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Michael Siefener – Cor Magis

Michael Siefener
Cor Magis

Hardcover, gebunden in schwarzes Crinkle-Leinen, mit Lesebändchen, goldener Prägung auf Frontcover und Buchrücken und mit Schutzumschlag, Edition Dunkelgestirn, Neustadt in Sachsen, 220 Seiten, illustriert von Jörg Kleudgen, signiert von Michael Siefener und Jörg Kleudgen, nummeriert und auf 125 Exemplare limitiert, 28,00 EUR

Synopsis:
Nach einem Herzinfarkt versucht der namenlosen Erzähler wieder ins Leben zurückzufinden. Dafür erfindet er die Figur des Amon Ruf. Doch mit fortschreitender Handlung vermischt sich das Leben der Kunstfigur mit dem des Erzählers immer mehr. Was ist Realität, was Fiktion?

Mit Cor Magis beweist Michael Siefener einmal mehr, dass er ein Meister des Phantastischen und Surrealen ist.

Über den Autor:
Michael Siefener wurde 1961 in Köln geboren, wo er auch die Schule besuchte und das Studium der Rechtswissenschaften absolvierte. Im Jahr 1988 heiratete er die Chemikerin Andrea Klein und zog mit ihr nach Haan im Rheinland. Nachdem er 1990 sein Rechtsreferendariat in Köln begonnen hatte, schloss er 1991 seine rechtshistorische Dissertation mit dem Titel Hexerei im Spiegel der Rechtstheorie ab.

Im Jahr 1992 brach er das Referendariat ab und widmete sich fortan seiner Tätigkeit als freier Schriftsteller, später kam auch die Arbeit als Übersetzer hinzu. Nach dem Tod seiner Ehefrau im Jahr 2002 zog er 2004 nach Manderscheid in die Eifel. Im selben Jahr lernte er die Historikerin, Lehrerin und Schriftstellerin Dr. Silke Urbanski kennen; seitdem lebt er abwechselnd in Hamburg und der Eifel.

Der Autor kann auf bislang über 30 Einzelveröffentlichungen zurückblicken. Nähere Informationen dazu sind in der Publikation von Robert N. Bloch: Michael Siefener. Eine kommentierte Bibliografie. Gießen. 2011 zu finden.

Leseprobe:

I

Ich war so lange nicht mehr bei mir. Viele Wochen. Die Straße mit den großen Betonhäusern: fremd. Das Treppenhaus mit dem Aufzug mit den eingebeulten Türen mit den alten Schmierereien darauf: fremd. Meine Wohnungstür: fremd. Meine Wohnung…

Zwei Tage, zwei Nächte bin ich nun wieder hier. Will nicht an das zurückdenken, was war. Will nicht schreiben, was war. Kann noch nicht in allen Einzelheiten schreiben, was ist. Fremd ist es, das kann ich schon schreiben. Ich sehe mich kaum im Spiegel. Fremd ist, was deine Lippen sagen, fremd ist, was deine Augen fragen.

Wieder: schlafen. Nachts, tagsüber. Lärm in der Nachbarwoh­nung. Ist das früher auch so gewesen? Vermutlich. Dumpfer Lärm, wie aus einem unmöglich großen Raum. Und Schreie. Und Klirren und Rasseln. Ich habe dort noch nie jemanden herauskommen se­hen, mit Ausnahme eines Schemens, der mir Angst gemacht hat, vor langer Zeit. Am liebsten würde ich aus mir herausplatzen und mich selbst verlassen. Das alles ist nicht mehr erträglich.

Willkommen zu Hause, Jammerlappen. Nicht mehr erträglich? Denk an die erschreckenden Geräusche aus der Nachbarwoh­nung. Und wenn dir das nicht reicht, dann schalte den Fernseher ein. Nicht mehr erträglich? Dick und fett bist du, auch wenn du in den letzten Wochen ein wenig abgenommen hast, du musst nicht mehr arbeiten, bist Frührentner, hast eine kleine Pension, die dich am Leben hält. Und du wagst es zu jammern? Kein Wunder, dass Anna dich verlassen hat.

Ach, Anna…

So lange her. Lange nicht mehr an dich gedacht. Wusstest du es? Wusstest du, wo ich war? Vermutlich nicht. Wo war ich? Was war ich?

