mechanismus des Schrankes in Verbindung stand. Er drückte auf den Knopf – und siehe da: In der Rückwand schob sich eine quadratische Tafel zur Seite. Sherlock Holmes’ Beharrlichkeit hatte wieder einmal gesiegt; das geheime Fach lag offen vor ihm.

Im nächsten Moment leuchtete der Detektiv hinein. »Ein Messer!«, stieß er hervor und entnahm dem Geheimfach ein plumpes Messer mit Holzgriff und einer langen, breiten, scharfen Klinge. »Ein echtes Fleischermesser«, sagte er zu sich selbst. »Das hat Patrick Scott wohl als Andenken an die alte Heimat und seinen früheren Beruf nach Amerika mitgenommen – wahrscheinlich in der Absicht, es irgendwann gegen einen Mitmenschen einzusetzen. Ich will die Klinge genau untersuchen.«

Er trat mit dem Messer an den Schreibtisch, zog ein Lupenglas von mikroskopischer Schärfe hervor und untersuchte die Schneide aufs Genaueste. »Ein kleiner dunkler Fleck … das könnte Menschenblut sein. Und ah – hier ein Haar! Dunkel und ziemlich weich – das stammt sicher nicht von einem Tier, sondern von einem Menschen«, folgerte Sherlock Holmes.

Dann schlüpfte er wieder in seine Nische zurück und setzte die Untersuchung fort. Das Nächste, was ihm in die Hände fiel, war eine silberne Uhr an einer schlichten Kette. Der Detektiv brach den Deckel auf und las die Gravur: »Meinem lieben Sohne Artur zur Einsegnung von seinem Vater – Philipp Titchburn.«

»Diese Uhr hat er als Beweis seiner Echtheit nach England mitgebracht«, murmelte Holmes. »Lass sehen, wann sie abgelaufen ist: 2 Uhr 40 Minuten. Die Zeit werde ich mir merken. Und sonst birgt das Geheimfach nichts? Gar nichts? Ah – Papiere! Eine Brieftasche, die offenbar Dokumente enthält.«

Es war eine alte, abgegriffene Lederbrieftasche, mit der der Detektiv nun zum Schreibtisch zurückkehrte. Er ließ sich ruhig auf dem Sessel nieder, öffnete die Tasche und entnahm ihr mehrere Papiere, die offenbar dem echten Artur Titchburn gehört hatten. Zuletzt zog er ein kleines Blatt Papier heraus, auf dem mit Bleistift Notizen und eine einfache Skizze angefertigt worden waren.

In der Mitte der Zeichnung befand sich ein großer schwarzer Punkt mit der Beschriftung Sacramento. Dazu sah man einen Flusslauf mit dem Namen Halon River. Etwa in der Mitte des Flusses zweigte eine Linie ab, die in ein schraffiertes Gebiet führte – offenbar die Darstellung eines Gebirges. Und tatsächlich: Das Gebirge war auf der kleinen Karte sogar namentlich bezeichnet: Apatchenberge. Mitten darin erhob sich ein Kreuz mit den Worten: Die Hütte.

»Sehr aufschlussreich«, sagte Holmes schmunzelnd. »Von Sacramento aus gelangt man entlang des Halon River in die Apatchenberge. Dort hat eine Hütte gestanden – vermutlich eine Goldgräberhütte –, in der irgendetwas geschehen sein muss, das Patrick Scott so außerordentlich interessierte, dass er sich diese Skizze angefertigt hat. Vielleicht vermutete er in der Nähe eine Goldmine. Er dürfte sich diese Karte gezeichnet haben, um die Erinnerung an ein bestimmtes Ereignis aufzubewahren. Es lohnt sich, sogleich eine Kopie davon anzufertigen.«

Das war nach einigen Minuten erledigt. Holmes legte Messer, Uhr und Brieftasche mit allen Papieren zurück in das Geheimfach, verschloss es sorgsam, schlüpfte aus der Nische und wollte nun auch die große Geldschranktür wieder schließen.

