Der Detektiv – Band 31 – Eine leere Streichholzschachtel – Teil 2
Walter Kabel
Der Detektiv
Band 31
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Eine leere Streichholzschachtel – Teil 2
Mir war nun recht beklommen zumute. Zwar hatte Harald uns schon aus weit bedrohlicheren Lagen befreit als aus dieser, doch bereitete mir der Gedanke, in einer Art Mausoleum eingesperrt zu sein, durchaus Unbehagen.
Ich drehte mich um. Ich sah Harst nicht gleich. Er hatte seine Taschenlampe ausgeschaltet. Aber der Lichtkegel meiner Taschenlampe fand ihn bald. Er hatte sich auf den Sargdeckel gesetzt, der etwas im Hintergrund auf dem Steinboden stand. Eine andere Sitzgelegenheit gab es hier nicht.
Ich ging auf Zehen zu ihm hin. Jeder laute Schritt hallte in diesem Raum so nervenaufreibend wider.
»Man hat eine Schraube im Schlüsselloch festgekeilt«, erklärte ich leise. »Wer in aller Welt aber kann’s getan haben?«
»Zunächst spare die Kraft deiner Batterie und knipse deine Lampe aus, mein Alter«, erwiderte er. Da sah ich erst, dass er eine leicht qualmende Zigarette zwischen den Fingern hielt. Beneidenswerte Gemütsruhe. Er rauchte, und ich hatte Angst vor dem, was sich hier noch weiter ereignen würde.
»So, und nun nimm neben mir Platz«, fuhr er fort. »Ich hoffe, wir werden bald wissen, woran wir sind!«
Ich verzichtete auf die Sargdeckelbank.
»Was heißt das: woran wir sind?«, fragte ich, noch beunruhigter.
»Ich bitte dich, das kann doch nur eins heißen: Der, der uns hier einsperrte, wird sich damit fraglos nicht begnügen. Wir beide sind doch keine Gegner, die man einfach einsperrt! Damit wäre dem Attentäter wenig geholfen. Diese Schraube im Schlüsselloch ist nur das Vorspiel. Das eigentliche Drama wird erst noch beginnen.«
»Und das sagst du so gelassen, als ob …«
»Gelassen?! Was sollen wir denn tun? Wie sollen wir aus diesem Steinkasten herauskommen? Wir müssen abwarten. So setz dich doch! Du machst die Sache ja ungemütlich.«
Harst bediente sich jetzt eines Flüstertones, bei dem man die Worte nur gerade noch versteht, wenn man dicht vor dem Flüsternden steht. Auch diese Vorsicht, die Stimme so weit zu dämpfen, verbesserte meine Stimmung keineswegs.
»Ich bin nicht müde«, lehnte ich den Sitz neben ihm abermals ab. »Wer ist denn nun der Attentäter? Und was hältst du überhaupt von dieser ganzen Geschichte?«
Wir hatten bisher keine Gelegenheit gehabt, den Fall Boorstetten durchzusprechen. Und ich hatte Harst doch eine Menge Fragen vorzulegen: Weshalb hatte er von Jobster wissen wollen, ob der Holländer einen Sohn besaß? Was hatte es mit der halb aufgerauchten Zigarette auf sich, die er in seine Brieftasche gelegt hatte? Und so weiter.
»Hm, kannst du dir nicht selbst sagen, wer der Attentäter ist?«, erwiderte er nun. »Wenn du auf alles, was sich im Hotel Raffles zutrug … auf alles! … genau geachtet hättest, wüsstest du …« Er führte den Satz nicht zu Ende, sondern meinte lebhafter: »Beleuchte mal die Streichholzschachtel, während ich sie genauer untersuche. Es ist ratsam, dies sofort zu tun und sie dann verschwinden zu lassen.«
Ich schaltete meine Lampe ein. Harst hatte seine weiche, graue Reisemütze abgenommen und sich in den Schoß gelegt. Die Streichholzschachtel besichtigte er, indem er sie wie in einem Beutel im Innern der Mütze hielt.
Dies bewies mir, dass er ohne Zweifel fürchtete, wir könnten beobachtet … und belauscht … werden! Deshalb auch sein Flüstern!
Ich beugte mich ganz tief über ihn, sodass ich die Streichholzschachtel genauso gut betrachten konnte wie er.