Ruhe drüben.

Blick aus dem Wohnzimmerfenster: fremd. Fremde Hochhäu­ser in einiger Entfernung, dahinter fremde kleinere Gebäude mit steilen Dächern, irgendwo ein Kirchturm aus gedunkeltem Sand­stein, wie vergessen im Beton, kalte Leere inmitten der Seelen­wüste. Früher habe ich mal geschrieben. Wollte kaum einer lesen. Aber immerhin. Schon lange nicht mehr. Vergessen in der Bücher­wüste. Ah, da ist er wieder: der Jammerlappen. Scheint mir gerade ein tiefes Bedürfnis zu sein: zu jammern. Mir selbst zu sagen, wie schlecht es mir geht. Nein, das ist wirklich widerwärtig.

Schlafen, schlafen. Essen, schlafen. Mir wurde gesagt, dass es noch eine Weile so weitergehen wird, ich soll mir keine Gedanken machen, es wird bald alles besser. Alles? Was denn alles? Was soll mit 63 Jahren denn noch besser werden? Die letzte Abzweigung, Richtung Tod, liegt schon hinter mir.

Warum ist alles so fremd?

Etliche Vorräte im Küchenschrank waren verdorben. Bin in den Supermarkt gegangen, einkaufen, dann in die Apotheke, Medika­mente besorgen. Wieder zu Hause: schlafen. Fünf Stunden. Dann Einkauf einräumen, Pillen einnehmen. Draußen haben mich die Leute angesehen, als wäre ich ein lebender Toter. Sie sind mir aus dem Weg gegangen. Immerhin besser, als angerempelt zu werden, wie früher so oft. Alter weißer Mann. Abschaum. Ah: Jammerlap­pen. Fix und fertiger Jammerlappen. Und das soll nochmal besser werden?

Die psychische Belastung werde bald größer sein als die physi­sche, hat man mir gesagt. Woher wissen die das? Haben die das gleiche schon mal erlebt?

Schlafen. Schlafen. Schlafen.

Irgendwann bin ich im Dunkeln erwacht. Mitten in der Nacht. Habe das Fenster geöffnet, und wirklich war alles nur noch: Ruhe. Fremd. Ferne glitzernde Lichter, wie ein abgestürzter Himmel. Wo bin ich hier gelandet? Wirklich in meiner Wohnung? Wirklich wieder in mir? Scheint so.

Nachmittag, nach dem Schlaf. Ich sitze am Küchentisch. Sau­ber abgewischt, aufgeräumt, das ist wichtig. Eine Kladde vor mir. Liniert. Ich hasse es, auf dem Computer zu schreiben. Oder auf einer Schreibmaschine. Worte müssen aus den Fingerspitzen flie­ßen; sie dürfen nicht in eine Tastatur gehackt werden. Eigentlich wollte ich überhaupt nicht mehr schreiben. Lesen, vielleicht. Aber nie mehr schreiben.

Doch jetzt: die aufgeschlagene Kladde vor mir. Fremd. Ich habe sie in den Tiefen des Wohnzimmerschranks gefunden. Und ich habe gleich angefangen zu schreiben, ohne es recht wahrzuneh­men. Angefangen, Gedanken und Gefühle auszudrücken, aber es ist Stückwerk. Ich kann meine eigene Geschichte nicht schreiben. Das kann niemand. Man kann sich nur schreiben lassen, besten- falls.

Wenn jedoch jemand anderes das erlebt, was ich erlebt habe, dann bin das nicht ich. Dann kann ich mir das ansehen, von au­ßen. Und hinterher wegwerfen. Und ihn wegwerfen. Damit ich ihn wieder loswerden kann, wenn er mir zu nahe kommt.

Reicht es überhaupt aus, um davon zu schreiben? Es sind doch nur Gefühle, Stimmungen, Ängste. Erlebnisse? Was habe ich denn schon erlebt?

Na gut, ich war tot, aber sonst?

II

Amon Ruf wachte in einem weißen Zimmer zwischen wei­ßen Laken auf, den Rücken gegen ein weißes Kissen ge­lehnt. Zunächst spürte er nur das glühende Band um sei­nen Brustkorb. Warum hatte niemand es abgenommen? Er ver­suchte etwas zu sagen, brachte aber nur ein Röcheln heraus.