Doch in demselben Augenblick, als er die Tür ins Schloss drücken wollte, legte sich von hinten plötzlich eine Hand auf seine Schulter. Eine vor Schreck zitternde Stimme raunte ihm zu: »Dieb! Dieb!«

Mit der einen Hand riss Holmes blitzschnell seinen Revolver aus der Tasche, mit der anderen stieß er die Gestalt vor sich zurück. Im nächsten Moment sah er jedoch, dass seine Befürchtung, Artur Titchburn könnte ihn überrascht haben, völlig unbegründet war. Es stand kein Mann vor ihm, sondern das gute Mädchen Flora, die ihn geisterbleich anschaute. Titchburns Schwester warf dem vermeintlichen Dieb einen Blick voller Verachtung zu und rief: »Sie sind also der Mann, der das Vertrauen meines Bruders genießt? Wahrscheinlich haben Sie den Geldschrank mit einem Nachschlüssel geöffnet. Sie erweisen sich dieses Vertrauens als völlig unwürdig!«

»Sie sind Miss Flora Titchburn, nicht wahr?«, antwortete Holmes ruhig. »Wenn Sie es sind, preise ich den glücklichen Zufall, der uns hier zusammengeführt hat. Ich habe Ihnen nämlich eine wichtige Mitteilung zu machen.«

»Was für Worte!«, rief Flora betreten. »So spricht doch kein Schuldiger!«

»Nein, so spricht nur Sherlock Holmes«, erklang die Antwort. Blitzschnell entledigte er sich seiner braunen Perücke sowie des falschen Schnurrbarts und stand nun mit seinem gewohnten, glattrasierten Gesicht und den scharfen, aber gutmütigen Augen vor ihr.

Das junge Mädchen wusste vor Schreck kaum, was sie glauben sollte. Beide Hände auf die Brust gedrückt, rief sie aus: »Ich beschwöre Sie, treiben Sie kein Spiel mit mir! Sagen Sie mir: Sind Sie wirklich der berühmte Detektiv Holmes?«

»Kein anderer«, war die Antwort.

»So leben Sie seit acht Tagen in Verkleidung in unserem Haus?«

»Ganz richtig. Seit acht Tagen spiele ich den demütigen, geschmeidigen Buchhalter Thomas Sylvester, der es sogar fertiggebracht hat, sich Titchburns Zufriedenheit zu erwerben.«

»Und weshalb spielen Sie diese Komödie?«

»Weil ich Sie vor einem großen Unglück bewahren will.«

»Mich?«

»Ja, Miss Flora. Denn der Mann, der sich für Ihren Bruder ausgibt und als Artur Titchburn aus Amerika zurückgekehrt ist, ist ein Verbrecher – und ich glaube sogar, seinen wahren Namen bereits zu kennen.«

Ein Zittern durchlief den schlanken Körper des Mädchens. Sie rang nach Atem und konnte eine Minute lang kein Wort hervorbringen. In ihren Zügen malte sich jedoch mehr freudige Überraschung als Schreck; es zeigte sich eher ein Hoffnungsschimmer als Bestürzung.

»Wie ich sehe«, fuhr Holmes fort, »wäre es Ihnen sehr angenehm, wenn ich beweisen könnte, was ich soeben gesagt habe. Nun, die Beweise habe ich schon fast in den Händen. Aber wir haben es mit einem sehr schlauen Verbrecher zu tun. Wenn wir uns nicht auf einen langwierigen Prozess einlassen wollen, der am Ende womöglich für uns verloren geht, müssen wir haarklein beweisen, dass er ein Verbrecher ist und hier die Rechte eines anderen einnimmt, den er wahrscheinlich ermordet hat!«

»Oh mein Gott, was sagen Sie da?«, rief Flora erschüttert.

