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Detektiv Nobodys Erlebnisse und Reiseabenteuer Band 1 – Teil 18

Detektiv Nobodys Erlebnisse und Reiseabenteuer
Nach seinen Tagebüchern bearbeitet von Robert Kraft
Band 1
Kapitel 3, Teil 3

Die Water Street und die nähere Umgebung mit ihren Boardinghäusern, Kneipen und Tingeltangels ist in New York das Paradies der Seeleute. Gegenwärtig war eine sehr stille Zeit. New York war mit Seeleuten überfüllt, es kamen und gingen keine Schiffe, und die regelmäßig fahrenden Linien haben ihre ständige Besatzung.

Ein Bild von dieser faulen Sommerzeit gab die Gaststube von Tiedemanns Boardinghaus. (Ein Boardinghaus ist eine Matrosenherberge, der Wirt heißt Boarding-Master; in Deutschland wird er Heuerbaas genannt, und diese Herbergsväter sind in aller Welt auch Deutsche.)

Es sah traurig genug aus in der Gaststube. Von den Dutzend Matrosen und einigen Steuerleuten, welche bei Tiedemann im Logis lagen, spielten drei Mann Karten; sie spielten um Nasenstüber … um Hosenknöpfe, wollen wir lieber sagen. Die anderen hockten untätig herum, sogen an ihren kalten Pfeifen und bliesen samt und sonders Trübsal. Keiner hatte ein Glas Bier vor sich stehen, nicht einmal eine Pfeife Tabak gab es mehr, denn Heuerbaas Tiedemann behauptete, es sei schon genug, wenn er den Arbeitslosen Wohnung und Kost auf die zukünftige Heuer kreditiere.

Die meisten waren vor zwei Wochen von ein und demselben Schiffe abgemustert worden, und an jenem Tage, dem Gott Mammon gewidmet, war es hier anders zugegangen. Auf der Bar, hinter welcher des Wirtes Töchterlein die Spiegel putzte, stand die Zierde dieser Gaststube, das Vermächtnis eines spendablen Steuermannes: ein Champagner-Service, der Eiskübel aus geschliffenem Kristallglas mit dazugehörigen Gläsern. Diese konnten davon erzählen, wie man hier in dulci jubilo gelebt hatte, von früh bis abends und von abends bis früh. Dann folgten einige Tage, an welchen man die letzten Silberstücke zusammensuchte, dann einige Tage mit Zechkredit, und dann kamen diese Tage, von denen sie sagten, dass sie ihnen nicht gefielen.

Die Tür öffnete sich, ein neuer Gast trat ein. Kleidung und Gang, überhaupt sein ganzes Aussehen, verrieten ihn gleichfalls als einen Matrosen. Die Kartenspieler hielten einen Augenblick inne, die anderen blickten einmal nach dem Manne, der hier noch nie gesehen worden war, dann fielen sie alle wieder in ihre vorige Teilnahmslosigkeit zurück. Seeleute ohne Geld sind an Land Stockfische.

Was wollte der fremde Matrose? Nach einer Heuer fragen? Hier logieren? Da musste man wohl lange warten, ehe man den Zweck seines Kommens erfuhr. Er ging an die Bar, bestellte ein Glas Bier, blieb an der Bar stehen und stierte vor sich hin; und solange er bei diesem ersten Glase Bier war, würde er wohl schwerlich den Mund zu einer Frage auftun.

Da schnellte der eine, der den Blick zum Fenster gerichtet hatte, wie elektrisiert auf: »Kapitän Flederwisch!«

Dieser Ruf wirkte nicht anders, als ob in die Gaststube plötzlich eine Granate eingeschlagen wäre. Die Karten flogen auf den Boden, alles sprang auf, sodass die Stühle umstürzten, und rannte an die Fenster.

»Wahrhaftig, Kapitän Flederwisch!«

»Vater, Mutter, Kapitän Flederwisch kommt!«, rief die Wirtstochter zur Haustreppe hinauf, und die Gerufenen kamen so schnell herab, wie es ihre Wohlbeleibtheit erlaubte, ihnen nach die Dienstmagd und der Hausknecht.

