Eine Reise ins Jahr 2000 – Kapitel 16
William Wallace Cook
Eine Reise ins Jahr 2000
Kapitel 16
Die Statue und die Truhe
Lumleys Abscheu vor resoluten Damen war schlichtweg eine Marotte seines ansonsten brillanten und wohlgeordneten Geistes. Er hatte sich längst davon überzeugt, dass die zarten Leidenschaften nicht sein Metier waren; die Symptome dieser Krankheit, wie sie Miss Tibijul zur Schau stellte, versetzten ihn in schiere Panik.
Im Jahr 1900 lag die Initiative in solchen Dingen noch beim vermeintlich starken Geschlecht – ein Schutzschild, hinter dem Lumley sich stets sicher gewähnt hatte. Doch nun, da das Werben zu einer dezidiert weiblichen Fertigkeit geworden war, erkannte er seine Hilflosigkeit. Rettung versprach allein der Rückzug.
Und so floh er. Dass seine Flucht eher einem kopflosen Davonstürmen glich, war lediglich ein Zeugnis seines erschütterten Seelenzustands. Kinch hatte ihn bereits aus dem Jahr 1900 vertrieben; sollte Miss Tibijul ihn nun bis über die Grenzen des Jahres 2000 hinaus verfolgen?
In dieser Stunde der Not segnete Lumley im Stillen die Umsicht von Tibilus. Er besaß nun den besten Muglug des Landes – einen stählernen Krieger, der seine Kraft bereits unter Beweis gestellt hatte. Wenn dieser drei Meter hohe Riese aus Stahl ihn nicht vor seinen Feinden schützen konnte, was dann?
Selbst Siebenmeilenstiefel hätten den Muglug kaum schneller tragen können als seine Metallschuhe in diesem Moment. Wie ein Lichtstrahl blitzte er durch entlegene Gassen. Lumley klammerte sich an den kalten Hals des Ungetüms und flüsterte ihm immer wieder ins Ohr: »Schneller, schneller! Ist das alles, was du kannst?«
Der Riese hätte Lumley zweifellos bis ans Ende der Welt tragen können, oder zumindest bis der mechanische Verschleiß der Flucht ein Ende gesetzt hätte. Doch so weit kam es nicht. Schließlich erreichten sie den Schatten eines Haines. In den Lichtungen leuchteten Blumenbeete; hie und da sah man das Plätschern eines Springbrunnens oder das schemenhafte Bildnis einer Statue. Ohne dass Lumley es ahnte, befand er sich in den Lustgärten. Alles war still, und die Luft atmete tiefen Frieden.
»Das genügt«, sagte Lumley. »Lass mich hier runter.«
Der Muglug setzte ihn behutsam auf eine Bank, ohne sich jedoch selbst zu setzen. Zweieinhalb Zentner Stahl und komplexe Mechanik hätten das Holz wie Papier zermalmt.
»Du bist mein guter Geist«, plapperte Lumley den Muglug an. »Wann immer du Miss Tibijul siehst, bringst du mich weg. Und wann immer Jasper Kinch auftaucht, stellst du dich zwischen uns.«
Muglugs besaßen keine Stimme, so konnte der Riese nur nicken, um sein Einverständnis zu signalisieren. Solange der Freund Tibilus das silberne Monster mit seinen geheimnisvollen Strahlen beseelte, konnte Lumley auf dessen Loyalität zählen.
Als Lumley sich auf der Bank zurücklehnte, fiel sein Blick auf einen freien Platz, der vom gedämpften Schein einer Dose kondensierten Lichts erhellt wurde. In der Mitte stand eine Statue – ein lächerliches Ding in Pluderhosen, das einen Arm emporreckte wie Ajax, der dem Blitz trotzt. Doch dies konnte nicht Ajax sein. Die erhobene Hand hielt ein Bündel gezackter Gebilde, die eindeutig Blitze darstellten.
Unbewusst von der Statue angezogen, trat Lumley näher und las die Inschrift am Sockel. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Er fuhr zusammen und blickte sich um wie ein Dieb, den man mitten in der Nacht ertappt hat. Die Inschrift lautete:
Errichtet zum Gedenken an Everson Lumley, in dankbarer Anerkennung seiner Verdienste um die Menschheit.
N.B. – Das Abschlagen von Reliquien wird mit Geldstrafe oder Gefängnis geahndet.