»Ich vermute sehr stark«, gab Holmes zur Antwort, »dass der echte Artur Titchburn in den Vereinigten Staaten begraben liegt – verscharrt wäre hier wohl der richtigere Ausdruck. Und zwar glaube ich den Ort ganz genau zu kennen: In der Goldgräberhütte in den Apatchenbergen ist das Verbrechen geschehen. Dort hat der Schuft sein Opfer wahrscheinlich in der kalten Erde verscharrt. Anschließend ist er mit sämtlichen Papieren des Ermordeten, seiner silbernen Uhr samt Kette und – was die Hauptsache ist – mit genauer Kenntnis seiner Vergangenheit nach Europa zurückgekehrt.«

»Oh mein Gott!«, rief Flora entsetzt. »Jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen! In dem Wesen dieses Mannes lag immer etwas Fremdes, an das ich mich nicht gewöhnen konnte. In mancher Hinsicht ist er mit der Vergangenheit meines Bruders auch gar nicht so vertraut, wie er es eigentlich sein müsste, wenn er tatsächlich Artur wäre. Er hat sich schon manche Blöße gegeben.«

»Vortrefflich!«, rief Holmes erfreut. »Würden Sie die Güte haben, mir einige dieser Punkte mitzuteilen?«

»Das will ich gern tun«, antwortete Flora, »aber schließen Sie zuerst den Geldschrank und lassen Sie uns dann ins große Kontor hinübergehen. Es wäre furchtbar, wenn er zurückkäme und uns hier zusammen fände.«

»Sie sind eine sehr vorsichtige junge Dame«, versetzte Holmes voller Hochachtung. »So – der Geldschrank ist geschlossen. Nun wieder die Perücke aufgesetzt und den Schnurrbart befestigt … Es kann doch hier sonst nichts an meinen Aufenthalt erinnern? Nein, alles in Ordnung. Also haben Sie die Güte, Miss Flora, mir zu folgen.«

Bald befanden sich die beiden im großen Kontor, und Flora begann zu erzählen.

»Gestern blätterten wir in einem Fotoalbum, das nur Familienbilder enthält. Ich schlug das Bild eines alten Mannes auf, woraufhin derjenige, der sich jetzt Artur Titchburn nennt, ausrief: ›Ah, mein teurer Vater, das sind deine edlen Züge!‹

Ich antwortete ihm überrascht: ›Aber Artur, was sagst du da? Das ist doch Mr. Stone, unser alter Hausarzt!‹

›Ganz recht, er ist es‹, erwiderte er darauf schnell gefasst, ›aber wie ähnlich er Vater doch sieht!‹

Und dabei besteht zwischen den beiden Männern nur eine ganz flüchtige Ähnlichkeit, die sich eigentlich einzig darauf gründet, dass beide einen grauen Vollbart trugen.«

»Und weiter?«, forschte Holmes nach.

»Mein Bruder Artur besaß, bevor er infolge des Zerwürfnisses mit Vater nach Amerika auswanderte, einen Hund, den er sehr liebte – einen schottischen Windhund namens Flock. Von der Existenz dieses Hundes wusste der Betrüger wohl; er fragte mich jedoch – vermutlich um mir zu beweisen, dass er über die kleinsten Details unterrichtet sei: ›Wie ist denn der arme Flock gestorben? Er ist doch hoffentlich nicht qualvoll umgekommen?‹

Ich erwiderte darauf: ›Aber erinnerst du dich denn nicht mehr, Bruder, dass du den Hund am Tage deiner Abreise mit eigener Hand erschossen hast? Du wolltest das treue Tier ja nicht mitnehmen und du wolltest auch nicht, dass es zurückbliebe.‹

›So ist es also dennoch wahr – ich habe ihn selbst getötet?‹, antwortete er mir daraufhin. ›Siehst du, Schwester, all diese Vorgänge am Tag vor meiner Reise liegen nur noch schleierhaft vor mir. Sie leben in meiner Erinnerung nur wie ein Traum. Denn nur der Himmel weiß, was ich in jenen Tagen gelitten habe!‹«

