Jim Jackson – Ein zwölfjähriger Detektiv
Jim Jackson
Detektivgeschichten
Ein zwölfjähriger Detektiv
Wir hatten im vorherigen Kapitel den kleinen Jim dabei zurückgelassen, wie er darüber nachdachte, wie er den Mörder des alten Italieners Escassiori ausfindig machen könnte.
Jim hatte sich noch nicht bewegt, als seine Mutter aufstand. Sie pflegte ihn gewöhnlich bis kurz vor der Zeit schlafen zu lassen, zu der er zur Schule musste, da sie als verwöhnende Mutter wusste, wie süß den Kindern die letzten Minuten in der Wärme des Bettes erscheinen.
Sie ging ihren täglichen Hausarbeiten nach, als sie sich umdrehte und sah, dass ihr Sohn sich bereits anzog.
»Schon auf?«, fragte sie.
»Ja, Mama, ich konnte nicht mehr schlafen. Die Sonne hat mich im Auge gekitzelt«, antwortete er.
»Sieh mal an, diese böse Sonne! .Komm, gib mir einen Kuss.«
Mutter und Kind tauschten den gewohnten Morgenkuss aus.
»Du hast ganz müde Augen. Bist du krank?«, fragte Mrs. Jackson.
Jim beruhigte seine Mutter und machte sich für die Schule fertig. Er trank einen großen Becher Milchkaffee, aß zwei dicke Butterbrote dazu, warf einen Blick auf sein Aufgabenheft, schnallte seinen Schulranzen zu und schickte sich an zu gehen.
Mrs. Jackson gab ihm wie üblich zwei Cents für seine Schokoladen-Naschereien und ließ ihn nach ein paar Ratschlägen losziehen.
Er lief die Treppe hinunter, beugte sich gegen das Geländer, um schneller zu sein, und gelangte auf die Straße. Dort warf er einen Blick auf die Fenster ihrer Wohnung. Sie waren geschlossen. Seine Mutter sah ihm nicht nach. Wie aus einem spontanen Entschluss heraus bog er, anstatt nach rechts zur Schule, nach links ab in Richtung der 18th Street.
Wollte Louis, der Musterschüler, etwa die Schule schwänzen?
Als er auf einer von Bäumen gesäumten Straße angekommen war, blieb er vor einem Zeitungskiosk stehen und kaufte mit den zwei Cents für seine Zwischenmahlzeit zwei Zeitungen. Dann ging er zu einer Bank, setzte sich und entfaltete eines der Blätter. Seine Augen, die wenig an das Lesen der riesigen Zeitungen gewöhnt waren, überflogen die Spalten, und seine kleinen Arme waren kaum lang genug, um das Papierrechteck offenzuhalten.
Ein spöttischer Arbeiter fragte ihn: »Suchst du die Börsenkurse?«
Jim, ernst wie ein Papst, las ungestört weiter in den gedruckten Zeilen.
Plötzlich zuckte sein kleiner Körper zusammen, und ein Beobachter hätte sehen können, wie sich sein Gesicht vor verstärkter Aufmerksamkeit anspannte.
Sein Blick war von einer reißerischen Überschrift in Fettgedrucktem gefesselt worden: Das Verbrechen in der 12th. Street, und darunter die Unterüberschrift: Mord an einem Drehorgelspieler. – Raub als Motiv des Verbrechens. – Die Polizei sucht den Mörder.
Das war genau das, was Jim gesucht hatte. Er vertiefte sich aufmerksam in die Lektüre der Lokalzeitung. Mit einer Fülle tragischer Details erzählte der Reporter von der Entdeckung der Leiche, der Untersuchung des Gerichtsmediziners und verlieh den Aussagen der Hausmeisterin und der Nachbarn eine Bedeutsamkeit, von der diese braven Leute wohl kaum etwas geahnt hatten.
Als das Kind den Artikel zu Ende gelesen hatte, faltete es das Blatt ordentlich zusammen und wandte sich der Lektüre der anderen Zeitung zu. In ähnlichem Stil, mit ebenso zahlreichen wie schrecklichen Details, wurde dort das Verbrechen geschildert. Es wurde sogar Jims Anwesenheit erwähnt und seine Angst in ergreifenden Worten beschrieben.
