Felsenherz der Trapper – Teil 03.3
Felsenherz, der Trapper
Selbst Erlebtes aus den Indianergebieten erzählt von Kapitän William Käbler
Erstveröffentlichung im Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1922
Überarbeiteter Text
Band 3
Der Kundschafter von Fort Kavett
3. Kapitel
Am Berg der Hasen
Inzwischen waren Billy, der Skalpierte und der Klapperschlangenjäger längst am Berg der Hasen angelangt. Sie hatten dort in einer kleinen Schlucht ihr Lager bezogen und für ihre Pferde Gras geholt, das in der Prärie stellenweise sehr hoch stand.
»So, nun könnt ihr euch beide niederlegen«, meinte der lange Billy. »Ich werde die erste Wache bis drei Uhr morgens übernehmen. Dann kommt Ihr dran, Barnley, und bis dahin wird es längst hell sein.«
Sie hatten hinter einem großen Stein in der engen Schlucht ein Feuer angezündet, es jedoch nur ganz schwach brennen lassen, damit der Lichtschein nicht weithin auffiel. Billy steckte sich mit einem glühenden Zweig seine kurze Pfeife an, nahm seine Büchse und verließ die Schlucht.
Pickparell, der Naturforscher, schaute ihm nach und sagte zu dem Skalpierten: »Nun habe ich doch endlich ein paar echte Westmänner und einen berühmten Indianerhäuptling kennengelernt. Doch Master, was das einsame Blockhaus am Rio Pecos betrifft: Da habt nicht Ihr, sondern ich recht! Ich habe nicht geträumt. Es gibt dort ein solches Blockhaus, und ich könnte es Euch ganz genau beschreiben. Es ist recht groß, langgestreckt und lehnt sich an die Felswand des Tals an, die sich über dem Dach in einem großen Vorsprung wie ein Balkon vorwölbt. Mag sein, dass ich das bin, was ihr Westmänner ein Greenhorn nennt, Master – aber meine fünf Sinne habe ich ebenso gut beisammen wie Ihr.«
Der Skalpierte schüttelte den Kopf. »Und trotz allem, Master Pickparell – ich kann nicht daran glauben! Die Apachen würden dort niemals einen Siedler dulden.«
»Und wer hat mir dann die gebratene Hirschkeule hingelegt?!« rief der Klapperschlangenjäger gereizt und schlug sich wütend auf den Schenkel. »Und wer hat mir diesen roten Streifen hier am Hals besorgt? Doch nur dieselbe Lassoschlinge, die mich von der Tür des Blockhauses weggerissen hat!«
Bei den letzten Worten öffnete er sein Halstuch und deutete auf die noch deutlich erkennbare Würgespur eines Lassos.
»He – seid Ihr nun eines anderen Sinnes geworden, Master?« fügte er immer aufgebrachter hinzu. »Tom Pickparell ist ein Bücherwurm, gewiss! Er schießt auch miserabel und könnte die Spur eines Roten nie von der eines Weißen unterscheiden. Aber –«
»Schon gut!«, erwiderte der schwarzbärtige Skalpierte begütigend. »Wie wäre es, Master, wenn wir uns das merkwürdige Blockhaus einmal von nahem anschauten? Die anderen machen fraglos auch mit – der Comanche, Felsenherz und der lange Billy. Glaub mir, Master: Mit diesem einsamen Blockhaus muss es eine ganz besondere Bewandtnis haben! Der Zugang zu dem Tal muss auch sehr versteckt liegen, sonst …«
»Stimmt, stimmt! Es gibt dort einen reinen Irrgarten aus Canyons, kahlen Felsen und schroffen Schluchten. Jedenfalls hätte ich den Weg in das Tal niemals allein zurückgefunden.«
»Also abgemacht! Wir werden es riskieren. Ein Teil der Apachen ist jetzt auf dem Kriegspfad, aber diesem Geheimnis muss ich auf den Grund gehen. Jetzt gute Nacht, Master – oder vielmehr, ich sage wohl besser Tom, ebenso wie Ihr mich getrost bloß Barnley zu nennen braucht.«
»Schlafen?! Ich bin gar nicht müde – ich werde mir drüben in den Büschen einen Gabelstock schneiden und noch ein wenig nach Klapperschlangen suchen. Der Mond scheint so hell, dass ich gewiss noch einige der Giftreptilien erwischen werde.«
Er stand auf und schritt davon.
Felsenherz hatte die Richtung nicht genau eingehalten, wie er bei seinem Ritt zum Berg jetzt allmählich erkannte, denn seiner Berechnung nach hätte er diesen längst vor sich haben müssen.
