Buffalo Bill Der letzte große Kundschafter – 25. Kapitel
Buffalo Bill
Der letzte große Kundschafter
Ein Lebensbild des Obersten William F. Cody, erzählt von seiner Schwester Helen Cody Wetmore
Meidingers Jugendschriften Verlag, Berlin 1902
Fünfundzwanzigstes Kapitel
Der erste Besuch im Big-Horn-Valley
Wieder erlitt mein Bruder im Jahre 1880 einen schmerzlichen Verlust durch den Tod seiner kleinen Tochter Orra. Ihrem eigenen Wunsche gemäß wurde sie in Rochester auf dem schönen Friedhof von Mount Hope neben dem kleinen Kit Carson begraben.
Allein auf Regen folgt Sonnenschein. Im Sommer vor Wills letztem Auftreten auf der Bühne wurde ihm wieder ein Töchterchen geschenkt, das den Namen Irma erhielt. Alle Zärtlichkeit, die der Vater für seine beiden dahingeschiedenen Kinder empfunden hatte, schien er nun auf diese Tochter zu übertragen, die diese Liebe aber auch in vollem Maße verdiente.
Das Jahr 1882 wurde für Will auch noch in anderer Hinsicht von Bedeutung: Er besuchte während dieses Sommers zum ersten Mal das Big-Horn-Valley. Schon häufig hatte er die Grenzen dieser Gegend gestreift und sich von Indianern und Pelzjägern von den Wundern und Schönheiten dieses Tales erzählen lassen, selbst eingedrungen war er bis dahin jedoch noch nicht. Während seiner einstigen Probezeit als Pony-Express-Reiter hatte ihm California Joe zum ersten Mal von diesem zauberhaften Bergkessel erzählt; und im Jahre 1875, als ihm die Aufsicht über eine bedeutende Schar Arapaho übertragen worden war, denen man zur Abhaltung einer großen Jagd erlaubt hatte, ihr Gebiet auf kurze Zeit zu verlassen, war ihm genauere Kunde über jene Gegend zugekommen.
Der das Jagdunternehmen vermittelnde Agent hatte Will damals die Warnung zukommen lassen, dass einige der Indianer nur widerwillig mitgingen und vielleicht einen Fluchtversuch machen würden. Will aber hatte trotz schärfster Beobachtung nichts von Missstimmung bemerkt. Wild gab es in Menge, das Wetter war herrlich und nichts schien die Zufriedenheit der Indianer zu beeinträchtigen.
Eines Nachts gegen zwölf Uhr wurde Will von einem Indianer geweckt, der ihm mitteilte, dass sich ein Trupp von etwa zweihundert Arapaho vor zwei Stunden in nördlicher Richtung davongeschlichen habe. Der Indianer pflegt den Weißen gegenüber das Herz nicht auf der Zunge zu tragen; man erfährt seine Absichten gewöhnlich erst, wenn sie bereits ausgeführt sind.
Die Verfolgung wurde sofort aufgenommen und die ganze Schar der flüchtigen Indianer ohne Blutvergießen zurückgebracht. Einer von ihnen, ein noch junger Mann, kam zu Will ins Zelt und bat um Tabak. Der Indianer versteht es nämlich vortrefflich, das Bitten mit seinem angeborenen Stolz zu verbinden. Das Arbeiten mag wohl manchmal unter seiner Würde sein, nicht aber das Bitten, und häufig setzt er dabei eine geradezu ergötzlich hochmütige Miene auf. In dieser Hinsicht ist er manchem seiner weißen Brüder nicht unähnlich. Will gab dem jungen Indianer den gewünschten Tabak und fragte ihn zugleich nach dem Grund für den Fluchtversuch.
»Ihr habt es doch so gut hier in dieser schönen Gegend. Die Flüsse wimmeln von Fischen, die Weideplätze sind vortrefflich, Wild gibt es in Menge und das Wetter ist herrlich. Was wollt ihr denn noch mehr?«
Der Indianer richtete sich auf, sein Gesicht belebte sich und sehnsüchtig blickten seine Augen in die Ferne, als er durch Vermittlung des Dolmetschers antwortete: »Das Land im Norden und Westen ist das Land des Überflusses. Der Büffel ist dort größer und sein Fell dunkler. Herdenweise tummeln sich dort die Bu-Ya, hier sieht man sie nur vereinzelt. Die ganze Gegend ist mit dem kurzen, saftigen Gras bedeckt, das unsere Ponys lieben. Dort wachsen auch die wilden Pflaumen, an denen sich mein Volk im Sommer wie im Winter labt. Die Quellen des großen Wundermannes Tel-ya-ki-y sprudeln dort. Wer darin badet, dem geben sie neues Leben; wer sie trinkt, wird von allen körperlichen Leiden geheilt.