Als er diesen zweiten Bericht beendet hatte, faltete er die Zeitung wieder zusammen. Nach kurzem Zögern stand er auf, orientierte sich und marschierte schnellen Schrittes in Richtung Broadway.
Zügig bahnte er sich seinen Weg durch die Menschengruppen und schlüpfte dank seiner geringen Größe durch das Gewirr von Verkaufsständen und Fahrzeugen aller Art. Als er vor der Polizeiwache ankam, blieb er stehen. Nachdem er zögernd seinen Kopf gekratzt hatte, schien Jim einen festen Entschluss zu fassen und steuerte auf die Treppe zu, die zu den Büros führte.
Er wollte gerade hinaufsteigen, als ihn eine tiefe Stimme anrief: »Das ist keine Schule hier, Knirps!«
Es war der Polizist, der dachte, es handle sich um den Streich eines Yankee-Lümmels. »Ich weiß dies wohl, Mister«, antwortete Jim.
»Dann mach, dass du wegkommst!«
»Ich muss mit Mister Coronar sprechen«, sagte das Kind.
»Mit dem Gerichtsmediziner sprechen?… Du traust dich ja was«, erwiderte der Beamte spöttisch. »Warum nicht gleich mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten?«
»Herr Wachtmeister, lassen Sie mich hochgehen, es ist sehr ernst.«
»Hat man dir etwa deine Murmeln gestohlen?«, brummte die Wache.
»Nein, Sergeant. Es ist wegen des Verbrechens.«
»Welchem Verbrechen?«
»Dem Verbrechen in der 12th Street.«
»Hast du es etwa begangen? Dann werde ich dich gleich einstecken.«
»Nein, nein, Mister … Ich war es nicht, aber ich weiß, wer es war.«
»Du weißt, wer es war?«
»Ja. Ich will es dem Coroner sagen.«
»Ist diese Lüge auch wirklich wahr?«
»Ich schwöre es Ihnen, Sergeant!«
Diese unschuldige Schmeichelei gewann den Polizisten für ihn.
»Geh in den ersten Stock und erzähl deine Geschichte. Aber wehe dir, wenn du mich belogen hast, dann verpasse ich dir eine Tracht Prügel.«
Jim eilte die steile, gerade Treppe hinauf, die zu den Büros führte. Er nahm sein Barett ab und trat ohne Zögern in den Raum, in dem sich die Angestellten und Inspektoren aufhielten.
Auf einer kreisförmigen, durch den Gebrauch glatt polierten Bank warteten zwei oder drei Personen, die vom Sekretär vorgeladen worden waren. Eine drückende Hitze erfüllte den Raum, die von einem zylindrischen Gusseisenofen ausging, der von einem Eisengitter umgeben war.
Hinter einer Holzbalustrade saßen an einem Schreibtisch zwei Schreibkräfte, die die Sorgfalt, die sie an den Tag legten, um die Justiz zu repräsentieren, gegenüber dem Publikum meist unfreundlich und gegenüber ihren Vorgesetzten unterwürfig machte.
Jim trat an die Balustrade heran. Sein Kopf reichte gerade bis zur Höhe der Eichenplatte.
»Noch so ein Dreikäsehoch, der sich eine Standpauke abholen will«, brummte einer der Angestellten.
»Hast du deiner Mutter ein paar Cents gemopst?«, knurrte der andere und bedachte Jim mit einem zornigen Blick.
Das Kind war durch das Gespräch mit dem Posten abgehärtet und bat mit recht ruhiger Stimme darum, wegen des Mordes an dem alten Italiener den Coroner sprechen zu dürfen.
»Der Coroner ist noch nicht da, wir bringen ihn zum Herrn Sekretär. Und sieh zu, dass du ihm nicht die Zeit stiehlst.«
Der Inspektor führte den Jungen ans Ende eines düsteren und schmutzigen Korridors. Nachdem er sein Eintreten durch zwei diskrete Klopfer angekündigt hatte, betrat er das Büro des Sekretärs.
»Das ist ein Junge, der wegen des Verbrechens in der 12th Street den Chef sprechen möchte.«
»Was weiß er denn?«, fragte der Sekretär und blickte auf.