Er ließ seinen Braunen in den Schritt fallen und blickte sich nach allen Seiten um.
Ah – dort drüben im Osten glaubte er etwas Dunkles, Hochragendes zu bemerken. Der Mond war jedoch hinter dünnen Wolkenschleiern hervorgetreten, und so konnte Felsenherz nach nochmaliger scharfer Prüfung des dunklen Flecks mit Bestimmtheit annehmen, dass es der Berg der Hasen war.
Er ritt weiter in östlicher Richtung.
Dann zügelte er abermals sein Pferd; seine Augen waren starr auf den vielleicht noch achthundert Meter entfernten Berg und auf einen Punkt gerichtet, an dem ein fast kreisrunder Feuerschein aufgeleuchtet war.
Felsenherz überlegte. Kein Zweifel: Dieser feurige Kreis konnte nur dadurch entstanden sein, dass jemand einen brennenden, harzigen Fichtenast sehr schnell im Kreis herumgeschwungen hatte.
Also ein Signal!, dachte der junge Trapper. Und zwar ein Signal, das fraglos von einem Apachenspäher gegeben wurde!
Felsenherz sprang aus dem Sattel, ließ seinen Braunen, der eine indianische Dressur genossen hatte, sich niederlegen und schritt zu Fuß auf den Berg zu.
Der feurige Kreis erlosch sehr bald. Felsenherz merkte sich genau die Stelle, an welcher der Apache gestanden haben musste. Er war inzwischen bis auf dreihundert Meter herangekommen.
Nun begann er zu kriechen.
Nach einer Viertelstunde hatte er jene Stelle erreicht, an der die Fackel geschwungen worden war. Ein Irrtum war ausgeschlossen. Mit allergrößter Vorsicht erklomm er den Bergvorsprung, neben dem rechts eine Gruppe Fichten stand. Nun lag er lang ausgestreckt zwischen ein paar Steinen und lauschte.
Die Fichten, zum Teil riesige Stämme, rauschten leise. Sonst war nichts zu hören.
Halt – da gurrte eine Wildtaube in den Bäumen.
Felsenherz lächelte grimmig. Das war kein Vogel, nein, das war ein Mensch, der das Gurren nachahmte!
Der junge Trapper drückte sich noch enger an die Steine. Alle seine Sinne waren aufs Äußerste gespannt.
Da – wieder das Gurren.
Und nun gewahrte er auch links von seinem Versteck auf einer Terrasse des Berges zehn Apachen, die wie Gespenster den Fichten zuhuschten. Sie kamen so dicht an ihm vorüber, dass er sie hätte mit der ausgestreckten Hand berühren können.
Wie Gespenster verschwanden sie im schwarzen Baumschatten.
Felsenherz griff für alle Fälle nach seinem Tomahawk, jener zierlichen und sauber gearbeiteten Waffe, die ihm sein roter Bruder, der Häuptling der Comanchen, geschenkt hatte.
Minuten verstrichen. Dann tauchten die zehn Apachen wieder auf, eilten in dieselbe Richtung davon und kletterten in die Prärie hinunter, wo die milchige Dämmerung des Mondlichts sie bald verschluckte.
Felsenherz war gespannt, mit wem sich die Apachen dort in der Fichtengruppe getroffen haben könnten. Dass sie durch das Feuersignal herbeigerufen worden waren, schien ihm gewiss, ebenso dass das Gurren für sie das Zeichen gewesen war, sich getrost näher heranzuwagen.
Wer aber hatte dieses Zeichen gegeben?!
Dies musste Felsenherz um jeden Preis herausfinden.
Er wartete geduldig. Und – nach weiteren fünf Minuten trat aus den Tannen ein Weißer hervor: ein dunkelbärtiger, buckliger Mensch in einem blauen Leinenanzug.
Felsenherz beobachtete jede Bewegung dieser seltsamen Gestalt.
Merkwürdig – der Mann hatte nicht einmal eine Waffe bei sich! Seine Kleidung glich genau der eines Heizers jener plumpen Raddampfer, die im südlichen, zivilisierten Texas auf dem Rio Grande del Norte verkehrten.
Und doch – der blonde Trapper fand ebenso schnell heraus, dass dieser Fremde, der hier eine geheime Zusammenkunft mit den Apachen abgehalten hatte, ein vortrefflicher Westmann sein musste. Die geschmeidigen Bewegungen, der wippende, lautlose Gang und das stete Drehen und Wenden des Kopfes mit den argwöhnischen Augen bewiesen, dass dem Fremden das Leben in der Wildnis keineswegs neu war.
Felsenherz war rasch entschlossen: Er musste diesen Mann fangen! Es handelte sich hier ohne Zweifel um einen Spion der Mexikaner.