In den Bergen jenseits des Blauwasserflusses gibt es Gold und Silber in Menge – jene Metalle, die der weiße Mann so sehr liebt. Dort leben Adler, deren Federn der Indianer für seinen Kriegsschmuck braucht, und ohne Unterlass scheint dort die Sonne.
Es ist der Ijis – der Himmel des rothäutigen Mannes. Mein Herz schreit danach. Die Herzen meines Volkes können fern von Eithiy-Tugala nicht glücklich sein.«
Die Arme über der Brust kreuzend, schaute er verlangenden Blickes in Richtung des Landes, dessen Reize er so lebendig geschildert hatte. Hierauf wandte er sich um und ging schwermütig von dannen, denn die Herrschaft des weißen Mannes hatte ihm sein irdisches Paradies geraubt. Später erfuhr Will auf Nachfragen, dass Eithiy-Tugala mit dem Bergkessel des Big Horn identisch sei.
Im Sommer 1882 unternahm Will eine Erforschungsreise in das Big-Horn-Valley. Er verließ mit seiner Begleitung die Eisenbahn bei Cheyenne und machte sich, mit Pferden und Packeseln ausgerüstet, auf den Weg. Wegen einer plötzlich aufgetretenen Augenentzündung musste er eine Binde anlegen und die Führung der Gesellschaft einem Mann namens Reddy übertragen. Tagelang setzte Will die Reise mit verbundenen Augen fort, und obwohl die Entzündung allmählich wich, trug er den Verband noch, als das Big-Horn-Valley erreicht war. Nachdem sich die Gesellschaft zur Mittagsrast niedergelassen hatte, fragte ihn Reddy, ob er es jetzt nicht wagen könne, das Tuch einen Augenblick abzunehmen, da er glaube, es werde Will Freude bereiten, sich ein wenig umzuschauen.
Die Binde fiel, und ich lasse Wills eigene Beschreibung des Bildes folgen, auf das sein entzückter Blick traf.
»Zu meiner Rechten dehnte sich eine hohe, schneegekrönte Gebirgskette aus, die hie und da von steilen, an Minarette, Obelisken oder Säulen erinnernden Bergspitzen unterbrochen wurde. Die üppige Doppelreihe kanadischer Pappeln, die sich zwischen mir und diesen scheinbar in den Himmel ragenden Bergen hinzog, verriet mir, dass sich ein Fluss durch dieses Tal schlängelte. Der bunte, mit den herrlichsten Blumen bedeckte Wiesenteppich, auf dem ich stand, breitete sich nach allen Seiten aus und senkte sich weich und anmutig dem Fluss zu. Alle Arten von Wild tummelten sich auf diesem Rasen, während buntschillernde Vögel darüber hinweg flatterten. Es war ein Schauspiel, dessen verblüffende Schönheit kein Sterblicher beschreiben kann. In einem solchen Augenblick sieht der Mensch, welches Glaubensbekenntnis er auch haben mag, in der vor ihm ausgebreiteten majestätischen Herrlichkeit der Natur die gewaltige Hand des Schöpfers, und zugleich überkommt ihn ein tiefes Bewusstsein seiner eigenen Ohnmacht und Kleinheit. Schweigend, von heiliger Ehrfurcht ergriffen, stand ich in den Anblick dieses Meisterstücks der Natur versunken.
Da erschien plötzlich vor meinem Geist mein armer, heimwehkranker Arapaho-Freund aus dem Jahre 1876. Er hatte wahrhaftig nicht übertrieben – ja, der herrlichen Landschaft kaum volle Gerechtigkeit widerfahren lassen. Er nannte es Ijis, den Himmel des rothäutigen Mannes; mir erschien dieses Tal und erscheint es noch heute als das Eldorado auf Erden.«
Im Westen des Big-Horn-Valley steigt schroff vom Ufer des Shoshone River der Heart Mountain mit seinen saftig grünen Abhängen, seinen tiefen Schluchten und seinen efeuumsponnenen, senkrechten Felsklüften auf, während in der Ferne das weiße Haupt des Table Mountain auftaucht. Fünf Meilen südwestlich davon weichen die Berge etwas vom Fluss zurück, und an seinem Ufer erhebt sich der sogenannte Schlossfelsen in einsamer Größe. Wie sein Name besagt, hat er die Form eines Schlosses, dem weder Türme, Basteien noch Zinnen fehlen.
