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Die Gespenster – Vierter Teil – 42. Erzählung

Die Gespenster
Kurze Erzählungen aus dem Reich der Wahrheit von Samuel Christoph Wagener
Allen guten Schwärmern, welchen es mit dem Bekämpfen und Ablegen beunruhigender Vorurteile in Absicht des Geisterwesens ernst ist, liebevoll gewidmet von dem Erzähler Friedrich Maurer aus dem Jahr 1798
Vierter Teil

Zweiundvierzigste Erzählung
Die Erscheinungen von Frankfurt an der Oder

Als ich zwischen 1775 und 1778 in Frankfurt an der Oder studierte, kam mein Vermieter, der Schlachtermeister Schmidt, eines Abends zu mir. Er berichtete aufgeregt, dass es in der Lebuser Vorstadt gewaltig spuke. Er habe gerade selbst mit dem Betroffenen gesprochen: einem dort wohnenden Schiffbauer, dessen Name mir entfallen ist. Dieser Mann sei schier verzweifelt und habe klagend geäußert, er würde hundert Taler geben, wenn jemand das Gespenst vertreiben und ihn davon befreien könnte.

Es war gegen neun oder zehn Uhr an einem mondhellen Sommerabend – also schon recht spät. Dennoch hielt mich nichts davon ab, mich sofort auf den Weg zu machen. Mich trieb die Neugier, ein Gespenst zu sehen, oder zumindest der Wunsch, einen Betrug aufzuklären.

Als ich beim Haus des Schiffbauers ankam, stand die Haustür offen. Auch die Stuben- und Kammertüren waren unverschlossen, doch im gesamten Haus war keine Menschenseele zu finden. Ich wandte mich daher an die Nachbarn, von denen einige noch vor ihren Häusern saßen. Alle bestätigten mir fest überzeugt, dass es im Haus des Schiffbauers spuke. Es müsse mich nicht wundern, dass das Gebäude leer stehe, denn niemand wage sich so leicht hinein. Schließlich wies man mich zum nahe gelegenen Schiffbauerdamm. Dort traf ich den Bewohner tatsächlich an: Er saß ganz allein und tief in Gedanken versunken auf einem Stück Bauholz.

Wir kamen schnell ins Gespräch. Ich setzte mich zu ihm, und er vertraute mir seine Geschichte an:

Vor etwa einem Jahr sei seine erste Frau krank geworden – genau zu der Zeit, als er eine wichtige Reise antreten musste. Obwohl ihm ihr Zustand Sorgen bereitete, reiste er auf Zureden seiner Schwiegermutter dennoch ab. Letztere hatte er zur Pflege seiner Frau ins Haus geholt. Doch kaum war er zwei Tage unterwegs, erreichte ihn ein Bote: Er solle auf der Stelle zur sterbenden Frau zurückkehren.

Bei seiner Ankunft war sie bereits sprachlos, aber sehr unruhig und ängstlich. Man merkte ihr an, dass ihr etwas schwer auf dem Herzen lag, das sie ihm unbedingt noch mitteilen wollte. Sie strengte sich verzweifelt an zu sprechen, bringt aber vergeblich kein Wort heraus. Nur ein einziges Mal gelang es ihr noch, leise das Wort Geld zu stammeln, während sie zur Kammer deutete. Wenige Augenblicke später verstarb sie.

Etwa zwei Wochen nach ihrem Tod ging er zufällig in die Kammer neben der Wohnstube. Dort hatte er seit dem Siebenjährigen Krieg Geld vergraben – ein Versteck, von dem außer ihm nur seine verstorbene Frau gewusst hatte. Nun fiel ihm auf, dass das Steinpflaster an dieser Stelle erst vor Kurzem aufgerissen und neu verlegt worden war. Seine Schwiegermutter redete ihm das zwar aus und behauptete, sie wisse nicht, was man dort hätte suchen sollen. Dennoch blieb er misstrauisch: Hatte seine Frau ihrer Mutter etwa vom Geld erzählt? Und hatte die Schwiegermutter seine Abwesenheit genutzt, um den Schatz zu stehlen? Sollte seine Frau diesen Vertrauensbruch bemerkt haben, ließe sich ihre große Todesangst und ihr letztes Wort Geld leicht erklären.

Um Gewissheit zu erlangen, suchte er das Versteck an einem Tag auf, an dem er allein im Haus war. Seine Befürchtung bestätigte sich: Das Geld war spurlos verschwunden. Er stellte seine Schwiegermutter zur Rede, auf die allein der Verdacht fiel. Sie stritt jedoch alles energisch ab und verließ das Haus bald darauf im Streit.