Es war eine Schachtel mit schwedischen Zündhölzern. Das gelbe Papierschildchen auf der Oberseite trug den üblichen Aufdruck. Sonst konnte ich an dieser leeren Schachtel nichts Bemerkenswertes entdecken.
Harst zog jetzt die Schachtel auf und prüfte den Einschub. Er tat es sehr gewissenhaft, murmelte etwas vor sich hin, brachte den Einschub wieder an Ort und Stelle, riss das Futter seiner Mütze ein Stückchen auf und sagte dann: »Licht aus!«
Nun lauerte wieder beängstigend tiefe Finsternis um uns herum.
Harst schien die Streichholzschachtel im Mützenfutter versteckt zu haben. Ich hörte, dass er sich bewegte. Dann sog er an seiner Zigarette. Mich umschwebten die süßlichen Wölkchen seiner Spezialmarke Mirakulum.
Plötzlich erklärte Harald weit lauter als bisher: »Es ist eine ganz verteufelte Lage, in der wir uns befinden! Wir können hier umgebracht und unsere Leichen irgendwo verscharrt werden, ohne dass man den Mördern je auf die Spur kommen könnte. Verdammt, wie unvorsichtig waren wir nur.«
Ich hatte mich nur im ersten Moment täuschen lassen. Ich wusste: Diese Sätze waren nicht für mich bestimmt, sondern für den Lauscher! Harald musste soeben etwas gehört haben, das ihm angedeutet hatte, dieser Lauscher sei nun in größerer Nähe.
Wenn der geneigte Leser nur ein wenig Fantasie hat, wird er verstehen, dass mir in dieser Finsternis noch unbehaglicher wurde. Ich ahnte, dass das, was Harst vorhin »das eigentliche Drama« genannt hatte, bevorstand. Mein Herzschlag beschleunigte sich. Was würde wohl geschehen?
Unwillkürlich langte ich mit der rechten Hand nach der Schlüsseltasche meiner Hose. Darin steckte die harmlos aussehende, kleine, neunschüssige Klement-Repetierpistole, die auch Harst seit einiger Zeit anstelle des früheren umfangreicheren Systems benutzte. Ich wusste, dass nichts meine Nerven so sehr beruhigte, wie wenn ich diese kugelspeiende Waffe so angenehm kühl in der Hand fühlte.
Doch jetzt hörte ich Harsts Stimme wie einen Hauch: »Lass das Ding, wo es ist!«
Er hatte also trotz der Dunkelheit gemerkt, dass ich nach der Waffe langte. Allerdings hatten die Kofferschlüssel in derselben Tasche ganz leise geklirrt! Und das hatte Harald genügt.
Kaum hatte ich die Hand wieder in die Außentasche meiner grauen Sportjoppe versenkt, hob sich auch schon der Vorhang zu dem eigentlichen Drama. Es war beinahe so, als ob ein Vorhang mit einem Mal hochflöge und eine für uns bis dahin verborgene Lichtquelle enthüllte.
Einer der Mitwirkenden begann in diesem Moment zu sprechen – ganz wie im Theater.
Es war der breite Lichtkegel einer großen Acetylenlaterne, der uns urplötzlich im Rücken Harsts beleuchtete. Es war eine raue, offenbar verstellte Stimme, die gleichzeitig drohend krächzte: »Keine Bewegung! Ich schieße sofort. Und ich schieße nie vorbei – nie!«
Der Lichtstrahl, der mich von vorn traf, blendete mich so sehr, dass ich die Augen schloss. Aber nur für Sekunden.
Ich öffnete die Lider. Ich konnte nichts sehen. Ich sah nur, dass ein einzelner Mann dort an der Wand stand, in der Linken die Laterne, in der Rechten eine lange, recht klobige Pistole.
Dann ertönte auch schon ein neuer Befehl: »Arme hoch! Stellt euch nebeneinander!«
Der Mann sprach Englisch mit ganz leichtem Akzent.
Harst erhob sich von seinem Sitz und trat mit hochgereckten Armen neben mich.
Der Mann kam näher, stellte die Laterne so auf den Sargdeckel, dass ihr Schein uns und ihn nun fast gleichmäßig traf. Der Sargdeckel stand zwischen uns.