Langsam erinnerte er sich. Es war zum Glück nicht in der Ein­samkeit seiner eigenen Wohnung geschehen, sondern im Warte­häuschen einer Buslinie. Er spürte, dass ihm Schweißtropfen auf die Stirn traten, als er daran dachte, wie ihm plötzlich ein stechen­der Schmerz durch die Brust und den linken Arm gefahren war und er nach Luft gerungen hatte. Dann hatte jemand ein glühen­des Band um seinen Brustkorb gelegt und es zugezogen, immer fester. Er glaubte, geröchelt zu haben, bevor alles schwarz wurde.

Das glühende Band war noch immer da. Sein Röcheln wurde zu einem gequetschten, hilflosen Schrei.

Rasch kam ein Krankenpfleger, lächelte ihn an und legte ihm sanft eine Hand auf die Stirn. »Es ist alles gut«, sagte er.

Dann ging er wieder.

Alles gut? Amon bäumte sich auf, wollte sich gegen das Band wehren, es abstreifen, aber es stahl ihm den Atem. Er sackte nach hinten. Und es wurde schwarz um ihn.

Irgendwann schleifte ihn eine weibliche Stimme zurück in ein dämmeriges Halbbewusstsein. Der Schmerz hatte brav auf ihn gewartet und leckte ihn ab wie ein Hund, als er zu sich kam. Er stöhnte.

Die Stimme sollte beruhigend klingen, aber sie war schrill. Sie kratzte auf dem Stahlband über seiner Brust herum. Er verstand

nur: »… Glück gehabt…«, dann stürzte sich sein Geist wieder in den schwarzen, stinkenden Tümpel des Vergessens.

Beim nächsten Erwachen – mitten in der Nacht – lag er lange still zwischen den Laken und versuchte nachzudenken, während ein Monitor neben ihm, mit dem er durch Kabel verbunden war, flackerte und piepste. Er erinnerte sich genau daran, wie er auf der Bank in dem Wartehäuschen zusammengesackt war, und er erin­nerte sich daran, dass die weibliche Stimme vorhin gesagt hatte, er habe Glück gehabt. Das ließ eigentlich nur den Schluss auf einen Herzinfarkt zu. Mist.

Mist, dass er einen gehabt hatte?

Oder Mist, dass der Infarkt nicht stark genug gewesen war?

*

Viel später — einen Tag, mehrere Tage; er trug inzwischen nur noch einen kleinen Überwachungsapparat an einer Schnur um den Hals – erfuhr er von der Oberärztin, dass seine Vermutung richtig gewesen war. Aber nicht nur das.

Er war für eine Weile tot gewesen. Klinisch tot. Man hatte ihn unter großen Mühen und Sorgen zurückgeholt.

Wozu das Ganze?, hätte er am liebsten gefragt. Nein, er war eigentlich froh, dass er noch lebte, denn wer wusste schon, wie es auf der anderen Seite aussah. Ob es eine andere Seite gab? Und eigentlich war es ein schönes Gefühl, dass sich jemand um ihn kümmerte – wenn auch nur aus professionellem Interesse.

Vier Minuten, sagte man ihm, war er tot gewesen.

Vier Minuten in der Ewigkeit. Woran erinnerte er sich? War da ein strahlend helles Tor gewesen? Ein Engel? Jemand, der ihn abholen wollte? Mutter? Vater?

In jener Nacht konnte er nicht schlafen. Immer wieder ver­suchte er an die Zeit zwischen dem Einsetzen der Bewusstlosig­keit und dem Aufwachen zu denken. Aber da war nur Schwärze.

Nichts sonst. Niemand sonst.

III

Ich lag dort und hatte Angst, als ich an die Schwärze dachte. Und dann schaute ich aus dem dunklen Zimmer hinaus in die dunkle Nacht – fast wie hier in meiner Wohnung. Ferne, er­leuchtete Fenster, wie eine gewaltige Bühne, auf der aber kein Stück mehr gegeben wurde. Nicht wie früher. Und schon dort: dieses Gefühl der Fremdheit. Als hätte sich etwas verändert. Nun ja, ich hatte mich verändert. Wohl kein Wunder.