Lumley prallte zurück. Mit welchem Recht hatte der Bildhauer einen Mann aus dem Jahr 1900 in die Kleider des Jahres 2000 gesteckt? Er sah furchtbar aus, wie ein Albtraum! War das die Art, wie man ihn würdigte? Er, der niemals erlaubt hätte, dass sein Porträt als Frontispiz für sein großes Werk diente, war nun in steinernen Pluderhosen in die Ewigkeit eingegangen!
Die Ernüchterung folgte, und er weinte. Er lehnte sich gegen den Sockel und vergoss bittere Tränen über das künstlerische Geschick, das ihn in seinen eigenen Augen lächerlich gemacht hatte. Dann schlug die Trauer in Zorn um. Er rief den Muglug zu sich und befahl: »Du hast heute Abend schon einem Bildnis den Kopf abgeschlagen – bitte wiederhole die Vorstellung bei diesem hier!«
Der Muglug gehorchte mit freudigem Eifer. Den Kopf trug Lumley zu einem marmorgefassten Becken und schleuderte ihn mitten hinein. Doch die Unzufriedenheit blieb. Ein Zeitalter, das eine solche Statue von ihm ersinnen konnte, war zu allem fähig. Wenn nicht einmal sein Andenken vor der Nachwelt sicher war, welche Behandlung blühte ihm dann erst leibhaftig?
Schwermut hüllte ihn ein. Er ergriff die Hand des Muglugs, und gemeinsam wanderten sie schweigend die Kieswege auf und ab. Schließlich durchfuhr ihn eine Erkenntnis: Er hatte das Jahr 2000 satt. Er passte nicht hierher.
»Alter Junge«, sagte er zum Muglug, »ich will, dass du mich zurück zu der Ruine von Dr. Kelpies Haus bringst. Wir steigen in das Zeit-Coupé und kehren zurück. Ich nehme dich mit als Muster für die Krönung dieser Ära – als Beweis für die Richtigkeit meiner Theorien.«
Es dauerte eine Weile, bis sie die Ruine erreichten, doch der Weg blieb ohne Zwischenfälle. Die Schwierigkeiten begannen erst am alten Haus. Die Vordertür war verschlossen, und der dortige Haus-Muglug reagierte aus irgendeinem Grund nicht auf das Klingeln. Ein Wort von Lumley, und der Riese hätte die Tür mit einem Schlag zertrümmert. Doch Lumley gab das Zeichen nicht. Er wollte aus dieser Zeit so lautlos verschwinden wie ein Schatten, der über das Antlitz der Ewigkeit gleitet. Keine Aufregung sollte seinen Abschied begleiten.
Daher wählte er den Weg durch ein Kellerfenster. Für den Riesen war es ein hartes Stück Arbeit, sich hindurchzwängen, doch schließlich gelang es ihm, und er zog Lumley nach. Der Keller war dunkel, düster und vollgestellt mit Kisten und Ballen.
»Such eine Lichtdose«, befahl Lumley. Der Riese gehorchte. Woher er sie nahm, blieb sein Geheimnis, doch bald war der Raum hell erleuchtet. Warum nur lagerten so viele Kisten in einer Ruine, die eigentlich verlassen sein sollte? Lumley grollte vor sich hin, während er über die Hindernisse stolperte. Plötzlich schlug er der Länge nach hin. Der Riese hob ihn sofort wieder auf.
Ein Fluch lag Lumley bereits auf der Zunge, doch als sein Blick auf das Objekt fiel, über das er gestolpert war, wurden seine Augen groß. Der Fluch verwandelte sich in einen Ausruf des Staunens. Vor ihm stand eine eiserne Truhe, und auf dem Deckel prangte in großen weißen Buchstaben: Gabriel Osborne, 1900.
Lumley warf sich auf die Metallkiste und schlang die Arme um sie. Er war zufällig in das Versteck geraten, in dem die Luftpiraten ihre Beute verstaut hatten! Hätte etwas Wunderbareres passieren können? Fünf Minuten lang gab er sich hysterischem Jubel hin, dann befahl er dem Muglug, die Truhe zu nehmen und ihm nach oben zu folgen.
Oben angekommen, stellte sich ihnen der Haus-Muglug feindselig in den Weg. Es war ein armseliges Modell, ziemlich abgenutzt und von den Erben der Ruine billig beim Trödler erstanden.