Nun konnte ich den Menschen ganz genau betrachten. Er war schlank, trug einen großkarierten, hellen Sportanzug mit Gürtel und einen breitrandigen Strohhut. Er hatte sich einen schwarzen Seidenlappen mit eingeschnittenen Löchern für die Augen um das Gesicht gebunden. Doch diese Maske hatte sich verschoben. Darunter war ein grauer Vollbart zu erkennen, der ziemlich spitz geschnitten war, so wie Boorstetten ihn trug. Und der Mann war ebenfalls übernervös. Er konnte die Arme nicht stillhalten und bewegte dauernd die Finger, die den Kolben der klobigen Pistole umspannten.
Boorstetten! Das war in der Tat eine Überraschung! Für Harst war sie sogar noch größer als für mich, denn Harald hatte ja bestimmt erklärt, dass der Holländer mit der Wegschaffung der Leiche und allem anderen nichts zu tun habe. Ein schöner Reinfall für ihn!
Da begann die krächzende Stimme abermals: »Ich warne Sie! Begehen Sie keine Torheit, indem Sie mich zu überrumpeln suchen! Ich werde Ihnen beweisen, dass und wie ich schieße!«
Die Pistole mit dem langen Lauf bewegte sich nicht mehr. Man hörte ein schwaches Geräusch, das kaum als Knall zu bezeichnen war, und Harsts Reisemütze flog ihm vom Kopf und fiel hinter ihm auf die Marmorfliesen.
Ah, also eine Luftpistole! Und eine mit starker Schusswirkung!
»Heben Sie die Mütze auf, Schraut!«, kommandierte der Schütze. »Reichen Sie sie mir. So, nun wieder Arme hoch!«
Ich hatte sie ihm gegeben. Er wühlte mit der Linken im Futter herum. Also wusste er, dass Harst die Streichholzschachtel dort verborgen hatte! Das war Pech! Der Kerl hatte uns tatsächlich genau beobachtet!
Nun ließ er die Mütze fallen. In der Linken hielt er nur noch ein zusammengelegtes Stück Papier und meinte ironisch: »Aha, also dieses Papier war’s, das Sie beide vorhin so genau betrachteten!«
Er faltete es immer nur mit der linken Hand auseinander, hielt es gegen das Licht und sagte: »Rühren Sie sich nicht! Diese Pistole ist ein Selbstlader, eine amerikanische Erfindung, fünfschüssig!«
Er überflog den Zettel. Ich atmete aus. Harst hatte einmal mehr gezeigt, wie gut er alles durchdachte. Natürlich hatte er die ihm wertvolle Streichholzschachtel anderswo versteckt und den Lauscher hereingelegt!
Der Holländer machte jetzt ein enttäuschtes Gesicht.
»Wie, nur ein Brief, unterzeichnet Deine Mutter?«, sagte er verblüfft.
»Allerdings. Ein Brief meiner Mutter«, erklärte Harst. »Ich habe damit gerechnet, dass man uns hier alles wegnehmen würde. Ein Brief meiner Mutter ist mir mehr wert als mein Portefeuille.«
Boorstetten lachte heiser auf, knüllte den Brief zusammen und warf ihn Harst vor die Füße.
»So, das wäre also erledigt«, meinte er. »Nun zur Hauptsache. Sie beide haben sich hier in eine Angelegenheit eingemischt, die niemals in ihren wahren Ursachen und Wirkungen aufgeklärt werden darf. Wenn ich wollte, könnte ich Sie beide für immer unschädlich machen und verschwinden lassen. Ich will jedoch großmütig sein. Ich weiß, mit wem ich es zu tun habe. Wenn Sie mir ehrenwörtlich zusichern, sich mit dem Ableben der Gattin Boorstettens in keiner Weise mehr zu befassen, sollen Sie heute früh frei sein. Wie stellen Sie sich dazu, Master Harst?«
Ich war sehr gespannt auf Haralds Antwort.
»Gut«, sagte er nach einer Weile. »Ich gebe Ihnen mein Wort, dass ich der Ursache des Todes von Frau Boorstetten nicht weiter nachspüren werde.«
Ich war überrascht von Haralds Bereitschaft, sich auf diese Weise aus dieser Falle zu befreien. Auch dem Holländer kam dies wohl genauso unerwartet. Er wurde dadurch misstrauisch.