Aber ich will nicht meine eigene Geschichte schreiben, sondern die von Amon Ruf. Der Name — wie ist er mir eingefallen? – klingt: fremd. Gut. Ich kann mir vorspiegeln, er sei nicht ich. Er ist mir so fremd, wie ich es mir selbst bin.

Weiter. Weiter weg von mir. Der Abend ist noch lang. Und die Dunkelheit draußen mag ich nicht.

Vielleicht hilft: wieder hinein in mein fremdes Leben.

IV

Tag für Tag lag er in diesem Bett, in diesem Zimmer, allein, und starrte die weißen Wände und die Decke an. Die Decke…

Dort waren rostrote Flecken zu sehen, Schemen. Zwischen den Besuchen der Ärzte und Schwestern und Pfleger und Praktikanten und Essenshelfer musste Amon immer wieder nach oben schauen.

Persönlichen Besuch erhielt er nicht. Von wem auch? Er hatte

keine Familie mehr, und Anna wusste sicherlich nicht, was ihm zugestoßen war. Und Freunde …

Wegen Anna war er in diese große, laute, schäbige, rüpelhafte Stadt gezogen. Sie hatte hier ihr persönliches Umfeld, ihre Arbeit, und er hatte nur – sie. Ihre Freundinnen, ihre Freunde behagten ihm nicht, und sie mochten ihn nicht. Also blieb nur – sie. Das war in Ordnung gewesen, solange sie zusammengelebt hatten. Insgesamt sechzehn Jahre. Dann war es ihr zu viel geworden. Es sei ihr völlig unverständlich, dass Amon mit seiner erbärmlichen Stelle in der Stadtverwaltung zufrieden war; er versuche nicht, seine literarischen Werke an größere Verlage zu verkaufen, er be­mühe sich nicht um andere, bessere, repräsentablere Arbeit – so war es am Ende Tag für Tag gegangen. Sie hatte recht: Er hatte all das nicht getan. Aber sie hatte etwas übersehen: Er konnte es nicht. Er konnte sich nicht verkaufen, hatte es nie gekonnt. Er konnte sich nicht verbiegen, hatte es nie gekonnt. Ja, seine er­bärmliche Arbeit hatte ihm gereicht. Und sein Schreiben war sehr schnell zu einem bloßen Hobby herabgesunken. Als er einmal von einer Agentur vertreten worden und zu einem – nie veröffentlich­ten – Romanmanuskript von ihm angemerkt worden war, darin fehle der »Love interest«, hatte er die Geschäftsverbindung gelöst. Natürlich hatte Anna ihn deswegen heftig ausgeschimpft. Ja, es war eine Dummheit gewesen, denn die Agentur war renommiert, und er hätte sich fügen sollen, wenn er schon das Glück hatte, von ihr vertreten zu werden. Aber er hatte die gestellten Bedingungen nicht erfüllen können.

Und nun lebte er seit fünf Jahren allein in dieser schrecklichen Stadt. Er war bei Anna ausgezogen, hatte in einem üblen Hoch­hausviertel eine Wohnung gefunden, die er sich gerade noch leis­ten konnte, und kam mit seiner Frührente, die er seit fast einem Jahr bezog, mehr schlecht als recht über die Runden. Die meiste Zeit war er ganz froh, allein zu sein, aber jetzt hätte er doch gern gesehen, wenn sich die Tür zu seinem Krankenzimmer öffnen und jemand eintreten würde, den er kannte.

Die Schlieren an der Decke ergaben, wenn er die Augen zusam­menkniff, je nach Art und Grad der Beleuchtung ein Gesicht. Manchmal glaubte er, es sei das von Anna, dann wieder war es seine Mutter. Dort, wo er sich den roten Mund einbildete, hing etwas wie eine Zunge heraus. Herunter. Wie ein Wurm. Er zitterte dort oben in einem Luftzug, den Amon in seinem Bett nicht spürte. Er kniff die Augen fest zusammen.

Als er sie wieder öffnete, war der Wurm verschwunden. Wie auch das ganze Krankenzimmer. Draußen glitzerten ferne Fens­ter in der Umschlingung der Nacht. Er musste eingeschlafen sein. Amon atmete tief durch. Da lag kein eiserner Ring mehr um seine Brust. Er holte noch einmal Luft, bis er gleich zu platzen glaubte, dann stieß er sie wieder aus. Und freute sich.