Die Tür ging auf, im Rahmen stand die sechs Fuß hohe, breitschultrige Gestalt eines noch jungen Mannes, als Seemann in den unvermeidlichen blauen Anzug mit trichterförmigen Hosen gekleidet, den der nordische Matrose auch im heißesten Sommer nicht ablegt. Es war schon eine große Ausnahme, dass dieser hier keine Weste trug, sondern unter der offenen Jacke das feine, gelbseidene Hemd zeigte, und dass er um die Hüften eine rote Schärpe geschlungen hatte. Der breite Strohhut beschattete ein tiefbraunes Gesicht von wahrhaft klassischer Schönheit; und was der gebildete Menschenkenner vor allen Dingen in diesen Zügen las, das war die liederliche Genialität.

»Hallo, Jungs! Steuert ihr wieder einmal mit der Ebbe? Aber Kapitän Flederwisch kommt stets mit der Flut. Guten Tag, Vater! Na, Gustel, was machst du? Komm her, Alte, gib mir einen Kuss. Ziere dich nur nicht; wenn der Alte tot ist, heirate ich dich doch. Aber nicht zu lange. Bier her! Halt, aus Gläsern wird nicht getrunken, das kann jeder. Wie viele Fässer hast du im Keller? Herauf damit! Wir trinken heute aus …«

»Um Gottes willen, Kapitän!«, kreischte die Wirtin auf. Als jener sie umschlungen hatte, um ihr einen Kuss zu rauben, obgleich ihr Mann danebenstand, war er gegen das Champagner-Service gestoßen, dass die Gläser klirrten.

»Ach was! Was kostet das Zeug?«

»Fünfzig Dollar.«

Der junge Riese packte das Tafelbrett an, hob es in die Höhe – bruch! – lag alles in Scherben am Boden. Und dann griff er lachend in die Tasche und warf auf die Bar eine Handvoll Gold und Silber, mindestens das Dreifache der genannten Summe.

So fing es an, so ging es weiter. Die Bierfässer wurden hereingerollt, der sogenannte Kapitän, allem Anschein nach doch auch nur ein Matrose, bezahlte nach amerikanischer Sitte jedes Mal sofort. Er griff dabei immer nur in die mit Geld gefüllten Taschen, ohne erst nachzuzählen, nahm dann den erstbesten Filzhut vom Nagel und ließ ihn unter dem Hahn volllaufen, trank das Bier aus dem Hut, und alle folgten seinem Beispiel.

Als die Fässer leer waren, musste der Wirt an Wein- und Schnapsflaschen herbeischaffen, was sich im Haus befand – an die 100 Flaschen waren es mindestens. Eine Bowle sollte gebraut werden, das musste aber auch wieder auf besondere Weise geschehen: Als Bowlengefäß diente eine große Badewanne. In diese wurden der Wein, der Champagner, die verschiedensten Schnäpse und Liköre geschüttet, wie sie gerade in die Hand kamen. Ein Bündel Bambusrohre wurde aufgetrieben, und nun setzte sich die ganze Gesellschaft um die Badewanne herum und sog durch die Rohre das höllische Gebräu mit vollen Zügen ein, dabei als einzige Unterhaltung Matrosenlieder brüllend.

Das Ideal eines echten Matrosen war erreicht. Das menschliche Leben hat, solange man an Land ist, nur einen einzigen Zweck: trinken … oder vielmehr saufen, immer saufen, und die höchste Glückseligkeit liegt darin, sinnlos betrunken zu sein. Lange würde es ja auch nicht währen, bis dieses herrliche Ziel erreicht war.

Wenn nun auch bei einer derartigen Zechgesellschaft schwer eine Unterhaltung aufkommen konnte, so lag hier doch ein Rätsel vor, und jeder schien sich zu hüten, dieses mit einer Frage zu berühren. Ganz offenbar war dieser Kapitän Flederwisch soeben erst an Land gekommen und von einem Schiff abgemustert worden – daher das viele Geld, welches schleunigst durchgebracht werden musste. Aber der Mann zeigte auffallend viel Gold und Papiergeld; so viel kann ein Matrose nicht verdienen, auch wenn er eine zweijährige Reise gemacht hat, ohne Vorschuss aufgenommen zu haben. Nicht einmal ein Kapitän hätte solch eine Summe mitbringen können, und dann hätte ein Kapitän sie doch auch nicht mit Matrosen in der erstbesten Spelunke verprasst. Und keiner der Matrosen stellte die Frage, auf welchem Schiff und wie lange jener denn darauf gewesen sei.