»Ich wundere mich über Ihre Nachgiebigkeit«, sagte er zögernd. »Ich kann mich doch wohl auf Ihr Wort verlassen?«
»Unbedingt!«, meinte Harald. »Der Fall Frau Ellinor Boorstetten ist bereits völlig aufgeklärt. Ich muss mich damit nicht weiter beschäftigen. Ich könnte den Schuldigen festnehmen. Ich ziehe es aber vor, mich hier nicht niederschießen zu lassen, denn ich hoffe, der Menschheit noch gelegentlich im Kampf gegen das Verbrechertum nützlich sein zu können.«
Der Holländer lachte höhnisch auf. »Aufgeklärt?! So – so! Na, der Glaube macht selig! Ich habe also Ihr Wort. Und Sie, Master Schraut?«
Ich gab dieselbe Versicherung ab und sagte: »Ich verspreche genau dasselbe wie Harst.«
Da ließ er die Pistole sinken.
»So, noch eins. Sie werden sich jetzt an die Rückwand des Tempelraums stellen, das Gesicht zur Wand, und sich nicht umdrehen, bis ich es Ihnen gestatte. Das gehört zu Ihrer ehrenwörtlichen Versicherung dazu. Einverstanden?«
»Ja, warum nicht?«, meinte Harst und schritt in den Hintergrund des Mausoleums. Ich folgte ihm.
Der Lichtschein erlosch sehr bald. Wir hörten verschiedene leise Geräusche. Dann blieb es etwa fünf Minuten lang ganz still. Nun tauchte der Lichtschein wieder auf. Ich unterschied wieder allerhand Geräusche. Knistern, Keuchen, als ob jemand eine schwere Last schleppe. Dann ertönte ein dumpfer Ton, gefolgt von einem Knarren von Holz.
Jetzt hörte ich die krächzende Stimme hinter uns: »Leben Sie wohl, meine Herren! Und Sie, Master Harst, merken Sie sich’s: Es gibt doch noch klügere Leute als so einen Liebhaberdetektiv!«
Dann verschwand der Lichtschein, und der Holländer rief uns von irgendwoher zu: »Sie sind frei!«
***
Kaum war dieses Sie sind frei verklungen, fiel auch schon mit dumpfem Dröhnen die Eisentür des Mausoleums zu. Auf dieses Dröhnen folgte sofort Harsts ironische Bemerkung: »Wir sind frei! Kolossal gütig. Und das Ganze ist kolossal dämlich!«
Harst gebrauchte sehr selten nicht recht salonfähige Ausdrücke. Wenn er es tat, musste schon eine ganz besondere Veranlassung vorliegen.
Seine Taschenlampe blitzte auf. Er trat schnell an den Sarg heran, der tatsächlich wieder durch den Deckel verschlossen war. Er beugte sich über das kleine Fenster.
»Ah, also deshalb!«, hörte ich ihn murmeln.
Ich war bereits neben ihm. Der Lichtkegel seiner Lampe zeigte mir das auch im Tod noch liebreizende Antlitz einer jungen Frau. Es konnte nur Ellinor Boorstetten sein. Der Holländer hatte die Leiche also wieder in den Sarg gelegt. Der Mann musste Nerven und Körperkräfte haben! Eine Tote, die bereits so lange eingesargt war, und einen so schweren Sargdeckel ganz allein zu bewältigen – das machte Boorstetten so leicht keiner nach!
»Jetzt, wo er weiß, dass wir ihm nicht mehr gefährlich sind, hat er die Leiche zurückgebracht«, flüsterte ich Harald zu.
Er antwortete nur mit einem »Hm – beinahe!« Diese Äußerung begriff ich nicht. War es etwa gar keine Leiche? War es eine Wachsfigur, ein Wachskopf?
Harst bat mich um den Türschlüssel, den ich eingesteckt hatte. Ich gab ihn ihm. Er ging zur Tür, schloss auf, drückte den Türflügel aber wieder zu und wandte sich mir zu.
»Merkst du nichts?«, fragte er ganz leise.
»Was soll ich denn merken?«, fragte ich.
»Die fehlende Luftveränderung«, erklärte er flüsternd. »Vergiss das nicht für später. Gehen wir jetzt. Der Fall Ellinor Boorstetten ist für uns ja erledigt.«
Wir schlossen das Mausoleum ab und schauten uns draußen um. Im Osten dämmerte der neue Tag schon herauf. Ein fahles Zwielicht lag über dem weiten, hügeligen Park.