So gewaltig und großartig die Aussicht nach Westen hin ist, so liegt doch im Süden die Hauptschönheit dieser Gegend. Hier wird der Horizont durch den Carter Mountain abgeschlossen, dessen üppige Matten den Hirschen, Antilopen und Bergschafen, von denen es in diesem bevorzugten Land eine Unmenge gibt, herrliche Weideplätze bieten. Auch uralte Wälder, aus denen malerische Felsgebilde hervorragen, schmücken seine Abhänge, und zahlreiche frische Quellen spenden willkommenen Nektar.
Mitten in dem Hügelland, das sich an diesen Berg anschließt, wählte Will seinen künftigen Wohnort aus. Mehrere Seen befinden sich dort, von denen zwei die Namen seiner Töchter Irma und Arta tragen. Hier besaß er ein vierzigtausend Morgen großes, vornehmlich aus Weideplätzen bestehendes Grundstück, auf dem vierhundertachtzig Morgen zur eigentlichen Urbarmachung abgegrenzt wurden. Auch die beiden erwähnten Seen liegen auf diesem Gebiet, und in ihrer Nähe beabsichtigte Will, sich ein schönes, behagliches Wohnhaus zu errichten. Für ihn war diese Gegend, wie er gleich beim ersten Eindruck gesagt hatte, das Eldorado auf Erden, und hierher eilte er, so oft es ihm seine Verpflichtungen gestatteten. In dieser zauberhaften Umgebung vergaß er für kurze Zeit die Lasten und Sorgen des Lebens.
Eine seltsame Sage knüpft sich an den am Ende des Big-Horn-Valley gelegenen See. Er ist klein – nur eine halbe Meile lang und eine Viertelmeile breit –, seine Tiefe aber unergründlich. Hohe, mächtige Tannen, Zitterpappeln und Birken beschatten seine Ufer. Sein Wasser ist kristallklar und das ganze Jahr hindurch eiskalt. Auch heilsame, dem weißen Mann noch fast unbekannte Kräfte bergen seine Fluten. Will hörte die Sage aus dem Mund eines alten Cheyenne-Indianers:
»Einer alten Sitte unseres Stammes folgend«, erzählte er, »versammelte man sich jeden Monat einmal um Mitternacht und bei Vollmond um diesen See. Bald nach zwölf Uhr stieß ein mit den Geistern verstorbener Cheyenne-Krieger gefülltes Boot vom östlichen Ende des Sees ab und fuhr rasch bis zum westlichen Ufer. Dort verschwand es plötzlich.
Niemals kam ein Wort oder Laut von den Lippen der Gespenster. Steif und schweigend saßen sie da und bewegten nur emsig die Ruder. Jeder Versuch, auch nur eine Silbe von ihnen zu erlangen, blieb vergebens.
So deutlich war das Schiff mit seinen Insassen zu sehen, dass man die Züge der Krieger unterscheiden und Verwandte sowie Freunde erkennen konnte.«
Jahrelang wiederholten sich der Sage nach diese Fahrten, und zwar immer vom östlichen bis zum westlichen Ufer des Sees. Doch im Jahre 1876 blieb das Boot plötzlich aus, und tiefer Schrecken erfüllte die Indianer. Ein Teil von ihnen schlug ein Lager am Seeufer auf und jede Nacht wurden Posten aufgestellt, da man glaubte, die geisterhaften Schiffer hätten vielleicht den Zeitpunkt geändert. Drei Monate lang war jedoch weder vom Schiff noch von dessen Insassen die geringste Spur zu bemerken, was man als eine schlimme Vorbedeutung ansah.
Bei einer von den Ärzten, Häuptlingen und Gelehrten des Stammes abgehaltenen Beratung wurde ausgesprochen, dass jenes frühere Erscheinen des Gespensterschiffes, das sich stets nur von Osten nach Westen bewegt hatte, eine Mahnung des Großen Geistes gewesen sei. Er habe die Geister der Abgeschiedenen aus den seligen Jagdgefilden nur geschickt, um anzuzeigen, dass der Stamm weiter nach Westen ziehen solle. Da dies jedoch nicht geschehen sei, bedeute das plötzliche Ausbleiben des allmonatlichen göttlichen Zeichens sicherlich das baldige Erlöschen des Stammes.