»Antworte, Junge«, forderte der Inspektor und schob das Kind nach vorne.
»Herr Sekretär«, sagte Jim, »ich glaube, ich weiß, wer meinen guten Freund Escassiori getötet hat.«
Der Sekretär sprang von seinem Stuhl auf. »Du kennst den Mörder?«
»Ich glaube ja.«
Der Sekretär warf einen Blick auf die pneumatische Uhr, die die Zeit anzeigte. »Fünf Minuten vor zehn. Der Chef wird gleich da sein. Gut, Walter, lassen Sie uns allein. Und du, wie heißt du?«
Der Sekretär zog ein Blatt Papier mit Briefkopf aus einem Fach und schickte sich an, es auszufüllen.
»Setz dich und gib mir deinen Nach- und Vornamen.«
Ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen, gab Jim seine Personalien an. Der Sekretär schrieb die Antworten des Kindes auf. Diese Vorbereitungen neigten sich gerade dem Ende zu, als Mr. Sunderland, der Gerichtsmediziner, eintraf.
Er war ein kleiner Mann, flink wie ein Eichhörnchen, trotz seines spitzen Bauches. Er galt als hervorragender Beamter in diesem Bezirk, den er vor Gaunern zu schützen hatte.
»Nun?«, sagte er, als er das Büro des Sekretärs betrat. »Wie es scheint, haben wir hier einen jungen Detektiv, der den Mörder von Escassiori gefunden hat.«
Und er tätschelte Jims Wange, der beim Anblick des Coroners rot geworden war. »Haben Sie das Vernehmungsprotokoll vorbereitet?«, fuhr er fort.
»Ja, Coroner.«
»Dann wollen wir mal. Erzähl deine Geschichte und hab vor allem keine Angst. Wenn man aus dem, was du uns sagen wirst, wirklich etwas machen kann, verspreche ich dir einen schönen Dollar für deine Sparbüchse. Übrigens scheint es mir, als hätte ich dich schon einmal gesehen.«
»Ja, Herr Coroner«, antwortete Jim. »Ich bin es, der Mister Escassiori ermordet in seinem Bett gefunden hat, und Sie haben mich im Zimmer gesehen, als Sie kamen.«
»Was hast du dort gemacht?«
»Mister Escassiori war mein großer Freund. Ich besuchte ihn jeden Tag.«
»Und du glaubst, bei ihm denjenigen gesehen zu haben, der ihn getötet hat, wette ich?«, hinterfragte der Magistrat, dessen Aufmerksamkeit nun voll geweckt war.
»Ja, Mister!«
»Pass gut auf, was du sagst… Denn wenn du uns eine der Personen nennst, die zum Drehorgelspieler kamen, als fähig, ihn ermordet zu haben, und du dich irrst, wirst du einem Unschuldigen Schaden zufügen.«
»Oh! Ich bin ganz sicher, Coroner! Ich habe den Stein gesehen.«
»Den Stein? Welchen Stein? Meinst du den Plättstein, den man blutüberströmt aufgefunden hat und der hier steht?«, fragte der Magistrat und nahm den blutbefleckten Gegenstand vom Kamin, der sicherlich dazu gedient hatte, den Siebzigjährigen zu töten.
»Ja, genau diesen Stein! Ich habe ihn vorher gesehen«, affirmierte Jim schaudernd.
Mr. Sunderland fuhr fort: »Gehen wir der Reihe nach vor. In wessen Händen hast du diesen Stein bemerkt?«
»In den Händen eines Italieners, der von Zeit zu Zeit zu Mister Escassiori kam und ihn um Geld bat.«
»Unter welchem Vorwand?«
»Er gab sich als Cousin des Drehorgelspielers aus.«
»Was hat er beruflich gemacht?«
»Er hatte einen kleinen Karren mit einem großen Schleifstein und schärfte Messer. Ich habe ihm sogar einmal Mamas Schere gegeben.«
»Das ist gut«, murmelte Mr. Sunderland.
Und Jims Aussage ging weiter. Obwohl er weder den Namen noch den Wohnort des angeblichen Cousins von Escassiori kannte, konnte er doch eine Personenbeschreibung abgeben, deren Genauigkeit die beiden Beamten überraschte.