»Was nun?«, meinte ich. Ich kam mir vor wie ein Kind, dem das Handeln eines Erwachsenen völlig unverständlich ist. Ich konnte einfach nicht fassen, dass Harst sich zu diesem ehrenwörtlichen Versprechen hatte zwingen lassen.
»Oh, was nun?! Es gibt für uns noch sehr viel zu tun. Sehr viel, mein Alter.«
Er schritt einen breiten Hauptweg entlang. Ich blieb neben ihm.
»Und unsere Zusage, uns nicht weiter mit diesem Fall zu beschäftigen?«, mahnte ich vorsichtig.
»Selbstverständlich werden wir diese Zusage einhalten. Ich hätte mich niemals zu einem Verzicht auf die Weiterverfolgung dieser Angelegenheit bereit erklärt, wenn sie für mich nicht wirklich bereits erledigt wäre. Den Ausschlag dabei gab die leere Streichholzschachtel, die nicht leer war. Streichhölzer enthielt sie allerdings nicht. Aber etwas anderes.«
»So? Etwas anderes? Dann muss ich ja blind gewesen sein. Ich habe doch auch hineingeschaut.«
»Tröste dich. Diese Blindheit ist verständlich. Was das mit Papier beklebte Holzschächtelchen enthielt, war nur schwer zu bemerken. Wer die Vorgeschichte nicht kennt, musste den winzigen, fast durchsichtigen Gegenstand übersehen.«
»Wo hast du die Streichholzschachtel denn verborgen?«, fragte ich schnell. »In der Mütze war sie nicht. Hast du sie bei dir? Dann gib sie mir.«
Er bückte sich und streifte das Beinkleid hoch. Er hatte das Schächtelchen in den Strumpf gesteckt.
Zu meinem Erstaunen begann er, es sofort zu zerbrechen. Er warf die einzelnen Stücke hier und dort in die Büsche.
»Was soll das?«, rief ich ärgerlich. »Du …«
»Ja, du, mein lieber Alter, wolltest soeben dein Wort brechen! Die Streichholzschachtel gehört zum Material von Fall Nummer eins. Also dürfen wir uns mit ihr nicht weiter abgeben.«
Dieses Boorstetten-Problem wurde wahrhaftig immer verwickelter! Fall Nummer eins?! Es gab also noch einen Fall Nummer zwei!
Harst schob nun seinen Arm in den meinen. »Zerbrich dir nicht den Kopf. Die Sache ist ziemlich kompliziert. Wir werden jetzt Boorstetten besuchen. Dort hinten steht schon der prachtvolle Bungalow. Tatsächlich – ein reines Schloss! Der Holländer muss reicher sein, als man ahnt. Ein Marmorbau, der den altindischen Baustil zu imitieren scheint!«
Ich fragte nichts mehr. Wir wollten Boorstetten besuchen. Was sollte das nun wieder? Wo sollte ich mit meinen Fragen beginnen? Ich tappte ja völlig im Dunkeln. Und das Dunkel wurde nur noch dichter!
Auch Harald schwieg nun. Nur meinen Arm drückte er sanft an sich. Als ich ihn dann von der Seite prüfend musterte, erschrak ich fast über den Ausdruck rücksichtslosester Energie in seinem Gesicht. Dass diese Veränderung seiner Züge nur mit dem »Fall Nummer zwei« zusammenhängen konnte, war mir sofort klar. Ebenso klar war mir aber auch, dass es sich hierbei um ein Verbrechen von ganz besonderer Heimtücke handeln musste. Denn Harsts Gesichtsausdruck war für gewöhnlich kaum der Veränderung unterworfen. Eine so drohende Miene, die eine schärfste Willens- und Geistesanspannung verriet, musste eben eine außerordentliche Ursache haben.
»Wir werden den Feind zum Losschlagen zwingen«, sagte Harald dann rasch. »Wir werden nicht warten, bis es ihm passt, das Ende herbeizuführen. Boorstetten wird und muss einverstanden sein.«
Boorstetten – einverstanden?! Was hieß das nun wieder?