Nun war der Schiffbauer allein mit seinem Dienstmädchen. Da sie sich schon seit Jahren treu um seinen Haushalt gekümmert hatte und er sie mochte, heiratete er sie schließlich. Bis dahin war im Haus alles ruhig geblieben. Doch kurz nach der Hochzeit begann seine verstorbene Frau zu spuken. Er selbst hatte den Geist zwar nie gesehen, aber das nächtliche – und manchmal auch tägliche – Poltern war so furchtbar, dass sogar sein Gehör darunter gelitten hatte; der Mann war tatsächlich schwerhörig geworden. Das Gespenst sei stets zuerst im Raum zu hören, in dem die Verstorbene aufgebahrt gelegen hatte. Von dort tobe es durch die Wohnstube, die Kammer mit dem Versteck, die Küche bis hinauf auf den Dachboden. Nicht selten komme es sogar zu ihm und seiner neuen Frau ins Bett, wo er vor Schreck gelähmt sei. Der Schiffbauer schloss betrübt, er könne gar nicht sagen, wie unglücklich er sei. Die Nachbarn hätten das Gepolter ebenfalls gehört, und seine Frau habe den Geist sogar schon mehrfach gesehen.

Der alte Mann war tief bewegt, als er mir das erzählte, und er tat mir sehr leid. Ich versprach, ihm zu helfen, wollte aber zuerst mit seiner Frau sprechen. Ich begleitete ihn nach Hause, doch da die Frau noch immer nicht da war, verabschiedete ich mich für diesen Abend mit dem Versprechen, am nächsten Tag wiederzukommen.

Am folgenden Abend fand ich mich wie vereinbart wieder ein. Mein Plan war es, die Nacht im Spukhaus zu verbringen, um dem Geist auf die Spur zu kommen. Diesmal waren Mann und Frau zu Hause und sangen gerade ein Abendlied. Ich wartete das Ende ihrer Andacht ab und trat dann ein. Der Schiffbauer hieß mich herzlich willkommen und stellte mich seiner Frau vor. Sie berichtete mir auf Nachfrage Folgendes:

Sie habe das Gespenst schon oft gesehen. Es sei der leibhaftige Geist der verstorbenen Frau, der im Haus umgehe; er sehe ihr nicht nur täuschend ähnlich, sondern trage auch ihre Kleider. Zuweilen zeige er sich sogar tagsüber. Erst vor Kurzem, als sie zu Mittag beteten, sei der Geist in der Nebenstube erschienen. Ein andermal sei er von der Bodentreppe heruntergekommen, woraufhin die Waschfrauen vor Schreck laut schreiend davongelaufen seien.

Es stimme auch, dass das Gespenst zu ihr ins Bett komme. Nachdem es lange genug unter dem Bett getobt und dieses schwebend angehoben habe, werfe es sich plötzlich mit dem Gewicht eines vollen Mehlsacks zwischen sie und die Wand. Warum nur sie und nicht ihr Mann den Geist sehen könne, wisse sie nicht – es sei denn, es liege daran, dass sie ein Sonntagskind sei.

»Wenn das der Grund ist, liebe Frau«, erwiderte ich, »dann muss das Gespenst auch mir erscheinen! Denn ich weiß mit Sicherheit, dass ich an einem Sonntag geboren bin. Lassen Sie uns gleich nachsehen, ob wir den Geist finden können.«

Mit einer Kerze in der Hand ging ich voran. Die beiden folgten mir zögerlich und voller Scheu – selbst die Frau, die sich doch an den Geist gewöhnt haben wollte. Ich sprach dem Mann Mut zu. Zuerst durchsuchten wir die Nebenstube, aus der der Geist gewöhnlich auftauchte. Ich untersuchte die Betten gründlich und ließ mir die Schränke öffnen, da ich hoffte, einen Betrüger zu entlarven. Doch der Geist blieb unsichtbar. Auch in der Wohnstube und der angrenzenden Kammer war die Suche vergebens.

Da ich nun einmal da war und mich auf eine Nachtwache eingerichtet hatte – ausgerüstet mit einem Buch zur Unterhaltung und einem soliden Dornstock für den Geist –, schlug ich vor, die Nacht über im Haus zu bleiben. Ich wollte mich in der Kammer verbergen, während die beiden beruhigt schlafen gehen konnten. Ich würde wachen und sofort einschreiten, sobald sich etwas regte.