Der Fremde stand nun lauschend etwa drei Schritte vor dem Versteck des jungen Trappers, den Rücken halb ihm zugewandt.
Felsenherz hatte seine Büchse zuvor beiseitegelegt.
Nun richtete er sich auf – mit äußerster Behutsamkeit.
Dann – ein Satz! Er streckte die rechte Hand aus, wollte zupacken …
Doch hier hatte er es mit einem Gegner zu tun, der sich nicht so leicht fassen ließ!
Der Bucklige hatte nur so getan, als hätte er das leise Schnarren von Felsenherzs hirschledernem Jagdwams an den Steinen nicht gehört.
Blitzschnell bückte er sich.
Ein Fausthieb von unten traf des Trappers Herzgegend mit solcher Wucht, dass er halb ohnmächtig nach hinten stürzte und mit dem Kopf hart aufschlug.
Für ein paar Minuten verlor er völlig die Besinnung.
Der Bucklige hatte unter seiner Jacke ein Messer hervorgezogen. Der blanke Stahl schien sich in die Brust des Wehrlosen bohren zu wollen.
Dann jedoch schüttelte er den Kopf.
»Später!«, murmelte er. »Noch brauche ich ihn.«
Daraufhin hob er Felsenherzs Büchsenlauf an, spannte die Hähne, nahm die Zündhütchen von den Pistons und feuchtete die Zündlöcher so gründlich mit Speichel an, dass jeder Schuss versagen musste. Er steckte die Zündhütchen wieder auf und legte die Büchse an genau denselben Platz zurück.
Der junge Billy saß noch immer auf dem Stein, rauchte seine Pfeife und ließ den Blick schweifen.
Ihm war nicht ganz behaglich zumute. Soeben hatte er draußen in der Prärie abermals etwas wie flüchtige Schatten bemerkt.
»Der verdammte Professor wird wirklich noch um seinen Skalp kommen!«, brummte er. »Wo der Mensch nur bleibt! Am liebsten würde ich den Skalpierten wecken. Die Sache hier ist mir alles andere als geheuer!«
Dann vernahm er Schritte.
Ah – endlich tauchte der Gelbe auf!
»Master, habt Ihr Euer Kanarienvogelkostüm lange genug gelüftet?«, kicherte Billy. »Ihr könnt jetzt mal den Skalpierten ein bisschen munter machen – hihihi! Das ist dringend nötig hier, Mann! Dort in der Prärie treibt sich irgendwas herum, das auf weiße Skalpe verdammt gierig ist! Es werden wohl die Apachenhunde sein, die unser Lager längst entdeckt haben! Los, weckt den Skalpierten! Habt ihr denn Klapperschlangen gefangen?«
»Nur zwei, Billy, nur zwei!«, meinte der Gelbe missvergnügt und hob den Ledersack hoch, in dem sich tatsächlich etwas regte.
Dann schritt er auf die kleine Schlucht zu.
Billys Pfeife war ausgegangen. Er steckte sie in die Jackentasche, legte die Doppelbüchse über die Knie und beobachtete weiter.
Der Skalpierte trat zu ihm.
»Wirklich etwas Verdächtiges bemerkt, Billy?«, fragte er.
Der dürre Trapper deutete in die Prärie hinaus.
»Dort bei jenen Büschen war es, Barnley«, sagte er. »Meine Augen sind gut. Ich wette, es waren Kerle mit rotem Fell.«
Der Indianerhändler wollte etwas erwidern, wurde jedoch durch einen leisen Zuruf unterbrochen.
Hinter dem Stein hatte sich Felsenherz aufgerichtet.
»Stimmt, Billy!«, antwortete der blonde Trapper auf Billys letzte Bemerkung. »Es waren Rothäute – zehn Apachen!«
»Verdammt!«, knurrte der Lange. »Das Anschleichen habt ihr wirklich drauf, Felsenherz!«
»Ja – obwohl ich heute nicht gerade sehr bei Kräften bin«, erwiderte der blonde Westmann ernst. »Mir hat vor etwa zehn Minuten ein Mensch einen Hieb versetzt, den ich noch jetzt spüre!«
Er schilderte sein Abenteuer auf der Westseite des Berges und fügte hinzu: »Wir tun gut daran, von hier zu verschwinden. Suchen wir uns einen Lagerplatz draußen in der Prärie. Dieser Hasenberg könnte sonst leicht zu einer bösen Falle für uns werden.«
Kaum eine Viertelstunde später verließen die vier Gefährten die Schlucht, führten ihre Pferde in die Prärie hinab und ritten etwa eine Meile nach Osten bis an einen kleinen Bach, in dessen Uferbüschen sie eine gute Lagerstelle fanden.