Ein Inder kam uns entgegen. Er trug eine Harke und einen Spaten über der Schulter.
Es war Boorstettens Gärtner. Harst schickte ihn voraus in den Bungalow. Boorstetten sollte sofort geweckt werden. Der Mann bekam Harsts Visitenkarte mit.
Als er davongeeilt war, meinte ich ironisch: »Das Wecken wird nicht nötig sein. Der Feind dürfte kaum Schlaf finden nach dieser Nacht.«
»Mag sein. Der Feind nicht. Aber Boorstetten wird vielleicht noch schlummern.«
Ich blieb stehen. »Harald, ist denn Boorstetten nicht der Feind?«, fragte ich schnell.
»Wie man’s nimmt. Feind ist er auch. Aber nicht der, den du meinst, mein Alter.«
»Also nicht der Maskierte mit der Luftpistole?«
»Er wollte es sein! Aber lass das jetzt alles. Schau nur, ist das nicht ein fürstlicher Wohnsitz? Die Terrasse vor dem Haupteingang und die Korbmöbel darauf laden zum Ausruhen ein.«
Wir setzten uns auf die Terrasse und rauchten schweigend unsere Zigaretten. Nach kaum zehn Minuten erschien der Holländer in einem Hausanzug aus Bastseide, begrüßte uns überaus liebenswürdig und völlig harmlos tönend, lud uns zum Frühstück ein und gab sich in allem tatsächlich so zwanglos und natürlich, dass meine Annahme, der Maskierte müsse Boorstetten gewesen sein, arg ins Wanken kam.
Harst nahm die Einladung an. Wir saßen zuerst abseits an einem kleinen Tischchen. Die eingeborenen Diener deckten geräuschlos und gewandt die Frühstückstafel. Die Unterhaltung drehte sich um den Park und das vornehme Heim des Holländers. Erst als wir schon am Frühstückstisch Platz genommen hatten, fragte dieser: »Waren Sie im Mausoleum, Master Harst? Ich hatte den Schlüssel wie verabredet unter einen Stein gelegt.«
»Ja, wir waren dort. Nicht wahr, der Tempel hat noch einen geheimen Zugang durch die rechte Wand?«
Boorstetten nickte zögernd. »Es ist so. Aber außer mir kennt dieses Geheimnis nur noch einer meiner Freunde.«
»Oh, es interessiert mich jetzt nicht mehr. Die Sache ist nämlich erledigt. Es sind leider gewisse Umstände eingetreten, die mich zwingen, diesen Fall nicht weiter zu untersuchen. Welcher Art diese Umstände sind, darf ich nicht angeben. Schraut und ich haben eine besondere Verpflichtung eingegangen.«
Ich beobachtete Boorstetten unauffällig, aber scharf. Er machte nun ein sehr enttäuschtes Gesicht und blickte Harst unsicher an.
»So, so, eine Verpflichtung. Nun, ich muss mich damit zufriedengeben«, sagte er nachdenklich.
»Zufrieden geben?!«, flüsterte Harst und lächelte ganz wenig. »Das müssen Sie nicht, bester Boorstetten, wenn Sie meinen Ratschlag genau befolgen. Sie dürfen aber auch niemandem, sei es, wer es sei, mitteilen, was wir jetzt verhandeln – niemandem, und mag es Ihr bester Freund sein. Wollen Sie mir dies versprechen?«
»Ich wäre töricht, wenn ich es einem Mann wie Ihnen gegenüber nicht täte. Sie haben mein Versprechen.«
Harst schaute sich wie zufällig um. Hinter uns, neben der Tür, die ins Innere des Hauses führte, stand kerzengerade der indische Diener, der bei Tisch bediente. Es war ein großer, hagerer Mensch mit einem prächtigen schwarzen Vollbart.
Plötzlich erzählte Harst eine scherzhafte Episode. Boorstetten merkte, dass dies einen besonderen Grund haben musste, und lachte mit, wenn auch etwas gezwungen.
Dann flüsterte Harst ihm zu, ohne die Lippen zu bewegen: »Schicken Sie den Inder nach einem Gegenstand, den er nicht sofort findet.«
Boorstetten benahm sich recht gewandt und erledigte dies ganz unauffällig, sodass der Mann nicht ahnen konnte, dass er absichtlich entfernt worden war.