Beide sahen mich erstaunt an; sie hatten mir so viel Mut wohl nicht zugetraut. Der Mann war schnell einverstanden, doch die Frau brachte ein Argument nach dem anderen vor. Je weniger ich auf ihre Einwände einging, desto verlegener wurde sie.

Schließlich meinte sie ausflüchtend: Wir hätten derzeit abnehmenden Mond, und da zeige sich das Gespenst ohnehin fast nie. Erst bei zunehmendem Mond, besonders um Vollmond herum, spuke es jede Nacht. Wenn ich es ihr also nicht übel nähme, würde sie mich bitten, in den nächsten Wochen nicht wiederzukommen, da meine Anwesenheit bei abnehmendem Mond ohnehin nutzlos sei. Erst in vierzehn Tagen solle ich wiederkehren, da das Gespenst dann umso gewisser erscheinen werde.

Dagegen konnte ich schwer etwas einwenden. Zudem berief sie sich auf ihren Mann, und ich merkte deutlich, wie sehr sie darauf brannte, mich fürs Erste loszuwerden. Dennoch sprach ich noch weiter mit dem Schiffbauer. Ich versuchte ihn zu überreden, beim nächsten Mal beherzt über seine Frau hinwegzugreifen und das Gespenst zu packen, sobald es wieder zu ihnen ins Bett steige. Er jedoch meinte, ich habe gut reden: Ich wisse ja gar nicht, wie verängstigt man in so einem Moment sei. Er fragte mich, ob ich denn überhaupt keine Furcht kenne – schließlich könne es gut sein, dass ich dem Geist selbst noch an diesem Abend begegne. Ganz in der Nähe wohne nämlich ein Mann, der Geister beschwören könne. Wenn ich wolle, könne er ihn sogleich herbeirufen.

Dieses Angebot war mir überaus willkommen. In der Hoffnung, dabei zumindest einen Betrüger zu entlarven, bat ich ihn, den Geisterbeschwörer sofort zu holen. Der Schiffbauer brach sogleich auf, kehrte jedoch schon nach wenigen Minuten unverrichteter Dinge zurück: Der Mann sei nicht zu Hause gewesen.

Als ich ihm anschließend darlegte, warum kein vernünftiger Mensch an Gespenster glauben könne, fragte er mich plötzlich: »Glauben Sie denn nicht, was in der Bibel steht?« Ich horchte auf. Sogleich legte er eine große Bibel auf den Tisch, stellte sich davor und bat mich, das 28. Kapitel aus dem 1. Buch Samuel aufzuschlagen. Kaum hatte ich die Seite aufgeschlagen, riss er erschrocken die Augen auf und rief: »Da ist sie!«

Ich muss gestehen, dass mich dieser plötzliche Ausruf heftig erschreckte. Einen Moment lang glaubte ich tatsächlich, die verstorbene Frau stehe nun leibhaftig hinter mir! Ich sprang vom Stuhl auf, blickte mich um und spähte in alle Winkel des Raumes – doch da war absolut nichts.

»Ich sehe nichts«, sagte ich enttäuscht. »Wo soll sie denn sein?«

»Sehen Sie denn nicht?«, erwiderte der einfältige Mann und zeigte mit dem Finger auf einen Holzschnitt direkt über dem Text. »Da ist sie doch!«

Nun sah auch ich es: In schauriger Gestalt – mit aufgerissenem Mund, starrem Blick, zu Berge stehenden Haaren und erhobenen Händen – war dort die Hexe von Endor abgebildet, und etwas abseits der Geist Samuels, den sie für den verzweifelten König Saul herbeigerufen hatte. Wütend auf mich selbst, dass mich ein so lächerliches Missverständnis in Schrecken versetzt hatte, versuchte ich ihm zu erklären, dass auch die Hexe von Endor nur eine Betrügerin gewesen sei. Doch gegen seinen tief sitzenden Aberglauben richteten meine Argumente nichts aus. Da ein längeres Bleiben an diesem Abend zwecklos war, verabschiedete ich mich mit dem Versprechen, um die Vollmondzeit wiederzukommen. Zum Abschied schärfte ich ihm ein, dass ich den Spuk im Haus unbarmherzig aufdecken würde.

Dabei blickte ich seiner jungen Frau scharf ins Gesicht. Ihre extrem verlegene Miene war mir Beweis genug, dass mein Verdacht gegen sie vollkommen begründet war.