Als Will eines Tages am Ufer dieses Sees stand, kam ein Lakota auf ihn zu. Dieser Mann war ungewöhnlich klug und wünschte seinen Kindern eine gute Erziehung zu ermöglichen. Er sandte seine beiden Söhne auf die Higher School nach Carlisle, während er selbst sich die größte Mühe gab, den Glauben der Weißen zu verstehen, obwohl er noch immer an seinen alten Bräuchen festband. Kurze Zeit bevor er sich mit Will in das erwähnte Gespräch einließ, hatte sich eine große Anzahl Indianer an einem bestimmten Ort versammelt, um den Tänzerglauben – den sogenannten Geistertanz – zu begehen. Wie alle von den indigenen Völkern abgehaltenen religiösen Feste war auch dieses von Unruhen begleitet. Da man nie wusste, welche Folgen diese Massenversammlungen haben könnten, schickte der Präsident auf vielseitiges Ersuchen Truppen in diese Gegend, die die Versammlung auflösen sollten. Die Indianer leisteten Widerstand, Blut floss, und unter den Getöteten befand sich auch der Sohn jenes Indianers, der kurze Zeit darauf neben Will am Ufer des Geistersees stand.
»Im Großen Buch der weißen Männer steht geschrieben«, sagte der alte Häuptling zu Will, »dass der Große Geist, Nan-tan-in-chor, einst wieder auf die Erde kommen werde. Die in den Städten wohnenden Weißen gehen in ihre Kirchen und sprechen von der Zeit seiner Wiederkunft. Die einen sagen zu dieser, die anderen zu jener Zeit – sie alle aber wissen, dass der Tag kommen wird, denn es steht im Großen Buch geschrieben. Die Angetrauten und Guten unter den weißen Leuten besuchen diese Kirchen, aber auch diejenigen, die nicht hingehen, sagen: ›Gut, wir wollen glauben, was ihr glaubt: Er wird kommen.‹ Im Großen Buch der Weißen steht ferner geschrieben, dass alle menschlichen Wesen auf der Erde die Kinder eines Großen Geistes seien. Er schützt und versorgt sie alle. Dafür verlangt er nichts weiter, als dass sie einander lieben, sich gegenseitig nicht richten, nicht töten und nicht stehlen. Habe ich die Worte aus dem Buch des weißen Mannes richtig wiedergegeben?«
Etwas überrascht von dem ernsten Inhalt der Rede des Indianers nickte Will bejahend. Der andere aber fuhr fort: »Auch der Indianer besitzt ein großes Buch. Sie haben es niemals gesehen; kein Weißer hat es je erblickt, denn hier ist es verborgen.« Dabei drückte er die Hand auf sein Herz. »Die Lehren der beiden Bücher sind dieselben. Was der Große Geist den Weißen befiehlt, das befiehlt Nan-tan-in-chor auch dem rothäutigen Mann. Auch wir gehen zusammen, um von einem zweiten Wiederkommen des Heiligen zu sprechen. Auch wir halten unsere Gottesdienste ab, ebenso wie der weiße Mann. Der Unterschied ist nur der, dass der Weiße mit ernster, trübseliger Miene seine Feste feiert, der Indianer dagegen heiter und fröhlich dabei ist. Wir tanzen und freuen uns, der weiße Mann aber schickt Soldaten, die uns niederschießen. Befiehlt ihnen der ›Große Geist‹, dies zu tun?
In der Großen Stadt, wo ich einmal gewesen bin, liegt noch ein zweites Großes Buch, in dem es heißt, dass der weiße Mann die religiöse Freiheit des anderen nicht beeinträchtigen solle. Und doch kommen sie in unser Land und töten uns, wenn wir Nan-tan-in-chor unsere Fröhlichkeit bezeugen.
Wir freuen uns auf sein zweites Kommen; der Weiße trauert, schickt aber seine Soldaten und lässt uns in unserem Glück umbringen. Bah! Der weiße Mann ist falsch. Ich kehre zu meinem Volk und zu den Sitten und Gebräuchen meiner Vorfahren zurück. Ich bin und bleibe Indianer!«
Mit der Würde eines Cäsars schritt der alte Häuptling von dannen. Will aber sagte sich, während er allein am Seeufer zurückblieb, dass jede soziale Frage von zwei Seiten beleuchtet werden könne. Auch die Ansichten des Indianers über das allgemeine Menschenwohl haben ihre Berechtigung – und darin liegt die Tragik ihres Schicksals.

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