»Was haben Sie gegen Prangar-Singh, Master Harst?«, fragte Boorstetten sogleich.
Harst deutete auf die Nickelteekanne, die gerade vor ihm stand. Sie hatte eine eigenartige Form mit vielen ebenen Flächen. Diese zeigte mir infolge ihrer besonderen Form die Gestalt des Dieners recht deutlich. Der Mann versuchte zu lauschen, als wir leise sprachen. Er beugte sich weit vor. »Ist dieser Prangar-Singh zuverlässig?«
»Unbedingt. Er ist mein Kammerdiener, ein in jeder Hinsicht pflichttreuer, intelligenter und gebildeter Mensch.«
»Nun gut!«, stimmte Harst zu. »Etwas anderes, Boorstetten. Haben Sie wegen Ihres Nervenleidens bereits einen Arzt konsultiert? Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass Sie dieser Nervosität gegenüber völlig gleichgültig sind.«
Der Holländer krauste die Stirn. »Ich halte von Ärzten nichts. Aber – ich habe mich zweimal untersuchen lassen, allerdings lediglich auf Drängen meines Freundes und Nachbarn, des ehemaligen Hauptmanns Edward Plavarston. Beide Ärzte verordneten mir Mixturen, die überhaupt nicht halfen!«
»Sehr schlau!«, meinte Harst zerstreut und legte sich etwas Kaviar auf.
Boorstetten warf mir einen hilflosen Blick zu. Ich zuckte die Achseln. Auch ich wusste nicht, was dieses Sehr schlau! bedeuten sollte.
Harsts Gesicht verlor den grüblerischen Ausdruck. »Sie werden übermorgen verreisen … nach Europa«, sagte er hastig. »Natürlich nur zum Schein. Sie verhalten sich gegenüber jedermann so, als ob Ihnen die Reise wichtig wäre, belegen eine Dampferkabine, lassen Ihre Koffer packen und so weiter. Sie werden neugierigen Fragern erklären, dass Sie hier über den Verlust Ihrer Gattin nicht hinwegkommen können und Singapore für ein Jahr den Rücken kehren wollen.«
Boorstettens verblüfftes Gesicht war verständlich. Bevor er etwas erwidern konnte, fuhr Harst fort: »Morgen Abend geben Sie ein kleines Abschiedsessen, zu dem Sie auch uns und den Advokaten Templetey einladen. Bis dahin – und beachten Sie das sehr genau, Boorstetten! – trinken und essen Sie nur in Singapur in irgendeinem Hotel ganz allein. Sie verstehen mich wohl: Sie sollen Ihre Mahlzeiten außerhalb Ihres Hauses und allein einnehmen. Lehnen Sie jede Einladung zu einer Mahlzeit oder einem Imbiss unter einem Vorwand ab, und zwar jede! Wenn Sie dies nicht genau befolgen, kann ich Ihnen nicht die Hilfe angedeihen lassen, die ich Ihnen zu leisten versprach.«
Boorstetten schüttelte den Kopf. Er sah vollständig verstört aus. Sein ganzer Körper zuckte, seine Hände flatterten, als er hervorstieß: »Hilfe leisten?! Sie haben doch vorhin gesagt, Sie könnten sich mit meiner Angelegenheit leider nicht weiter beschäftigen!«
»Das habe ich nicht gesagt. Es handelte sich lediglich um die Leiche Ihrer Gattin und das, was damit zusammenhängt. Wollen Sie meine Vorschläge berücksichtigen – ja oder nein?«
»Ja, ja! Sie machen ja auch ein Gesicht, als ob …«
»Pst, der Diener!«, warnte Harst. Wir blieben bis elf Uhr vormittags noch auf Boorstettens Besitzung. Was wir noch besprachen, war durchaus harmlos.
Am nächsten Morgen erhielten wir Boorstettens schriftliche Einladung zu einem »einfachen Herrenessen« um 21 Uhr.
Harst handelte auch dieses Mal wie immer: Er ließ mich über seine Pläne genauso im Unklaren wie über den Zusammenhang all dieser mir bisher gänzlich unverständlichen Ereignisse und Tatsachen. Als die Katastrophe eintrat, war ich davon nicht minder überrascht als Boorstettens andere Gäste – mit zwei Ausnahmen. Harst und … der Feind!
Fortsetzung folgt …
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