Als der Magistrat aus dem Kind alles herausgeholt hatte, was ihm bei den Nachforschungen zu helfen schien, zog er einen nagelneuen Dollar aus seiner Uhrentasche und sagte: »Hier, nimm das. Du sagst deiner Mama, dass ich dir den gegeben habe, und dass du noch zehn weitere bekommst, wenn man den Mörder dank dir festnimmt.«
Und indem er Jim mit einer vertrauten Geste ins Kinn kniff, entließ er ihn mit der Empfehlung, außer mit seiner Mutter mit niemandem über das zu sprechen, was er gerade offenbart hatte.
Jim stieg die Treppe der Polizeiwache leichten Herzens hinab. Es schien ihm, als müsse Escassiori darüber erfreut sein, was er getan hatte, um seinen Mörder zu bestrafen.
Er kehrte rasch ins mütterliche Haus zurück.
Mrs. Jackson war sehr erstaunt, ihn lange vor Schulschluss nach Hause kommen zu sehen.
»Schon da?«, fragte sie.
Ich bin nicht in der Schule gewesen.«
»Wie? Du hast die Schule geschwänzt?«
»Ja, ich komme gerade vom Gerichtsmediziner.«
»Unglückseliger! Was hast du angestellt? Du hast sicher Scheiben eingeworfen, wette ich?«
»Nein, Mama!«
»Los, sprich. Warum warst du auf der Polizeiwache?«
Das Kind erzählte daraufhin von seinen nächtlichen Träumen, seinem Entschluss am Morgen und allem, was es getan hatte. Seine Mutter hörte ihm zu, erstaunt über eine solche Tatkraft, und wusste nicht recht, ob sie ihren Sohn loben oder tadeln sollte. Aber ihr blieb der Mund offen stehen, als er aus seinem Taschentuch, in das er ihn geknotet hatte, den von Mr. Sunderland geschenkten Dollar hervorzog.
»Das ist für meine Sparbüchse. Und ich bekomme noch zehn weitere!«
Zwei Tage lang sprach man in der kleinen Wohnung, die die beiden bewohnten, kaum von etwas anderem als von diesem Ereignis.
Am folgenden Abend, gerade, als sie sich vor einem gut duftenden Lammragout mit Kartoffeln an den Tisch setzen wollten, klopfte es an die Tür. Es war ein Polizist, der ein Schreiben überbrachte, das er Mrs. Jackson aushändigte.
Diese öffnete es mit leicht zitternden Händen. In wenigen Zeilen teilte der Gerichtsmediziner die Festnahme von Escassioris Mörder mit, der sein Verbrechen gestanden hatte, und bat Mrs. Jackson, ihm ihren Sohn vorbeizubringen, der ihm in diesem Fall so nützlich gewesen war.
Aus diesem Schritt entstand Jims Berufung. Der Coroner, der sich für ihn interessierte, verfolgte seine Ausbildung, und der Jugendliche begeisterte sich nach und nach für die bildhaften Erzählungen spektakulärer Festnahmen, die ihm der Beamte lieferte.
Eines Tages stieß er in der Bibliothek seines Beschützers auf die Reihe der Memoiren berühmter Polizisten. Von da an träumte Jim nur noch davon, sich in der Nachfolge dieser Persönlichkeiten einen Namen zu machen. Er wollte alle körperlichen wie geistigen Eigenschaften besitzen, da er erkannte, dass in unserer heutigen Zeit die Jagd nach dem Mörder schwieriger ist, denn je.
Er lernte alle europäischen Sprachen, um Verbrecher in jedem beliebigen Land verfolgen zu können, und vervollkommnete sich im Sport.
Wir haben aus den vorherigen Erzählungen gesehen, wie viel Geschicklichkeit er an den Tag zu legen wusste, um die Schuldigen festzunehmen.
Einzig Nottingham, dem Mörder von Mr. Preakin, dem Rentner aus der 23th Street, war es gelungen, ihm zu entwischen.
Daher musste es ein Kampf auf Leben und Tod zwischen den beiden Gegnern werden – der eine repräsentierte das Verbrechen, der andere die Gerechtigkeit.
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