Aber was, wenn…?

Er hob die Hand und hauchte sie an. Kein Gefühl eines Luft­zugs. Kein Härchen stellte sich auf.

Jetzt doch…?

Er tastete an seinem Nachttisch herum, spürte das Glas, das darauf stand, spürte die Tablettendose. Fand das Kabel mit dem Schalter daran. Sein Nachtlicht flammte auf. Nun, es funzelte eher auf. Aber jetzt stellten sich die Wände wieder in Reih und Glied, und oben an der Decke waren die fast schon vertrauten dunklen Umrisse zu erkennen – nur die rote Farbe war aus ihnen abgeflos­sen.

Amon setzte sich vorsichtig auf die Bettkante. Dann schlug er mit der flachen Hand auf seinen Oberschenkel. Es klatschte. Er spürte es. Er seufzte.

Alles war gut.

Er legte sich wieder ins Bett, war schweißnass von der Anstren­gung, löschte das Licht und schaute nach draußen.

Auch dort, hinten, fern, erlosch ein Licht nach dem anderen, als würde langsam ein Vorhang zugezogen. Und der Mond, der auf einem der höchsten Häuser wie auf einem Spieß steckte, war blut­rot.

Nichts war gut.

*

Am nächsten Morgen sagte ihm der Stationsarzt, dass man mit dem Verlauf seiner Genesung recht zufrieden sei.

»Wann kann ich nach Hause gehen?«, fragte Amon.

»Nach Hause?«, wiederholte der junge Arzt und schaute ihn über den oberen Rand seiner Lesebrille hinweg an. »Nach … Hause?« Es wirkte fast, als wollte er in Gelächter ausbrechen. »Mein Lieber, Sie sind erst seit einer Woche hier. Dass wir mit Ihren Fortschritten zu­frieden sind, heißt nicht, dass Sie schon gehen können.«

»Wie lange noch?«

Der junge Arzt nahm seine Brille ab und sah Amon tief in die Augen. Ihm wurde schwindlig. Das eiserne Band, das er seit ges­tern nicht mehr gespürt hatte, war plötzlich wieder da.

»Herr Ruf, Sie waren gestorben, wie Sie wissen. Da ist es eine lange Rückreise ins Leben. Ich glaube, es ist Ihnen gar nicht be­wusst, wie viel Glück Sie hatten.«

»Wie lange?« Er hörte, wie seine Stimme schwankte. Er wollte nach Hause. Weg von hier. Schweißperlen blühten wie Blumen auf seiner Stirn. Platzten auf. Eiterten.

»Mindestens noch eine Woche, vielleicht sogar zwei«, sagte der Arzt, drehte sich um und ging ohne ein weiteres Wort aus dem Zimmer. Vermutlich hatte man ihm das in der Ausbildung beige­bracht. Würge sie ab. Diskutiere nicht mit ihnen. Behandle sie wie Fleisch.

Amon sah ihm nach, wie er durch die offene Tür schritt. Er humpelte. Schloss die Tur hinter sich. Kurz darauf wurde sie wie­der geöffnet. Eine schwarzhaarige Krankenschwester mittleren Alters kam herein, mit einem Klemmbrett in der Hand. Nach ei­nem kurzen Blick darauf verkündete sie, Amon werde nun mobil gemacht. Es klang wie die Vorbereitung zum Krieg. Und so ähn­lich war es auch.

Er musste sich auf die Bettkante setzen, war schon wieder schweißnass – was ihm peinlich war. Die Schwester kniete sich vor ihn. Sie machte sich an seinen Beinen zu schaffen, bewegte sie vor und zurück, murmelte etwas von beginnender Muskelatrophie. Er sah ihr auf den gebeugten Kopf. Ihr schwarzer Haarschopf war dicht. So dicht, dass er nicht sehen konnte, was sich darin be­wegte. Aber es bewegte sich etwas, ganz deutlich. Als würde eine Maus im Haar herumlaufen. Oder als würde sich etwas durch den Schädel nach außen schlängeln.

Amon kniff die Augen zu. Nun setzte der Schmerz in seinen Beinen ein und vertrieb alles andere.

Veröffentlichung der Leseprobe mit freundlicher Genehmigung von Edition Dunkelgestirn

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