Unterwegs hatte Felsenherz dem langen Billy alles Nötige über die neuen Absichten des Comanchenhäuptling und über seine eigenen Pläne als Kundschafter des Forts Kaven berichtet. Ebenso hatte Billy ihm genau mitgeteilt, was er in der Prärie beobachtet hatte.
»Der verrückte Klapperschlangenonkel kann sich glücklich preisen«, meinte Billy nun, »dass er seinen Skalp behalten hat! Der Mensch ist rein versessen auf das giftige Viehzeug. Er kam erst kurz vor Euch zurück. Zwei Schlangen hatte er im Ledersack.«
»So – so –!«, murmelte Felsenherz zerstreut.
An dem neuen Lagerplatz übernahmen der Skalpierte und Tom Pickparell die Wache.
Felsenherz hatte ein kleines Feuer entzündet. Billy lag auf dem Bauch und rauchte.
Die Büsche waren sehr dicht, sodass weder der Skalpierte noch der Professor sehen konnten, was der blonde Trapper tat.
Dieser hatte Toms Schlangensack ergriffen und betrachtete ihn im Schein des kleinen Feuers.
»He – wollt ihr eine Klapperschlange braten?!«, kicherte Billy.
In dem Sack bewegte sich etwas hin und her. Felsenherz schlug nun mit dem flachen Tomahawk ein paarmal auf den großen, dicken Lederbeutel, bis sich darin nichts mehr regte.
Dann schnürte er den Riemen auf und schüttete den Sack aus.
Drei harmlose, große Nattern fielen in das Gras. Sie waren tot; die Beilhiebe hatten ihnen das Rückgrat mehrfach gebrochen.
Billy starrte auf die toten, ungiftigen Schlangen.
»Felsenherz – was bedeutet das?«, flüsterte er.
»Dass Ihr diesem Pickparell nicht erzählen dürft, was wir in dem Sack fanden, Billy!«, meinte der blonde Westmann sehr ernst. »Später sollt Ihr mehr erfahren – jetzt schlaft! Wir werden unsere Kräfte brauchen!«
Billy schüttelte den Kopf. »Hm – mit dem Gelben scheint es wahrlich nicht ganz sauber zu sein«, brummte er. »Verdammt – wenn der Kerl etwa …«
»Schlaft! Ich werde schon aufpassen!«, sagte Felsenherz kurz.
Der lange Billy wickelte sich in seine Satteldecke und atmete bald tief und ruhig.
Der junge Trapper saß allein und sinnend am Feuer. Nach einer Weile stand er auf und ging zu der Stelle hinüber, an der er den Sattel des Gelben vermutete. Daneben lagen auch zwei Satteltaschen. Felsenherz durchwühlte sie, entdeckte jedoch zunächst nichts Verdächtiges. Dann aber fand er etwas, das ihm endgültige Gewissheit gab.
Wieder kehrte er zum Feuer zurück, starrte in die Glut und überlegte.
Im Osten erschien der erste schwache Schimmer des neuen Tages. Die Dunkelheit begann zu weichen.
Felsenherz wollte nun die beiden Wachen ablösen; am Tag genügte es, wenn nur einer die Umgebung beobachtete. Er schritt durch eine Lücke in den Büschen zum Prärierand.
Dort stand links, mit dem Rücken zu den Sträuchern, der Skalpierte, die Büchse lose im Arm.
Felsenherz näherte sich ihm lautlos und in völliger Arglosigkeit.
Als er dicht hinter ihm war, fuhr sein Gefährte plötzlich herum.
Und Felsenherz blickte direkt in das scheußlich bemalte Gesicht des großen Bären – des Oberhäuptlings der Apachen!
Dies kam so überraschend, dass er ein paar kostbare Sekunden verlor.
Von hinten rissen ihn nun ein Dutzend Fäuste zu Boden. Hier half keine Gegenwehr; selbst des blonden Trappers enorme Körperkraft konnte nun nichts mehr ausrichten.
Ein Hieb mit dem Gewehrkolben traf seine linke Schläfe und raubte ihm für einen Moment die Sinne.
Als er wieder zu sich kam, saß er bereits eng gefesselt auf dem Rücken seines Braunen. Neben ihm ritten zwei Apachen, und vor ihm waren der lange Billy, der Skalpierte und Tom Pickparell ebenfalls auf ihren Tieren festgebunden.
Etwa vierzig Apachen waren es, die die vier Weißen an dem Bach auf so listige Art einzeln überfallen hatten. An der Spitze des Zuges befand sich der Große Bär, der seine Verkleidung wieder abgelegt hatte.
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