»Aus dem Weg!«, befahl Lumley. »Ich bin der Mann, der mit dem Zeit-Coupé gekommen ist. Erinnerst du dich nicht?«
Der Muglug nickte mürrisch und machte den Weg frei, beobachtete sie aber weiterhin argwöhnisch. Endlich erreichten sie die Plattform auf dem Dach. Beim Anblick des Zeit-Coupés pochte Lumleys Herz vor Vorfreude. Er würde mit der Truhe und dem silbernen Riesen heimkehren! Kinch würde er zurücklassen, aber den Beweis für seine eigene Unschuld nähme er mit.
Doch als die Truhe verstaut war, trat ein neues Problem zutage: Der Muglug passte nicht hinein! Er war zu massig. Weder längs noch quer ließ er sich in das Gefährt zwängen. Lumley wurde klar, dass er dieses Wunderwerk der Technik zurücklassen musste. Er schüttelte dem betrübten Muglug die Hand, stellte den Schalter auf 1900 und wies den Riesen an, den Knopf zu drücken, sobald er selbst drinnen säße.
Bevor er ging, trat Lumley noch einmal an den Rand des Dachs und ließ seinen Blick wehmütig über die Stadt schweifen. In der Ferne sah er das Peristylum im künstlichen Sonnenlicht baden. Über ihm kreuzten die Nachtflieger, und ein Eulenschiff trug eine trunkene Gesellschaft heim.
Der Gedanke an Tibilus ließ Lumley innehalten. Er war der einzige große Geist dieser Ära. Lumley hatte seine Hand geschüttelt und aus seinem Mund eine scharfe Anklage gegen die Zeit gehört. Sein Herz wurde schwer. Er hätte zu gern miterlebt, welchen Umsturz Tibilus einleiten würde. Doch nein – das Jahr 1900 rief.
Beim Umdrehen stieß Lumley gegen einen Stuhl. Es war genau der Stuhl, in dem Jim Mortimer gesessen hatte, als Lumley aus dem vergangenen Jahrhundert eingetroffen war. Der Stuhl erinnerte ihn an Mortimer, an Ripley, McWilliams und all die anderen Kolonisten. War er ein schändlicher Undankbarer, dass er einfach ohne ein Wort des Abschieds verschwand? Er war zutiefst hin- und hergerissen.
Doch während er noch grübelte, wanderten seine Augen in Richtung der Lustgärten. Ein Schauder durchlief ihn, und er sprang auf. Nein! Ob recht oder unrecht, er würde keine Stunde länger in der Stadt bleiben, die diese abscheuliche Verzerrung seines Selbst beherbergte.
»Leb wohl, Jahr Zweitausend!«, sagte er. »Ich bin enttäuscht von dir. Ich hätte mich mit der unsichtbaren Nahrung abgefunden und sogar der allgegenwärtigen Miss Tibijul ausgewichen – aber diese Statue war der letzte Tropfen.«
Er wirbelte herum, stieg in das Coupé und rief: »Drück den Knopf, mein Junge!«
Der Knopf wurde gedrückt. Lumley lehnte sich zurück und malte sich aus, was der Doktor sagen würde, wenn er ihn nach weniger als achtundvierzig Stunden wieder sähe. Doch Minuten vergingen, und das Coupé rührte sich nicht.
»Drück den Knopf noch einmal!«, rief er dem Muglug zu. Wieder wurde gedrückt, wieder geschah nichts. Dann drang von der gegenüberliegenden Seite des Gefährts ein spöttisches Lachen herüber – ein Lachen, zu dem nur ein einziger Mann auf der Welt fähig war.
»Nichts da, Lumley!«, gluckste eine vertraute Stimme. »Ohne mich kommst du hier nicht weg. Die Maschine läuft nicht ohne den Äquatorialring, und den habe ich schon vor Stunden abmontiert und versteckt. Ich wusste, dass du herkommst, wenn ich dir nur genug Zeit lasse.«
Lumley blickte aus dem linken Fenster und sah seinen alten Erzfeind, den Detektiv. Er war mit falschen Augenbrauen maskiert und trug ein diabolisches Lächeln zur Schau. Wieder einmal hatte seine verfluchte Gerissenheit gesiegt. Doch Lumley konnte ebenfalls listig sein. Er riss die Tür auf und brüllte: »Fass ihn, Muglug! Schnapp ihn dir, Junge!«
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