Zu Hause besprach ich das Erlebnis noch mit meinem Vermieter, einem recht aufgeklärten Mann. Es war bereits nach Mitternacht, als ich ins Bett ging. Meine aufgewühlte Fantasie ließ mich jedoch nicht schlafen. Warum, dachte ich bei mir selbst, »erscheinen Geister eigentlich immer nur Einfältigen oder Ängstlichen? Warum scheuen sie die Gegenwart eines ruhigen, vernünftigen Forschers? Jetzt wäre die Stunde, da die Pforten zur Geisterwelt offenstehen – warum beweist mir nicht einer von ihnen seine Existenz?

»Hättest du denn wirklich den Mut dazu?«, fragte mich eine innere Stimme. »Denk an die Hexe von Endor!« Dieser Gedanke beschämte mich zwar, schmälerte meine Neugier aber keineswegs. Im Gegenteil: Ich verlangte immer sehnlicher nach einem Zeichen.

Plötzlich unterbrach ein scharrendes Geräusch über meiner Dachkammer die Stille. Aha!, dachte ich begeistert. Das Gespenst kommt von oben! Ich setzte mich aufrecht hin und wartete gespannt. Das Scharren verstummte – doch im selben Moment flog meine Kammertür auf! Eine lange, weiße Gestalt schwebte herein, steuerte auf meinen Arbeitstisch in der Raummitte zu und blieb dort stehen. Vom Bett aus, das an einem Innenfenster zur Stube stand, konnte ich im hellen Mondlicht alles genau beobachten. Ich sah deutlich, wie sich die Gestalt über den Tisch beugte und mit den Händen suchte.

Ich rief ihr laut ein »Wer da?« zu, doch sie reagierte nicht. Schnell sprang ich aus dem Bett, warf meinen Schlafrock über, ergriff einen Degen von der Wand und wollte auf die Gestalt losgehen – es hätte schließlich auch ein Einbrecher sein können. Doch als ich wieder durch das Fenster blickte, war die Erscheinung spurlos verschwunden!

Fassungslos öffnete ich die Tür und trat mit gezogenem Degen in die Stube. Weder am Tisch noch sonst wo im Raum war etwas zu sehen. Ich war vollkommen wach gewesen; meine Augen hatten mich definitiv nicht getäuscht! Ich durchsuchte das gesamte Haus, fand aber nichts – außer einem großen Hund unten im Flur, der mich freundlich begrüßte.

Unter vielen Grübeleien legte ich mich wieder schlafen. Das Scharren über dem Zimmer, so überlegte ich, stammte wohl von einem abgerutschten Dachziegel. Aber die weiße Gestalt? Dass mein Vermieter mir einen Streich gespielt hatte, schien mir unwahrscheinlich, da außer ihm niemand von meinem nächtlichen Ausflug gewusst hatte. Dennoch lag die Vermutung nahe, dass es sich um ein natürliches Ereignis handelte.

Am nächsten Morgen ging ich als Erstes in den Hof und fand dort tatsächlich die frischen Scherben des herabgefallenen Dachziegels. Mein Vermieter schwor Stein und Bein, von einer nächtlichen Erscheinung nichts zu wissen. So musste ich das Rätsel vorerst ungelöst lassen.

Voller Spannung wartete ich nun auf den Mondwechsel, um den Spuk beim Schiffbauer endlich aufzuklären. Sobald das erste Viertel des zunehmenden Mondes erreicht war, suchte ich das Haus erneut auf. Doch ich kam zu spät: Der Schiffbauer – den ich allein antraf – strahlte mich an und verkündete freudig, dass das Gespenst endlich vertrieben sei!

Er erzählte mir, dass der Spuk nach meinem letzten Besuch zwar noch einmal aufgetaucht sei, seine Frau daraufhin aber zu einem Geisterbanner gegangen sei. Dieser habe den Geist vor wenigen Tagen endgültig vertrieben. Welcher Mittel sich der Mann bedient hatte, wusste der Schiffbauer nicht. Seine Frau habe ihm jedoch erzählt, der Geist sei nun »bannt und verschrieben«.

Er führte mich in die Stube und zeigte mir stolz die Innenseite der Tür: Dort war mit Kreide ein runder Kreis mit unverständlichen Zauberzeichen und der Bibelstelle Matthäus 4, 10 aufgezeichnet.

Ich musste innerlich lachen über die grenzenlose Naivität des Mannes. Er war erneut auf einen Schwindel hineingefallen – und seine Frau hatte ihm dafür sogar noch zehn Reichstaler als angebliches Honorar für den Geisterbanner abgeluchst! Überschwänglich dankte er mir für meine Hilfe und zeigte sich überzeugt, dass Gott ihm nun endlich die Ruhe zurückgegeben habe.

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