»Ja, schlau ist der Bursche«, merkte Sherlock Holmes mit seinem charakteristischen, lautlosen Lachen an, »aber eben doch nicht schlau genug. Übrigens: Ist Ihnen nie aufgefallen, dass am Mittelfinger seiner linken Hand das obere Glied fehlt? Das war bei Ihrem Bruder doch wohl nicht der Fall?«

»Gewiss nicht! Aber er hat mir erklärt, dass er sich das Fingerglied im Wilden Westen Amerikas auf der Jagd weggebombt habe. Das klang durchaus glaubhaft.«

»Abgehackt hat er es sich im Fleischerladen in der Howard Street!«, versetzte Holmes lächelnd. »Oh, ich weiß über seine Vergangenheit viel mehr, als ihm lieb ist. Und jetzt, Miss Flora, sagen Sie mir: Kann ich auf Sie als Bundesgenossin zählen?«

»Das können Sie, Mr. Holmes! Ich werde Ihnen zu ewigem Dank verpflichtet sein, wenn Sie den Verbrecher entlarven. Ach, er hat mich von meinem Liebsten auf Erden getrennt …«

»Es könnte sein, dass ich in nächster Zeit Ihre Hilfe brauche«, versetzte Holmes. »Überwachen Sie ihn im Übrigen, so gut Sie können, und merken Sie sich alles, wodurch er sich verrät. Aber um Gottes willen: Lassen Sie sich nicht anmerken, dass Sie Misstrauen gegen ihn hegen – hören Sie? Mit keinem Blick, mit keinem Wort!«

»Sie können sich vollkommen auf mich verlassen, Mr. Holmes. Ich werde die schwere Kunst der Verstellung erlernen.«

»Und nun: Gute Nacht!«

Flora reichte dem Detektiv mit einer herzlichen Bewegung die Hand. »Wollen Sie mir glauben, Mr. Holmes, dass ich mit viel leichterem Herzen von Ihnen scheide, als ich kam? Denn jetzt weiß ich, dass dieser schlechte Mensch nicht mein Bruder ist, sondern ein Betrüger. Nun brauche ich mich für ihn nicht mehr zu schämen. Und da ich weiß, dass Sie in diesem Haus als mein Beschützer weilen, ist mir, als hätte mir Gott einen guten Engel gesandt. Gute Nacht, Mr. Holmes!«

Das liebliche Mädchen schwebte aus dem Kontor hinaus. Holmes blickte ihr freundlich nach und murmelte: »Schon um ihretwillen muss ich den Schurken so schnell wie möglich entlarven. Das arme Ding leidet ja unter diesem Tyrannen, der sich seiner durch ein Verbrechen errungenen Macht noch brüstet wie ein richtiger Fleischergeselle! Doch jetzt schnell fort – ich habe heute Nacht noch wichtige Dinge zu besorgen.«

Der angebliche Buchhalter Thomas Sylvester setzte seinen Hut auf, zog den Überrock an und löschte die Lampen. Bald darauf hatte er die Tür des Kontors geschlossen und trat auf die Straße hinaus.

Im selben Moment strich ein junger, bettelhaft gekleideter Mensch an ihm vorüber und flüsterte ihm zu: »Nach dem ersten Akt hat er das Theater verlassen. Er hat ein Cab genommen und sich nach Whitechapel bringen lassen. Vor dem Emigranten-Hotel von Bob Tucker ist er ausgestiegen.«

Sherlock Holmes winkte unmerklich und ging ruhig seines Weges. Der junge Bettler folgte ihm im Abstand von zehn Schritten.

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  1. Anmerkung: Diese geistreiche Erfindung des Schlossspiegels wird detailliert im Band Das Spitzenkleid der Königin beschrieben. ↩

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