Unter der um die Badewanne hockenden Korona kamen manchmal doch merkwürdige Fragen vor.

»Das also ist dieser Kapitän Flederwisch, welcher …?«, flüsterte ein Matrose seinem Nachbarn heimlich zu.

»Ja, das ist er«, wurde ebenso heimlich zurückgeraunt.

»St! Nichts merken lassen, er will davon nichts wissen.«

Die Tochter verstieg sich zu einer offenen Frage: »Wo ist denn Kapitän Flederwisch das halbe Jahr gewesen, dass er so viel Geld verdient hat?«

»Halt’s Maul!«, fuhr sie der gefragte Vater barsch an, aber im leisesten Ton. »Das geht uns gar nichts an! Kapitän Flederwisch ist ein nobler Bengel, der sein Geld springen lässt, und damit basta! Gestohlen hat er es nicht, darauf kannst du dich verlassen. Das ist der ehrlichste Kerl, den je die Sonne beschienen hat.«

Auch der fremde Matrose war bald in das Zechgelage gezogen worden. Ein Matrose, der einen intelligenteren und weit weniger rohen Eindruck machte als die anderen, war auf ihn zugetreten, während dieser von der Bar aus dem wüsten Treiben zugeschaut hatte.

»Wie heißt du?«

»Ich heiße Ernst Mroch.«

»Bist wohl auch ein Deutscher?«

»Ja, aus Bremen.«

»Und ich aus Geestemünde. Komm, du musst mitmachen, sonst nimmt’s Kapitän Flederwisch übel. Das ist auch ein Deutscher, obgleich er’s nicht mehr sein will. Kennst du den Flederwisch schon?«

»Gehört habe ich von ihm, aber sehen tue ich ihn jetzt zum ersten Mal.«

»Komm nur, es sind hier noch genug, die den Kapitän auch nur vom Hörensagen kennen.«

Ernst Mroch setzte sich also mit an die Badewanne, nutschte an seinem Bambusrohr und fiel mit ein in die Shantys, welche Kapitän Flederwisch anstimmte.

»Jetzt wollen wir erst etwas essen«, meinte nach einer Weile sein deutscher Kamerad. »Kommst du mit?«

Ernst kam mit, auch ein englischer Matrose schloss sich ihnen an. Die anderen dachten nun nicht an so etwas. Ja, wenn man den Hammelbraten, mit dem die Wirtin aufwartete, auch hätte trinken können!

»Es ist ein Fehler im Schöpfungsplan, dass man das Essen nicht auch saufen kann.«

Die drei begaben sich in ein Hinterzimmer, wo ihnen die Wirtin auftischte, natürlich immer auf Rechnung des spendablen Kapitäns. Ganz nüchtern waren sie nicht mehr, aber es ging noch.

»Ist der denn wirklich ein Kapitän?«, begann Ernst das Gespräch.

»I wo«, meinte der Engländer, »der ist nichts weiter als ein Matrose wie ich. Nur weil er immer den feinen Kerl heraussteckt und etwas Besonderes sein will, wird er aus Spaß Kapitän genannt.«

»Sooo?«, sagte aber der Geestemündener, kein so junger Mann mehr. »Und ich sage dir, Flederwisch ist nicht nur in der chilenischen und in der holländischen Marine Offizier gewesen, sondern er hat auch das deutsche Kapitänspatent in der Tasche, und das will noch etwas ganz anderes heißen! Hat er doch auch bei uns als Einjähriger gedient; ich habe ihn in Kiel als Rekrut ausgebildet, ich kenne ihn doch ganz genau. Er ist nämlich sogar aus meiner Heimatstadt, sein Vater war unser Nachbar.«

Der Mann erzählte weiter, von dem fremden Matrosen durch Fragen unterstützt, der sich sehr dafür interessierte. Wir geben die Erzählung, nur mit kürzeren Worten, wieder.

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